Schafe im Löwenfell

Es war einmal ein Schäfer, ein böser alter, schon leicht dementer Mann, der seine Schäfchen auf einem kargen, staubigen Stück Land grasen und von einem Rudel ausgehungerter Straßenköter bewachen ließ. Schwarze Schafe wurden an den Beinen festgebunden oder verstoßen. Gleich nebenan lebten andere Schafe auf einer saftigen Wiese, ihr Schäfer war eine gemütliche Pfälzer Frohnatur, sie durften frei herumspringen und gaben ihre Wolle gern und voll Freude. Oft starrten die armen Schafe neidisch zu ihnen hinüber, das Wasser lief ihnen im Maul zusammen beim Anblick der frischen Gräser, doch schnell war ein zähnefletschender Hund zur Stelle und vertrieb sie vom Zaun. Lies mehr…

SLAM 2009

Und wieder ist eine deutschsprachige Poetry-Slam-Meisterschaft vorbei, die sechste, die ich miterlebt habe, und wie immer war es toll. Obwohl sie in Düsseldorf stattfand, einer unglaublich hässlichen Stadt. Eine Stadt, so hässlich wie die versifften, vollen ICE-1-Züge, die auf der Strecke Berlin – Düsseldorf eingesetzt werden, und die allein Grund genug wären, die Stadt gnädigem Vergessen anheim fallen zu lassen.

Unter den Slammern machten Gerüchte die Runde, dass es auch schöne Ecken in Düsseldorf gebe (gäbe? Im Zweifel: geben tuen würde!), aber die habe ich mir nicht angeguckt, aus Angst um mein herrlich klares Urteil über die Stadt. Das wollte ich mir nicht vom Rhein verwässern lassen.

In der Umgebung des Bahnhofs wird man jedenfalls von Hässlichkeit erschlagen, und ich rede nicht nur von den Immobilien. Nun heißt es völlig zu recht „Never judge a city by its Bahnhofsviertel“, aber ich habe schließlich auch das Industriegebiet beim Zakk, einem der Austragungsorte gesehen.

Das Zakk selbst ist übrigens sehr schön und eigentlich wollte ich ja auch gar nicht meckern, sondern schreiben, dass es großartig war. In Düsseldorf. Trotz Düsseldorf.

Micha und ich sind im Teamwettbewerb als Titelfertiger angetreten und in der Vorrunde sang- und klanglos rausgeflogen. Dafür durften wir aber das Finale als Opfer(s)lämmer eröffnen. Mit einem Text, den wir extra für diese Gelegenheit geschrieben haben. (Vor zwei Jahren zwar schon, aber damals konnten wir seine wahre Bestimmung noch nicht ahnen). Für mich wurde es einer unserer schönsten Auftritte überhaupt. Zudem konnten wir dem eigentlichen Finale ganz entspannt lauschen, mit großväterlich vor dem Bauch verschränkten Händen, ohne um Punkte zittern oder uns beim Bier zurückhalten zu müssen.

Hier ist ein Video von unserem Auftritt – vielen Dank, Marvin! Ich bin der Typ, der sich meistens hinter seinen Zetteln versteckt.

Herzlichen Glückwunsch an das Siegerteam PauL – Poesie aus Leidenschaft – das Team von Heiner Lange, Bumillo und Philipp Scharrenberg (Scharri)! Super habt ihr das gemacht und verdient gewonnen (und dass ich dasselbe auch, falls es anders gekommen wäre, bei einigen anderen Teams geschrieben hätte, ändert nichts daran, dass es stimmt und absolut ehrlich gemeint ist).
Das Einzelfinale habe ich leider verpasst. Scharri hat es gewonnen und damit als erster überhaupt beide Titel im selben Jahr abgeräumt.

Wie bei jedem National gab es auch diesmal wieder Zähneknirschen über schreckliche Entscheidungen der Publikumsjury. Vor allem die, die an den ersten drei Startpositionen ausgelost werden, haben schlechte Karten, da in den meisten Fällen die Punktwertungen im Laufe des Slams nach oben gehen. Dann ist – bei einem guten Slam – die Stimmung so gut, dass sich kein Juror dem entziehen kann, außerdem müssen sie die Erfahrung machen, dass sie für schlechte Punkte vom Publikum ausgebuht werden – anfangs vielleicht für 6er-Wertungen, gegen Ende kann es passieren, dass sie schon für eine Wertung im 8er-Bereich ein „Buh!“ aus hunderten Kehlen über sich ergehen lassen müssen.

Ich habe die perfekte Lösung für das Problem. Man braucht nur doppelt soviele, halb so große Räume, doppelt soviele Moderatoren und Juroren und ausdauernde Poeten. Am Anfang wird wie üblich die Reihenfolge ausgelost. In Raum 1 treten bei 10 Teilnehmern die ersten 5 gegeneinander an, in Raum 2 die letzten 5 in umgedrehter Reihenfolge, das heißt der letzte Startplatz eröffnet hier den Slam. Nach 5 Auftretenden tauschen die beiden 5er-Gruppen Raum, Jury, Moderatoren und Reihenfolge. Man müsste natürlich eine kleine Pause einbauen für den Raumwechsel, insbesondere der Leute auf den Startplätzen 5 und 6, die zweimal hintereinander dran sind.

Andererseits: Halb so große Räume bedeuten nur halb sol laute Begeisterungsrufe für die Slammer und Buh-Rufe für die Jury und überhaupt weiß jeder, der ne Weile Slam macht, dass man die Wertungen besser nicht so ernst nimmt. Slam ist keine exakte Wissenschaft und kein öder 400-Meter-Hindernislauf.

dusseldorf

Das AO-Hostel, dass den über hundert Slammern Obdach bot, passte hervorragend ins ästhetische Gesamtkonzept von Düsseldorf. Dafür hatte aber die Bar 24 Stunden offen und das Personal war äußerst freundlich, hilfsbereit und stressresistent.

(VS)

Dem Affen Zucker, der Ratte ein Handy

Ich habe ein neues Handy, tolle Sache das. Mein letztes Handy war ein ganz einfaches. Das konnte nur telefonieren und SMSe verschicken und wecken und taschenrechnen. Nicht mal doofe, schwammige Handyfotos konnte man damit machen. Dann habe ich zum Glück das Netzteil verbummelt und gleichzeitig stand die Vertragsverlängerung an und ich dachte so: „Yeah, jetzt hole ich mir wieder eins mit ganz viel Schnickschnack!“ und bin daher nunmehr stolzer Besitzer eines Nokia N86. Der Stolz beruht hauptsächlich auf der Tatsache,  mich so gut unter Kontrolle zu haben, dass ich es noch nicht mit voller Wucht gegen eine Wand geschmissen habe.

Dabei ist es eigentlich ein beeindruckendes Stück Technik. Es ersetzt zumindest in einigen Punkten einen kompletten PC: Es braucht ungefähr genauso lange, um nach dem Einschalten hochzufahren, es stürzt genauso oft ab und es wird im laufenden Betrieb immer langsamer, weil irgendwelche Programme im Hintergrund laufen (als Programm gilt zum Beispiel die Wahlwiederholungsliste, die man, wenn man sie benutzt hat, nach dem Anruf nocheinmal extra öffnen muss, wenn man das „Programm“ schließen will. Alternativ geht das aber auch über zwei Untermenüs).

Ein Highlight ist der leichtgängige Schiebeschalter an der Seite, mit dem man schwuppdiwupp die Tastatursperre aufheben kann. Er hat es mir ermöglicht, mit der Hand in der Hosentasche Videoanrufe zu tätigen und sogar schon eine ganze Telefonkonferenz abzuhalten, ohne es überhaupt zu merken. So muss Technik sein. Sie darf sich nicht in den Vordergrund drängen und den Benutzer überfordern, das muss alles ganz von alleine gehen. (Ich hoffe, B., der neulich nacht gegen 2.30 Uhr einen Videoanruf aus meiner Hosentasche bekommen hat, hat das nicht irgendwie falsch verstanden …)

Der Fotoapparat kann natürlich auch telefonieren. Umgedreht meine ich. In das kleine Wunderwerk ist eine 8 Megapixelkamera eingebaut – das heißt ich kann die doofen, schwammigen Handyfotos endlich in Postergröße ausdrucken, ohne dass etwas von der schlechten Qualität verloren geht!

Es ist mein erstes Nokia Handy seit vielen Jahren, aber eigentlich wollte ich längst schon wieder zu dieser Marke zurückkehren. Der Grund heißt Snake. Bis heute das einzige schöne Handyspiel, das ich kenne. Und tatsächlich: Snake ist mit drauf. Es dauert ungefähr eine Minute, bis das Programm geladen ist und entpuppt sich als 3D-Remake für ADS-Patienten auf Koks. Darüberhinaus ist es nur die Light-Version, die Vollversion kann, wer will, im Online Shop kaufen.

Och Menno.

Alles, was mit Computern zusammenhängt, wird wahrscheinlich nicht für Menschen entwickelt, sondern für irgendwelche Außerirdischen. Diese sind aber nicht so geduldig und friedliebend wie ich und die meisten Menschen und neigen zur Lynchjustiz. Deshalb testet man alle Rechner, Handys,  Software und pipapo ersteinmal ausgiebig an uns, so wie man Medikamente auch erst einmal an Tieren und Sicherheitsvorrichtungen an Crashtestdummies testet. Damit ist zumindest auch die Frage nach dem Sinn unseres Lebens beantwortet.

(VS)

PS: Aber: Es ist schick, die Tonqualität ist die beste, die ich je bei einem von mir besessenen Handy erlebt habe und ich liebe die Funktion, die es erlaubt alle 60 Sekunden das Hintergrundbild wechseln zu lassen. Bei 8GByte Speicher kann man da ein wochenlange Dia-Show zusammenstellen.

Nicht, dass ich ihn ihr nicht gönnen würde …

_MG_1980

Das Bild trägt den Titel: „Ich, beim Lesen derZeitung darüber nachdenkend, ob es, wenn Barack Obama, der bis zum Hals in zwei Kriegen steckt, den Friedensnobelpreis bekommt, weil er irgendwann mal Frieden machen und abrüsten und so will, nicht fair gewesen wäre, mir dieses Jahr als kleine Aufmunterung für die ursten Romane, die ich bestimmt irgendwann schreiben werde, schonmal den Literaturnobelpreis zuzuerkennen“

Ein gewisses literarisches Talent macht ja immerhin schon der Bildtitel deutlich. Im Zuge des Nachdenkens kam ich übrigens zu dem Schluss, dass es zwar durchaus fair wäre, ich mir aber nicht ewig die nörgelnden Fragen, wann ich nun endlich Ergebnisse liefere, gefallen lassen müssen will. Auch ´n toller Satz, finde ich.

(VS)

Frühling statt Herbst

Für diesen Herbst hatten der Verlag Voland & Quist und ich eine DVD mit den gesammelten und aufpolierten Folgen von „Kloß und Spinne“ und einigem Bonusmaterial geplant. Leider mussten wir das verschieben. Ich konnte das Material nicht rechtzeitig zur Verfügung stellen, zumindest nicht in schön, und schön soll sie schon werden. Die DVD wird nun also im Frühjahr erscheinen, zusammen mit der Fernsehserie, dem dazugehörigen Buch, das Matthias Seifert und ich machen werden, und einer Taschenbuchausgabe von „Ein Ziegelstein für Dörte“ beim Ullstein Verlag. Gefühlte 86% aller Neuerscheinungen auf dem Kulturmarkt im Frühjahr 2010 werden also zumindest teilweise von mir stammen. Wer mein Zeug nicht mag, muss sich auf eine harte Zeit einstellen.

Alle anderen können – damit Kloß und Spinne das Weihnachtsgeschäft nicht vollständig verloren geht – dieses Jahr ihren Liebsten ja vielleicht Gutscheine unter den Weihnachtsbaum legen?!

(VS)

Alles Liebe

Irgendwie schön:

_MG_1882

Ganz in der Nähe gab es vor ner Weile noch mein Lieblingsgraffiti (-to?): „Birgit, ich mag Dich! Du bist einfach gut!“

Und sonst? Sabine hat ein paar Bilder von uff Aabeit ins Mississippi-Blog gestellt: Was passiert im Schnitt?

(VS)

Helft der Chausse der Enthusiasten!!!

Ich habe ja zur Zeit die große Ehre und das Vergnügen Kirsten Fuchs während ihrer Babypause bei der Chaussee der Enthusiasten zu vertreten. Eigentlich fand die Chaussee (wie wir sie lax nennen) immer im RAW-Tempel in der Revaler Straße in Berlin Friedrichshain statt. Aber da ist alles irgendwie oll zur Zeit: das Bauamt hat die Stenzer-Halle gesperrt (ohne sich darum zu kümmern, was aus den Veranstaltungen werden soll, naja, Ämter und Behörden, wenn ich jetzt mit dem Thema anfangen würde…), das Ambulatorium ist schon ewig zu, außerdem haben sie dort einen Investor, der aber überhaupt nichts investiert, jedenfalls nicht in die Kultur, und nichts unternimmt, um dem RAW zu helfen. Wozu ist so ein Investor überhaupt gut, wenn der nichts besser macht? Gerüchte behaupten, der will nur die Immobilie – aber das kann ich mir gar nicht vor… quatsch, natürlich kann ich mir das vorstellen. Der Chaussee droht die Obdachlosigkeit. Gestern waren wir im Restaurant Turnhalle in der Holteistraße. Das war schön – aber eben gestern.

Lange Rede kurzer Sinn, wer einen tollen Veranstaltungsort für eine der besten Lesebühnen der Stadt, und definitiv der besten Friedrichshains, kennt: Bitte unbedingt melden und mitteilen. Wer die Kommentarfunktion vermeiden möchte mailt mir an krenzke(ät)web.de oder wendet sich an gleich an die (wie wir sie lax nennen) Enthusiasten: chaussee(ät)enthusiasten.de.

Es müsste in Friedrichshain sein und 150-300 Zuschauerinnen sollten reinpassen. Betreiber und Personal sollten sich über Kunst und Kultur freuen können, die Zuschauer über preiswerte Getränke und die Künstler über funktionierende Technik. Da muss es doch was geben!

Ein ulkiges, kleines Gefühlchen war das übrigens gestern, nach 30 Jahren mal wieder an meiner alten Schule vorbeizulaufen, und durch die Straße wo wir damals gewohnt haben, in unserer ehemaligen Wohnung brannte Licht…

(Andreas Krenzke)

Die CDU überrascht mich mal wieder

Hui, dass die CDU am Laternenpfahl vor meinem Fenster mal mit „frischen Ideen“ wirbt, zumindest in Pankow, also ich weiß ja nicht… Sollte eine konservative Partei nicht „bewährte Rezepte“ oder sowas versprechen? Egal!

Und hier noch ein allerreizendstes Taz-Interview des Berliner CDU-Politikers Trapp, Zitat: „Ich wäre dafür, dass man in S- und U-Bahn besondere Waggons einführt. Die Fahrkarte kostet dann etwas mehr, dafür sind dort Sicherheitskräfte. Wer sich sicher fühlen will, geht dorthin. Dann brauchen wir auch keine Videoüberwachung mehr. Leider ist das nie richtig diskutiert worden.“

(Andreas Krenzke)

Meine Sorgen möcht ich haben!

bRAUCHT EIGENTLICH IRGENDJEMAND DIE caps-lOCK-tASTEß bIN ICH DER EINZIGE; DER SCHON !===-MAL IRGENDWAS NEU TIPPEN MUSSTE; WEIL ER VERSEHENTLICH DADRAUF GEDRÜCKT HATß gIBT ES SONST NOCH IRGENDETWAS; DASS SO SINNLOS UND ÄRGERLICH ISTß hAT IRGENDEINE pARTEI DIE aBSCHAFFUNG DIESER tASTE IM wAHLPROGRAMMß

8vs9

Lasst uns in ein paar Wochen über Gerechtigkeit reden

Ich sitze im Zug. Es ist Sonnabend, der Zug ist voll und von den achteinhalb Stunden von Bern nach Berlin liegen noch sieben vor mir. Ich mache die Beine lang, räkel mich an einem Vierertisch, ein Schaffner kommt vorbei und gibt mir ein Tütchen Studentenfutter. Ich fahre erster Klasse und hinten im Zug stapeln sich die weniger Glücklichen: Die Upgrade-Gutscheine, die ich für meine Bahn-Bonus-Punkte bestellt habe sind gerade rechtzeitig am Donnerstag angekommen. Ich wusste, dass der Zug in die Schweiz am Freitag voll wie ein Spamverdachtsordner sein würde. Am Montag erst habe ich die Erste-Klasse-Upgrades bestellt, die Bearbeitungszeit sollte eigentlich 10 Tage betragen, nein, da könne man nichts tun, um das zu beschleunigen, aber ich habe gebetet, dass ein Wunder geschehen möge und das Wunder geschah (es gibt also offensichtlich doch einen Gott und dass er soviel Elend in der Welt zulässt,  liegt nur daran, dass er sich ständig mit Kleinkram wie Upgradegutscheingebeten herumplagen muss – vielen Dank dafür an dieser Stelle).

Gestern war sogar die erste Klasse voll (wahrscheinlich wegen der ganzen Möchtegern-Erstklässler mit ihren blöden Upgradegutscheinen!), ich hatte die ganze Zeit über nicht einmal einen Vierertisch für mich alleine, aber immerhin hatte ich einen Doppelsitzplatz und konnte arbeiten und rumlümmeln, worüber ich sehr froh war, nachdem ich mal einen Blick in die Plebswaggons geworfen hatte. Für einen Moment hatte ich dann einen sehr sozialen Gedanken: „Erste Klasse für alle!“, dachte ich, aber dann fiel mir ein, dass ja das schöne an der ersten Klasse nicht der etwas bequemere Sitz oder das Studentenfuttertütchen ist, sondern die Tatsache, dass die meisten Menschen es sich nicht leisten können. Normalerweise bin ich ja ein Zweiteklassemensch, einer von denen, die sich hinter der offiziell klassenfreien Zone des Bordrestaurants ungewollt näher kommen; eigentlich sollte ich „Zweite Klasse für alle“ fordern, um die Sitzplatzsituation im Zug insgesamt ein wenig zu entspannen. Doch für Bonuspunkte und First-Class-Upgrades wird die Klassensolidarität verkauft, ach was: weggeworfen. Meine alte Pionierleiterin wäre enttäuscht von mir. Bis meine 6 Gutscheine aufgebraucht sind, braucht mir niemand mit sozialistischen Ideen kommen.

(VS)