
(VS)
Juli 4, 2009
Kategorien: Kloß und Spinne, Mississippi, Unterwegs . . Autor: Volker Strübing . Kommentare: 2 Kommentare


(VS)
Hab mir aus Deutschland ein kleines Fläschchen Shampoo namens “Fresh Kick” mitgebracht und heute morgen entdeckt, dass es Guarana-Extrakt enthält. Nachdem sie Jahre lang Vitamine da reingemischt haben, sollen wir uns jetzt auch noch Koffein ins Haar schmieren! Was kommt als nächstes? Acetyl-Salicyl-Säure für die Morgenkopfwäsche nach einer langen Partynacht? Oder gleich Butter? Vielleicht kann man ja Fett auch durch die Haarspitzen zu sich nehmen?! Ach nee … dann wären manche Leute Selbstversorger …
(VS)
Eine Buchhandlung ohne Katze ist wie Salz ohne Suppe. Oder so. Leider gerät diese simple Wahrheit im Zeitalter der großen Buchhandelsketten immer mehr in Vergessenheit. Als Berliner muss man bis Ueckermünde in die beste Buchhandlung der Welt fahren (dafür gibt es dort aber auch gleich zwei Katzen mit insgesamt sieben Beinen). Die nächste Gelegenheit gibt es meines Wissens dann erst wieder in Vicksburg, Mississippi, zwei Häuser neben dem Geschäft, in dem das erste mal eine Coca-Cola in Flaschen abgefüllt wurde. Die Buchhandlung Lorelei hat sich allerdings trotz ihres Namens auf englischsprachige Bücher spezialisiert.


(VS)
Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich jemals nicht unbedingt in die Vereinigten Staaten wollte. Es ist toll, monströs, niedlich, arm und protzig, hässlich, beängstigend, wunderschön; die Menschen sind unglaublich gastfreundlich, manchmal unglaublich dick, verdammt cool und sie leiden genauso unter der Hitze wie Du, weil es gerade eine Rekordhitzewelle gibt und beim Barbeque holt vielleicht Greg die Knarre, die er immer in der Hosentasche hat, heraus und erklärt dir, dass die Bösen schließlich auch Waffen haben und dass er deshalb auch eine braucht und Du weißt nicht so recht, wie Du gucken sollst und grinst ein bisschen verunsichert. Und an den Highways stehen riesige Reklametafeln mit Werbung für Gottesfurcht (”Prepare to meet thy god!”), Casinos (in Mississippi), Puffs (in Louisiana), für kosmetische Chirurgie (”Puts the `hot` back into Momma!”), für Zahnärzte und Anwälte und gesuchte Verbrecher (”Suspected for sex crime on children”) und Du bekommst nichts Vernünftiges zu essen an den Highways und die Damen, die im Diner oder der Burger Bude arbeiten, sehen aus wie die besten Kunden ihres Arbeitgebers und die Radiowerbung ist mindestens genauso beschissen wie in Deutschland und trotzdem denkst Du: “Boh!”, wenn Du auf der Interstate bist und ein Truck an der Dir vorbeiprescht und fast erwartest Du, dass Chris Christofferson am Steuer sitzt. Und jeder bedauert Dich, wenn er sieht, dass Du die Scheiben offen hast (”Oh my god, there air condition is out of order!”) und , und, und, und überhaupt! Und jeder hält Dich für verrückt, wenn Du erzählst, das Du mit einem Floß den Mississippi River herunter fahren willst – und trotzdem helfen sie Dir so gut sie können, dabei, diesen Plan umzusetzen und einen Film darüber zu machen. (Dass sie dabei manchmal etwas vereinnahmend sind, sei dahingestellt …)
Amerika fetzt.
Es ist viel zu wenig Zeit, all unsere Erlebnisse in der letzten Woche aufzuschreiben. Ein bisschen mehr steht in unserem Produktionsweblog, das (je nach Zeit und Internetverfügbarkeit) ein bisschen besser bestückt wird, weil mehrere daran mitschreiben.
UPDATE: Gestern Abend habe ih auch noch eine Werbung für Muttermilch gesehen: “Babys were born to be breastfed”. Damit ist auch endlich die jahrtausendealte Frage beantwortet, wozu eigentlich Babys geboren werden. Um sie brustzufüttern.
Highwayromantik:
Zikaden sehen ein bisschen wie Frösche aus, sind auch fast so groß, aber sie sind friedliche Mitbürger. Sie sitzen auf Deinen Sachen und lassen sich alles gefallen. Sie beißen nicht. Allerdings tut es fast ein bisschen weh, wenn sie Dir versehentlich gegen die Brust fliegen.
(VS)

Die Koffer sind gepackt. Heute nacht fahren wir nach Frankfurt/Main, morgen früh um zehn sitzen wir im Flugzeug und zehn Stunden später sind wir in diesem großen Land, von dem ich nie dachte, dass ich es mal sehen würde. Als wir vor ein paar Monaten überlegt haben, ob es ein ähnliches Projekt wie “Nicht der Süden” nochmal geben und wo es hingehen könnte, habe ich gesagt: “Mir ist es fast egal, spannend wird es überall, das einzige, was mich garnicht interessiert sind die USA.” Ich hatte nämlich festgestellt, dass alle, die von dort wiederkamen, begeistert berichteten, dass es genau wie im Fernsehen sei, daher dachte ich mir, dass ich mir die Reise sparen könne. Blöd eigentlich, denn auf der ISS ist es bestimmt auch genau so, wie man es aus dem Fernsehen kennt, und trotzdem wäre ich gerne mal dort.
Jedenfalls sagte Lutz von Monstamovies genau einen Tag später mit leuchtenden Augen: “Pass uff: Wir fahren nach Amerika!” und ich dachte so: “Hm.” und Lutz fügte an: “Und dann mit einem Floß den Mississippi runter.” und ich dachte “Yippie!”, weil es so schön zu “Mississippi” passt und weil ich es von einer Sekunde auf die nächste kaum noch abwarten konnte, dort zu sein …
Was ich eigentlich schreiben wollte: Wir haben ein Weblog angelegt, auf dem alle Beteiligten von der Reise berichten können. Mal gucken, wie oft wir dazu kommen werden. Ich werde ab und zu auch hier was reinschreiben und rechts oben, in der Seitenleiste, gibt es eine Übersicht mit den neuesten Artikeln auf Mister & Missis.Sippi
Ich wünsch mir eine gute Reise :)
(VS)
Um die Profite zu steigern oder zumindest auf gleichem Niveau zu halten, sind ständig wachsende Absatzmengen notwendig. Nicht die Nachfragen und Wünsche der Kunden treiben also das System an, sondern die Marketingabteilungen.
Gorz zitiert den Leiter einer US-Agentur: “Ich betrachte die Werbung als Erziehungs- und Aktivierungskraft, die in der Lage ist, die für uns notwendigen Nachfrageveränderungen einzuleiten.”
Der Kunde steht im Dienst einer Produktion, die ein Maximum an Überflüssigem hervorbringt, das schnellstmöglich kaputtgehen muss, um Platz für neue Waren zu schaffen.
Annette Jensen in der Taz vom 13./14.6.
über das Buch “Auswege aus dem Kapitalismus” von André Gorz
Sehr schön zusammengefasst. Ein wirklich zufriedener Kunde ist das letzte, was sich irgendein Hersteller wünschen kann. Zufrieden darf er nur mit dem kurzen Kick des Neukaufs sein, damit er sich den auch in Zukunft mit Produkten desselben Herstellers holt. Und die erste und wichtigste Aufgabe der Werbung ist es, die Menschen unzufrieden zu machen.
Lesetip: “Unheimliche Erscheinungsformen auf Omega XI” von Johanna und Günther Braun.
(VS)
Terminator 4 kann man sich ruhig angucken. Ich empfehle aber dringend die synchronisierte Fassung. Nee, nicht die deutsche, die wir unglückseligerweise geguckt haben, sondern die thailändische oder finnische oder sonst eine, bei der man sicher sein kann, nicht ein einziges Wort zu verstehen. Oder Popcorn und Schnaps kaufen und das ganze als Festival des unfreiwilligen Humors betrachten.
Die Actionszenen gehen in Ordnung. Wer schon Transformer und Krieg der Welten gesehen hat, erlebt freilich nichts Neues mehr und kann stattdessen eigentlich auch in den Tierpark Berlin gehen, dort am Fischteich Futter aus dem Futterautomaten ziehen, es hineinwerfen und zugucken, wie sich Babyenten und Fische darum streiten.

Teilweise sind die Entchen auf einem Floß aus Fischen über das Wasser gelaufen, die Fische haben laut geschmatzt und nach Luft gejapst, wenn sie oben lagen und nicht mehr tauchen konnten – was für ein Spektakel!
Der Dingsbumsvogel widerlegt eindrücklich die weitverbreitete Ansicht, dass bunte Vögel schöne Vögel seien:

Einen Sekundenbruchteil später saß er auf meinem Rucksack:

(V.S.)
Noch vier Tage, dann geht es los, ab nach Amerika, an den Mississippi. Und es ist noch soviel zu tun. Und das schwierigste ist, erst einmal herauszufinden, was noch zu tun ist. Gestern habe ich den wichtigsten Punkt der To-Do-Liste abgearbeitet: Das Erstellen einer To-Do-Liste. Aber ich habe den Eindruck, dass sie nicht vollständig ist, da sie kaum anderthalb Seiten in meinem Notizbuch umfasst, dabei habe ich sogar “noch 4 mal schlafen” reingeschrieben, das kann doch nicht wahr sein!
Ein Punkt lautet “Schnipselfriedhof!!!” und soll mich daran erinnern, hier noch etwas über die Reise zu schreiben, und diesen Punkt werde ich jetzt (leider etwas lieblos) abhaken.
Also:
Kirsten kann nicht mitkommen. Statt eine “Vertretung” mitzunehmen und die Nicht-der-Süden-Idee “zwei Schriftsteller fahren nach da und da” aufzugreifen, schicken wir diesmal eine Journalistin und einen Autor auf die Reise. Der Autor bin ich, die Journalistin ist Patricia Schäfer. Sie moderiert beim ZDF-Morgenmagazin, hat Amerikanistik, Politikwissenschaften und Neuere Geschichte studiert. Ich bin gespannt, wie das zusamen funktionieren wird – aber ziemlich sicher, dass es funktionieren wird.
Wir werden sieben Wochen unterwegs sein. Wir kommen in Houston an, fahren mit dem Auto nach New Orleans und dann in zwei Wochen hoch nach St.Louis, wo die eigentliche Reise auf dem Mississippi zurück nach New Orleans beginnen wird. Der Hinweg mit dem Auto dient als Recherchereise; unterwegs werden wir die Orte besuchen, an denen wir später drehen werden, mit den Leuten reden, die wir von Berlin aus kontaktiert und um Mitarbeit gebeten haben und hoffentlich recht viele weitere Dinge entdecken, die in unseren Film passen.
Unser Floß wird 60 Quadrateter groß sein – nicht viel bei 8 bis 10 Passagieren und 5 Mann Besatzung. Da ist kein Platz für ein Hotel an Bord, wir werden zelten. Nun würde ich mich natürlich nie auf 5 Wochen zelten einlassen, schon gar nicht, wenn wir die meiste Zeit arbeiten werden, aber oft sind wir ja in Städten und Städtchen und bekommen zwischendurch immer mal ein Bett.
Die fertige (dreiteilige) Serie soll im nächsten Frühling auf 3sat laufen – Anlass ist der hundertste Todestag von Mark Twain. Und natürlich wird Mark Twain auch ein wichtiges Thema sein, aber dazu will ich noch nichts weiter sagen. Auf alle Fälle wird es keine Mark Twain Doku und schon gar werden wir uns anmaßen, in seine Fußstapfen treten zu wollen, nee, nee.
Wir werden übrigens ein eigenes Weblog für die Reise anlegen, in das alle Teammitglieder schreiben können. Wird dann hier verlinkt.
Ach ja: Der Arbeitstitel lautet: “Mr. und Mrs.Sippi”, aber das ist wie gesagt nur ein Arbeitstitel und niemand ist mit irgendjemandem verheiratet oder so.
So, jetzt mache ich erstmal ein Häkchen in der To-Do-Liste, ein halbes nur, weil es natürlich noch einiges zu erzählen gibt, und widme mich dem nächsten Punkt: “Urst viel rauchen”.
(V.S.)
Ich mach´s kurz: Eine neue Reise steht an. Und eine neue Fernsehserie. Im Prinzip wird sie genauso wie Nicht der Süden: Wir sind wieder auf dem Wasser unterwegs und wir werden auch diesmal wahrscheinlich keinen Eisbären vor die Kamera bekommen, weil wir nämlich mit einem Floß den Mississippi hinunterfahren.
Ein paar Sachen werden trotzdem ganz anders. Vor allem, weil Kirsten nicht mitkommen kann.

Ich schreib in den nächsten Tagen mehr dazu – und ab nächte Woche Sonnabend dann schon von “drüben” – es geht nämlich schon in 9 Tagen los.
Mannmannmann, wenn ich nicht zufällig selber ich wäre – und bei 6,75 Milliarden Menschen war die Chance, dass unter all diesen Menschen ausgerechnet ich ich werde ziemlich klein (1:6750000000), – dann wäre ich jetzt wahrscheinlich ein bisschen neidisch auf mich, was es mir widerum schwer macht, unbeschwert davon zu schreiben, weil ich oller Misanthrop davon ausgehe, dass alle anderen, also die, die nicht ich sind, so sind, wie ich wäre, wenn ich nicht ich wäre, nämlich genau wie ich – und wer könnte das besser verstehen als ich?
Ich bin inzwischen ziemlich aufgeregt, allerdings vermisse ich momentan noch die schreckliche Panik, die mich letztes Jahr vor der Reise befallen hat, was befürchten lässt, dass ich diesmal womöglich sogar viel Freude an der Reise haben könnte, was mir extrem unangenehm wäre, weil es dann erst recht Grund gäbe, mich zu beneiden.
Naja, ich will nicht übertreiben. Soooo unangenehm wäre es mir nun auch wieder nicht, wenn es schön wird …
(V.S.)
Ach so: Nee, die Serie wird nicht “Nicht die Elbe” heißen, aber auch zu dem Thema ein andermal mehr.
Gestern hat ausgerechnet der Berliner Kurier die Geschichte meines Lebens in einer einzigen Schlagzeile zusammengefasst:

Ich verrate aber nicht, welche Schlagzeile ich meine.
(V.S.)