Mich braucht ihr nicht überwachen, ich erledige das lieber selbst

Ich hätte es nicht tun sollen, weil ich davon immer schlechte Laune kriege und mich sehr unwohl fühle, aber ich habe mich neulich mal wieder etwas ausführlicher mit dem Thema „Staatliche Überwachung“ auseinandergesetzt. Dabei habe ich unter anderem nach Informationen zur „Operation Himmel“ gesucht, jenem machtvollen Schlag gegen Kinderpornographie ins Wasser, der im Dezember 2007 für großes Aufsehen sorgte („Riesiger Kinderpornoskandal schockiert Deutschland„, BILD SpiegelOnline). Die Nachricht, dass zum Beispiel in Köln von den 500 in diesem Zusammenhang eröffneten Verfahren ausnahmslos alle eingestellt wurden, war dann schon keinen großen Aufmacher mehr wert.

Ich wollte wissen, wie diese Verdächtigen genau dort hineingeraten waren, ob die Beschuldigungen vollkommen substanzlos waren, oder ob sie sich in einer rechtlichen Grauzone befunden haben, die die Ermitrtlungen zumindest gerechtfertigt erscheinen lassen. In einigen Artikeln las es sich so, als hätte man durch das Ansehen von Strandbildern, auf denen eben auch nackte Kinder zu sehen sind, ins Visier geraten können, und das wollte ich dann doch nicht glauben. Außerdem wollte ich herausfinden, was das eigentlich bedeutete: „Die Ermittlungen wurden eingestellt.“ Was bedeuten Ermittlungen für die Betroffenen? Hatten die Beschuldigten oder einige von ihnen bereits Hausdurchsuchungen etc. über sich ergehen lassen müssen? Oder haben sie (und vor allem: ihr Umfeld) nie etwas davon erfahren?

Ich habe keine Antworten gefunden, aber bei der Suche etwas erlebt, was mich sehr erschreckt hat. Ich bin nicht gerade ein Top-Rechercheur (habe zum Glück auch keine journalistischen Ambitionen) und war mir daher nicht zu schade, einfach mal „Operation Himmel“ bei Wikipedia einzugeben. Bislang existiert kein Artikel dazu; als erster Treffer wurde „Operation Overlord“ angezeigt. Erst der 5. Artikel passte: „Kinderpornographie“ – und ich habe tatsächlich einen Augenblick gezögert, ob ich wirklich auf einen Link mit diesem Titel klicken sollte. Nicht aus Angst davor, dass ich dort schlimme Bilder zu sehen kriegen könnte, sondern aus Angst, dass dieses Interesse irgendwie falsch interpretiert werden könnte. Hey, das war wirklich nur ein winziger Augenblick – das war dann doch ein übertrieben paranoider Gedanke. Aber da habe ich am eigenen Leib gespürt, wie schon das Wissen – oder der Glaube – beobachtet zu werden, das eigene Verhalten ändert und einen dazu bringt, vor manchen Sachen lieber die Augen zu verschließen.

Vielleicht sollte ich rasch, um mich durch Konfontationstherapie von meiner Paranoia zu heilen, bei Google nach „Bauanleitung Atombombe“, „Reiseangebote Terrorcamp“ und „Schwarzer Beutel“ suchen … immerhin, besitze ich ja keinen Bibliotheksausweis, der mich befähigen würde, Bekennerschreiben für Terrorzellen zu verfassen, ich bin also auf der sicheren Seite der braven Bürger.

(Volker Strübing)

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Daten brauchen keinen Schutz. Die können auf sich selbst aufpassen.

Eigentlich bin ich ja für Datenschutz und so. Aber manchmal denke ich auch: Scheiß drauf. Da kann man auch gleich gegen die Kontinentaldrift demonstrieren. Daten und Informationen sind einfach da und es werden immer mehr und der Versuch, ihre Erfassung und Verbreitung zu begrenzen ist etwa so sinnvoll, wie es die Versuche waren, die Verbreitung von Büchern zu behindern, nachdem olle Gutenberg erstmal den Teufel aus der Flasche gelassen hatte.

Viele Menschen machen sich wenig Gedanken um ihre Privatsphäre. Wenn erst entsprechende Geräte verfügbar sind – und das sind sie sicher bald – werden wir erleben, dass einige Leute ihr ganzes Leben als Stream online stellen. (Und damit auch Teile des Lebens aller Leute, denen sie begegnen.) Vielleicht schalten sie die kleine Kamera ab, wenn sie auf Klo gehen oder Straftaten bestellen; einige werden aber nicht einmal das tun. Wem die eigene Privatspähre egal ist, der wird sich auch schwer damit tun, die Privatspähre anderer zu respektieren. Vielleicht wird diese Entwicklung zu einem größeren Problem für den Datenschutz als die Überwachung durch den Staat oder die Datensammelwut der Marketingabteilungen.

Vor einiger Zeit habe ich mal eine längere SF-Geschichte zu dem Thema geschrieben. Hier ist ein kurzer Ausschnitt, eine Art Hintergrundtext zur eigentlichen Geschichte: Little Big Brothers

Die Daten sind da. Es gibt kein Zurück. Wir müssen uns entscheiden, wem sie gehören sollen – einer kleinen Elite oder allen.

(F.L., 2016)

Vielleicht ist es ja wichtiger, für die Freiheit von Information zu kämpfen, als zu versuchen sie zu „schützen“ und zu verhindern? Das gruslige an der Vorstellung einer Orwell’schen Zukunft ist doch vor allem die Tatsache, dass man der Beobachtung durch ein repressives System ausgesetzt ist, oder? Klar, uns wird es schwer fallen, auf die Privatsphäre zu verzichten, weil wir mit dem Glauben aufgewachsen sind, sie sei ein grundlegendes Menschenrecht. Weil wir daran gewöhnt sind. Aber vielleicht werden unsere Enkel einmal den Kopf darüber schütteln.

Ich denke oft über dieses Thema nach. Heute bin ich wegen einer Nachricht aus Amerika darauf gekommen:

Für 999 Dollar und jede Menge Speichel: Künftig kann sich jeder seine Gene via Internet analysieren lassen – und Auskunft über Erbkrankheiten erhalten.

Hanno Charisius / Süddeutsche Zeitung

Im ganzen Artikel findet sich kein Hinweis darauf, dass man nachweisen muss, dass das eingesandte Material von einem selbst stammt. Der Umstand, dass man einen ziemlich fetten Spuckeflatsch einschicken muss, bringt immerhin eine gewisse Sicherheit vor Gendatenpiraten mit sich. Aber schon bald ist das vielleicht schon mit einem eingesandten Haar möglich.
Mit etwas Geschick sollte es immerhin möglich sein, der Freundin oder dem Freund das benötigte Material abzuluchsen. Dann kann man sie oder ihn zum Geburtstag überraschen mit einer Analyse ihrer oder seiner Wahrscheinlichkeit an Brust- oder Postatakrebs zu erkranken. Das gibt ein Hallo!

(Volker Strübing)

Wie ich mal die Spitzel im Kaffeehaus austrickste

Ich kann mir nicht alle Benutzernamen merken, die ich mir gebe, und erst recht nicht alle Passwörter und Geheimzahlen. Aber man soll ja nix zwei mal nehmen, wegen der Sicherheit. Man soll auch immer seine wahren Daten verschleiern, wegen der Sicherheit. Ich zuckte also ein bisschen zusammen, als die Bedienung in diesem Kaffeehaus in München meinen Namen wissen wollte. Starbucks, Balzac oder sowas in der Art war das. Weihnachtskaffe mit Rentiersirup und aufgeschäumter Wichse Sahne. Ich hatte ja eigentlich nur einen Kaffee trinken wollen, aber „nur Kaffee“: hahaha! Dank der freundlichen Bedienung fand ich aber erstaunlich schnell zu meinem Wunschgetränk. Damit sie mich aufrufen konnte, wenn es fertig war, wollte sie meinen Namen wissen. Sie war so freundlich, also was blieb mir anderes übrig? Ich sagte einen Namen, zahlte und suchte mir einen Stuhl. Nach einer halben Stunde ging ich dann. Sie riefen zwar viele Namen auf, aber ich konnte mich nicht mehr erinnern, welchen Namen ich spontan angegeben hatte.

(Andreas Krenzke)

Schnipsel vom 2.10.2007

  • Die Buchpremiere war – soweit ich das trotz meinern Aufregung mitbekommen habe – sehr schön. Vielen Dank noch einmal an Dan, Jochen, Micha, Spider und Yvonne, an das Team vom Sonntagsclub und an alle, die da waren! Und natürlich an den Verlag Voland und Quist für das wirklich schöne Buch. Lieber Leif, lieber Sebastian, schön, dass wir in Leipzig nochmal zusammen feiern!
  • Hm. Jetzt wo das Buch draußen ist, fällt mir ein, was wir hätten besser machen können: Wir hätten auf die Tielseite unter den Namen des Buches das Wort „Roman“ setzen können. Es handelt sich zwar um eine Sammlung von (teilweise zusammengehörenden) Kurzgeschichten, aber das ist ja noch lange kein Grund, nicht „Roman“ drauf zu schreiben. Bastei Lübbe hatte auch keine Hemmungen, der Kurzgeschichtensammlung „Andere Himmel“ von China Miéville dieses Etikett zu verpassen. Das mag ein versehentlicher Fehler sein, aber daran habe ich doch leise Zweifel. Alle Kurzgeschichtenautoren kennen das Mantra von Verlegern und Literaturagenten: „Schreib doch mal einen Roman, Kurzgeschichten verkaufen sich nicht.“ Dem Absatz des Buches hat der Fehler sicher nicht geschadet.
  • Sehr hilfreich sind natürlich auch tolle Zitate auf der Rückseite. Auf allen Büchern von Dan Simmons zum Beispile steht folgender Satz von Stephen King: „Dan Simmons schreibt wie ein Gott. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich ihn beneide.“ Klingt erstmal gut, allerdings komme ich doch ins Grübeln, wenn ich dieses Zitat auch auf den Büchern „Illium“ und „Olympos“ finde, in denen Götter als ziemlich grobschlächtige Analphabeten dargestellt werden .
  • Ich glaub’s einfach nicht … scheiße … ich glaub’s doch …


(Volker Strübing)