Gewalt

Anders als man bei dem Titel denken könnte, ist dies hier ein positiver Beitrag. Er beschäftigt sich mit dem gleichnamigen Sachbuch von Steven Pinker, dessen Grundthese zwischen all den populären Welt- oder wenigstens Zivilisationsuntergangsprognosen deutlich heraussticht:

Dieses Buch halndelt vom Wichtigsten, was in der Menschheitsgeschichte jemals geschehen ist. Ob sie es glauben oder nicht – und ich weiß, dass die meisten Menschen es nicht glauben: Die Gewalt ist über lange Zeiträume immer weiter zurückgegangen, und heute dürften wir in einer der friedlichsten Epochen leben, seit unsere Spezies existiert.

Man muss nur an die Ukraine oder an den Gazastreifen denken, an die Konfrontation zwischen China und Japan, an nordkoreanische Atombomben, die Wars on Drugs und Terror oder die Völkermorde in Afrika in den letzten Jahrzehnten, um daran zu zweifeln. Ganz unglaublich wird es, wenn er davon spricht, dass Gewalt in jeder Form und auf jedem Gebiet rückläufig ist: von Krieg über Mord bis hin zu häuslicher Gewalt.

IMG_0148_klein

Lassen wir die Zweifel für einen Moment beiseite und stellen uns vor, er hätte recht: Es wäre nicht nur eine gute Nachricht, sondern auch eine, die viele beliebte Denkmuster umwirft, all das „Früher war alles besser“, „die Moderne führt in die Katastrophe“, „das ist nunmal die menschliche Natur“ und „der Mensch ist des Menschen Mensch“ etc.pp. Die Frage, ob die Gewalt in der Geschichte der Menschheit zugenommen hat, auf dem Rückzug ist oder völlig unabgängig von allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technologischen Entwicklungen ausbricht oder ausbleibt, ist ein entscheidender Faktor für die Beantwortung der Frage, ob es letztlich überhaupt Fortschritt gibt und ob dieser Fluch oder Segen ist.

Die Vorstellung, die Gewalt habe zugenommen, legt die Vermutung nahe, unsere von uns selbst gestaltete Welt habe uns – vielleicht unwideruflich – vergiftet. Die Vorstellung, dass sie abgenommen hat, lässt dagegen darauf schließen, dass wir anfangs garstig waren und dass die Hervorbringungen der Zivilisation uns in eine edle Richtung gelenkt haben, die wir hoffentlich weiterhin beibehalten können.

Auf mehr als 1000 Seiten sammelt Pinker Belege für seine These und geht dann möglichen Ursachen auf den Grund, wobei er außer in der Quantenphysik und Musiktheorie auf so gut wie jedem Gebiet der Natur- und Geisteswissenschaften unterwegs ist. Das Ganze ist äußerst spannend, mörder interessant und überwiegend prima zu lesen.

Na gut: Auf den ersten paar hundert Seiten zieht es sich manchmal ein wenig. Dort erzählt er die Geschichte der menschlichen Gewalt und unterlegt sie mit Dutzenden Statistiken, die ihren Rückgang belegen sollen. Tatsächlich veranstaltet er hier einigen Zahlenzauber und ich bin sicher, dass einige der Statistiken auf tönernen Füßen stehen, aber die Gesamtheit ist überzeugend, zumal die Interpretation mir stets plausibel schien.

IMG_0147_kl

An eins muss man sich dabei gewöhnen: Pinker arbeitet mit Maßeinheiten, die dem Herz erst mal an die Nieren gehen (sozusagen): Kriegstote/Mordopfer/Hingerichtete pro 100.000 Menschen, solches Zeug. Und wenn vor 500 Jahren in einem Land mit zehntausend Einwohnern 100 pro Jahr Opfer von Gewalt wurden, dann wertet er es als Fortschritt, wenn im selben Land 300 Jahre später von 100.000 Einwohnern nur 200 umgebracht wurden. Mit solchen Rechnungen kommt man schnell dahin, dass der Zweite Weltkrieg zwar eine Beule nach oben in der nach unten weisenden Kurve der Gewalt war, aber nur hab so schlimm, wenn man ihn mit dem Dreißigjährigen Krieg vergleicht. So etwas kann schnell einmal zynisch klingen:

Nimmt man die massenhaften Gräueltaten der Menschheitsgeschichte zum Maßstab, so ist die Giftspritze für einnen Mörder in Texas oder ein gelegentliches Hassverbrechen […] eine recht harmlose Angelegenheit.

Das Buch ist aber keineswegs zynisch (im Gegenteil: es ist ein Apell gegen Zynismus und Fatalismus), und auch wenn solche Rechenspiele jedem menschlichen Gefühl widersprechen, sind sie doch legitim, wichtig und aussagekräftig.

Der spannendere Teil ist die Suche nach den Ursachen für den Gewaltrückgang. Pinker findet viele Kandidaten, aber (Achtung Spoiler!), die meisten davon lassen sich auf ein Schlagwort zurückführen: „Zivilisation“ – ausgerechnet das, was vielen als der Weg des Menschen in die Verderbnis erscheint. Der Autor zeigt eindrucksvoll, wie unhaltbar alle Theorien von „im Einklang mit der Natur und sich selbst lebenden“ Wilden und Urhippies sind. Er identifiziert die Aufklärung als eins der Ereignisse (bzw. eine der Epochen), die den größten positiven (also negativen) Einfluss auf die Gewaltentwicklung hatten und widerspricht allen Behauptungen, die Aufklärung habe etwa zum Holocaust geführt.

Er beschäftigt sich mit der Biologie, Psychologie, Ökonomie und Moral der Gewalt. Einiges, was er bei der Ursachenforschung findet, behagt mir nicht, ist deshalb aber nicht einfach von der Hand zu weisen und jedenfalls lesenswert und diskussionswürdig. Pinker stimmt der „Broken window“-Theorie und folglich auch der „Zero Tolerance“-Politik im Kampf gegen das Verbrechen zu, erklärt eine dem Trend entgegenstehende extreme Zunahme des Verbrechens in den USA in den 60er- und 70er-Jahren mit dem schlechten Einfluss der Popkultur und sieht eher freien Handel als „Wohlstand für alle“ als befriedenden Einfluss.

Ich schrieb oben, dass ich sein Buch in weiten Teilen sehr überzeugend und die meisten seiner Thesen plausibel fand. Ich kann aber nicht sagen, inwieweit das daran liegt, dass ich ihm glauben wollte. Weil es gut tat, nach all dem Gekeife, dem Zynismus oder Fatalismus mit dem der Untergang beschworen (und, zumindest was die Demokratie angeht, vielleicht auch als selbsterfüllende Prophezeiung herbeigeschrien) wird, etwas zu lesen, was Mut macht, was einem das Gefühl gibt, es sei nicht alles verloren und es ergäbe Sinn, auf die Zukunft zu hoffen.

IMG_0151_klein

Der Autor selbst würde wohl zustimmen, dass die insgesamt nach unten weisende Zickzacklinie der Gewalt gerade wieder nach oben ausschlägt. Kriege, Bürgerkriege, Aufstände und vor allem das Revival von religiösem Fanatismus und Nationalismus mit all ihren schlimmen Begleiterscheinungen lassen nichts Gutes für die nächsten Jahre erwarten. Aber dennoch gibt es Hoffnung.

Bei allem Kummer in unserem Leben, bei allen Schwierigkeiten, die auf der Welt noch bleiben, ist der Rückgang der Gewalt eine Leistung, die wir würdigen können, und ein Impuls, die Kräfte von Zivilisation und Aufklärung, durch die sie möglich wurde, hoch zu schätzen.

So. Und jetzt kauft euch alles das Buch, ich suche Leute, mit denen ich darüber diskutieren kann:

Statt Amazon: Taschenbuch oder Ebook beim Landbuchhändler bestellen.

Making-of-Notes: Gestern (Sonnabend) kam es beinahe zu einem Ausschlag nach oben in den Gewaltstatistiken der Deutschen Bahn, als ich im ICE nach Augsburg eine halbe Stunde lang die FAZ zerriss, weil ich viel Zeit und die Idee mit den Collagen hatte. „Krrrrcccht!“, „Krrrrrchcchchchchchchchchcht-Ratsch!“, „Krchk!“ – ich hätte mich gehasst!

 

 

Advertisements

Der innere Emmerich

Mein Rekord sind 90 Minuten. Na gut: 88 Minuten. Gestern Nachmittag habe ich ihn aufgestellt. Ich saß an meinem Schreibtisch, vor mir die Tastatur, dahinter ein großer Pott Tee und ein aufgeschlagenes Heft mit handschriftlichem Text, den ich abtippen wollte, und es gelang mir tatsächlich volle 88 Minuten hindurch konzentriert an meinem Computer zu arbeiten, ohne auch nur einmal den Browser zu starten und die neuesten Nachrichten aus Japan zu lesen!

Nach fast anderthalb Stunden wurde es aber wirklich Zeit, die Arbeit zu unterbrechen und mich katastrophenmäßig auf den aktuellen Stand zu bringen. Spiegel Online hatte wenig Neues zu berichten, obwohl doch soviel Zeit vergangen war. Auch auf sueddeutsche.de war nichts Spektakuläres zu finden. Enttäuscht drehte ich mich mit meinem Stuhl in Richtung Fernseher, nun alle Hoffnung auf ARD und ZDF richtend, doch auch die hatten keine neue Schreckensnachrichten zu bieten. Nur ein Upgrade der Opferzahlen und die Meldung, dass jetzt auch in Block sowieso eine Kernschmelze drohe – ich wusste schon nicht einmal mehr, ob es noch der selbe war wie 90 Minuten zuvor oder ob ein neuer dazugekommen war. Und waren wir nicht am Sonnabend schon mal einen ganzen Schritt weiter gewesen, hieß es da nicht schon, dass die Kernschmelze in Gang sei?

Die Nachrichtenlage war also alles andere als befriedigend. Dafür hatte ich nun meine Arbeit unterbrochen! Wenn es wenigstens noch eine weitere Wasserstoffexplosion gegeben hätte, aber nein, auf die musste ich bis heute Morgen beim Frühstück warten. Missmutig griff ich nach dem letzten Strohhalm und zappte weiter, tief hinein in die Niederungen des Journalismus, zu zwei sogenannten Nachrichtensendern. Auf einem der beiden blubberte eine unfassbar unsympathische Frau, die man offenbar direkt von QVC wegengagiert hatte, irgendwas vom „Super Gau“ während am unteren Bildschirmrand die Schlagzeilen prangten: „Atomkatastrophe in Japan. Schon 6000 Tote.“ – als hätte ein Strahlentsunami die Küstenorte hinweggespült. Auf dem anderen Sender sagte ein Sprecher: „Immer wieder erreichen uns neue Amateuraufnahmen von der Katastrophe, die wir Ihnen natürlich nicht vorenthalten.“ Ich setzte mich auf, der Sender fuhr die MAZ ab: Eine schwarze Flutwelle strömt in ein Hafenbecken, spült Autos vom Kai, zerknorkelt Schiffe unter einer Brücke, schwemmt ganze Häuser davon …

Ungläubig, schockiert, ensetzt, fassungslos, die Hände um die Lehnen meines Drehstuhls geklammert starrte ich auf den Fernsehschirm: Das war dreister Betrug! Diese angeblich neuen Bilder hatte ich schon mindestens ein Dutzendmal gesehen! Die glaubten wohl, sie könnten mich verarschen! Ich schaltete auf den ersten Kanal zurück, doch auch dort zeigten sie jetzt dieselben alten Aufnahmen, nur dass sie sie mit trauriger Pianomusik untermalt hatten und gelegentlich einen Teddy im Matsch und eine explodierende Reaktorhülle dazwischen schnitten. Herrjeh, aus dem technikverliebten Japan musste es doch genug atemberaubendes Handyvideomaterial geben, warum speisten die uns mit den immer selben Bildern ab?!

Räusper.

Vielleicht habe ich oben ein bisschen übertrieben, aber ich muss wohl zugeben, dass ich ein Katastrophenjunkie bin. Ein Teil von mir ist nicht betroffen, sondern angefixt, ein Teil hat kein Mitleid, sondern will mehr sehen. Ein Teil wird enttäuscht sein, wenn die ganz große Katastrophe ausbleibt und die piefige deutsche Innenpolitik wieder die Nachrichten bestimmt.

Klar, einem anderen teil von mir ist das zuwider, einem Teil der hervorkommt, wenn sie statt der coolen Action-Bilder vom Tsunami Menschen zeigen, die weinend in einer Trümmerlandschaft stehen und nicht wissen, wo ihre Angehörigen sind und ob sie noch leben. Als 2008 das schwere Erdbeben in China mehrere Städte verwüstete, war ich gerade in Tsingdao (also weit weg vom Erdbebengebiet) und auch damals hat sich mein innerer Emmerich über die spannenden News, die spektakulären Aufnahmen zerstörter Städte … ich will nicht sagen: gefreut, aber angesprochen fühlte er sich schon. Dennoch waren die Bilder von Müttern, die vor zusammengebrochenen Schulen nach ihren Kindern schrieen, unerträglich. Und als ich am nächsten Morgen auf dem Bahnhof von Tsingdao einen Mann telefonieren und dann heulend zusammenbrechen sah, hätte ich ihn am liebsten in den Arm genommen und mit ihm geheult.

Was will uns dieser Text sagen? Dass ich ein kaltschnäuziger abgestumpfter Zyniker bin viellleicht, aber immerhin ein kaltschnäuziger, abgestumpfter Zyniker mit Herz. Keine Ahnung. Und mir fehlt leider die Zeit, jetzt nach einer „Moral von der Geschicht“ zu suchen – ich habe jetzt 113 Minutren an diesem Text geschrieben – neuer Rekord! – es wird wirklich höchste Eisenbahn, den Katastrophen-Live-Ticker auf Spiegel Online zu checken …




Flattr this

(VS)

Huch!

Gerade hat ein FDP-Mensch etwas sehr Schlaues im Radio gesagt, etwas, dass ich in der ganzen Einwanderungsdiskussion bisher vermisst habe. Es sind sich ja scheinbar alle von links bis rechts einig, dass man den Zuzug von ausländischen Fachkräften erleichtern müsse. Der Mann eben war bisher der einzige, den ich habe sagen hören, dass Osteuropa, Indien oder welcher Teil der Welt auch immer die Fachleute ja eigentlich auch selber braucht.
Im Interesse der Besitz-, Wohl- und Abstandswahrung (und damit – da es mir hier in Deutschland ja alles in allem ganz gut geht – auch in meinem Interesse) ist es natürlich wünschenswert, die Ingenieure, Ärzte und Wissenschaftler der zweiten und dritten Welt abzuwerben.

(VS)

Ein Hoch auf das Wachstum

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gehört zu meinen Lieblingszeitungen. Wenn man den Sport- und Immobilienteil sowie die Anzeigen aussortiert hat, bleibt immer noch viel Lesenswertes übrig. Dass sie eher konservativ ist und ich mit vielem nicht übereinstimme, stört mich nicht. Ich will nicht immer nur Sachen lesen, die meine Meinung bestätigen, denn das würde nur dumm machen.
In der Ausgabe von gestern war ein Beitrag, der mich erst sehr geärgert hat, den ich dann aber doch sehr spaßig und informativ fand. Er stammte von Georg Meck, hieß „Ein Hoch auf das Wachstum“ und war ein sehr gutes Beispiel für eine argumentfreie Polemik. Einige beliebte Techniken der politischen Agitation werden in ihm vorbildlich durchexerziert: Weiterlesen

Schnipsel vom 17.3.2010

Nur ganz kurz – ich muss heute noch die neue Kloß-und-Spinne-Folge so weit fertig kriegen, dass ich sie morgen Abend im Horns Erben und Freitag auf der Magazin Lesenacht (beide in Leipzig) vorführen kann.

Premiere

War super. Vielen Dank, an alle, die da waren oder gern da gewesen wären!

Nichtrauchen

Ich wusste nicht mehr, wieviel Zeit das kostet, sonst hätte ich gar nicht nochmal mit Aufhören angefangen. Mit Rauchen ist man insgesamt vielleicht 2 Stunden am Tag beschäftigt, aber Nichtrauchen dauert 24! Das entspricht einer 168-Stunden-Woche! Und alles andere muss man irgendwie nebenbei erledigen.

2 Cent

War ich gestern in der Apotheke. Wollte ich Kopfschmerztabletten kaufen. Musste ich lange anstehen, weil offenbar gerade sämtliche Zahnarztgattinnen des Prenzlauer Bergs beschlossen hatten, sich koffeinhaltige Cellulite Cremes und hautstraffende Birkenwasser Trinkkuren und so Zeugs zu kaufen. Habe ich mir die Werbung in den Fernsehern angeguckt. Kam da Werbung für irgendeine Creme – so’n Vitamingelumpe glaub ich – und eine Laufschrift verkündete, dass von jeder verkauften Tube 2 Cent an ein Entwicklungshilfeprojekt in Afrika gehen. Die nette Apothekerin hat dann nachgeguckt, was eine Tube kostet: 13,98 €. Und da gilt die Pharmaindustrie immer als böse und geldgierig!

Von Kindern für Kinder

Danach habe ich mir Schokolade gekauft. Und später am Abend einen Fernsehbericht gesehen: Fünfzig Prozent des in Deutschland verwendeten Kakaos stammen aus der Elfenbeinküste. Der Kakao wird dort mithilfe von Kinderarbeit produziert. So sorgen die kleinen und großen Naschkätzchen hierzulande dafür, dass die Kinder dort nicht auf der Straße (oder gar in der Schule) sitzen müssen.

(VS)

Die unsichtbare Hand am Strand

Durch eine Diskussion in einer Mailingliste bin ich auf Hotellings Gesetz und das „Eisverkäufer am Strand“-Problem gestoßen: Stellt euch einen hundert Meter langen Strand vor, der an beiden Seiten von Felsen begrenzt ist. Der Strand ist gut besucht und überall gleich schön, so dass Menschen ziemlich gleichmäßig über den gesamten Strand verteilt rumlümmeln. Alle freuen sich, die Sonne scheint, das Baden macht Spaß, das Sandburgenbauen macht Spaß – herrjeh, und das Sandburgenkaputtmachen erst! Um das Glück am Strand komplett zu machen, vergibt der Bürgermeister des Kurörtchens zwei Lizenzen an Eisverkäufer. „Teilt den Strand unter euch auf, ihr werdet euch schon einig!“, sagt er, dann schmeißt er sie aus seinem Büro, legt den Schlips ab und alles andere bis auf die Badehose und geht hinunter zum Strand, denn für heute hat er wirklich genug gearbeitet.
Die beiden Eisverkäufer werden sich bei einem Kräuterschnäppschen in der Currywurstbude am Bahnhof tatsächlich schnell einig: Jeder soll seinen Stand 25 Meter von den Felsen entfernt aufbauen – der eine rechts, der andere links. So hätte jeder genau 50 Meter Einzugsgebiet, für die Hälfte der Strandbesucher wäre es näher zum linken, für die andere Hälfte näher zum rechten Stand. Da sowieso beide dasselbe Eis zum selben Preis anbieten (sie sind Cousins, das Rezept haben sie von Oma und die Milch von Omas Kuh), sollten beide ihr Auskommen haben; für Neid und Zwist bestünde kein Anlass. Weiterlesen

Was nicht passt …

Als es mir neulich jemand erzählte, hielt ich es für eine Ente. Isses aber nicht, wie ich nach kurzem Googeln feststellen musste. Es ist ein alter Hut, nur ich habe im Februar 2007, als es durch die Medien ging, nichts davon mitbekommen:

Es ist kein Scherz: In Löbau macht die Woba kurzerhand Zimmer dicht, um Wohnungen zu verkleinern. Denn ist das Domizil eines ALG-II-Empfängers unangemessen groß, wird ein Raum einfach abgesperrt. 95 Fälle gibt es schon.

Quelle: SZ-Online.de

Da es in Löbau nicht genug kleine, billige Wohnungen für Hartz-IV-Empfänger gibt und das Amt zudem den lobenswerten Vorsatz hatte, möglichst vielen Betroffenen einen Umzug zu ersparen, kam man auf diese naheliegende Idee. Aber ich kann mir nicht helfen: Für mich klingt das wie ein Schildbürgerstreich. Nüscht gegen die Leute vom Amt – die haben eben gesetzliche Vorgaben, die sie erfüllen müssen, und immerhin haben sie eine ziemlich kreative Lösung gefunden … aber absurd ist es trotzdem.

Auszug aus einem Zimmer. Betty Kahlert muss diesen Raum in ihrer Wohnung bald geräumt haben – nicht ganz freiwillig. Ein paar persönliche Sachen sichert die arbeitslose Lehrerin vorsorglich. Doch wohin mit den sperrigen Möbeln? Da hofft sie noch auf eine Lösung. Schließlich muss der Raum völlig ausgeräumt werden.

[…]

Ihr Vermieter begnügt sich ab sofort mit der geringeren Miete und schließt dafür ein Zimmer zu. Ob dieser Raum dann auch wirklich nicht genutzt wird, das kontrolliert Ulrike Wendler von der Wohnungsverwaltung Löbau.

O-Ton: Ulrike Wendler und Betty Kahlert

„Frau Kahlert, die Frau Wendler. Schön Guten Tag Frau Kahlert.“
„Guten Tag Frau Wendler.“
„Ich hatte mit Ihnen schon telefonisch gesprochen, ich möchte mir gerne das Zimmer ankucken.“
„Aber gerne, sie wissen ja, geradeaus.“
„Ja, gut.“
„Also wir haben es soweit zusammengeräumt.“
„So wie wir das abgesprochen hatten.“
„In den nächsten Wochen wird mein Sohn…“

Ein bisschen Glück im Unglück. Sie bekommt eine kleine Übergangsfrist, um die Möbel nicht wegwerfen zu müssen. Den Raum betreten darf sie schon jetzt nicht mehr und der Zimmerschlüssel bleibt in der Hand von Ulrike Wendler. Eine neue Situation – jetzt heißt es zusammenrücken.

Quelle: mdr.de

Da wird also etwas künstlich entwertet, damit es die Armen weiterbenutzen dürfen. Vielleicht sollte man ihnen auch noch Löcher in die Kleider schneiden und all ihre Bücher mit einem „Mängelexemplar“-Stempel versehen?

Keine Ahnung, wie das finanziell läuft. Das Geld, dass daduch gespart wird, dass den Btroffenen nur die Mite für eine kleinere, „angemessene“ Wohnung überwiesen wird, fehlt ja der Wohnungsbaugesellschaft an Mieteinnahmen, es ist also überhaupt nichts gewonnen, außer dass dem Buchstaben des Gesetzes Folge geleistet wurde und ein paar Löbauer endlich nur noch das haben, „was ihnen zusteht“. Ulkige Welt.

(Volker Strübing)