Zweckentfremdung

Weil immer mehr Wohnungen, besonders in Pankow, als Ferienunterkünfte teilweise schwarz an Touristen vermietet werden, diskutiert die Berliner Provinzpolitik zur Zeit ein so genanntes Zweckentfremdungsverbot, dass diese Vermietungen unterbinden soll. Ich finde das gut, ich bin dafür denn ich bin auch dagegen, ich bin schließlich betroffen, kann ich ihnen gerne mal erzählen.

Ich bin ja auch Pankower. Wohne an der Nordküste von Prenzlauer Berg. Unweit brandet der Autoverkehr an die Gestade der Wisbyer. Bei uns im Haus werden auch Wohnungen zweckentfremdet. Wahrscheinlich sogar ganz legal. Jedenfalls bestimmt nicht schwarz und an der Steuer vorbei. Ein ganz großes Ding, der Hauseigentümer persönlich steckt angeblich dahinter. Also die Wohnungsbaugesellschaft. Ganz legal. Noch. Aber nicht mehr lange. Hoffentlich.

Bei uns im Haus betrifft das gleich mehrere Wohnungen. Sogar meine auch. Eigentlich alle. Die Wohnungen werden einfach vermietet. Ohne uns zu fragen. Dabei wohnen wir darin. Es ist, wenn man mal darüber nachsinnt, ein Skandal. Die Wohnungsbaugesellschaft vermietet unsere Wohnungen. An uns. Der Zweck einer Wohnung ist doch deren Bewohnung. Nicht deren Vermietung. Vermietung, nicht nur an Touristen, Vermietung ist an sich Zweckentfremdung.

Ich habe ja nichts gegen Betriebskosten oder dagegen, den Hausmeister zu bezahlen. Aber nur das Wohnen selbst? Ich verschleiße die Wohnung doch nicht. Eigentlich bewahre ich sie vor Verwahrlosung. Sie ist noch da, wenn ich ausziehe. Und selbst wenn ich die Wohnung irgendwie verbrauchen würde, wäre das keine Rechtfertigung für Miete. Bomberpiloten bezahlen doch auch nicht für die Häuser, die sie verschleißen. Gleiches Recht für alle!

Und ich weiß natürlich, dass Häuser ab und zu renoviert werden müssen. Aber wenn ich meine vier Wände malere, bekomme ich auch nichts, von der Wohnungsverwaltung, warum sollte es umgekehrt so sein? Der Graffiteur bekommt auch kein Geld fürs taggen. Und wieso steigt mit jeder Sanierung die Miete? Sie sinkt doch auch nicht, wenn das Gebäude abgewohnt wird.

Außerdem: Mein Haus, in dem ich wohne, wurde vor 90 Jahren gebaut. Inzwischen sollte es abbezahlt sein, oder die Miete nach mehreren Währungsreformen im zweistelligen Bereich liegen, im zweistelligen Centbereich.

Wir reden immerhin von Wohnungen, die unsere Urgroßeltern gebaut und trocken gewohnt hatten. Die unsere Großeltern nach dem Krieg wieder aufbauten. Ohne dass sie deswegen einen Besitz daran oder ein Vermögen damit erwarben, welches sie uns vererben konnten.

Wenn Miete etwas objektives wäre, dann müsste sie doch auch überall mehr oder weniger gleich hoch sein. Ähnlich wie der Benzinpreis. Mir kann niemand erzählen, dass die gleiche Wohnung in Köpenick weniger wert ist als in Prenzlauer Berg. Oder in Brandenburg billiger als in Berlin. Oder das sie in Hamburg oder München mehr wert und damit teurer sein kann als in Berlin, schließlich befindet sie sich doch in Hamburg oder München.

Jeder Mensch muss wohnen. Es ist moralisch falsch, mit dem Besitz von Wohnraum Geld zu verdienen. Man kann, wenn man Geld braucht schließlich auch arbeiten gehen. Oder ALG II beantragen. Machen viele andere, die keine Häuser besitzen auch so.

Überhaupt, wenn die ehemaligen Hausbesitzerinnen und –besitzer plötzlich auf dem Amt auftauchen, mal sehen, wie schnell sich dort ein freundlicher Umgang mit Hilfebedürftigen einstellen würde.

Oder man dreht das alles um. Man schafft die soziale Grundsicherung, wie sie bisher war, ab, indem man jeder arbeitslosen Person mehrere Wohnungen übergibt, von deren Vermietung sie dann leben kann. Bei 40 Millionen Wohnungen in Deutschland und 3 Millionen Arbeitslosen, wären das 13 Wohnungen pro Arbeitslosen. Das Durchschnittseinkommen liegt bei ungefähr 2500 Euro (vielleicht könnten Arbeitslose mit weniger klarkommen). Um so viel einzunehmen, müsste der einzelne Arbeitslose eine einzelne Wohnung für knapp 200 Euro vermieten. Damit könnte ich leben. Es ist ein okayer Betrag. Ich wüsste, wer mein sauer verdientes Geld kriegt – und woher mein Geld kommen könnte, wenn ich mal nichts mehr sauer verdienen sollte.

Eigentlich müssten die Menschen, allen voran Hamburger und Münchener, sofort beginnen, meine Idee Realität werden zu lassen, durch Demokratie. Meinetwegen auch durch Revolution. Oder, was ich immer propagiere: Evolution. Aber das ist ja jetzt nicht mehr nötig. Denn Berlin plant ein Zweckentfremdungsverbot.

Endlich eine Sorge weniger!

(Andreas Krenzke)

Advertisements

Was weiß der Hering von der Schönheit seines Schwarms?

ACHTUNG: Enthält sinnlosen Cat-Content und unausgegorenes Zeugs! Und überhaupt: Wer sagt denn, dass eine Fortsetzung denselben doofen Titel wie der erste Teil haben muss?

(Was die Eigenschaft angeht, einen von den wirklich wichtigen Dingen im Leben  –  rumliegen und Fantasy-Romane lesen etc. – abzulenken, können Katzen durchaus als eine Art Vorläufer des Internets gelten.)

Ab und zu stößt man im Netz auf die Idee, die Kultur der Zukunft brauche keine Urheber im klassischen Sinne mehr. Die „schwache“ Variante dieser Idee meint damit nur, sie brauche keine bezahlten Urheber mehr. Die „starke“ Variante meint: Sie braucht keine Individuen mehr, das Netz, das Kollektiv, der Schwarm würde das übernehmen, die Kreativität der Vielen würde die beschränkten Möglichkeiten des Einzelnen weit hinter sich lassen. In Reinform bin ich dieser Variante noch nicht begegnet, aber es geht mir hier ja auch um Spekulation und Gedankenspiele und nicht um aktuellpolitische Erörterungen – weshalb ich auch auf die sich bei diesem Thema anbietenden Bezüge zur Diskussion um Urheberrecht und geistiges Eigentum verzichten will.

Soweit es geht, denn ganz komme ich nicht herum.

Beide Variante gehen im Prinzip von einem Ende individuellen Ausdrucks aus. Kunst könne nicht mehr als Werk eines Einzelnen gelten, da sie auf der Gesamtheit des kulturellen Schaffens der Vorgänger beruhe und daraus schöpfe – sie sei letztlich nur ein Mash-Up des Zuvordagewesenen, könne keine Eigenständigkeit beanspruchen. Denkt man das konsequent, weiter ist auch jeder Mensch nur ein Mash-Up der Gene seiner Eltern.

Außerdem kann man argumentieren (und man tut es), die Vielen würden freiwillig und kostenlos Kultur produzieren, der Urheber als Spezialist würde nicht mehr benötigt.

Bevor mich jemand falsch versteht: Natürlich wird freiwillig und kostenlos Kultur geschaffen. Niemand greift ja erst zur Gitarre, wenn er einen Arbeitsplatz als Musiker gefunden hat! Und was professionelle Künstler schaffen, ist weiß Gott nicht zwangsläufig besser, als die Leistungen guter Amateure. Aber auch die guten Amateure sind Spezialisten und Individuen/Individualisten.

Aber jetzt ist ersteinmal an der Zeit für ein weiteres Katzenbild: Weiterlesen

Du, Internet, ich hab da mal ne Frage … (1)

Das folgende soll Auftakt einer kleinen Reihe sein. Mal sehen, wie lange ich sie durchhalte. Ich denke gerne über die Zukunft nach, in letzter Zeit wieder besonders viel und vor allem über die Zukunft des „des Netzes“ und die Auswirkungen auf uns kleine Fische, die sich darin verfangen haben. Das liegt zum Teil an der Urheberrechtsdiskussion, zum anderen, weil ich an einem Weltentwurf für einen möglichen SF-Roman bastle. (Bitte keine Nachfragen – falls ich den tatsächlich schreiben sollte, dann nicht in nächster Zeit!) Das Problem ist, dass beim Nachdenken mehr Fragen als Antworten rauskommen. Und ein paar davon wollte ich jetzt mal in dieses Internetdingens reinschreiben.

Weisheit der Massen oder Dummheit des Mobs?

Es gibt dieses Experiment: Wenn man 100 Leute das Gewicht eines Ochsen schätzen lässt und den Durchschnittswert bildet, erhält man ein Ergebnis, das ziemlich nahe am tatsächlichen Gewicht des Ochsen liegt. Die Wahrscheinlichkeit für ein annähernd korrektes Ergebnis ist auf jeden Fall viel höher, als wenn man irgendeine einzelne Person befragt. Mit diesem Experiment wird gerne die „Weisheit der Vielen“ oder die „Schwarmintelligenz“ illustriert.

Ich habe allerdings keine Ahnung, was das mit Weisheit zu tun haben soll. Und vielleicht ist ja unter den 100 Leuten einer, der sich sehr gut mit Ochsen auskennt und eine viel zuverlässigere Schätzung abgeben kann – seine Erfahrung wird im Gesamtergebnis kaum ins Gewicht fallen. Vielleicht ist sogar ein „Weiser“ unter den 100, der auf den Abstimmungszettel schreibt: „Hey, lasst uns doch eine Waage holen, dann wissen wir’s genau“, aber diese Antwort wird natürlich als ungültig gewertet.

Welche Schlussfolgerungen für die Zukunft der Politik bringt die Theorie von der Weisheit der Vielen mit sich? Ihre Umsetzung in der Wirtschaft ist ein radikal freier Markt; wäre das politische Gegenstück die direkte Demokratie?

Darf man der Masse politische Entscheidungen überlassen? Hat sie nicht ein Recht, die Entscheidungen, die ihr Leben und ihre Zukunft betreffen, selbst zu fällen, wenn dies möglich ist? Und mit welcher Rechtfertigung kann man noch die alte, langsame, korruptions- und erstarrungsanfällige Vertreterdemokratie verteidigen, wenn das Netz in Zukunft eine direkte Demokratie technisch möglich macht?

Aber können „die Vielen“ Entscheidungen treffen, die nicht einfach nur den momentanen Interessen des durchschnittlichen Individuums innerhalb dieser Masse entsprechen? Ich glaube, man braucht Brems- und Korrekturmöglichkeiten und einen Rahmen, der die Entscheidungsfreiheit des Kollektivs eingrenzt, Mechanismen, die uns vor unserer eigenen Dummheit schützen und verhindern, dass aus der Demokratie ihr böser Bruder, die Ochlokratie, die „Tyrannei des Pöbels“ wird – oder die Herrschaft von Peter und Erika Mustermann.

100 Leute stehen um einen Ochsen herum und beglückwünschen sich dazu, wie toll sie sein Gewicht geschätzt haben. Dem Ochsen wird das irgendwann zu dumm, er schnaubt und scharrt mit den Hufen. Der Ochsenexperte will erklären, dass kein Grund zur Beunruhigung bestehe, man müsse sich nur langsam und leise zurückziehen, aber leider ist er einer der ersten, die in der ausbrechenden Panik zu Tode getrampelt werden.

Ist übrigens Wikipedia ein Beispiel für die Weisheit der Massen? Nö. Nur für ihren Fleiß. Hier wird Wissen zusammengetragen und auf bequeme Art zugänglich gemacht – aber es wird kein Wissen geschaffen. Und funktionieren kann es nur, weil die Mitwirkenden weitgehend auf alles verzichten, was sie zu Individuen macht: eigene Meinung, eigenen Geschmack, eigene Moral.

Wie steht es eigentlich um Schwarmempathie, die Moral der Vielen oder die Kreativität der Massen? Auch dazu habe ich keine Antwort, sondern nur eine Meinung und viele weitere Fragen – was mich nicht davon abhalten wird, demnächst darüber zu schreiben.

 (Volker Strübing)

Extra langweilige Überschrift eines Artikels, der fast ohne Piraten-Bashing auskommt

Vor ein paar Tagen schrieb ich, dass mir die Idee einer Kulturflatrate sehr sympathisch sei. Dann habe ich angefangen, darüber nachzudenken ;)

Das Nachdenken hätte ich mir sparen könne: Steht ja alles schon im Internet. Und natürlich sind all die Probleme, die mir aufgefallen sind, auch schon anderen in den Sinn gekommen. Auch der Lösungsansatz, der mir einfiel, ist selbstverständlich schon anderen eingefallen und gründlich durchdacht worden. Aber wenn ich, bevor ich anfange nachzudenken oder zu schreiben, jedesmal nachgucken würde, ob ich mir das sparen kann, weil da schon andere drüber nachgedacht und geschrieben haben, dann kann ich die Schreiberei gleich ganz aufgeben.

Hier also meine Gedanken zur Kulturflatrate, vielleicht ist sogar der eine oder andere dabei, der zumindest nicht genauso schon woanders steht, wenn nicht, ist es einfach eine Dokumentation des Standes meiner eigenen Überlegungen:

Die Grundidee ist einfach und prima: Es wird von allen Internetnutzern eine pauschale Abgabe erhoben, dafür ist der Download von Musik, Filmen, Büchern frei und legal. Das eingenommene Geld wird unter allen Urhebern aufgeteilt, je nachdem, wie oft ihre Werke heruntergeladen wurden. Die Gebühr könnte ganz einfach von den Internetprovidern eingezogen werden.

Klingt erstmal super, aber:  Weiterlesen

Was mir zu Gauck einfällt

Weil ich mich noch nicht fett genug fand, kehrte ich mitten in der Nacht in einen Burgerimbiss ein. Während ich aufs Essen und das Bier wartete, blätterte ich in der ausliegenden Illustrierten Stern. Das war damals, als es um einen Nachfolger für Köhler ging, der der Bevölkerung erzählt hatte, was die Bundeswehr am Hindukusch und so verloren hat, was schließlich zur Suche nach seinem Nachfolger führte. Der wurde Wulff. Im Stern, damals im Imbiss, las ich ein Interview mit dem damals ebenfalls vorgeschlagenen Gauck. Was für eine miese Type!
Ich erinnere mich eigentlich nur noch daran, dass der meinte, dem Volk sei bloß nicht gut genug erklärt worden, was die Bundeswehr am Hindukusch und so verloren hat. Hätte man es den Leuten besser erklärt, wäre die Ablehnung in der Bevölkerung nicht so hoch. Alle Kraft in die Propaganda. Dabei ist es doch so: Wenn man der real existierenden BRD etwas danken kann, dann, dass sie die Propagandamaschine eben nicht so total anwirft (jedenfalls nicht jedes mal), wie es sich miese Typen wie Gauck wünschen.
Es erinnerte mich an den Sommer ´89. Damals schickte die FDJ Jugendfreunde in die Brigaden, um mit den Werktätigen zu diskutieren. Alle Kraft in die Propaganda. Wo so viele rübermachten, über Ungarn und Prag und so, da war es eben wichtig, dem Volk zu erklären warum seine Ablehnung der Politik der Avantgarde der Arbeiterklasse im real existierenden Sozialismus falsch war. Man hatte die ganze Politik „unseren Menschen“ eben bloß nicht gut genug erklärt.
Dieses Vertrauen in die Elite, deren einziges Versagen eben darin besteht, sich den Leuten nicht gut genug erklärt zu haben – dieses Arschmadentum – Wiedergänger der jüngeren und jüngsten Geschichte – also… also… äh-öh-hm… dafür bin ich ´89 nicht auf die Straße gegangen!
Ich glaube ich geh jetzt mal auf die Straße und zu jenem eingangs erwähntem Burgerimbiss. Ich bin noch lange nicht fett genug.

(Andreas Krenzke)

Auf dem Weg zu Robos Stimme

Bin mit dem Fahrrad unterwegs. Robos Stimme holen. Bald ist Wahl. Alle Macht, so steht es im deutschen Grundgesetz, geht vom Volke aus. Demokratie heißt sowas auch im Volksmund, Volksherrschaft sagt der Altphilologe. Das Volk soll also regieren. Leider reicht das Geld nicht, um jedem Volksmitglied ein Politikergehalt zu zahlen. Deshalb regieren aus wirtschaftlichen Gründen Volksvertreter. Leider sind die nur ihrem Gewissen verpflichtet. Sie sind die einzige Berufsgruppe, die von Gesetzes wegen lügen und betrügen dürfen. Das ist genaugenommen sogar ihre moralische Pflicht. Denn sie dürfen weder der Fraktion, noch dem Wähler Rechenschaft schuldig sein. Schade eigentlich. Ich fände es ganz witzig, wenn Abgeordnete einen Wählerauftrag erfüllen müssten. Imperatives Mandat heißt das. Wir könnten zum Beispiel die Nazis wählen, und den Naziabgeordneten dann zwingen, ständig zu Holocaust-Gedenkveranstaltungen hinzugehen, und zu Moschee-Einweihungen, oder mitm Blumenstrauß zu Zigeunerhochzeiten. Aber leider funktioniert die Demokratie nicht so. Ich würde es auch gut finden, wenn man seine Steuern zweckgebunden zahlen könnte. Also auf der Steuererklärung mit angeben, wofür das Geld verwendet werden soll. Aber wie gesagt, wir müssen ja mit der Realität leben. Das geht allen so. In der Realität werden Volksvertreter gewählt. Und Parteien. Jetze demnächst irgendwann. Die Laternen sind voll von Wahlplakaten. Wenn man mit dem Fahrrad durch den Bezirk fährt, tauchen alle Sekundenbruchteile neue Parolen und Gesichter ins Blickfeld. „Damit sich was ändert!“ steht auf dem Plakat der CDU. Damit sich was ändert – komischer Slogan ausgerechnet für eine konservative Partei. Die Linke ist geradliniger, sie droht mit 120000 Arbeitsplätzen, die sie in Berlin geschaffen habe. Das sind 120000 zu viel, wer gegen den Zwang zur Lohnarbeit ist, der darf auf keinen Fall Linke wählen. Wir brauchen keine gut bezahlten Arbeitsplätze, wir brauchen gut bezahlte Arbeitslosigkeit. Das würde den Arbeitslosen gut tun, den Arbeitern und der Umwelt. Die Piraten haben zwar das bedingungslose Grundeinkommen auf ihre Plakate gedruckt, aber auch jede Menge besorgniserregende Forderungen. Zum Beispiel: „Netze in Nutzerhand!“ Jetzt soll ich mich also auch noch um die Netze kümmern? Ich habe ja sonst nichts zu tun! Was kommt als nächstes? Soll ich selber Brötchen backen? Warum eigentlich nicht, wenn dadurch ein Bäcker arbeitslos wird. Aber was jetzt: Ostschrippen oder Croissants? Da könnte man die FDP fragen. Die hat ein Plakat mit Schrippe und Croissant aber man versteht nicht, was sie damit eigentlich sagen wollen. Kann man sie also leider doch nicht fragen. Die FDP hat ja auch Angst vor der autofreien Stadt. „Weil“, wie sie behaupten, „keine Frau der Welt mit dem Fahrrad zum Kreißsaal möchte.“ Woher wollen die das wissen? Kennt jemand bei der FDP tatsächlich eine Frau? Und wenn ja, dann hat die den doch bestimmt veräppelt. Die nimmt doch keinen Liberalen ernst. Die Frau. Erst recht nicht die Frau der Welt. Wer soll das überhaupt sein? Jedenfalls ist das kein Argument. Kreißende Damen könnten zum Beispiel mit Schubkarren ins nächste Krankenhaus gebracht werden. Das könnten FDP Kandidaten übernehmen, die ja sonst zu nichts gebraucht werden. Die müssen sich natürlich ein bisschen anstrengen, denn sie sind auch gegen Tempo 30. Das wird die werdenden Mütter aber freuen, wenn es schnell geht. Zum Thema Tempo 30 meint die FDP: „Lieber zügig zum Job, als langsam aber sicher zum Jobcenter!“ und fordert den gleichen Unsinn, für den die Linke gewählt wird. Links von den Linken positioniert sich die PSG. Sie fordert „Banken enteignen!“ Nehmen wir mal an, die werden in Pankow gewählt und enteignen in Pankow die Banken: Wie wirkt sich das auf den Rest Berlins aus? Eröffnen dann alle Pankower Konten in Wedding? Bricht daraufhin der Öffentliche Personennahverkehr zusammen? Was passiert mit dem Vermögen der Banken? Und besteht dieses Vermögen nicht ausschließlich aus Schulden? Warum enteignet man eigentlich Banken und nicht, zum Beispiel, Brauereien? So viele Fragen und keine Zeit darüber nachzudenken, denn immer wieder blitzen neue Plakate im Blickfeld auf. „Wählen gehen für zensierte Thesen!“ steht bei Pro Deutschland. Vor ein paar Tagen stand da noch: „Wählen gehen für Thilos Thesen!“ Das wurde verboten denn es verletzt Thilos Recht am eigenen Namen. Ist doch aber auch peinlich, haben die keinen eigenen Kandidaten, mit dem sie angeben können? Keine eigenen Thesen? Ich finde, wenn jemand mit Sarrazin werden darf, dann doch wohl die SPD. Dann gibt es noch die NPD. Galt immer als Nazi-Partei. Aber jetzt wünscht sie ganz freundlich: „Guten Heimflug!“ und zwar einer Familie, die auf einem fliegenden Teppich sitzt. Man kann nicht genau erkennen, was das für welche sein sollen. Schwaben vielleicht. In Berlin, vor allem in Prenzlauer Berg, suhlen sich ja viele im Fremdenhass, häufig auf Schwaben. Und die Schwaben müssen jetzt mit dem fliegenden Teppich abreisen, weil ihr Auto verbannt ist. Vielleicht sollen das auf dem Teppich aber auch Türken sein. Und der Wahlberechtigte in Prenzlauer Berg soll denken: „Ey kieka, Scheiße ey! Ick musste 12 Jahre uff meen Trabbi warten. Und denn hab ick den Trabi nich ma jekricht. Denn war nämlich Wiedavereinjung! Eene Scheiße is det! Und die ham fliegenden Teppich! Eene Sauerei is det! Die schön durche Luft am Himmel und ick steh hier bei Tempo 30 im Stau uffm Weg zum Jobcenter wose 120000 neue Fallmänädschär innjestellt haben! Jetze überholt mir ooch noch sone schwangere inne Schubkarre! Mann ick will ooch son fliegenden Teppich! Die Ausländer krieng det vorne und hinten! Und unsereins muss wenns hoch kommt noch S-Bahn fahrn! Mann, Mann, Mann! Und warum heeßt det Heimflug? Warum Flug? Muss det nich heißen: Flüg? Mit Ü? Sind da nich überall Ümläute inne Sprache drin bei die? Heißt doch ooch Türküsch und nich Turkusch! Ich seh det ooch janich ein, det die hier sone Teppiche uffe Kurzstrecke einsetzen! Die wohnen doch alle im Wedding, det is ja gleich umme Ecke! Da kann man ja ooch mal zu Fuß gehen oder ein Fahrrad benutzen! Eine Scheiße is det!“ Für so doof hält uns Pankower also die NPD. Aber deren Wahlkampf muss zwangsläufig scheitern. Ihre Plakate hängen nämlich immer ganz weit oben. Und der Berliner guckt aber immer zu Boden. Wegen der Hundehaufen. Dass die mal zu was gut sein würden! Ich nehme alles zurück, was ich je böses über Hunde und Hundeficker gesagt habe. Jetzt bin ich fast da, wo ich hin wollte. Bei Robo. Der will nicht wählen. Er sagt, er hat früher einmal die APPD gewählt, aber die sind nicht ins Abgeordnetenhaus gekommen. Seit dem ist das System für ihn unglaubwürdig. Darum möchte er mir seine Stimme schenken. Damit ich als Ausländer auch wählen kann. Das ist lieb von Robo. Obwohl ich gar nicht weiß, was ich wählen soll. Will der Robo mir am Ende möglicherweise bloß die Verantwortung aufhalsen? Der Arsch? Ich als Ausländer soll die Drecksarbeit machen? Naja, er meint es ja nur gut! Irgend jemand muss ja wählen. Irgend jemand muss auch gewählt werden. Vielleicht wähle ich alle. Da mache ich garantiert nichts falsch. Als ich zu hause losgefahren bin und gesagt habe, ich hole mir jetzt Robos Stimme, da hat mein Söhnchen mich gefragt, warum mir Robo seine Stimme schenken will. Dann kann er doch nicht mehr sprechen. Warum ich die annehme und ob Robo dafür meine Stimme kriegt. Also ob wir tauschen. Das ist ein schlechter Tausch für Robo, dann kann er nicht mehr gut singen. Das hat der Kleine falsch verstanden. Niedlich! Ich muss ihm das mal erklären, das mit den Wahlen und den Stimmen und den Kandidaten und den Parteien. Er glaubt ja tatsächlich, das Plakat der Grünen mit der umgedrehten S-Bahn bedeutet Schienenersatzverkehr. Muss ich ihm mal alles erklären. Wie das ist, mit der Volksherrschaft und den Volksvertretern. Aber irgendwie muss ich das so machen, dass er die Erwachsenen nicht für komplett meschugge hält. Das gelingt mir bestimmt!

(Andreas Krenzke)

Über so was kann ich mich aufregen

Frank Nordhausen schreibt auf Seite 3 der BILD Berliner Zeitung vom 11.3.2011 über den Prozess gegen einen üblen Familientyrannen (sog. Patri-Arsch, oder ist das pietätlos?), der unter anderem Kinder missbrauchte, und der seit 2004 arbeitslos ist:  „Obwohl Hartz IV plus zigmal Kindergeld ihm ein gutes Leben garantierten, hat er die Mädchen regelmäßig für 20 bis 40 Euro wie Prostituierte drei türkischen Kumpanen ausgeliefert.“ Weiß der Autor nicht, dass Empfängern von Hartz IV das Kindergeld angerechtet und somit abgezogen wird? Ob ALG II ein gutes Leben garantiert, das wurde und wird ja nun wirklich ausgiebig diskutiert, aber egal welcher Meinung Nordhausen ist: „plus zigmal Kindergeld“ ist Quatsch. In dem Artikel geht es auch um Vorwürfe an Jugendamt und Verwaltung, die sich nicht um Hinweise auf die Verbrechen des Angeklagten geschert hätten. „Es ging auch niemand der Frage nach, wieso Detlef S. als Hartz-IV-Empfänger ein 190000-Euro-Haus besitzen und abzahlen konnte.“ Wieso sollte jemand, der bis vor wenigen Jahren gearbeitet hat, kein Haus haben dürfen? Wohngeld Bestandteil des ALG II. Ich könnte noch was zu den „türkischen Kumpanen“ schreiben, will ich aber nicht. Ich wollte nur mal den Ekel ablassen. Den Ekel davor, dass ganz offensichtlich Schicksale von Missbrauchsopfern missbraucht werden, um Stimmung gegen Arbeitslose (und Türken) zu machen.

(Andreas Krenzke)