Wendezeit?

Ich hab das Gefühl, dass die Dämme brechen. Und statt mit Sandsäcken rennen alle mit Spitzhacken los.  Verdammt, nicht einmal ein Krieg mit Russland scheint mehr komplett ausgeschlossen, es ist, als seien alle komplett durchgedreht oder hätten kollektiv die Medikamente abgesetzt. Alle. Von oben bis unten, von rechts bis links. Ob ich die Nachrichten lese oder die Kommentare darunter, es kommt mir vor, als würden wir sehenden Auges in die Katastrophe rennen. Und dabei jubeln. Eine kaum verhohlene Lust am Untergang bricht sich Bahn, eine Vorfreude auf den Moment, wo man inmitten von Trümmern stehend sagen kann: „Seht ihr, hab ich gleich gesagt“.

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Bilder der Woche 29/2014 – Der Bund Deutscher Deprimatoren macht eine Party

Fast geschafft. Ich bin der vorletzten Woche angekommen. Meine Wege führten mich ins Frankenland.

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Dort fuhr ich des Nachts mit dem Klapprad durch die Gegend, eigentlich auf der Suche nach einem See, aber dann sprang statt einem Bad nur ein bisschen Autobahnfotografie dabei heraus.

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Der Bund Deutscher Ingenieure lud ein zur gepflegten Wochenenddepression in Nürnberg. Kinder auf Sedgways und der wohl unelvispreslichste Elivs-Presley-Imitator der Welt. An einer anderen Stelle durfte man Fuchs-ABC-Spürpanzer der Bundeswehr anfassen. Es war alles sehr schön. Weiterlesen

Bilder der Woche 28/2014 – Gespenster, Fußball, Gartenzwerge

Jetzt will ichs wissen. Keine Ahnung, ob die Bild-Wochennummern-Blogeintrag-Zuordnung in allen Fällen so stimmt, aber ich werde noch diesem Woche mit meinem Wochenrückblick in der Gegenwart ankommen. Keine Ahnung, wie mein großes Vorbild André das immer so gut und schnell schafft. Und dann schreibt er auch noch soviel dazu!

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(Aus der beliebten Rubrik:” Erklär ich vielleicht ein andermal”)

Dass ich hier in letzter Zeit soviele Fotos poste, die aussehen, als wären sie mit einer Retro-App am Handy bearbeitet, liegt daran, dass sie mit einer Retro-App am Handy bearbeitet sind. Ein weiterer Schritt auf dem Weg um Effektivitätsmonster: Die kleinen Wartezeiten, die ich früher für Rauchen, Bubble Shooter oder Gucken, Träumen und Sinnieren verschwendet habe, nutze ich jetzt, zum Bearbeiten der Fotos. Toll, oder?

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Aus gewissen Gründen verschlug es mich in jener Woche in einen Raum voller Niederländer, die, anfangs guter Dinge, am Schluss eher verkatert einem Spiel zusahen, dessen Namen einige von ihnen zum Glück für uninformierte Ignoranten wie mich auf dem T-Shirt trugen:

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Ich versuchte mich derweil in anspruchsvoller Sportfotografie:

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Nach dem ganzen entsättigten Mist ist es mal Zeit für ein paar knallige Farben (Filter “Velvia” statt “Portra” bzw. “Vignette” in der App “Vignette” plus ein entsprechendes Motiv):

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Der “Platt vs. Berliner Schnauze-Slam” führte mich in die Schleswig-Holsteinsche Landesvertretung. NAch der Show, als Bühne und Sitzbänke abgebaut waren, hielten die Gespenster Einzug:

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Zugabe:

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Gewalt

Anders als man bei dem Titel denken könnte, ist dies hier ein positiver Beitrag. Er beschäftigt sich mit dem gleichnamigen Sachbuch von Steven Pinker, dessen Grundthese zwischen all den populären Welt- oder wenigstens Zivilisationsuntergangsprognosen deutlich heraussticht:

Dieses Buch halndelt vom Wichtigsten, was in der Menschheitsgeschichte jemals geschehen ist. Ob sie es glauben oder nicht – und ich weiß, dass die meisten Menschen es nicht glauben: Die Gewalt ist über lange Zeiträume immer weiter zurückgegangen, und heute dürften wir in einer der friedlichsten Epochen leben, seit unsere Spezies existiert.

Man muss nur an die Ukraine oder an den Gazastreifen denken, an die Konfrontation zwischen China und Japan, an nordkoreanische Atombomben, die Wars on Drugs und Terror oder die Völkermorde in Afrika in den letzten Jahrzehnten, um daran zu zweifeln. Ganz unglaublich wird es, wenn er davon spricht, dass Gewalt in jeder Form und auf jedem Gebiet rückläufig ist: von Krieg über Mord bis hin zu häuslicher Gewalt.

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Lassen wir die Zweifel für einen Moment beiseite und stellen uns vor, er hätte recht: Es wäre nicht nur eine gute Nachricht, sondern auch eine, die viele beliebte Denkmuster umwirft, all das „Früher war alles besser“, „die Moderne führt in die Katastrophe“, „das ist nunmal die menschliche Natur“ und „der Mensch ist des Menschen Mensch“ etc.pp. Die Frage, ob die Gewalt in der Geschichte der Menschheit zugenommen hat, auf dem Rückzug ist oder völlig unabgängig von allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technologischen Entwicklungen ausbricht oder ausbleibt, ist ein entscheidender Faktor für die Beantwortung der Frage, ob es letztlich überhaupt Fortschritt gibt und ob dieser Fluch oder Segen ist.

Die Vorstellung, die Gewalt habe zugenommen, legt die Vermutung nahe, unsere von uns selbst gestaltete Welt habe uns – vielleicht unwideruflich – vergiftet. Die Vorstellung, dass sie abgenommen hat, lässt dagegen darauf schließen, dass wir anfangs garstig waren und dass die Hervorbringungen der Zivilisation uns in eine edle Richtung gelenkt haben, die wir hoffentlich weiterhin beibehalten können.

Auf mehr als 1000 Seiten sammelt Pinker Belege für seine These und geht dann möglichen Ursachen auf den Grund, wobei er außer in der Quantenphysik und Musiktheorie auf so gut wie jedem Gebiet der Natur- und Geisteswissenschaften unterwegs ist. Das Ganze ist äußerst spannend, mörder interessant und überwiegend prima zu lesen.

Na gut: Auf den ersten paar hundert Seiten zieht es sich manchmal ein wenig. Dort erzählt er die Geschichte der menschlichen Gewalt und unterlegt sie mit Dutzenden Statistiken, die ihren Rückgang belegen sollen. Tatsächlich veranstaltet er hier einigen Zahlenzauber und ich bin sicher, dass einige der Statistiken auf tönernen Füßen stehen, aber die Gesamtheit ist überzeugend, zumal die Interpretation mir stets plausibel schien.

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An eins muss man sich dabei gewöhnen: Pinker arbeitet mit Maßeinheiten, die dem Herz erst mal an die Nieren gehen (sozusagen): Kriegstote/Mordopfer/Hingerichtete pro 100.000 Menschen, solches Zeug. Und wenn vor 500 Jahren in einem Land mit zehntausend Einwohnern 100 pro Jahr Opfer von Gewalt wurden, dann wertet er es als Fortschritt, wenn im selben Land 300 Jahre später von 100.000 Einwohnern nur 200 umgebracht wurden. Mit solchen Rechnungen kommt man schnell dahin, dass der Zweite Weltkrieg zwar eine Beule nach oben in der nach unten weisenden Kurve der Gewalt war, aber nur hab so schlimm, wenn man ihn mit dem Dreißigjährigen Krieg vergleicht. So etwas kann schnell einmal zynisch klingen:

Nimmt man die massenhaften Gräueltaten der Menschheitsgeschichte zum Maßstab, so ist die Giftspritze für einnen Mörder in Texas oder ein gelegentliches Hassverbrechen […] eine recht harmlose Angelegenheit.

Das Buch ist aber keineswegs zynisch (im Gegenteil: es ist ein Apell gegen Zynismus und Fatalismus), und auch wenn solche Rechenspiele jedem menschlichen Gefühl widersprechen, sind sie doch legitim, wichtig und aussagekräftig.

Der spannendere Teil ist die Suche nach den Ursachen für den Gewaltrückgang. Pinker findet viele Kandidaten, aber (Achtung Spoiler!), die meisten davon lassen sich auf ein Schlagwort zurückführen: „Zivilisation“ – ausgerechnet das, was vielen als der Weg des Menschen in die Verderbnis erscheint. Der Autor zeigt eindrucksvoll, wie unhaltbar alle Theorien von „im Einklang mit der Natur und sich selbst lebenden“ Wilden und Urhippies sind. Er identifiziert die Aufklärung als eins der Ereignisse (bzw. eine der Epochen), die den größten positiven (also negativen) Einfluss auf die Gewaltentwicklung hatten und widerspricht allen Behauptungen, die Aufklärung habe etwa zum Holocaust geführt.

Er beschäftigt sich mit der Biologie, Psychologie, Ökonomie und Moral der Gewalt. Einiges, was er bei der Ursachenforschung findet, behagt mir nicht, ist deshalb aber nicht einfach von der Hand zu weisen und jedenfalls lesenswert und diskussionswürdig. Pinker stimmt der „Broken window“-Theorie und folglich auch der „Zero Tolerance“-Politik im Kampf gegen das Verbrechen zu, erklärt eine dem Trend entgegenstehende extreme Zunahme des Verbrechens in den USA in den 60er- und 70er-Jahren mit dem schlechten Einfluss der Popkultur und sieht eher freien Handel als „Wohlstand für alle“ als befriedenden Einfluss.

Ich schrieb oben, dass ich sein Buch in weiten Teilen sehr überzeugend und die meisten seiner Thesen plausibel fand. Ich kann aber nicht sagen, inwieweit das daran liegt, dass ich ihm glauben wollte. Weil es gut tat, nach all dem Gekeife, dem Zynismus oder Fatalismus mit dem der Untergang beschworen (und, zumindest was die Demokratie angeht, vielleicht auch als selbsterfüllende Prophezeiung herbeigeschrien) wird, etwas zu lesen, was Mut macht, was einem das Gefühl gibt, es sei nicht alles verloren und es ergäbe Sinn, auf die Zukunft zu hoffen.

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Der Autor selbst würde wohl zustimmen, dass die insgesamt nach unten weisende Zickzacklinie der Gewalt gerade wieder nach oben ausschlägt. Kriege, Bürgerkriege, Aufstände und vor allem das Revival von religiösem Fanatismus und Nationalismus mit all ihren schlimmen Begleiterscheinungen lassen nichts Gutes für die nächsten Jahre erwarten. Aber dennoch gibt es Hoffnung.

Bei allem Kummer in unserem Leben, bei allen Schwierigkeiten, die auf der Welt noch bleiben, ist der Rückgang der Gewalt eine Leistung, die wir würdigen können, und ein Impuls, die Kräfte von Zivilisation und Aufklärung, durch die sie möglich wurde, hoch zu schätzen.

So. Und jetzt kauft euch alles das Buch, ich suche Leute, mit denen ich darüber diskutieren kann:

Statt Amazon: Taschenbuch oder Ebook beim Landbuchhändler bestellen.

Making-of-Notes: Gestern (Sonnabend) kam es beinahe zu einem Ausschlag nach oben in den Gewaltstatistiken der Deutschen Bahn, als ich im ICE nach Augsburg eine halbe Stunde lang die FAZ zerriss, weil ich viel Zeit und die Idee mit den Collagen hatte. “Krrrrcccht!”, “Krrrrrchcchchchchchchchchcht-Ratsch!”, “Krchk!” – ich hätte mich gehasst!

 

 

Bilder der Woche 25/2014 – Flaschensammler auf Sinnsuche und eine Welt in Angst und Feierlaune

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(Vor dem Bahnhof Hamm/Westfalen – Ja, ich bin dort tatsächlich ausgestiegen und habe den “wird in Hamm geteilt”-Zug verlassen. Aber nur für eine Stunde, weil mein Zug mit irgendwelchen Sportschülern, die zur Spartakiade oder so fuhren vollgestopft war und ich genug Zeit hatte, auf den nächsten zu warten.)

Ehrlich, ich weiß nicht, was ich von diesen Pfandkisten halten soll. Den Flaschensammlern das Leben erleichtern, indem man ihnen das Pfandflaschensammeln erleichtert? Befürworter sagen, das würde den Sammlern die Entwürdigung des Wühlens in Abfallbehältern ersparen und regen an, dort wo es keine derartigen Vorrichtungen gäbe, könne man die Flaschen auch einfach neben die Mülleimer stellen. Das ist alles richtig und sehr freundlich gedacht, aber für mich hat das doch so einen Beigeschmack von Konsolidierung des Elends, von paternalistischer Barmherzigkeit und Gewissensberuhigung. Klar, damit kann man jede Hilfe für andere, die nicht die sofortige Einführung des Himmels auf Erden für jeden einzelnen Menschen und die Durchsetzung vollkommener Gerechtiigkjkeit zum Ziel hat, diffarmieren. Ich gebe Bettlern (manchmal) Geld und tatsächlich stelle ich schon seit langem Pfandflaschen, die ich nicht nach Hause tragen will oder kann neben die Papierkörbe statt sie reinzuschmeißen.
Aber extra Behältnisse? Ich weiß nicht, dass ist, als würde man an Bettler, die den ganzen tag in der Fußgängerzone knien – Knieschoner ausgeben. Klar, auch das wäre eine gute Tat und irgendwie hilfreich, aber irgendwas daran ist fürchterlich schief.

In einer Sache wenigstens bin ich mir sicher: Alles schlechte der Welt wünsche ich den Ärschen, die die Pfandkisten wieder in Müllbehältnisse verwandelt haben.

Zwischendurch ein schönes Blumenbild, dann nochmal was zu den Pfandsammlern.

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In letzter Zeit war viel von einer Studie über Pfandsammler zu hören (zum Beispiel hier oder hier). Die Berichte über die Studie und Interviews mit dem Verfasser legten den Schluss nahe, dass es sich hierbei nicht um ein Armutsproblem handle. Die Leute würden nicht deshalb Flaschen sammeln, weil es ihnen auf Grund ihrer Arbeitslosigkeit an Geld mangele, sondern an Sinn und Sozialleben. Um das bisschen Kohle ginge es gar nicht. Ich kenne nur einen Flaschensammler persönlich, und von dem weiß ich, dass er auch das bisschen zusätzliche Kohle dringend brauchte (und vom Sozialamt Ärger bekam – was wohlbedeutet, dass irgendjemand ihn angeschwärzt hat … aber ich will jetzt gar nicht über Arschlöcher schreiben). Dieses eine Beispiel entkräftet natürlich keine Studie, bei der 20 oder 30 Leute zu Wort kamen, aber anmerken möchte ich es trotzdem. Ich find bloß bemerkenswert, dass ich immer den Eindruck hatte, dass die Berichte  fast erleichtert klang. Ach soooo, alles halb so schlimm, denen gehts gut, und die machen brav den Dreck weg und wer sich traut kann ihnen auch mal über den Kopf streicheln, die beißen nicht. (Aber hinterher Händewaschen!)

Ganz davon abgesehen finde ich es auch ziemlich gruselig, wenn Leute, nach denen man ihnen ihr Leben lang eingetrichtert hat, sie seien nur soviel wert wie ihre Arbeit, nachdem sie vor die Tür gesetzt wurden, keine andere Möglichkeit sehen, ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben, als (angeblich ohne materielle Not) in Mülleimern zu kramen.

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Das Bild stammt noch aus der Anfangszeit der WM (ich bin mit dem Rückblick drei Wochen im Verzug …). Falls hier Fußballmenschen mitlesen: Welche der beiden Zeitungen hat denn recht? Einig ist man sich ja nur in dem Punkt, dass Müller “die Welt” (darunter machen wir’s nicht!) in Atem hält. Aber zittert sie nun oder feiert sie?

Auf dem folgenden Bild sieht man eine sehr schöne Lok, eine sehr starke Lok auch, denn sie hat mich bis nach Stuttgart gezogen. Die Lok zog Scharen fotobegeisterter Fahrgäste an, doch es waren nicht ihre urtümliche Schönheit oder wuchtige Eleganz, die die Menschen interessierten, sondern ein grausiges Detail … arme Taube …

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