Das folgende soll Auftakt einer kleinen Reihe sein. Mal sehen, wie lange ich sie durchhalte. Ich denke gerne über die Zukunft nach, in letzter Zeit wieder besonders viel und vor allem über die Zukunft des “des Netzes” und die Auswirkungen auf uns kleine Fische, die sich darin verfangen haben. Das liegt zum Teil an der Urheberrechtsdiskussion, zum anderen, weil ich an einem Weltentwurf für einen möglichen SF-Roman bastle. (Bitte keine Nachfragen – falls ich den tatsächlich schreiben sollte, dann nicht in nächster Zeit!) Das Problem ist, dass beim Nachdenken mehr Fragen als Antworten rauskommen. Und ein paar davon wollte ich jetzt mal in dieses Internetdingens reinschreiben.
Weisheit der Massen oder Dummheit des Mobs?
Es gibt dieses Experiment: Wenn man 100 Leute das Gewicht eines Ochsen schätzen lässt und den Durchschnittswert bildet, erhält man ein Ergebnis, das ziemlich nahe am tatsächlichen Gewicht des Ochsen liegt. Die Wahrscheinlichkeit für ein annähernd korrektes Ergebnis ist auf jeden Fall viel höher, als wenn man irgendeine einzelne Person befragt. Mit diesem Experiment wird gerne die „Weisheit der Vielen“ oder die „Schwarmintelligenz“ illustriert.
Ich habe allerdings keine Ahnung, was das mit Weisheit zu tun haben soll. Und vielleicht ist ja unter den 100 Leuten einer, der sich sehr gut mit Ochsen auskennt und eine viel zuverlässigere Schätzung abgeben kann – seine Erfahrung wird im Gesamtergebnis kaum ins Gewicht fallen. Vielleicht ist sogar ein „Weiser“ unter den 100, der auf den Abstimmungszettel schreibt: „Hey, lasst uns doch eine Waage holen, dann wissen wir’s genau“, aber diese Antwort wird natürlich als ungültig gewertet.
Welche Schlussfolgerungen für die Zukunft der Politik bringt die Theorie von der Weisheit der Vielen mit sich? Ihre Umsetzung in der Wirtschaft ist ein radikal freier Markt; wäre das politische Gegenstück die direkte Demokratie?
Darf man der Masse politische Entscheidungen überlassen? Hat sie nicht ein Recht, die Entscheidungen, die ihr Leben und ihre Zukunft betreffen, selbst zu fällen, wenn dies möglich ist? Und mit welcher Rechtfertigung kann man noch die alte, langsame, korruptions- und erstarrungsanfällige Vertreterdemokratie verteidigen, wenn das Netz in Zukunft eine direkte Demokratie technisch möglich macht?
Aber können „die Vielen“ Entscheidungen treffen, die nicht einfach nur den momentanen Interessen des durchschnittlichen Individuums innerhalb dieser Masse entsprechen? Ich glaube, man braucht Brems- und Korrekturmöglichkeiten und einen Rahmen, der die Entscheidungsfreiheit des Kollektivs eingrenzt, Mechanismen, die uns vor unserer eigenen Dummheit schützen und verhindern, dass aus der Demokratie ihr böser Bruder, die Ochlokratie, die „Tyrannei des Pöbels“ wird – oder die Herrschaft von Peter und Erika Mustermann.
100 Leute stehen um einen Ochsen herum und beglückwünschen sich dazu, wie toll sie sein Gewicht geschätzt haben. Dem Ochsen wird das irgendwann zu dumm, er schnaubt und scharrt mit den Hufen. Der Ochsenexperte will erklären, dass kein Grund zur Beunruhigung bestehe, man müsse sich nur langsam und leise zurückziehen, aber leider ist er einer der ersten, die in der ausbrechenden Panik zu Tode getrampelt werden.
Ist übrigens Wikipedia ein Beispiel für die Weisheit der Massen? Nö. Nur für ihren Fleiß. Hier wird Wissen zusammengetragen und auf bequeme Art zugänglich gemacht – aber es wird kein Wissen geschaffen. Und funktionieren kann es nur, weil die Mitwirkenden weitgehend auf alles verzichten, was sie zu Individuen macht: eigene Meinung, eigenen Geschmack, eigene Moral.
Wie steht es eigentlich um Schwarmempathie, die Moral der Vielen oder die Kreativität der Massen? Auch dazu habe ich keine Antwort, sondern nur eine Meinung und viele weitere Fragen – was mich nicht davon abhalten wird, demnächst darüber zu schreiben.
(Volker Strübing)
Mai 23, 2012
Kategorien: Gedanken, Science Fiction, Weltuntergang, Weltverbesserung . . Autor: Volker Strübing . Kommentare: 26 Kommentare