Novemberrückblick II – Fotoinferno

Mensch, jetzt ist der November schon wieder vorbei, und mittlerweile habe ich schon soviel über den Dezember zu erzählen, dass ich das gar nicht mehr schaffe. Darum gibt es hier noch ein paar größtenteils unkommentierte Novemberfotos, die ich eigentlich bloß hier reinmache, damit ich sie endlich los bin, und in der heimlichen Hoffnung, damit das Internet endlich zum Überlaufen zu bringen  …

Bayreuth – Eisbärfell und toter Christus Weiterlesen

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Novemberrückblick I – SLAM 2013

Huch, hier ist ja ein Weblog, wo kommt das denn auf einmal her?!
Der letzte Eintrag liegt so lange zurück, das ich mich kaum noch traue, wieder damit anzufangen. Es ist ein bisschen so, als hätte man den Geburtstag eines lieben Freundes vergessen, und mit jedem Tag, den man nicht anruft, um sich zu entschuldigen und nachträglich zu gratulieren, wird es schwerer, sich zu diesem Anruf durchzuringen.
Aber jetzt soll es sein. Und es drängt mich doch, der ganzen intervernetzten Welt mitzuteilen, wie meine letzten Wochen waren und meine nächste werden.

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Der November ist mir ja seit 10 Jahren einer der liebsten Monate, weil es der Monat der deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften ist, und diese sind immer ein Highlight des Jahres. Was die Vorfreude angeht, erinnern sie ein bisschen an Weihnachten in der Kindheit. Für mich waren es diesmal tatsächlich die 10. Meisterschaften, seit 2004 habe ich keine verpasst, bin bei allen im Einzel- oder Teamwettbewerb angetreten. Ich hatte überlegt, ob ich dieses Jahr im Vorfeld verkünde, dies würden meine letzten Meisterschaften als Teilnehmer werden, künftig werde ich nur noch zum Zugucken und Feiern kommen, aber, ach, was solls – es wird sich zeigen und kommen wie es kommt. Nächster Jahr in Dresden bin ich ganz sicher dabei. Ob nun im Einzel oder Team (Micha und ich planen ein Team LSD Reunion) oder nur im Fanblock … wir werden sehen. Auf alle Fälle gibt es keinen Grund hier theatralisch irgendwelche Ausstiege zu verkünden, die ich dann doch nicht hinkriege. Das wäre ja fast so, als würde ich auf Facebook großkotzig verkünden, ich würde am soundsovielten mit Rauchen aufhören und es dann doch nicht tun … ach nee, Moment, stimmt ja, ich hab ja aufgehört, aber dazu mehr in Teil 14 dieses Novemberrückblicks.

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(Souvenir 1: Ein Gitärrchen für Micha, der leider nicht da war. Ich hatte sie mir für meinen Auftritt beim Songslam gekauft. In einer Drogerie. In der Spielwarenabteilung. Und auf der Party nach dem Finale alle gebeten zu unterschreiben, damit Micha nächstes Jahr auf alle Fälle wieder dabei sein muss, um sich bei allen zu bedanken. Oder sie einfach kurz zu drücken. Oh mein Gott, diese ganze Hippie-Slamily-Scheiße … aber wenn es doch so schön ist …)

Der Slam2013 fand in Bielefeld statt, und es war, was die Stimmung anging für mich einer der schönsten. Das ist ist er zwar jedes Jahr, aber diesmal ganz besonders. Ich liebe diese Menschen. Trotzdem ist es wohl für die Gesundheit ganz gut, dass wir uns nur einmal im Jahr in so einer großen Horde treffen.

Es war im Prinzip wie immer: Es gab einen Haufen Vorrunden, Halbfinals und ein Finale und dauernd flogen Leute raus, die es erdient gehabt hätten, weiterzukommen, während Leute weiterkamen, die es ebenfalls verdient hatten, weiterzukommen und am Ende gewann Topfavorit Jan-Phillipp Zymnie mit 0,1 Punkten Vorsprung vor Top-Favorit Lars Ruppel. Bei aller gebotenen falschen Bescheidenheit möchte ich an dieser Stelle auf den Drittplatzierten hinweisen: mich. Ich hab mich riesig gefreut und bin auch stolz darauf, auch wenn mir klar ist, dass mir mein seit 2004 anhaltendes Auslosungsglück bei deutschsprachigen Meisterschaften dabei sehr geholfen hat. Lars und ich stellten nach dem Finale fest, dass wir es eigentlich sogar viel besser haben als Jan-Phillipp: Wir haben genausoviele Glückwünsche bekommen, müssen aber die Bürde des Meisterseins nicht tragen.

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(Souvenir 2: Behutsam aktualisierter Finaltext. Das mit der Dusche ist eine lange Geschichte, die will bestimmt niemand hören.)

Moment! Das stimmt ja so nicht! Lars hat mit Bottermelk Fresh (Lars Ruppel, Julian Heun und Bleu Broode) im Teamfinale gewonnen und ich bin Sieger des szeneinternen Kinderfotobattles! Gegen das Foto hatten die anderen aber auch sowas von keine Chance. Schon gar nicht die U20er …

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(Schönhauser Allee. Muss 1977 gewesen sein. Wir haben noch in Roßlau gewohnt und waren auf Berlin-Urlaub. Ich find die Oma so toll. Und den Typen am Schaufenster. Und meinen schnieken Steifvater mit Kurzhenkelhipsterbeutel. Das Bild stammt aus so einer vollkommen anderen Welt. Kann kaum glauben, dass ich die mit eigenen Augen gesehen habe.)

Es waren wahnsinnige Tage in Bielefeld und ich kann mich gar nicht genug bei den Organisatoren bedanken, und habe es leider auch gar nicht richtig versucht … Danke! Liebe! Schnaps!

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(Einziger Kritikpunkt am Slam2013: Es gab zuviel Lakritz. Niemand mag Lakritz. Alle hassen Lakritz. Backstage mit dem Lumpenpack (Indiana Jonas und Max Kennel), Hazel Brugger, Alex Burkhard)

Und eigentlich gäbe es noch so viel zu berichten, aber ich will es mit dem Wiedereinstieg in die Friedhofsschnipselei nicht übertreiben. Darum für heute nur ein paar Fotoimpressionen aus dem schönen Bielefeld!

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Berlin durch die Bayreuther Brille

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Ein längerer Aufenthalt fern von zuhaus lässt einen auch die eigene Heimat mit anderen Augen sehen. Mir ging es jedenfalls so, als ich letztes Wochenende das erste Mal nach mehr als zwei Monaten nach Berlin fuhr. Ich war wirklich überrascht, wie laut und wie hektisch mir alles vorkam. Und vor allem: wie schrabbelig. Des weiteren war ich überrascht, dass ich so überrascht war; ich kenne das doch alles! Die Baustellen, den Müll, die dicken Schichten aus zerfetzten Plakaten oder „Hund entlaufen/Wohnung gesucht/Erleuchtung garantiert“-Zetteln an Häuserwänden und Straßenlaternen. Ein Bekannter antwortete einmal auf die Frage, was für ihn typisch Berlinerisch sei: „Die ‚Gehwegschäden‘-Schilder“. Als Berliner nimmt man sie kaum noch wahr, eher würde einem ihr Fehlen auffallen.

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(Berlin-Neulinge benötigen meist etwas Zeit und mehrere Stolperunfälle, bis sie aus mehreren halb überklebten Schildern das Wort „Gehwegschäden“ zusammengesetzt haben.)

Ich glaube, Berliner Ampeln, Laternen und Straßenschilder werden schon ab Werk standardmäßig mit einem „Gehwegschäden“-Schild ausgeliefert, als Sonderausstattung kommt dann gerne noch der große Bruder „Straßenschäden“ dazu. Bei wirklich schlimmen Gehwegschäden schmeißt man zusätzlich noch einen rotweiß gestreiften Warnömmel ins Loch und fertig ist der Lack.

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Das ist allemal billiger als die Behebung der Schäden, und ich frage mich ernsthaft, warum man nicht beim BER auch nach dieser Methode vorgegangen ist: Einfach ein paar Brandschutzmängel-, Gepäckrückgabeunterkapazitäts- und Rollbahnschädenschilder gedruckt und er hätte termingerecht eröffnet werden können!

Bayreuth scheint meine Schmutz- und Lärmtoleranz etwas gesenkt zu haben; ich hatte nicht erwartet, dass mir das so sehr auffallen würde, zumal ja Bayreuth auch keine klinisch-sterile Stadt ist und ich in Berlin nicht einmal in den berühmten Problembezirken unterwegs war, sondern nur im beschaulichen Pankow und der Yuppie-Hipster-Parallelgesellschaft Prenzlauer Berg.

Wenn ich sonst nach längerer Abwesenheit nach Berlin heimkehrte, kam ich meist aus Orten, gegen die Berlin eine Oase der Ruhe ist, in der alles perfekt funktioniert; ja, die Wahrnehmung der Heimatstadt variiert deutlich, je nachdem, ob man aus Bayreuth oder Beirut zurück kommt.

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Ich glaube und hoffe aber nicht, dass ich jetzt dauerhaft für die Großstadt verdorben bin. Man ist ja sehr anpassungsfähig. So wie ich mich in Bayreuth doch recht schnell an das Glockenläuten der Stadtkirche und den morgendlichen Lieferverkehr in der Sophienstraße gewöhnt habe.

Am meisten schockiert hat mich in Berlin eigentlich das Verschwinden der Baustelle auf der Kreuzung Stargader / Greifenhagener Straße, der Ecke, an der auch eins meiner liebsten Schreib-Cafés. Diese Baustelle war doch höchsten zwei oder Jahre alt! Die einzige Erklärung ist, dass man sie abgebaut hat, um sie auf irgendeiner Tourismusmesse in Abu Dhabi oder so als ein Stück „echtes Berlin“ zu präsentieren.

Wenn ich im Juli zurückkomme, ist sie sicher wieder da. Es war doch auch eine Win-Win-Situation: Den Bauarbeitern ging die Arbeit sicher viel angenehmer von der Hand, wenn sie dabei einem faulen Kaffeehausliteraten die Ruhe rauben konnten, und ich hatte stets eine Ausrede zur Hand, wenn mir nichts eingefallen ist.

Final Proof

In meiner unendlichen (und irgendwie ja auch liebenswerten) Naivität hatte ich mir noch immer einen Funken Hoffnung bewahrt. So schlimm wird es schon nicht sein, habe ich mir eingeredet, bestimmt hat die Menschheit nicht komplett den Verstand verloren.

Doch heute morgen hatte ich meinen Wonko-der-Verständige-Moment: Es istZeit, das Äußere des Irrenhauses zu bauen. Beim Frühstück in einem kleinen Baseler Hotel verlosch der letzte Hoffnungsfunken zischend in einer Nespresso-Tasse:

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Eine Spezies, die Individuuen hervorbringt, die auf die Idee kommen, Tassen mit geschlossenen Henkeln zu bauen, gehört in die Geschlossene und hat ganz sicher jedes Recht verwirkt, den Begriff sapiens im Gattungsnamen zu führen. Wahrscheinlich haben ein Designer, der schon lange nicht mehr alle Henkel an der Tasse hatte, und ein zugekokster Marketingmensch darüber nachgedacht, wie sie „die Marke“ stärken könnten. „Wir brauchen irgendwas Unverwechselbares, Einzigartiges! Und da unser Kaffee das nicht ist, lass uns doch mal gucken, was wir mit den Tassen anstellen können!“

An diesem Punkt hat vielleicht ein Teammitglied, das noch über Spuren von Resthirn verfügte, zu bedenken gegeben, dass sich das Prinzip „Henkel mit Loch zum Durchstecken eines oder mehrerer Finger“ seit Jahrtausenden bewährt habe und ein Henkel ohne Loch sinnlos sei, da sich die Tasse an ihm nur sehr unbequem und unsicher halten ließe – woraufhin ihm garantiert sofort (bzw. nachdem man ihn ein bisschen verkloppt hatte) gekündigt wurde, da Traumtänzer, die der seltsamen Idee anhängen, Produkte sollten sinnvoll sein und ihren Benutzern das Leben so einfach und schön wie möglich machen, in Design- oder Marketingabteilungen nun wirklich nichts zu suchen haben, und sich mal bitte ganz schnell zu Streicheltherapeuthen für behinderte Tiere oder so umschulenlassen sollten, aber ganz schnell!

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(Enrüstet weist Micha E. aus B. auf die Henkel des Anstoßes)

So weit, so schlimm. Bis hierhin könnte man das ganze noch als die Dummheit einiger weniger betrachten. Doch als Micha Ebeling und ich den Rezeptionsmenschen des Hotels auf die Tassen ansprachen, gab der zu, dass das ja schon ganz schön blöd sei und fügte hinzu: „Komisch. Wir haben die schon ne ganze Weile, aber da hat uns noch niemand drauf angesprochen.“ Das muss man sich mal vorstellen! Hunderte, Tausende Hotelgäste haben diese Tassen frag- und kritiklos hingenommen! Es wird alles immer schlimmer. Bald wird irgendein Autohersteller Autos mit ovalen Rädern anbieten, um ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz zu haben und die Menschen werden auch dieses Auto kaufen – und ehrlich: Sie verdienen es nicht besser.

(Ich verweise an dieser Stelle aus gegebenem Anlass noch einmal auf diesen etwas älteren Artikel.)

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(Basel, Bayreuth, Kuhschnappel: Wo man auch hinkommt: The Fuck Hornisschen Orchestra war schon da und hat seine Aufkleber hinterlassen. Ausnahme: Chicago – dort war bisher nur das Team Totale Zerstörung.)

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(Dieses seltsame Gefühl, wenn du in einem Club in einer fremden Stadt hinter der Kellertreppe plötzlich ein Gemälde von dir entdeckst …)

(Volker Strübing)

Bayreuther Tagebuch

Ich habe für meine Zeit in Bayreuth ein separates Weblog eingerichtet. Lange, lange habe ich überlegt, wie ich es nennen soll. Sollte ich ihm einen witzigen Titel geben, irgendwas wie: „Ein Preuße in Bayreuth“? Oder was mit Jean-Paul-Bezug? „Blogwenzelei“ vielleicht? „Strübing liest Paul“ hätte ganz gut gepasst, da ich etwas ähnliches vorhabe wie Jochen Schmidt mit seinem Blog und Buch „Schmidt liest Proust“, aber „Strübing liest Paul“ gefiel mir nicht. Schließlich hatte ich eine geniale Idee (verwarf sie aber sofort wieder) und nannte es:

Bayreuther Tagebuch

Bis jetzt gibt es zwei Einträge, einen Brief an die Berliner, den ich auch schon hier veröffentlicht habe, und einen Brief an die Bayreuther. Ich bin aber sicher, dass es sich schnell füllen wird.
Hier werde ich gelegentlich auch posten. Es werden allerdings oft nur Verweise auf meine letzten Artikel im Tagebuch sein. Ich hoffe, Spider wird sich gut um den Schnipselfriedhof kümmern!

(Volker Strübing)

My 24 oder: Schneewittchen im Trabbisarg

Notfalleinsatz beim Comedyslam in der Dresdner Schauburg. Beginn 20.45 Uhr, mein Zug soll 20.52 Uhr in Dresden sein.

Der Zug ist pünktlich … bis Berlin Südkreuz. Dann die Ansage „Blablabla Personenschaden blablaba“. Allgemeines Geseufze und „Kann der sich nicht wie anständige Bürger in der Küche aufhängen“-Gemurmel.

Zugumleitung. Verlassen Berlin nach einer Stadtrundfahrt über Lichtenberg. Die freundliche Frau mit dem Esoterikratgeber fragt arglos: „Nu, des verstehsch neh. Die müssen des doch nur alles wegmachen, was dauort denn daran so lange?“

Habe zum Glück ein gutes Buch dabei: „Das Paradies am Rande der Stadt“ von mir selber. 2006 erstmals im yedermann-Verlag erschienen und seit einiger Zeit nicht mehr lieferbar, wird es im März bei Voland & Quist neu aufgelegt. Ich lese es also noch einmal und kritzele ein bisschen mit dem Kuli darin herum. Das habe ich zuletzt in Schulbüchern gemacht. Dort war es zugegebenermaßen ein bisschen lustiger, weil es oft Fotos von Menschen gab, denen man Brillen oder Hitlerbärtchen anmalen konnte.

Ankunft mit 50 Minuten Verspätung. Taxi. Direkt und in letzter Sekunde (gerade soll die Pause angesagt werden) auf die Bühne. Während mir Thomas Jurisch aus dem Mantel hilft und ich irgendwas ins Mikrofon blubbere, macht Kontantin Turra meinen Rucksack auf. Reingreifen, Text rausziehen, merken, dass ich im Zug noch mal hätte auf Klo gehen sollen, egal – vorlesen.

Pause. Große Freude meinerseits, als ich sehe, dass dort noch immer der Ordner„Versandscheine Kümmeritz“ steht, den ich vor gut einem Jahr mit einem kleinen Strich in „Versandscheiße Kümmeritz“ umgetauft habe.

Lese als Letzter im Finale. Um genau 23.58 Uhr. Macht ja nüscht, muss ja erst um 7 im Zug nach Berlin sitzen.

Kurz vor eins ist alles erledigt, ich habe noch fünf Stunden zu schlafen, doch statt ins Bett geht es noch in eine Bar – ich kann das nicht: Nach dem Auftritt sofort nach Hause oder ins Hotel.

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(Ich hasse es, wenn die Dinger mich so  traurig angucken und „Bitte nicht!“ zu rufen scheinen.)

Der Laden ist sehr klein; ich bewundere das Geschick, mit dem die Inhaber es dennoch geschafft haben, das gesamte Angebot an Flachbildschirmen eines mittelgroßen Elektronikmarktes an den Wänden zu verteilen. Sichere mir den einzigen Platz, auf dem man nicht MTV gucken muss, weil sie das Fenster gegenüber mit einem Fernseher zuzuhängen vergessen haben. Schaue nun in die MTV-guckenden Gesichter der Kollegen.

Ein Getränk, dann ab ins Bett, das habe ich mir geschworen, und tatsächlich schaffe ich es, mich nach zwei Getränken auf den Weg zu machen

3 Uhr. Ankunft im Hostel. Endlich ins Bett. Beziehungsweise in den Trabbi. Die haben eine Matratze längs in einen ollen Trabant Kombi eingebaut. Dieses Etablissement ist eindeutig nicht für Gäste meines Alters konzipiert. Und erst recht nicht für Gäste meines Alters mit DDR-Vergangenheit, die schon beim Anblick eines solchen Autos und der Erinnerung an Familienfahrten an die Ostsee mit so einem Ding Platzangst bekommen.
Alternativ könnte ich auch das Hochbett benutzen, an dem ich mir innerhalb von zwei Minuten drei mal den Kopf stoße, aber schließlich krabbele ich doch auf allen Vieren durch die Heckklappe in den Trabbi, dann wieder mühselig heraus, weil man die Scheinwerfer nur mit mit dem Schalter an der Zimmertür ausmachen kann. Mache das Licht aus, taste mich durch absolute Finsternis, stoße mir zur Guten Nacht ein letztes Mal den Kopf am Hochbett, krabbele in den Trabbi zurück und schlafe wie ein Stein.
Also gar nicht. Steine schlafen nicht, wie ja leider nur die wenigsten wissen. Steine können gar nicht schlafen, und ich tue es ihnen gleich.

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Wie sollte ich auch schlafen? Dadrin fühle ich mich wie Schneewittchen im Glassarg; hoffentlich kommt jetzt nicht auch noch ein nekrophiler Märchenprinz vorbei! Das schlimmste aber ist diese bohrende Frage: Wie haben die den Trabbi in das Hostelzimmer gekriegt? Irgendwann fallen mir wohl doch die Augen zu. Mein Handywecker scheitert an der Aufgabe, mich zu wecken, doch mein innerer Wecker funktioniert perfekt: Fast auf die Minute genau zur Abfahrtszeit meines Zuges wache ich auf.

Bahnhof Dresden Neustadt: Zehn Minuten vor Abfahrt des nächsten Zuges bin ich dort. Genug Zeit. Ich hole mir eine Fahrkarte und einen Kaffee und stelle dann fest, dass man sich noch einen kleinen Spaß hat einfallen lassen: Zum Bahnsteig 7 muss ich über Bahnsteig 3, den man erstmal finden muss. Treppe rauf, den ganzen, langen Bahnsteig 3 entlanghetzen, während man auf Gleis 7 schon den Zug einfahren sieht, Treppe runter, Treppe rauf, Zug geschafft, uff. Ein kleines Fitnessprogramm, das von den Reisenden in der Regel sicher mit Begeisterung aufgenommen wird, nur ich muss mal wieder Nörgeln! Bloß, weil ich immer noch Knie hab, nicht rennen und nur schlecht und langsam Treppensteigen kann und am Montag wahrscheinlich eine Kniespiegelung verpasst bekomme, vor der ich mich schon sehr fürchte, weil man da bestimmt einen Schlauch schlucken muss, der so lang ist, dass er bis dort unten reicht, bäh.

In Leipzig verschafft mir ein ausfallender Zug noch eine Kaffeepause und die Gelegenheit, die nächste Stufe der Eskalation des Schwabenkrieges zu dokumentieren:

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(Woher kommt nur dieser Hass? Was haben die Schwaben den Leipzigern denn getan? Und vor allem: Was haben wir Berliner den Leipzigern getan?)

Jetzt wird alles gut. Sitze im Zug nach Berlin, schreibe diesen Weblogeintrag (auch wenn ich erst Sonnabend dazu kommen werde, ihn abzuschicken) und bin gleich wieder am Hauptbahnhof. Muss jetzt bloß noch rasch ins Studio Audiofenster in Kreuzberg, um die komplette Hörbuch-CD zu meinem neuen Geschichtensammelband „Das Mädchen mit dem Rohr im Ohr und der Junge mit dem Löffel im Hals“, der im März (ebenfalls bei Voland&Quist) erscheint, einzulesen, dann die Wohnung in bewohnbaren Zustand versetzen, weil ich heute Abend Besuch bekomme, noch ein paar Seiten Druckfahnen für das neue Buch korrigieren und um neun bei der Lokalrunde auftreten. Duschen und so Zeugs dann morgen…

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Nachtrag Sonnabend: Habe mich daheim dann doch für die Dusche und gegen das Druckfahnengeschmöker entschieden, aber ansonsten hat alles geklappt. Bin jetzt sehr gespannt, ob man den Aufnahmen die zwei Stunden Schlaf und die vielen Zigaretten anhören wird …

(Volker Strübing)