Kloß und Spinne – Teil 26: Führer war alles besser

So. Nach einer Woche Arbeit habe ich keine Ahnung mehr, ob der Film gut ist …

Eigentlich sollte es dazu noch einen kleinen Text mit einigen Gedanken zum Thema geben, aber das muss nun doch noch warten.

Grüße aus dem Studio Strübing …

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Gewalt

Anders als man bei dem Titel denken könnte, ist dies hier ein positiver Beitrag. Er beschäftigt sich mit dem gleichnamigen Sachbuch von Steven Pinker, dessen Grundthese zwischen all den populären Welt- oder wenigstens Zivilisationsuntergangsprognosen deutlich heraussticht:

Dieses Buch halndelt vom Wichtigsten, was in der Menschheitsgeschichte jemals geschehen ist. Ob sie es glauben oder nicht – und ich weiß, dass die meisten Menschen es nicht glauben: Die Gewalt ist über lange Zeiträume immer weiter zurückgegangen, und heute dürften wir in einer der friedlichsten Epochen leben, seit unsere Spezies existiert.

Man muss nur an die Ukraine oder an den Gazastreifen denken, an die Konfrontation zwischen China und Japan, an nordkoreanische Atombomben, die Wars on Drugs und Terror oder die Völkermorde in Afrika in den letzten Jahrzehnten, um daran zu zweifeln. Ganz unglaublich wird es, wenn er davon spricht, dass Gewalt in jeder Form und auf jedem Gebiet rückläufig ist: von Krieg über Mord bis hin zu häuslicher Gewalt.

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Lassen wir die Zweifel für einen Moment beiseite und stellen uns vor, er hätte recht: Es wäre nicht nur eine gute Nachricht, sondern auch eine, die viele beliebte Denkmuster umwirft, all das „Früher war alles besser“, „die Moderne führt in die Katastrophe“, „das ist nunmal die menschliche Natur“ und „der Mensch ist des Menschen Mensch“ etc.pp. Die Frage, ob die Gewalt in der Geschichte der Menschheit zugenommen hat, auf dem Rückzug ist oder völlig unabgängig von allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technologischen Entwicklungen ausbricht oder ausbleibt, ist ein entscheidender Faktor für die Beantwortung der Frage, ob es letztlich überhaupt Fortschritt gibt und ob dieser Fluch oder Segen ist.

Die Vorstellung, die Gewalt habe zugenommen, legt die Vermutung nahe, unsere von uns selbst gestaltete Welt habe uns – vielleicht unwideruflich – vergiftet. Die Vorstellung, dass sie abgenommen hat, lässt dagegen darauf schließen, dass wir anfangs garstig waren und dass die Hervorbringungen der Zivilisation uns in eine edle Richtung gelenkt haben, die wir hoffentlich weiterhin beibehalten können.

Auf mehr als 1000 Seiten sammelt Pinker Belege für seine These und geht dann möglichen Ursachen auf den Grund, wobei er außer in der Quantenphysik und Musiktheorie auf so gut wie jedem Gebiet der Natur- und Geisteswissenschaften unterwegs ist. Das Ganze ist äußerst spannend, mörder interessant und überwiegend prima zu lesen.

Na gut: Auf den ersten paar hundert Seiten zieht es sich manchmal ein wenig. Dort erzählt er die Geschichte der menschlichen Gewalt und unterlegt sie mit Dutzenden Statistiken, die ihren Rückgang belegen sollen. Tatsächlich veranstaltet er hier einigen Zahlenzauber und ich bin sicher, dass einige der Statistiken auf tönernen Füßen stehen, aber die Gesamtheit ist überzeugend, zumal die Interpretation mir stets plausibel schien.

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An eins muss man sich dabei gewöhnen: Pinker arbeitet mit Maßeinheiten, die dem Herz erst mal an die Nieren gehen (sozusagen): Kriegstote/Mordopfer/Hingerichtete pro 100.000 Menschen, solches Zeug. Und wenn vor 500 Jahren in einem Land mit zehntausend Einwohnern 100 pro Jahr Opfer von Gewalt wurden, dann wertet er es als Fortschritt, wenn im selben Land 300 Jahre später von 100.000 Einwohnern nur 200 umgebracht wurden. Mit solchen Rechnungen kommt man schnell dahin, dass der Zweite Weltkrieg zwar eine Beule nach oben in der nach unten weisenden Kurve der Gewalt war, aber nur hab so schlimm, wenn man ihn mit dem Dreißigjährigen Krieg vergleicht. So etwas kann schnell einmal zynisch klingen:

Nimmt man die massenhaften Gräueltaten der Menschheitsgeschichte zum Maßstab, so ist die Giftspritze für einnen Mörder in Texas oder ein gelegentliches Hassverbrechen […] eine recht harmlose Angelegenheit.

Das Buch ist aber keineswegs zynisch (im Gegenteil: es ist ein Apell gegen Zynismus und Fatalismus), und auch wenn solche Rechenspiele jedem menschlichen Gefühl widersprechen, sind sie doch legitim, wichtig und aussagekräftig.

Der spannendere Teil ist die Suche nach den Ursachen für den Gewaltrückgang. Pinker findet viele Kandidaten, aber (Achtung Spoiler!), die meisten davon lassen sich auf ein Schlagwort zurückführen: „Zivilisation“ – ausgerechnet das, was vielen als der Weg des Menschen in die Verderbnis erscheint. Der Autor zeigt eindrucksvoll, wie unhaltbar alle Theorien von „im Einklang mit der Natur und sich selbst lebenden“ Wilden und Urhippies sind. Er identifiziert die Aufklärung als eins der Ereignisse (bzw. eine der Epochen), die den größten positiven (also negativen) Einfluss auf die Gewaltentwicklung hatten und widerspricht allen Behauptungen, die Aufklärung habe etwa zum Holocaust geführt.

Er beschäftigt sich mit der Biologie, Psychologie, Ökonomie und Moral der Gewalt. Einiges, was er bei der Ursachenforschung findet, behagt mir nicht, ist deshalb aber nicht einfach von der Hand zu weisen und jedenfalls lesenswert und diskussionswürdig. Pinker stimmt der „Broken window“-Theorie und folglich auch der „Zero Tolerance“-Politik im Kampf gegen das Verbrechen zu, erklärt eine dem Trend entgegenstehende extreme Zunahme des Verbrechens in den USA in den 60er- und 70er-Jahren mit dem schlechten Einfluss der Popkultur und sieht eher freien Handel als „Wohlstand für alle“ als befriedenden Einfluss.

Ich schrieb oben, dass ich sein Buch in weiten Teilen sehr überzeugend und die meisten seiner Thesen plausibel fand. Ich kann aber nicht sagen, inwieweit das daran liegt, dass ich ihm glauben wollte. Weil es gut tat, nach all dem Gekeife, dem Zynismus oder Fatalismus mit dem der Untergang beschworen (und, zumindest was die Demokratie angeht, vielleicht auch als selbsterfüllende Prophezeiung herbeigeschrien) wird, etwas zu lesen, was Mut macht, was einem das Gefühl gibt, es sei nicht alles verloren und es ergäbe Sinn, auf die Zukunft zu hoffen.

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Der Autor selbst würde wohl zustimmen, dass die insgesamt nach unten weisende Zickzacklinie der Gewalt gerade wieder nach oben ausschlägt. Kriege, Bürgerkriege, Aufstände und vor allem das Revival von religiösem Fanatismus und Nationalismus mit all ihren schlimmen Begleiterscheinungen lassen nichts Gutes für die nächsten Jahre erwarten. Aber dennoch gibt es Hoffnung.

Bei allem Kummer in unserem Leben, bei allen Schwierigkeiten, die auf der Welt noch bleiben, ist der Rückgang der Gewalt eine Leistung, die wir würdigen können, und ein Impuls, die Kräfte von Zivilisation und Aufklärung, durch die sie möglich wurde, hoch zu schätzen.

So. Und jetzt kauft euch alles das Buch, ich suche Leute, mit denen ich darüber diskutieren kann:

Statt Amazon: Taschenbuch oder Ebook beim Landbuchhändler bestellen.

Making-of-Notes: Gestern (Sonnabend) kam es beinahe zu einem Ausschlag nach oben in den Gewaltstatistiken der Deutschen Bahn, als ich im ICE nach Augsburg eine halbe Stunde lang die FAZ zerriss, weil ich viel Zeit und die Idee mit den Collagen hatte. „Krrrrcccht!“, „Krrrrrchcchchchchchchchchcht-Ratsch!“, „Krchk!“ – ich hätte mich gehasst!

 

 

Nach Halt ich sehnt mich in der Welt

Ein Schnipseltext zum Thema Nachhaltigkeit.

1.

Dieser Text ist nicht nachhaltig. Für seine Herstellung wurden 130 Gramm Papier aus 217 Gramm finnischer Lärche, deren Wachstum 4 Monate dauerte, wobei 21 Gramm Kohlendioxid gebunden wurden, denen 467 Gramm Kohlendioxid und 2,98 Liter Wasser, die während ihrer Verarbeitung freigesetzt bzw. verschmutzt wurden, gegenüberstehen, verwendet. 57 Kaffeebohnen mussten angepflanzt, mit 7 Gramm chemischem Dünger aus 16 Gramm hochgiftigen Ausgangsmaterialien gedüngt, mit 24 Litern Wasser gegossen, schließlich geerntet, getrocknet, geröstet, gemahlen, vakuumverpackt, nach Deutschland verschifft, und per LKW zum Supermarkt gefahren, verkauft, mit 6 Litern Wasser, das unter Einsatz von 0,9 Kilowattstunden Energie aus gemischten Quellen auf 100 Grad Celsius erhitzt wurde, aufgebrüht und getrunken werden, um den kreativen Prozess in Gang zu setzen, in dessen Verlauf das Gehirn des Autors insgesamt 2400 Kilokalorien verbrannte, die er durch den Verzehr eines großen XXL-Schnitzels vom Schwein, dessen Aufzucht und Zubereitung 12.000 Kilowattstunden Atomstrom verbrauchte, 72 Kilogramm CO2 freisetzte, 1256 Liter Wasser verschmutzte und das am Ende nicht einmal schmeckte, zu sich genommen hatte. Die Recherche der eben genannten Fakten verschlang 0,0007 Sekunden Rechenzeit und 0,02 Kilowattstunden Strom auf den Serverfarmen von Google, sowie 1 Stund Rechenzeit und 0,8 Kilowattstunden Strom auf meinem heimischen Rechner, bevor ich beschloss, dass Recherchieren bleiben zu lassen und mir sämtliche Zahlen einfach selbst auszudenken in der berechtigten Annahme, dass Sie, werte Leser, das alles ohnehin sofort wieder vergessen werden – oder könnten sie noch ohne nachzuschauen sagen, wieviel Gramm welchen Baums angeblich in diesem Text stecken?)

2.

Ob ein Text nachhaltig ist, verrät nicht seine Energiebilanz, sondern ob etwas von ihm in den Zuhörern nachhallt.

3.

Vergessen Sie alles, was sie eben gelesen haben. Ein Text, der sich um das Siegel für nachhaltiges Schreiben bewirbt, sollte zu einem möglichst großen Anteil aus Altideen, Second-hand- und second-brain-Gedanken, recycleten Pointen und gebrauchten Argumenten bestehen. Daher bin ich froh, in Punkt 6 einen Vorschalg zu präsentieren, den ich hier an dieser Stelle bereits vor 2 Jahren machte, was einer Recyclingquote von Prozent (auf die Wortanzahl bezogen sogar 40 Prozent) entspricht.

4.

Sanfter und nachhaltiger Tourismus gilt als besserer Tourismus als Massentourismus. Besser für die Umwelt, besser für die Reisenden, besser für die einheimischen Arbeiter in der Tourismusindustrie. Doch diese Aussage ist ungefähr so sinnvoll wie die Aussage, ein Regentropfen sei besser als eine vierzigtägige biblische Sinflut, denn die Sinflut bestand auch nur aus harmlosen Regentropfen und ein sanfter Tourismus, der zum Massentourismus wird, hört auf auf sanft zu sein, selbst wenn es nur um einen Ausflug an den Liebnitzsee geht. Sanfter Tourismus ist in aller erster Linie weniger Tourismus. Und eine Abkehr vom Massentourismus heißt vor allem: Dass die Masse nicht mehr Tourist sein kann. Aber die Masse hat sich sowieso immer nur mit Sangria besoffen und sich nicht für Land und Leute interessiert, die Masse soll mal schön zuhause bleiben und Doku-Soaps über Familien im Brennpunkt gucken!

5.

Die Zerstörung der letzten schönen, unberührten Flecken der Erde schreitet in atemberaubenden Tempo voran. Urwälder werden zu Palmölplantagen, Dünen zu Betonburgen, Wiesen zu Parkplätzen, Bauern zu Hotelangestellten, Gletscher zu Wasser, die letzten Exemplare mancher Fischart zu Fischstäbchen. Was kann der Einzelne in dieser Situation tun? Es verhindern? Unmöglich, das ist zuviel verlangt von einem Einzelnen. Die Antwort lautet: Verreisen! Ab in den Urlaub, solange es noch geht! Verreisen sie billig, dann könne Sie öfter verreisen! Machen Sie dass letzte Foto von den letzten ihrer Art und drehen sie das letzte Video vom letzten Fleckchen Regenwald, damit sie ihren Enkeln einst die Bilder zeigen können! Verwenden Sie dafür nur bestes Equipment. Wenn alle Wunder der Natur in ausreichendem Maße in HD und 3D abgefilmt sind, dann brauchen wir sie im Grunde genommen nicht mehr! Seien sie doch einmal ehrlich: Was nutzt Ihnen persönlich irgendein Korallenriff in der Südsee? Würden Sie freilebende Gorillas wirklich vermissen? Haben Sie nicht viel mehr von all den schönen Palmölprodukten als vom Urwald auf Sumatra? Und was haben die Eisbären und Wale eigentlich jemals für uns getan?

6.

Was den Wal angeht, muss ich mich revidieren und entschuldigen. Im Februar 2012 strandete vor der belgischen Küste der Wal Teofiel, dessen Kadaver zu 50 Prozent von einem kleinen innovativen Unternehmen zu Biodiesel verarbeitet wurde. Hier drängt sich natürlich sofort der Gedanke auf, dass Wale zukünftig einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten könnten. Allein der aus diesem Tier gewonnene Brennstoff liefert 50.000 Kilowattstunden Strom, genug Strom, um 14 Haushalte ein Jahr damit zu versorgen oder eine halbe Million Liter Kaffee aufzubrühen. Beim Wal handelt es sich also um einen nachwachsenden Rohstoff von großem ökonomischen und ökologischen Potential.

Die Umwandlung von Walen, diesen ebenso liebenswerten wie energiereichen Meeressäugern in Biodiesel stellt daher eine zeitgemäße Art dar, unseren flossenbewährten Freunden einen angemessenen Platz im nachhaltigen Energiemix der Zukunft zuzuweisen. Für ein Land wie Deutschland würde schon die vergleichsweise kleine Zahl von 1,2 Millionen Pott- oder 0,7 Millionen Blauwalen ausreicht, um sage und schreibe 6,3 Prozent des Gesamtenergiebearfs zu decken.

Alternativ ließe sich dieselbe Menge auch durch Verdieselung des dicksten Viertels der US-amerikanischen Bevölkerung erzielen, allerdings gilt diese Bevölkerungsgruppe in Amerika als strategische Energiereserve für den Fall eines arabischen Ölembargos. Die Ausfuhr stark übergewichtiger Amerikaner, auch ins befreundete Ausland unterliegt daher strengen Beschränkungen.

Darüberhinaus könnte die Walzucht in küstennahen Walfarmen dem Tourismus neue Impulse geben. Insbesondere Massenschlachtungen in kleinen Buchten wären ein Besuchermagnet, der viel Geld in chronisch unterentwickelte Regionen bringen würde.

Selbstverständlich sind vorher noch einige Vorbehalte seitens von falsch verstandener Tierliebe geleiteter sogenannter „Walschützer“ auszuräumen.

Der Wal selbst steht vor einer historischen Entscheidung: Will er wie bisher fröhlich und gedankenlos in den Tag hineinleben, seine ulkigen Lieder pfeifen und auf das Aussterben warten? Oder ist er endlich bereit, Verantwortung für sich und den ganzen Planeten zu übernehmen und sich Seite an Seite mit seinem besten Freund, dem Menschen, dem Klimawandel und der Abhängigkeit von arabischem Öl und russischem Gas entgegenzustellen?

Eine bessere Welt ist möglich. Wir haben die Wahl. Denn wir haben den Wal!

7. Nachhaltiges Liebesgedicht

Nach Halt ich sehnt mich in der Welt
nach Antworten und Trost für mich
Ich fand sie nicht in Ruhm und Geld
hab lang die Frage falsch gestellt
doch dann trat aus dem dunklen Wald ich
und fand auf der Such nach Halt – Dich

Die Große Vereinheitlichte Verschwörungstheorie

Auf den Tag genau seit 12 Jahren fragen sich die Menschen: War es Al-Quaida? Oder war es die CIA? Pünktlich zum Jubiläum der Anschläge auf WTC etc. kommt nun die Große Vereinheitlichte Verschwörungstheorie: Es waren beide zusammen! Kurz zusammengefasst lautet diese so: Die Terroristen von Al-Quaida hatten nie ein Selbstmordattentat vor, sondern planten eine herkömmliche Entführung, um Gefangene freizupressen. Die CIA (oder Kollegen eines anderen amerikanischen Geheimdienstes) bekam davon Wind, präparierten die Twin Towers und das WTC 7 rasch mit Thermit, lenkten dann mittels Autopilot die Flugzeuge samt den verblüfften Entführern in die Twin Towers und sprengten diese dann. Kann man ja mal drüber reden.

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(Aus der Reihe „Hat nüscht mit dem Thema zu tun, aber die Abendsonne war so schön“: Dresden Neustadt I)

Als Beleg für die These, die Terroristen hätten nie ein Selbstmordattentat geplant, bringt der Autor unter anderem die Tatsachen vor, dass einer der Entführer sich kurz vorher für das Bonusprogramm der Fluggesellschaft angemeldet und ein anderer einen Anschlussflug gebucht hatte – und das ergäbe ja nun überhaupt keinen Sinn, wenn die beiden vorgehabt hätten zu sterben. Tote sammeln keine Punkte und den Anschlussflug ins Paraddies braucht ein Dschihadist nicht extra buchen. Wohingegen „herkömmliche“ Entführer natürlich stets Meilen sammeln und davon ausgehen, dass die Verhandlungen zur Freilassung der Passagiere und der freizupressenden Gefangenen rasch genug abgewickelt sind, um den Anschlussflug in den Urlaub nicht zu verpassen – sonnenklar!

Dann ist da noch die alte Geschichte, dass die Türme auf eine Art eingestürzt seien, die nur durch gezielte Sprengung erklärbar sei. Lassen wir mal außer acht, dass diverse Statiker mindestens genauso überzeugend erklärt haben, dass sich der Einsturz sehr wohl aus dem Einschlag der Flugzeuge erklären ließe und auch genau auf diese Weise habe ablaufen müssen – diese Leute sind natürlich alle Teil der Verschwörung. Und letztlich kann man mir da sowieso die phantastischsten Geschichten auftischen, ich habe schlicht keine Ahnung.

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(Dresden Neustadt II)

Aber ich kann mich doch fragen: Wenn die CIA die Flugzeuge in die Türme gesteuert hat, warum haben sie dann den ohnehin hochsensiblen Plan zusätzlich verkompliziert und das Risiko auf Entdeckung der Verschwörung gewaltig erhöht, indem sie die Türme gesprengt haben? Für den beabsichtigten Pearl-Habor-Effekt, die Begründung für Krieg und totale Überwachung hätte die Nummer mit den Flugzeugen vollkommen ausgereicht!

Wie soll man mit solchen Theorien umgehen? Es gibt in dem Artikel durchaus einige interessante Fragen. Wenn ich danach suchen würde, würde ich aber sicher herausfinden, dass es dazu auch schon Antworten gibt. Und dann stehe ich doch wieder vor der Entscheidung mich für eine Variante zu entscheiden, denn letzten Endes habe ich keine andere  Möglichkeit, als mich auf das zu verlassen, was irgendwelche Leute ins Internet geschrieben oder in Fernsehkameras gesagt haben. Einzige Entscheidungshilfe (neben Ockhams Rasiermesser) ist es, sich die Positionen gut durchzulesen und auf logische Fehler in der Argumentation abzuklopfen.

Der Autor geht noch auf ein Argument gegen Verschwörungstheorien ein: Es wird gern behauptet, eine so großangelegte Verschwörung wie das 9/11-Komplott müsse auffliegen, weil so etwas nicht geheim bleiben könne. Entweder jemand würde es ausplaudern oder sie würde sich durch irgendeine allzumenschliche Dummheit selbst enttarnen. Dem setzt der Autor unter anderem die „Gladio“-Verschwörung entgegen, die von den 50er bis in die 90er Jahre geheim blieb. Komplexe Verschwörungen könnten also über Jahrzehnte im Verborgenen existieren. Der Punkt ist aber doch, dass diese Verschwörungen nur geheim blieben, bis sie enthüllt wurden, danach brachen sie zusammen und die Details kamen ans Licht. Die angebliche US-Verschwörung zur Zerstörung des World Trade Centers aber wurde bereits kurz nach 9/11 enthüllt, von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert – und trotzdem ist die Verschwörung immer noch intakt. Merkwürdig.

Desweiteren führt  er aus, dass die Geheimdienstverschwörung gar nicht besonders groß gewesen sein müsse – und lässt damit die vielen Leute unter den Tisch fallen, die im Nachhinein nötig waren, um Beweismittel zu manipulieren und die noch größere Zahl von Leuten, die diese nachträglichen Manipulationen (etwa der Passagierlisten) bemerkt haben müssen. Und natürlich all die Experten, bei denen die Schlapphüte mit der Bitte vorstellig werden mussten, eine glaubwürdige Theorie für den Zusammenbruch der Türme zu erfinden, damit niemand merkt, dass sie in Wirklichkeit gesprengt wurden …

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(Berlin Prenzlauer Berg)

Bis jetzt erscheint mir die offizielle Variante immer noch die wahrscheinlichste – ihr könnt entscheiden, ob ich vom CIA gekauft oder von der Systempresse gehirngewaschen wurde…

Vor 7 Jahren schonmal zum selben Thema: Wenn Du nicht paranoid bist, bist du ein Fall für den Psychiater inklusive Link zum lustigsten 9/11-Cartoon der Welt.

PS: Wer mit mir drüber diskutieren will, kann gerne zu einer meiner nächsten Lesungen kommen. Hinterher an der Bar lässt sich trefflich die Welt erklären:

11.9., Mittwoch, Leipzig, 20.00 Uhr, Horns Erben

12.9., Donnerstag, Chemnitz, 20.00 Uhr, Das Tietz

13.9., Freitag, Dortmund, 20.00, Fritz-Henßler-Haus, Koch & Gast

14.9., Sonnabend, Zürich, Schauspielhaus, Poetry Slam Gala zur Saisoneröffnung

 

Final Proof

In meiner unendlichen (und irgendwie ja auch liebenswerten) Naivität hatte ich mir noch immer einen Funken Hoffnung bewahrt. So schlimm wird es schon nicht sein, habe ich mir eingeredet, bestimmt hat die Menschheit nicht komplett den Verstand verloren.

Doch heute morgen hatte ich meinen Wonko-der-Verständige-Moment: Es istZeit, das Äußere des Irrenhauses zu bauen. Beim Frühstück in einem kleinen Baseler Hotel verlosch der letzte Hoffnungsfunken zischend in einer Nespresso-Tasse:

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Eine Spezies, die Individuuen hervorbringt, die auf die Idee kommen, Tassen mit geschlossenen Henkeln zu bauen, gehört in die Geschlossene und hat ganz sicher jedes Recht verwirkt, den Begriff sapiens im Gattungsnamen zu führen. Wahrscheinlich haben ein Designer, der schon lange nicht mehr alle Henkel an der Tasse hatte, und ein zugekokster Marketingmensch darüber nachgedacht, wie sie „die Marke“ stärken könnten. „Wir brauchen irgendwas Unverwechselbares, Einzigartiges! Und da unser Kaffee das nicht ist, lass uns doch mal gucken, was wir mit den Tassen anstellen können!“

An diesem Punkt hat vielleicht ein Teammitglied, das noch über Spuren von Resthirn verfügte, zu bedenken gegeben, dass sich das Prinzip „Henkel mit Loch zum Durchstecken eines oder mehrerer Finger“ seit Jahrtausenden bewährt habe und ein Henkel ohne Loch sinnlos sei, da sich die Tasse an ihm nur sehr unbequem und unsicher halten ließe – woraufhin ihm garantiert sofort (bzw. nachdem man ihn ein bisschen verkloppt hatte) gekündigt wurde, da Traumtänzer, die der seltsamen Idee anhängen, Produkte sollten sinnvoll sein und ihren Benutzern das Leben so einfach und schön wie möglich machen, in Design- oder Marketingabteilungen nun wirklich nichts zu suchen haben, und sich mal bitte ganz schnell zu Streicheltherapeuthen für behinderte Tiere oder so umschulenlassen sollten, aber ganz schnell!

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(Enrüstet weist Micha E. aus B. auf die Henkel des Anstoßes)

So weit, so schlimm. Bis hierhin könnte man das ganze noch als die Dummheit einiger weniger betrachten. Doch als Micha Ebeling und ich den Rezeptionsmenschen des Hotels auf die Tassen ansprachen, gab der zu, dass das ja schon ganz schön blöd sei und fügte hinzu: „Komisch. Wir haben die schon ne ganze Weile, aber da hat uns noch niemand drauf angesprochen.“ Das muss man sich mal vorstellen! Hunderte, Tausende Hotelgäste haben diese Tassen frag- und kritiklos hingenommen! Es wird alles immer schlimmer. Bald wird irgendein Autohersteller Autos mit ovalen Rädern anbieten, um ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz zu haben und die Menschen werden auch dieses Auto kaufen – und ehrlich: Sie verdienen es nicht besser.

(Ich verweise an dieser Stelle aus gegebenem Anlass noch einmal auf diesen etwas älteren Artikel.)

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(Basel, Bayreuth, Kuhschnappel: Wo man auch hinkommt: The Fuck Hornisschen Orchestra war schon da und hat seine Aufkleber hinterlassen. Ausnahme: Chicago – dort war bisher nur das Team Totale Zerstörung.)

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(Dieses seltsame Gefühl, wenn du in einem Club in einer fremden Stadt hinter der Kellertreppe plötzlich ein Gemälde von dir entdeckst …)

(Volker Strübing)

Bettel Star Galactica

Mehrere Facebookfreunde haben das Video empfohlen, insgesamt wurde es fast 30.000 Mal bei Facebook geteilt und mehr als 15 Millionen mal auf youtube angeschaut. Na gut, ich guck’s mir auch an: Sentimentales Klaviergeklimper. Ein blinder Mann sitzt auf einer Treppe neben einem Fußweg. Eine Blechbüchse und ein Schild: „I’m blind. Please help me!“ Passanten eilen vorbei, einige werfen achtlos eine Münze hin. Nahaufnahmen des traurigen Mannes und einiger Leute, die von seinem Leid ungerührt ihren Geschäften und Vergnügungen nachgehen.

Eine hübsche Frau (soweit man das trotz ihrer Puck-die-Stubenfliege-Brille beurteilen kann) stöckelt an ihm vorbei, hält inne, kehrt um und hockt sich vor ihn. Während er ihre Schuhe abtastet, schreibt sie wortlos etwas auf die freie Rückseite seines Pappschildes und stellt es wieder hin. Dann geht sie, und in der Folge kann sich der Bettler kaum noch vor Spenden retten, er kommt kaum mit dem Einsammeln der Münzen hinterher, die auf seine Sitzdecke herabregnen, niemand geht mehr vorbei, ohne sein Portemonnaie zu zücken, er sollte dringend über die Anschaffung eines Kartenlesegerätes nachdenken oder morgen zumindest eine Schubkarre mitbringen.

Schließlich hockt sich die junge Frau erneut vor ihn, er erkennt sie an ihren Schuhen. „What did you do to my sign?“, fragt er.

„I wrote the same“, antwortet sie lachend, etwa so, als würde sie einem kleinen Kind erklären, dass es doch nicht schlimm sei, dass es eingepullert habe, „but with different words!“

Abgang der Frau, Schwenk auf das von ihr geschriebene Schild: „It’s a beautiful day and I can’t see it.“ Schwarzblende. 2 Schrifttafeln zu ausfadender Schnulzmusik. „Change your words. Change your world“, sagt die erste, die zweite stellt die Internetmarketingfirma vor, die mit diesem Rührstück für ihre Dienste wirbt.

Ich lese ein paar Kommentare: „Wie schön, mir geht das Herz auf“, „Das ist so süüüüüüüüß“, „Wenn es doch mehr Menschen wie diese nette Frau gäbe“, „Teilt dieses Video, das sollten sich manche mal zu Herzen nehmen“, „Ich hätte fast geweint“. Statt zu weinen kotze ich in breitem Strahl auf die Tastatur (denkt einfach an die Restaurantszene aus „Der Sinn des Lebens“). Ich weiß vor Schreck gar nicht, was ich schlimmer finden soll: Das Video selbst, die angehängte Werbetafel oder die Kommentare. Mit einem Kotzkübel auf den Knien zwinge ich mich, mir das Video noch dreimal anzuschauen und noch ein paar Dutzend Kommentare zu lesen, in der Hoffnung, einen Hinweis darauf zu finden, dass das alles nur Satire ist – erfolglos.

Was für Menschen machen sowas? Was für Menschen klicken bei sowas „Gefällt mir“? Warum dauert es noch fast drei Wochen, bis die Welt endlich untergeht?

Armut – ein Problem schlechten Marketings.

Da war diese vollkommen besoffene Frau gestern am Nollendorfplatz. Parka, strähniges Haar, eine Goldkroneflasche in der einen, einen halbzerfetzten, nach oben geklappten Regenschirm in der anderen Hand stand sie im Schneeregen und blaffte ab und zu „Fuffzich Zent, mal ’n Euro“. Statt Pianokitsch gab es „Lasst uns froh und munter sein“ von Nena aus dem Ghettoblaster eines anderen Betrunkenen, der zehn Meter weiter Stellung bezogen hatte. Welche Worte würden die Welt dieser Frau ändern und zu einem signifikanten Umsatzplus führen? Vielleicht: „Es ist ein beschissener Tag. Und ich muss ihn doppelt sehen.“

Gar nicht schlecht, oder? Ich war ja mal Werbetexter, vielleicht sollte ich mich in den Dienst der guten Sache stellen und (gegen eine faire Umsatzbeteiligung) die Armut in Deutschland besiegen. „Bettel Star Galactica“ wäre ein ziemlich cooler Name für die Agentur. Statt dem langweiligen „Bitte 50 Cent für Hundefutter“-Schild, würde ich dem Punk vor dem McDonalds einen „Lassen Sie ein Hundeherz höher schlagen“-Aufsteller gestalten, komplett mit vielen Herzchen und einem Link zur Facebook-Fanseite des Hundes, die ich gegen entsprechenden Aufpreis ebenfalls einrichten und pflegen würde.

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(Dieses Bild hat mit dem Artikel nichts zu tun. Ich möchte mir nur nicht nachsagen lassen, ich würde immer nur meckern und vollkommen ignorieren, dass eigentlich alles immer besser wird.)

Ich weiß gar nicht, warum ich mich über dieses Filmchen (und vor allem über die erschreckend dummen positiven Kommentare darunter) so aufrege. Es ist doch eigentlich viel schlimmer, dass es überhaupt bettelnde Menschen gibt, als dass irgendjemand diesen Umstand für klebrigen, paternalistischen Eigenwerbescheiß ausbeutet und Tausende dumme Menschen sich davon rühren lassen. Aber man kann sich ja auch nicht immer aussuchen, worüber man sich besonders ärgert.

Vielleicht bin ich ja ein kaltherziger Zyniker, der den Menschen nur die Märchen kaputtmachen will, die sie doch brauchen, um in einer Welt ohne Happy Ends klarzukommen (dabei hat mir doch „Slum Dog Millionär“ selber so gut gefallen und wenn ich mir endlich mal „Pretty Woman“ angucken würde, müsste ich bestimmt auch weinen). Und überhaupt: Wenn es in Dritte-Welt-Slums kein fließendes Wasser gibt, dann sollen die Leute halt Milchkaffee trinken.

(Volker Strübing)

Ach so: Wer den Film sehen will: http://www.youtube.com/watch?v=Hzgzim5m7oU. Ein paar Klicks mehr machen jetzt auch nichts mehr.

 

Schnipsel vom 4.11.2012 – Sind Aktualisierungen Hitler?

„Graphomanie (die Besessenheit, Bücher zu schreiben) wird zwangsläufig zur Massenepidemie, wenn die gesellschaftliche Entwicklung drei grundlegende Voraussetzungen erfüllt:

1) hoher Grad, allgemeinen Wohlstands, der es den Leuten ermöglicht, sich unnützen Tätigkeiten zu widmen;

2) hohes Maß an Atomisierung des gesellschaftlichen Lebens und daraus hervorgehend allgemeine Vereinsamung der Individuen;

3) radikaler Mangel bedeutender gesellschaftlicher Veränderungen im inneren Leben eines Volkes. (In dieser Hinsicht scheint es mir bezeichnend, daß in Frankreich […] der Prozentsatz an Schriftstellern einundzwanzigmal höher ist als in Israel. […])“

Milan Kundera, Das Buch vom Lachen und Vergessen, 1978

Bin darüber gerade gestolpert und fand’s ganz hübsch, vor allem die Sache mit den unnützen Tätigkeiten. Wenn es 1978 schon Emoticons gegeben hätte, hätte Kundera bestimmt noch ein Minus und ein Klammer-zu hinter das Semikolon gesetzt Semikolonminusklammerzu.

Der Schnipselfriedhof sieht seit Kurzem voll gerümpelig aus, die Fotos, die eigentlich genau die Breite der Textspalte haben sollten, sind plötzlich schmaler und mal rechts, mal links, mal mittig. Ich hab noch nicht nachgeguckt, was da passiert ist und ich werde auch den Teufel tun, mir damit den Sonntag Nachmittag zu verderben. Ich nehme an, dass WordPress irgendeine Aktualisierung der Software vorgenommen hat. Neulich habe ich Thunderbird aktualisiert, danach waren alle Mails und sämtliche Einstellungen samt aller sorgfältig eingerichteter Spamfilter und Ordnerweiterleitungen weg. Komplett und für immer. Zum Glück hatte ich zumindest die eingegangenen Mails des letzten Jahres noch auf meinem Laptop und irgendwo liegen Sicherungsdateien der Mails bis 2009 oder 2010 herum. „Aktualisierung“ wird für uns eines Tages einen ebenso bedrohlichen Klang haben wie „Jüngstes Gericht“ für frühere Generationen. Je stärker wir von elektronischer Kommunikation und digitalen Daten abhängig werden, je mehr wir deren Verwaltung und Speicherung an aus der Hand geben, desto müssen wir die nächsten Ideen der Software-Ingenieure und Marketing-Experten der Firmen, die uns so lieb bemuttern fürchten. Software-Aktualisierung als Schicksal.

Dinge, in die wir viel Zeit und Nerven investiert haben (zum Beispiel das Erlernen der Bedienung eines DB-Fahrkarten-Automaten) werden von einem Tag auf den anderen über den Haufen geworfen. Eines Tages schalten wir morgens den Rechner ein und stellen fest, dass uns Facebook eine neue Biografie entworfen hat, Amazon alle Bücher, die wir für den Kindle gekauft haben durch andere ersetzt und WordPress in allen Texten, die wir gepostet haben, schmutzige Wörter wie Blume, Regenbogen und Pinguin durch harmlose Wörter wie Blume, Regenbogen oder Pinguin ersetzt hat (huch!), weil sie mit Schmutz nichts mehr tun haben wollen, und irgendeine App hat unterdessen über Nacht allen Kontakten auf unserem Handy SMSe geschrieben, in denen sie Zalando oder irgendeine Dentalklinik angepriesen hat, und einen Tag nach Wahl führt die Partei, die man gerade gewählt hat, ein Software-Update durch und ist auf einmal doch für Krieg und mehr Armut und so weiter, heiliger Bimbam, uff nüscht kann man sich mehr verlassen!

Und die Aktualisierungen, die man sich wirklich wünscht, kommen nie. Warte seit Ewigkeiten, dass die Sparkasse beim Homebanking eine Funktion zur selbstständigen Editierung des Kontostandes einführt, das kann doch nicht so schwer sein.

(VS)