SNAFU und die New Nerd Order

„Was heißt hier Nerd? Du willst ein Nerd sein?“, schrie TFM. „Bloß weil du ne Brille hast, eine Wifi-Verbindung einrichten und stundenlang über Theorien zu Lost quasseln kannst? Du bist genausowenig Nerd, wie diese Idioten mit Fußballer-Iros Punks sind! Du bist genausowenig Nerd, wie irgendein Werbefuzzi Revolutionär ist, weil er nach Feierabend im Che-Guevara-T-Shirt zu einem Indi-Pop-Konzert mit gesellschaftskritischen Texten geht! Du bist ein Pseudo, du Pupnase! Du bist wie ein Bier, das sich „Fun“ nennt, obwohl es alkohol- und spaßbefreit ist! Du bist ein menschgewordenes Tofu-Würstchen mit Nerd-Simulator-App! Du hast dich doch nur als Nerd verkleidet, Mann, geh doch zum Fasching!“
TFM war außer Kontrolle, sein Kopf war rot und glänzte von Schweiß; anklagend zeigte er auf Mischas T-Shirt, auf dem „Angry Nerds“ stand – und es war keine Frage, wer hier in Wahrheit der Angry Nerd war.

(Symbolbild „Angry Nerds“)

„Hey, Peace, ist ja gut!“, sagte Mischa und hob beschwichtigend die Arme, doch an Frieden war nicht zu denken, TFM brüllte ihn nieder: „Du bist kein Nerd! Du bist nur ein verschissener Hipster, denn du – hast eine Freundin.“
Das letzte Wort spie er mit solcher Verachtung aus, das man meinen konnte, „Freundin“ sei ein Synonym für „kinderschändendes Nazi-Alien mit Mundgeruch“.

Ich bereute langsam, TFM mitgebracht zu haben. Wir kannten uns aus der C64-Crackerszene der späten 80er-Jahre in der DDR. Eigentlich hieß er Christian, TFM stand für The Floppy Monk. Später, gegen Ende der 90er Jahre, als sich immer mehr alte Bekannte, die früher nie etwas mit ihm zu tun haben wollten, bei ihm meldeten, weil er sich doch mit Computern auskenne, und naja, ihnen sei ihr Windows abgestürzt, und da dachten sie, ob vielleicht und so weiter und so fort, übersetzte er TFM gerne selbstironisch mit „The Fucking Manual“. Für uns war TFM immer The Fat Man gewesen, das passte super, und er hatte es nach einigem Gegrummel akzeptiert. Das mit den Szenenamen war damals ein großes Ding, ich nannte mich Syntax Terror, aber egal, das war lange her. Für mich zumindest – TFM war offensichtlich auf dem ganzen Scheiß hängengeblieben.

(Symbolbild „Syntax Terror“)

„Ja, na gut, ich hab ne Freundin“, sagte Mischa. „Aber das ist doch kein Grund …“, doch da unterbrach ihn TFM schon wieder: „Nein, das ist kein Grund, das ist ein Symptom! Für Nichtnerdigkeit. Echte Nerds leben wie Mönche, nur mit Youporn. Die einzigen Titten, die ein echter Nerd zu befummeln kriegt, sind seine eigenen!“ Er grabschte sich an den stattlichen Busen und ich zog ihn, entschuldigende Grimassen in Mischas Richtung machend, aus dem Backstageraum.

Scheiße. Ich hatte TFM vor ein paar Stunden zufällig getroffen, wir hatten uns seit mindestens 10 Jahren nicht gesehen und ein paar Bier zusammen getrunken. Als ich losmusste, weil ein Poetry Slam anstand, hatte ich ihn gefragt, ob er mitkommen wolle und jetzt hatte ich ihn an der Backe.
„Ich war schon Nerd, da bist du noch mit nem Luftballon um die Russenkolonne rumgerannt!“, grölte er, bevor sich die Backstagetür vor Mischas fragendem Gesicht schloss. „Da gab’s das Wort noch gar nicht! Freaks haben sie uns genannt und Mode-Typen wie du haben uns ausgelacht, weil wir Computer hatten! Lutsch meinen Joystick, du Apple-Affe!“
Ich schob den dicken, vor sich hinschimpfenden Mann vor mir her zur Bar. „’Angry Nerds‘, haha, wie witzig. Der wird sich noch umgucken. Denn wir sind wütend, oh ja!“

Bis zu einem gewissen Grad konnte ich seine Wut verstehen. 1986, als ich das erste Mal an einem Computer saß, galten diese allgemein noch als nutzlose Spielerei für weltfremde, nicht lebensfähige, asoziale Trottel der Marke „verrückter Professor“. Programmierkenntnisse waren der sichere Weg in die Isolation und die Kombination Computer, Brille, Science-Fiction-Literatur bewahrte einen zuverlässig vor frühzeitigem Geschlechtsverkehr, denn die Mädchen verschleuderten ihre Jungfräulichkeit lieber an windige Typen mit Mopeds, Blousons und Popperfrisuren. Ich lernte Assembler, hörte und schrieb dreistimmige 8-Bit-Musik und hing auf Crackerparties ab, auf denen wir Grafikdemos programmierten und nach neuen, spektakulären Möglichkeiten suchten, einen Text von links nach rechts über den Bildschirm scrollen zu lassen – wer hätte das alles gegen einen Kuss tauschen wollen?! Mit 16 entdeckte ich zum Glück Punkmusik, sie bewahrte mich vor TFMs Schicksal.

(Dieses Bild heißt: „Nerds don’t come easy“, aber nur, weil ich dieses Wortspiel unbedingt noch unterkriegen wollte und mir sowieso keine sinnvolle Bildunterschrift einfällt.)

Ich glaube, es ist nicht übertrieben, TFM und seinesgleichen als Märtyrer zu bezeichnen und auf eine Stufe mit jenen mutigen Männern zu stellen, die in den finsteren Zeiten der Inquisition die Stimme und den Zeigefinger erhoben und sagten: „Momentmal. Die Erde ist keine Scheibe!“ und damit nachfolgenden Generationen das Tor zu Aufbruch aus der Unmündigkeit und den Weg in eine neue Zeit wiesen. Diese Männer riskierten den Scheiterhaufen, wir das Fegefeuer einer ungeküssten Jugend. Wir waren die Wegbereiter. Heute sind Computer Mainstream, du bist raus, wenn du keinen hast, und niemand wird wegen seiner Brille diskriminiert, im Gegenteil, ich wette, es rennen sogar ein paar Leute mit Fensterglas vor den Augen rum, weil Brillen ja so cool sind – Brillen übrigens, das sei noch angemerkt, für die wir damals völlig zu Recht auf dem Schulhof verkloppt worden wären.

„Genau. Und wie danken sie’s uns? Indem sie uns ironisieren und nachäffen und Atari-T-Shirts tragen, als hätten sie ein Recht dazu! Retro, Retro, Retro! Zu blöd sich was eigenes auszudenken.“
„Jugend von heute, hör mir uff.“, pflichte ich ihm bei, denn ich will nur noch, dass er sich abregt und von hier verschwindet.
„Nee, kannste so nicht sagen. Es gibt schon noch echten Nerd-Nachwuchs. Leute, die richtig was drauf haben und sich nicht für Experten halten, weil sie ein bisschen Flash können und einen C-64-Emulator auf ihrem iphone installiert haben. Aber ich sag dir was: bald wird die Spreu vom Weizen getrennt. Denn diese Modenerds, die beherrschen nur die Oberfläche. Wer hat denn die Betriebssysteme geschrieben, mit denen die Arbeiten? Wer hat denn die Compiler programmiert, auf denen sie ihre armseligen Hipster-Apps schreiben? Wer hat die Protokolle entwickelt, auf denen ihr geliebtes Internet basiert. Das waren wir, die echten Freaks und Nerds, die wahren Ausgestoßenen und jetzt …“, er blickte sich misstrauisch um und bedeutete mir näher heranzurücken, „jetzt schlägt unsere Stunde, Angriff der Nerd-Krieger, The Dark Nerd Rises, Nerd Alert!“

Und so erfuhr ich von der Verschwörung der „Serious Nerds And Freaks United“ (SNAFU), der Illuminerdi, wie sie sich auch nennen, und ihrem Projekt „New Nerd Order“. Am 21.12. schlagen sie los. „Und die alte Welt wird untergehen und eine neue Zeitrechnung beginnen“, wie TFM mit übertrieben viel Pathos und gen Clubdecke gerichtetem Blick verkündete. „Seit den frühen 60er Jahren bereitet unsere Bruderschaft diesen Tag vor. Wir mussten Geduld haben. Wir mussten warten, bis sich die Menschen sich an die Computer gewöhnt hatten, bis sie von ihnen abhängig waren und sich in dem Glauben wiegten, sie würden sie beherrschen. Aber tief unter all den Touchscreens, Menüs, Icons, unter den Bedien- und Programmieroberflächen für Idioten, liegt das Reich der Maschinensprache, die Welt der Nullen und Einsen, unsere Welt, die Welt von: SNAFU.
Die Pseudos paddeln an der Oberfläche und glauben sie hätten Durchblick, wenn sie mal ein bisschen schnorcheln, doch ganz unten in der dunklen Tiefe lauern wir …

Wie die überflüssigen Abschnitte einer DNS stecken in jedem Programm und jeder App irgendwo ein paar seltsame Bytes, die scheinbar keine Funktion haben. Bis wir sie in 4 Monaten aktivieren. Und dann ist es vorbei mit all den hübschen Buttons und Schiebreglern und Fingergesten, mit Fenstern und Apps. All die schicken Smartphones und Ultrabooks werden nur noch Kommandozeileneingaben auf der untersten Betriebssystemebene und Zahlen im hexadezimalformat akzeptieren. Die Bildschirme von ipads, Fahrkartenautomaten, in Auto- und Flugzeugcockpits werden nur noch einen blinkenden Cursor vor grünem Hintergrund zeigen. Und dann werden sie angekrochen kommen und wir werden sie betteln und kriechen lassen!“ TFM lachte und rammte seine Bierflasche gegen meine. „Wir werden ihnen das neue Glaubensbekenntnis eintrichtern: Am Anfang – war der Nerd! Und sein ist die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen! Sein Reich ist gekommen, sein Wille geschieht, wie im Rechner so auch auf Erden! Verstehst du?! Nichts wird mehr laufen ohne uns! Wir haben sie im Sack!“

(Symbolbild „Nerd Domination“)

Ich starrte ihn an, während er sein Bier herunterstürzte und die Hände selbstzufrieden auf seinem beeindruckenden Bauch faltete …

Bis heute weiß ich nicht, ob er mich verarscht hat, ob das nur das größenwahnsinnige Gebrabbel eines ewig Ungeküssten war, oder ob … nun, ich denke, wir werden es rausfinden, in nicht einmal 4 Monaten.

(Volker Strübing)

PS: Ein paar Tage beruhigte ich mich damit, dass ich mir einredete, dass er mir sicher nichts von der Verschwörung erzählt hätte, wenn es sie wirklich gäbe. Doch dann fiel mir ein, dass alle erfolgreichen Verschwörungen ganz offen operiert haben. Nicht umsonst heißt es: Im Licht der Öffentlichkeit ist gut munkeln. Und außerdem wusste TFM verdammt gut, dass mir mal wieder niemand glauben würde. Kassandra wäre ein guter Künstlername für mich.

PPS: Eine weltweite Machtübernahme durch SNAFU gilt nicht als Versicherungsfall im Sinn meiner Weltuntergangsversicherung.

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10 Kommentare zu “SNAFU und die New Nerd Order

  1. finds unanständig von der snafu, dass sie rollenspiel/Magic/Fantasy menschen ausschließen. brillen und wenig sozialen kontakte haben wir auch :( na ja, sollen die ruhig die computer abschalten, davon lass ich mir nicht den tag verderben. wenn ich nicht mehr diabolo spielen kann, bleibt mehr zeit zum draften \o/

  2. Irre guter Text! Wie ein hormonbehandelter Douglas Coupland mit Turbolader. (Man sehe mir die 80-er Jahre KFZ-Metapher nach…)

  3. Das mit der Erde und der Scheibe war eigentlich nie ein Problem, sondern eher Erde und Mittelpunkt des Universums und… ach, verdammt. Darum gings hier gar nicht, oder?

    Ich fand den Text wirklich gut und freue mich auf die Machtübernahme der Nerds. Der richtigen Nerds. Wobei…wenn man mal an Menschen wie Bill Gates denkt, dann haben die Nerds die Macht doch schon längst.

  4. Also ich mach mir da keine Sorgen … ich meine: wer will schon entscheiden wer Nerd und wer nicht Nerd ist. Ein Nerd etwa… die sehen doch kaum über den eigenen Bildschirmrand hinaus … und so werden auch sie sich zerstreiten und die Weltherrschaft einer Kaste mal wieder abgekehrt *puuh und wo ist mein Blitzdingsding?*
    Also wirklich wieder ein feiner Text

  5. Pingback: Schnipsel vom 17.9.2012 – Spirelli und gestiefelte Netzbarbaren « Schnipselfriedhof

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