Schnipsel vom 17.9.2012 – Spirelli und gestiefelte Netzbarbaren

  • Apropos Spirelli mit Tomatensauce: Ich vermute ja, dass das ein typisches DDR-Gericht ist oder dass zumindest der Name DDR-typisch ist, aberich  maße mir darüber  keine Aussage an, da mir Sprach- und Esskultur der Vorwende-BRD nicht gut genug bekannt sind.

    Dieselbe Zurückhaltung wünsche ich mir manchmal von den Autoren altbundesländischer Zeitungen, die ihr Halbwissen über DDR-Sprache gerne mit einem ironischen Schmunzeln in ihre Texte einfließen zu lassen. So zum Beispiel heute Camilla Blechen in der FAZ in einem Artikel über Friedrich den Großen und seine Rolle als PR-Mann der Kartoffelmafia: „Bis heute erfüllen die mehligen Feldfrüchte – nicht nur im weiterlebenden Sprachgebrauch der DDR – ihre Funktion als ‚Sättigungsbeilage’“. Das ist Quatsch. Kartoffeln wurden im Osten „Kartoffeln“ genannt (so wie man übrigens für gewöhnlich Weihnachtsengel „Weihnachtsengel“ nannte). Die Sättigungsbeilage waren irgendwelche sauer eingelegten Gemüse und Ähnliches.

    So! Das war vielleicht kleinlich, aber was gesagt werden muss, muss gesagt werden, und es heißt nunmal „Rös’chenhof“ und nicht „Röschen-Hof“!

  • Bevor ich jetzt gleich auch noch über einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung herziehe, möchte ich anmerken, dass FAZ und FAS zu meinen Lieblingszeitungen/-zeitschriften gehören, obwohl – und auch ein bisschen weil – ich die Meinungen der Autoren oft nicht teile.
  • Von allem, was ich dieses Jahr im Internet gesehen habe, hat mir das Jesus-Monchichi wohl die meiste Freude bereitet, der misslungene Versuch einer spanischen Rentnerin, ein Jesus-Fresko zu restaurieren. Ich muss ehrlich gesagt noch immer kichern, wenn ich daran denke.

    Wie viele der besten lustigen Geschichten ist sie gleichzeitig ein bisschen traurig; eine Erzählung von Anspruch und Scheitern, und damit noch ein ganzes Stück großartiger als niesende Pandas oder so.Wie man hört, ist die Rentnerin ziemlich unglücklich über die mediale Aufmerksamkeit: Ich glaube gern, dass es schlimm für sie ist, dass ihr Versuch, dem Bildnis ihres Erlöser seine Erhabenheit zurückzugeben, dazu geführt hat, dass die ganze Welt darüber lacht. Und nur ein herzloser Utalitarist würde das Unglück dieser Frau gegen die Freude, die sie Millionen Menschen gemacht hat, aufrechnen.

    Andererseits: Das ändert nichts daran, dass es nunmal verdammt lustig ist.

    Für manche Leute ist die ganze Geschichte allerdings ein (weiterer) Beleg für den Untergang des Abendlandes. Zum Beispiel für Paul Ingendaay, der sich in der FAS von gestern darüber beklagte, dass es doch wohl wichtigere Themen gäbe – als müssten erst Euro, Umwelt und das deutsche Rentensystem gerettet, Hunger, Krieg und Krebs beseitigt werden, bevor irgendjemand es wagen darf, die Mundwinkel nach oben zu ziehen. Anschließend beschreibt er kurz die Geschichte des Bildes und seiner missglückten Restaurierung, um dann mit Ekel zu konstatieren:„Nicht, dass sich die Spaßgemeinde im Netz für diese Zusammenhänge interessiert hätte. Sie wäre wohl auch über größere Kunstwerke ohne Bedenken hinweggestiefelt. Denn hier siegt Albernheit über Ernst, Gelächter über Feierlichkeit, das Säkulare über die Religion.“ – hallelujah, wir werden alle sterben.

    Allerdings nimmt der Autor kurz darauf den Vorwurf der Gottlosigkeit zurück, indem er praktisch behauptet, die alles Schöne und Wahre niederstiefelnden Netz-Orks hätten den Witz an sich zu ihrem Gott erklärt. Oder, wie er in einem anderen, online verfügbaren Artikel zum selben Thema schreibt: „Die neue, von den sozialen Netzen heraustrompetete Frömmigkeit gilt dem Scherz, der peinlichen Lachnummer, der Banalisierung und Blasphemie.“ –  niesender Panda, geheiligt werde Dein Schnupfen, Dein Reich komme, wie im Tierpark so auch auf Erden. (Ich habs in letzter Zeit irgendwie mit Neufassungen des Vater Unser)

(Herbst 1972: Der Autor dieses Beitrages auf der Motorhaube eines F8. 16.9. 2012 (leider ohne Foto): Der Autor dieses Beitrages und ein F8 im Museum für sächsische Fahrzeuge in Chemnitz. Wie sich die Zeiten ändern. Der F8 stand nur rum, ich durfte immerhin ein paar Geschichten vorlesen und hinterher wieder nach Hause.)

  • Nebenher läuft gerade der Fernseher und Angela Merkel behauptet in den Nachrichten: „Gewalt ist kein Mittel der Auseinandersetzung.“ Aber hallo ist sie das! Auch wenn es bedauerlich ist.

(Volker Strübing)

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5 Kommentare zu “Schnipsel vom 17.9.2012 – Spirelli und gestiefelte Netzbarbaren

  1. Genau! Das Abendland geht unter, weil wir manchmal einen (blöden oder guten) Scherz machen. Seien Sie froh, dass das von Ihnen quasi – (o Gott, jetzt red ich auch schon so) – erwartet wird. Unsereins muss ja immer auf dem Quivive sein, damit nur ja nichts missverstanden wird. Und wer nicht üer das Jesus-Fresco lacht, kann nimmermehr mein Freund sein. Gerade, weil es auch traurig ist.
    Christl Klein

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  3. Bist du dir sicher, Dan? Meiner Meinung nach war die Sättigungsbeilage das Häufchen eingelegter Rotkohl und Weißkohl, auf einem Kopfsalatblatt und noch so ’n bisschen Rote Bete (nicht Beete, wie immer wieder geschrieben wird, hach, das regt mich immer auf!) dazu, nicht zu vergessen das Petersilienblatt. Also jedenfalls wurde dieses in meinem Umfeld immer so genannt. War ja auch nur in Gaststätten üblich davon zu sprechen. Und, sagen wir mal, Nudeln eine Beilage zu nennen, wenn es diese doch in der DDR höchstens mit Tomatensauce (-soße?) gegeben hat, das wäre doch schon ziemlich merkwürdig, oder?

  4. Lieber Dan,
    Ahne hat recht. Vertraue uns und Deiner Erinnerung und nicht dem Wikipedia-Artikel über „Beilagen (Speise)“ in dem steht: „Birgit Wolf definiert den
    DDR-Begriff Sättigungsbeilage als
    „Sammelbezeichnung für die in Gaststätten zu
    Fleischgerichten gereichten Kartoffeln, Reis,
    Nudeln, wenn bei Druck der Speisekarte nicht
    absehbar war, was zur Verfügung stehen
    würde.““ Nüscht gegen Wikipedia, es ist sicher richtig, dass Birgit Wolf das behauptet hat, aber sie hat Quatsch behauptet. Es gab zwar so gut wie nichts im Osten, aber Kartoffeln gab es und sie wurden auch in den Speisekarten so genannt.

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