War on Happiness

Sommer 2012. Die Glückssucht in Deutschland ist zu einer gesellschafts- und freiheitsbedrohenden Epidemie geworden. Die Süchtigen taumeln durch die Straßen; gedankenlos, gleichgültig, hedonistisch; erbärmliche Würstchen, an nichts anderem als dem nächsten Schuss Glück interessiert; sie wollen nicht wissen; sie halten die Freiheit für etwas, das vom Jobcenter an Bedürftige ausgegeben wird; die Glückssucht hat ihren Verstand vernebelt und ihre Seelen zerfressen, alles außer der nächsten Dosis Glück ist ihnen eine Last, sogar, dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist ihnen nur schwer erträglich. Die Glücksdealer reiben sich die Hände, ihre Geschäfte laufen bestens, während die Glücksbeschaffungskriminalität immer schrecklichere Ausmaße annimmt und Glückssüchtige auf Turkey wie die Zombies in Dawn of the Dead die Einkaufszentren stürmen …
Höchste  Zeit, den „War on Drugs“ auf das Glück auszudehnen!   Weiterlesen

Was weiß der Hering von der Schönheit seines Schwarms?

ACHTUNG: Enthält sinnlosen Cat-Content und unausgegorenes Zeugs! Und überhaupt: Wer sagt denn, dass eine Fortsetzung denselben doofen Titel wie der erste Teil haben muss?

(Was die Eigenschaft angeht, einen von den wirklich wichtigen Dingen im Leben  –  rumliegen und Fantasy-Romane lesen etc. – abzulenken, können Katzen durchaus als eine Art Vorläufer des Internets gelten.)

Ab und zu stößt man im Netz auf die Idee, die Kultur der Zukunft brauche keine Urheber im klassischen Sinne mehr. Die „schwache“ Variante dieser Idee meint damit nur, sie brauche keine bezahlten Urheber mehr. Die „starke“ Variante meint: Sie braucht keine Individuen mehr, das Netz, das Kollektiv, der Schwarm würde das übernehmen, die Kreativität der Vielen würde die beschränkten Möglichkeiten des Einzelnen weit hinter sich lassen. In Reinform bin ich dieser Variante noch nicht begegnet, aber es geht mir hier ja auch um Spekulation und Gedankenspiele und nicht um aktuellpolitische Erörterungen – weshalb ich auch auf die sich bei diesem Thema anbietenden Bezüge zur Diskussion um Urheberrecht und geistiges Eigentum verzichten will.

Soweit es geht, denn ganz komme ich nicht herum.

Beide Variante gehen im Prinzip von einem Ende individuellen Ausdrucks aus. Kunst könne nicht mehr als Werk eines Einzelnen gelten, da sie auf der Gesamtheit des kulturellen Schaffens der Vorgänger beruhe und daraus schöpfe – sie sei letztlich nur ein Mash-Up des Zuvordagewesenen, könne keine Eigenständigkeit beanspruchen. Denkt man das konsequent, weiter ist auch jeder Mensch nur ein Mash-Up der Gene seiner Eltern.

Außerdem kann man argumentieren (und man tut es), die Vielen würden freiwillig und kostenlos Kultur produzieren, der Urheber als Spezialist würde nicht mehr benötigt.

Bevor mich jemand falsch versteht: Natürlich wird freiwillig und kostenlos Kultur geschaffen. Niemand greift ja erst zur Gitarre, wenn er einen Arbeitsplatz als Musiker gefunden hat! Und was professionelle Künstler schaffen, ist weiß Gott nicht zwangsläufig besser, als die Leistungen guter Amateure. Aber auch die guten Amateure sind Spezialisten und Individuen/Individualisten.

Aber jetzt ist ersteinmal an der Zeit für ein weiteres Katzenbild: Weiterlesen

Du, Internet, ich hab da mal ne Frage … (1)

Das folgende soll Auftakt einer kleinen Reihe sein. Mal sehen, wie lange ich sie durchhalte. Ich denke gerne über die Zukunft nach, in letzter Zeit wieder besonders viel und vor allem über die Zukunft des „des Netzes“ und die Auswirkungen auf uns kleine Fische, die sich darin verfangen haben. Das liegt zum Teil an der Urheberrechtsdiskussion, zum anderen, weil ich an einem Weltentwurf für einen möglichen SF-Roman bastle. (Bitte keine Nachfragen – falls ich den tatsächlich schreiben sollte, dann nicht in nächster Zeit!) Das Problem ist, dass beim Nachdenken mehr Fragen als Antworten rauskommen. Und ein paar davon wollte ich jetzt mal in dieses Internetdingens reinschreiben.

Weisheit der Massen oder Dummheit des Mobs?

Es gibt dieses Experiment: Wenn man 100 Leute das Gewicht eines Ochsen schätzen lässt und den Durchschnittswert bildet, erhält man ein Ergebnis, das ziemlich nahe am tatsächlichen Gewicht des Ochsen liegt. Die Wahrscheinlichkeit für ein annähernd korrektes Ergebnis ist auf jeden Fall viel höher, als wenn man irgendeine einzelne Person befragt. Mit diesem Experiment wird gerne die „Weisheit der Vielen“ oder die „Schwarmintelligenz“ illustriert.

Ich habe allerdings keine Ahnung, was das mit Weisheit zu tun haben soll. Und vielleicht ist ja unter den 100 Leuten einer, der sich sehr gut mit Ochsen auskennt und eine viel zuverlässigere Schätzung abgeben kann – seine Erfahrung wird im Gesamtergebnis kaum ins Gewicht fallen. Vielleicht ist sogar ein „Weiser“ unter den 100, der auf den Abstimmungszettel schreibt: „Hey, lasst uns doch eine Waage holen, dann wissen wir’s genau“, aber diese Antwort wird natürlich als ungültig gewertet.

Welche Schlussfolgerungen für die Zukunft der Politik bringt die Theorie von der Weisheit der Vielen mit sich? Ihre Umsetzung in der Wirtschaft ist ein radikal freier Markt; wäre das politische Gegenstück die direkte Demokratie?

Darf man der Masse politische Entscheidungen überlassen? Hat sie nicht ein Recht, die Entscheidungen, die ihr Leben und ihre Zukunft betreffen, selbst zu fällen, wenn dies möglich ist? Und mit welcher Rechtfertigung kann man noch die alte, langsame, korruptions- und erstarrungsanfällige Vertreterdemokratie verteidigen, wenn das Netz in Zukunft eine direkte Demokratie technisch möglich macht?

Aber können „die Vielen“ Entscheidungen treffen, die nicht einfach nur den momentanen Interessen des durchschnittlichen Individuums innerhalb dieser Masse entsprechen? Ich glaube, man braucht Brems- und Korrekturmöglichkeiten und einen Rahmen, der die Entscheidungsfreiheit des Kollektivs eingrenzt, Mechanismen, die uns vor unserer eigenen Dummheit schützen und verhindern, dass aus der Demokratie ihr böser Bruder, die Ochlokratie, die „Tyrannei des Pöbels“ wird – oder die Herrschaft von Peter und Erika Mustermann.

100 Leute stehen um einen Ochsen herum und beglückwünschen sich dazu, wie toll sie sein Gewicht geschätzt haben. Dem Ochsen wird das irgendwann zu dumm, er schnaubt und scharrt mit den Hufen. Der Ochsenexperte will erklären, dass kein Grund zur Beunruhigung bestehe, man müsse sich nur langsam und leise zurückziehen, aber leider ist er einer der ersten, die in der ausbrechenden Panik zu Tode getrampelt werden.

Ist übrigens Wikipedia ein Beispiel für die Weisheit der Massen? Nö. Nur für ihren Fleiß. Hier wird Wissen zusammengetragen und auf bequeme Art zugänglich gemacht – aber es wird kein Wissen geschaffen. Und funktionieren kann es nur, weil die Mitwirkenden weitgehend auf alles verzichten, was sie zu Individuen macht: eigene Meinung, eigenen Geschmack, eigene Moral.

Wie steht es eigentlich um Schwarmempathie, die Moral der Vielen oder die Kreativität der Massen? Auch dazu habe ich keine Antwort, sondern nur eine Meinung und viele weitere Fragen – was mich nicht davon abhalten wird, demnächst darüber zu schreiben.

 (Volker Strübing)

Willkommen bei den Lumen

Um die Profite zu steigern oder zumindest auf gleichem Niveau zu halten, sind ständig wachsende Absatzmengen notwendig. Nicht die Nachfragen und Wünsche der Kunden treiben also das System an, sondern die Marketingabteilungen.
Gorz zitiert den Leiter einer US-Agentur: „Ich betrachte die Werbung als Erziehungs- und Aktivierungskraft, die in der Lage ist, die für uns notwendigen Nachfrageveränderungen einzuleiten.“
Der Kunde steht im Dienst einer Produktion, die ein Maximum an Überflüssigem hervorbringt, das schnellstmöglich kaputtgehen muss, um Platz für neue Waren zu schaffen.

Annette Jensen in der Taz vom 13./14.6.
über das Buch „Auswege aus dem Kapitalismus“ von André Gorz

Sehr schön zusammengefasst. Ein wirklich zufriedener Kunde ist das letzte, was sich irgendein Hersteller wünschen kann. Zufrieden darf er nur mit dem kurzen Kick des Neukaufs sein, damit er sich den auch in Zukunft mit Produkten desselben Herstellers holt. Und die erste und wichtigste Aufgabe der Werbung ist es, die Menschen unzufrieden zu machen.

Lesetip: „Unheimliche Erscheinungsformen auf Omega XI“ von Johanna und Günther Braun.

(VS)

129 Jahre verbleibend

Die 47247 Tage vergingen wie im Fluge. Nur die letzten 7 Stunden wollten einfach kein Ende nehmen …

Die Anzeige der verbleibenden Zeit ist eine der mysteriösesten Sachen an der ganzen Computerei. Rechner scheinen über die Fähigkeit zu verfügen, die Zeit zu manipulieren, anders ist es nicht zu erklären, dass diese Angabe in keinerlei Beziehung zur realen Zeit steht (wobei ich mich natürlich als hoffnungsloser Anthropozentriker oute, wenn  ich die Menschenzeit für real und objektiver als die des Computers halte). Oder kann es sein, dass sich die Computer da einfach verrechnen? Machinen, die den Menschen im Schach und manchmal sogar bei Siedler 3 besiegen, sollen an so einer einfachen Aufgabe scheitern? Was sagt das dann über Spezies aus, die von diesen grauen Fehlerteufeln im Schach oder sogar bei Siedler 3 besiegt werden?

Wenn es etwas noch Mysteriöseres als die Anzeige der verbleibenden Zeit gibt, dann das hier:

Bei Windows Vista sieht man das ständig … und oft dauert diese Berechnung der verbleibenden Kopierzeit länger als das eigentliche Kopieren. Vielleicht weil die Manipulation des Raum-Zeit-Kontinuums, die zur Erzeugung der absurden Zeitangaben nötig ist, einen hohen Rechenaufwand mit sich bringt? Oder nur, um ein bisschen Spannung und Vorfreude zu erzeugen und die Arbeit am Computer angenehmer zugestalten? Ich weeß nich, ich weeß nich … aber ich werde es weiter beobachten … mehrmals täglich … ob ich will oder nicht …

(Volker Strübing)

König von Deutschland

Ein Jahr ist es nun her, dass in Deutschland praktisch die Monarchie wieder eingeführt wurde. Schnipselfriedhof sprach aus diesem Anlass mit Enriko Jokisch – oder mit Ritschie I., wie viele ihn einfach nur nennen.

Schnipselfriedhof: Herr Jokisch, bitte gestatten Sie mir zuerst eine private Frage: Wie fühlt man sich so als „König von Deutschland“?

Richie I.: Na, voll geil! Ähm … also ich bin ja eigentlich gar nicht König. Ich bin der oberste und erste … ähm Präsentant des … äh … Dienerstaates.

Schnipselfriedhof: Sie meinen ihre offizielle Bezeichnung „Oberster Repräsentant des Volkes und erster Diener des Staates“? Weiterlesen

Daten brauchen keinen Schutz. Die können auf sich selbst aufpassen.

Eigentlich bin ich ja für Datenschutz und so. Aber manchmal denke ich auch: Scheiß drauf. Da kann man auch gleich gegen die Kontinentaldrift demonstrieren. Daten und Informationen sind einfach da und es werden immer mehr und der Versuch, ihre Erfassung und Verbreitung zu begrenzen ist etwa so sinnvoll, wie es die Versuche waren, die Verbreitung von Büchern zu behindern, nachdem olle Gutenberg erstmal den Teufel aus der Flasche gelassen hatte.

Viele Menschen machen sich wenig Gedanken um ihre Privatsphäre. Wenn erst entsprechende Geräte verfügbar sind – und das sind sie sicher bald – werden wir erleben, dass einige Leute ihr ganzes Leben als Stream online stellen. (Und damit auch Teile des Lebens aller Leute, denen sie begegnen.) Vielleicht schalten sie die kleine Kamera ab, wenn sie auf Klo gehen oder Straftaten bestellen; einige werden aber nicht einmal das tun. Wem die eigene Privatspähre egal ist, der wird sich auch schwer damit tun, die Privatspähre anderer zu respektieren. Vielleicht wird diese Entwicklung zu einem größeren Problem für den Datenschutz als die Überwachung durch den Staat oder die Datensammelwut der Marketingabteilungen.

Vor einiger Zeit habe ich mal eine längere SF-Geschichte zu dem Thema geschrieben. Hier ist ein kurzer Ausschnitt, eine Art Hintergrundtext zur eigentlichen Geschichte: Little Big Brothers

Die Daten sind da. Es gibt kein Zurück. Wir müssen uns entscheiden, wem sie gehören sollen – einer kleinen Elite oder allen.

(F.L., 2016)

Vielleicht ist es ja wichtiger, für die Freiheit von Information zu kämpfen, als zu versuchen sie zu „schützen“ und zu verhindern? Das gruslige an der Vorstellung einer Orwell’schen Zukunft ist doch vor allem die Tatsache, dass man der Beobachtung durch ein repressives System ausgesetzt ist, oder? Klar, uns wird es schwer fallen, auf die Privatsphäre zu verzichten, weil wir mit dem Glauben aufgewachsen sind, sie sei ein grundlegendes Menschenrecht. Weil wir daran gewöhnt sind. Aber vielleicht werden unsere Enkel einmal den Kopf darüber schütteln.

Ich denke oft über dieses Thema nach. Heute bin ich wegen einer Nachricht aus Amerika darauf gekommen:

Für 999 Dollar und jede Menge Speichel: Künftig kann sich jeder seine Gene via Internet analysieren lassen – und Auskunft über Erbkrankheiten erhalten.

Hanno Charisius / Süddeutsche Zeitung

Im ganzen Artikel findet sich kein Hinweis darauf, dass man nachweisen muss, dass das eingesandte Material von einem selbst stammt. Der Umstand, dass man einen ziemlich fetten Spuckeflatsch einschicken muss, bringt immerhin eine gewisse Sicherheit vor Gendatenpiraten mit sich. Aber schon bald ist das vielleicht schon mit einem eingesandten Haar möglich.
Mit etwas Geschick sollte es immerhin möglich sein, der Freundin oder dem Freund das benötigte Material abzuluchsen. Dann kann man sie oder ihn zum Geburtstag überraschen mit einer Analyse ihrer oder seiner Wahrscheinlichkeit an Brust- oder Postatakrebs zu erkranken. Das gibt ein Hallo!

(Volker Strübing)

Das besoffene Internet

Das menschliche Gehirn besteht aus ungefähr 100 Milliarden Nervenzellen.

Das Internet besteht aus ungefähr 1,3 Milliarden miteinander vernetzten Menschen bzw. ihren Computern. Das ist im Vergleich natürlich wenig, aber wenn man bedenkt, dass ein einzelner Mensch, noch dazu ein Mensch am Computer im Vergleich zu einem einzelnen Neuron ein viel komplexeres, aus Milliarden Neuronen und Millionen Bytes bestehendes informationsverarbeitendes System ist, liegt der Gedanke nahe, dass das Internet längst die Komplexität eines menschlichen Gehirns erreicht bzw. überschritten hat.

Ich finde die Vorstellung faszinierend, dass es irgendwann zu Bewusstsein erwacht. Oder schon zu Bewusstsein erwacht ist … wer weiß? Denn selbstverständlich würden wir nichts davon bemerken. Ein einzelnes Neuron, dass Signale erhält und bei Erreichung des Schwellenpotetials weiterleitet, weiß nichts davon, dass es gerade daran mitwirkt, einen Eintrag im Schnipselfriedhof zu verfassen. Und ein Mensch, der gerade einen Eintrag in sein Weblog schreibt, in einem Online-Spiel ein Monster killt oder eine wütende Email schreibt, nachdem der Ärger über andere Emails sein Schwellenpotential erreicht hat, ahnt nicht, dass er in Wirklichkeit nur von diesem neuerwachenden Bewusstsein dazu benutzt wird, den Gedanken „Ich denke, also bin ich“ hervorzubringen … Weiterlesen

Kein Blut für Butter!

Es begann als bitterer Witz an einer ALDI-Kasse in Berlin-Weissensee. „Ich kann ja mal meinen Chef fragen, ob er mir einen Buttergroschen auf den Lohn drauf packt“, sagte Frankie Metzler und lachte höhnisch auf, als er die Butter und die Milch vom Band nahm und in den Nylonbeutel fallen ließ. Die Schlange hinter ihm nickte und murmelte beipflichtend. „Aber dann kann er ja seiner Frau zu Weihnachten keinen neuen BMW schenken!“, fügte er hinzu. Und: „Is wie mit die Stromkonzerne! Die machen Milliardengewinne und tanzen uns auf der Nase rum. Die machen, was sie wollen!“ Noch mehr beipflichtendes Gemurmel. „Naja. In Zukunft nur noch Margarine. Ging ja früher och. Damals zu Ostzeit, die gute Kama Cama, das war doch gutes Zeug, was?!“

Schon am nächsten Tag schloss sich die Boulevardpresse dem Aufruf zu einem Butterboykott an. Auch die Forderung nach einem Buttergroschen verbreitete sich rasant. Deutschlands meistgehasster Molkereimogul forderte Hilfe vom Staat in Form von Subventionen, mit denen er den Preis für Milch niedrig halten könnte, ohne selbst Geld zu verlieren. Finanziert werden solle dies über eine Senkung der Sozialausgaben – das sei sowieso nötig, denn die Menschen müssten Eigenverantwortung lernen, anstatt immerzu Hilfe vom Staat zu fordern. Auf ntv rieten Wirtschaftsexperten dazu, Geld in Molkereiprodukte anzulegen. Die Konten der Bürger leerten sich, während sich ihre Tiefkühltruhen und Keller mit Quark und Joghurt füllten. Der Milchpreis stieg und stieg.

Der Buttergroschen wurde Wirklichkeit. Allerdings nicht so, wie es sich die meisten erhofft hatten. Statt der Löhne stiegen die Preise. Den Anfang machten die Berliner Lesebühnen, deren Autoren den Gedanken nicht ertrugen, ihren Kaviar in Zukunft auf Margarineschrippen zu schmieren. Schnell stellte sich heraus, dass die Erhöhung der Preise für Milchprodukte der erste Stein in einer langen verschlungenen und verzweigten Rehe von Dominosteinen gewesen war, die nun einer nach dem anderen stürzten und den nächsten mit sich rissen. Am Ende musste der Preis für Luxusyachten erhöht werden, weil die Frau des Besitzers der Yachtwerft nicht auf ihr tägliches Schönheitsbad in Crème fraîche verzichten wollte. Pech für den Molkereimogul, der sich zu Weihnachten eigentlich mit einer neuen Yacht für die sprudelnden Gewinne belohnen wollte.

Unterdessen hatte sich die Situation auf dem Milchmarkt fundamental gewandelt. Immer mehr Anbieter wollten beim Geschäft mit dem „weißen Gold“, wie Milch bald genannt wurde, mitmischen. Brot und Biodiesel wurden knapp, weil immer mehr Anbaufläche für Milchkuhfutter gebraucht wurde. Massendemonstrationen unter dem Motto „Kein Blut für Butter“ konnten die Milchkriege (eigentlich die „Futtergetreideanbaugebietekriege“) von 2008 nicht verhindern. Südkoreanische Forscher konnten durch Gentransfer elefantengroße Kühe herstellen, die fast nur aus Euter bestanden. Der Klimawandel beschleunigte sich wegen der furzenden Rinder dramatisch.
Schweinefleisch wurde zuerst extrem billig, als alle europäischen Züchter ihre Bestände schlachteten, um Platz für Milchkühe zu schaffen, und dann sehr, sehr teuer … und ein Strom aus Milch ergoss sich über die Erde und riss die Wirtschaft in eine Talfahrt, einen Malström der Inflation. Milchmanager sprangen aus Wolkenkratzern; Millionen einfacher Bürger, die ihr gesamtes Erspartes in Milchprodukten angelegt hatten, verloren alles – und die wenigen verbliebenen Schweinehalter lebten wie die Scheichs.

Endlich wurde die Notbremse gezogen. Milliarden Hektoliter Milch wurden in die Ozeane verklappt, um die Preise hochzuhalten. Ungünstige Winde und Strömungen trieben einen Teil davon auf die Küsten zu und verursachten die großen Milchpesten (-peste? -pests? pesto?) von 2008 und 2009. Und dann entdeckte jemand eine Möglichkeit, aus Milch Biobenzin herzustellen. Bald warb Esso mit dem Slogan: „Die Kuh im Tank“. Der Milchpreis begann zu steigen. In einem Nettomarkt in Dresden machte jemand einen bitteren Witz: „Ich kann ja meinen Chef mal nach einem Buttergroschen fragen.“

(Volker Strübing)

Bombengeschäft

Gerade habe ich in die dümmliche Trash-SciFi-Serie Primeval auf Pro 7 reingeschaut. In einem britischen Wald hat sich ein Zeitfenster aufgetan, durch das nun allerlei schlecht animierte Viecher aus der Vergangenheit in unsere Zeit spazieren, die Kinderzimmer von zufälligerweise Sauriermodelle sammelnden Kindern verwüsten und – ein bisschen Spaß muss sein – unsympathischen Nebenfiguren auf die Schulter kacken.
In der Werbepause tat sich dann überraschend ein Fenster in die Zukunft auf. In die Zukunft von Fernsehen und Terrorismus um genau zu sein. Pro 7 bewarb die Ausstrahlung des Blockbusters „Der Anschlag“ am Sonntag. Am Ende folgte der Hinweis: „Der Anschlag wird ihnen präsentiert von Radeberger“.

(Volker Strübing)