Hagen in der Todesrinne

Sehr geehrte Leser, bitte entschuldigen Sie die Verzögerungen im Blogbetriebsablauf. Grund dafür ist eine Wagner-Insezierung auf einem Nebengleis. Über Anschluss-Posts und -Videos werden wir Sie rechtzeitig informieren. Wir danken Ihnen für Ihre Reise auf den Schnipselfriedhof und wünschen Ihnen eine angenehme Lektüre.

Ich war noch einmal in Bayreuth, habe dort unter anderem die Generalprobe der Neuinszenierung der „Götterdämmerung“ von Frank Castorf gesehen und, da ich darüber nicht schreiben darf, kurzerhand eine eigene Inszenierung geschrieben: Wagner in der Todesrinne – Eine Götterdämmerung für die ganze Familie. 

Drei kurze Erklärungen für Nichtbayreuther: Die Todesrinne (eigentlich „das Rinnla“) ist ein kleiner schmaler Kanal über den Markt („das Stadtparkett“), der diesen Namen erhielt, nachdem immer wieder Leute versehentlich hineinfielen. Die erwähnte archimedische Schraube befindet sich ebenfalls in der Todesrinne. Die „Hörl’schen Wagnerzwerge“ sind 500 einen Meter große Wagner-Figuren von Ottmar Hörl, die in Bayreuth und vor allem um das Festspielhaus herum aufgstellt wurden.

Heute hat die Castorf-Inszenierung auf dem Festspielhügel Premiere, und ich bin sehr gespannt auf die Kritiken.

richie 03 web

(Verzweifelt versucht eine Armee von Wagner-Klonkriegern den Ring (leicht lädiert im Hintergrund zu erkennen) vor spielenden Kindern und Regisseuren zu schützen.)

Außerdem habe ich in Bayreuth den Staatsempfang zur Festspieleröffnung besucht – Party mit Merkel, Gauck, Genscher, Westerwelle, Seehofer, Ramsauer und wem nicht alles. Ein kurzer, unspektakulärer Bericht steht hier im Bayreuther Tagebuch.

Grüß Gott allerseits!

Nach einer Woche Berlin lässt der Jetlag langsam nach. Sporadisch werde ich weiterhin im Bayreuther Tagebuch kleine Texte und Fotos posten (in zwei Wochen fahre ich zum Beispiel schon wieder für ein paar Tage „runter“), aber eigentlich ist es ja mein super geheimer Plan, den ich daher auch nur im Internet verrate, den Schnipselfriedhof wiederzubeleben. Nicht nur das. Ich habe heute auch eine neue Folge von Kloß und Spinne geschrieben. Sie ist wahrscheinlich sehr seltsam, da sie zur Hälfte in einem Artztwartezimmer entstand (eine Fränkische Zecke scheint mir ein hübsches Souvenir mitgegeben zu haben) und zur anderen Hälfte in praller Brutzelsonne.

Image1

Nein, nein, in der neuen Folge wird es nicht um Bayern, Franken, Bayreuth etc. gehen, sondern unter anderem um die Division durch unendlich und die Division durch Null, Themen also, die alle brennend interessieren. Am Mittwoch werde ich mit dem Aufnehmen und Animieren anfangen, aber da ich zur Zeit auch sonst einiges um die Ohren habe und oft unterwegs bin, kann es trotzdem ein bisschen dauern.

Wir kamen in Frieden, obwohl Krieg draufstand

Soviel Berlin! Ich bin schon wieder hingefahren. Letzte Woche war es ein Privatausflug, der natürlich trotzdem dem Ziel diente, die Achse Bayreuth-Berlin zu stärken, in dem ich in Berlin in meinen Geburtstag hinein- und in Bayreuth aus ihm hinausfeierte. Diesmal war ich in hochoffizieller Mission unterwegs: Als Berliner, der derzeit in Bayreuth lebt, fuhr ich von Bayreuth nach Berlin, um in der Bayrischen Landesvertretung an einer Veranstaltung über Jean Paul, einen aus dem preußischen Oberfranken stammenden Dichter, der in Berlin geheiratet hat und dann nach Bayreuth gezogen ist, teilzunehmen.

Es gab für mich auf dieser Reise viele Premieren, vieles zu lernen, zu erleben und zu bestaunen. Das fing schon an mit dem Bus, der uns nach Berlin brachte:

20130425_085929-1-1

Ich hatte die Fahrzeuge dieses Unternehmens neulich schon bestaunt. Es ist schon ein Vorteil, wenn man als Unternehmer einen griffigen Namen hat. „Bustouristik Strübing“ wäre nicht besonders einprägsam, und auch ein Explosionsblitz im Logo hätte daran nichts geändert. Andererseits können natürlich auch griffige Namen problematisch sein. Unterwegs sah ich zum Beispiel einen Bus von Brust-Busreisen, was man sich ebenfalls gut merken kann, aber trotzdem ein irgendwie unangenehmer Name ist. Brüste sind zwar deutlich erfreulicher und nützlicher als Kriege, aber „Brust“ ist ein sehr hässliches Wort. Vor allem in Zusammensetzungen: Brust-Tee, Brust-Karamellen usw., das klingt alles sofort nach Auswurf, Schleim und Husten. Hmm, gerade fällt mir auf, dass „Krieg“ nun auch nicht gerade ein schönes Wort ist, aber als Busaufdruck macht es schon was her.

In Berlin stieg eine Reiseführerin zu, und ich kam in den Genuss, mir meine Heimatstadt endlich einmal zeigen und erklären zu lassen. Leider konnte ich nur die ersten zwanzig Minuten der Stadtrundfahrt mitmachen, aber schon da gab es jede Menge Neues. Zum Beispiel erfuhr ich wieder mal, wie der Berliner Volksmund dieses oder jenes Gebäude angeblich nennt – als Berliner weiß man das ja normalerweise nicht. Ich nenne das jetzt mal „Reiseführerpoesie“. Und die Besucher der Stadt wären sicher enttäuscht, wenn sie wüssten, dass wir zur Gedächtniskirche einfach Gedächtniskirche sagen.

Dank der Tour habe ich das erste Mal das Holocaust-Mahnmal gesehen; man muss eben erst nach Bayreuth ziehen, wenn man Berlin kennenlernen möchte. Für den Freitag stand auch noch ein Besuch im Reichstag auf dem Programm; super, da war ich auch noch nicht!

Wir kurvten also mit unserem Bus, auf dem ganz groß „Krieg“ stand um das Mahnmal. Dieses schien, dem Gemurmel im Bus nach zu urteilen, bei den meisten nicht besonders gut anzukommen. Ich selbst kann gar nicht sagen, wie ich es finde. Sagen wir es so: Ich finde es nicht. Nicht „nicht gut“ und nicht „nicht schlecht“, sondern einfach nicht. Nicht schön und nicht hässlich, weder besonders angemessen, noch unangemessen. Ich finde es auf alle Fälle besser, als den Bayreuther Gedenkstein für die von den Nazis deportierten und ermordeten Sinti:

DSC08446

Als ich ihn zufällig entdeckte, fragte ich mich, wie damals wohl die Sitzung im Rathaus gelaufen war. „Hm, ich finde, Bayreuth bräuchte noch so’n Gedenkstein für die ermordeten Sinti.“ – „Super Idee! Ich weiß auch schon ne Stelle hinterm Bahnhof, wo er nicht weiter stört!“

Na gut, das war ziemlich ungerecht. Und lag wohl an meiner eigenen langen Leitung: Es hatte etwas gedauert, bis ich kapierte, dass es ja durchaus sinnvoll ist, in Bahnhofsnähe an die Deportationen zu erinnern. Wie sinnvoll solche Gedenksteine generell sind, ist eine andere Frage und damit zurück zum Holocaustmahnmal, dessen Sinn ja auch sehr kontrovers diskutiert wurde. Beim langsamen Vorbeifahren war zu beobachten, dass es gerne zum Picknicken und Versteckspielen genutzt wird. Die Reiseführerin erklärte, es fordere die Besucher auf, sich ihre eigenen Gedanken zu machen, statt ihnen irgendwas aufzudrücken.

„Die sehn aber ned aus, als würden ’s nachdenken!“, rief eine Mitreisende und zeigte aus dem Fenster auf die Stelen, auf denen sonnenbebrillte Hostelhonks mit Club-Mate-Flaschen in den Händen sich die Sonne auf den verkaterten Schädel scheinen ließen. Ich musste dem zustimmen, fand es aber eigentlich gar nicht schlimm oder schrecklich pietätlos. Vielleicht taugt es nicht als „Mahnmal“, aber dem Schrecken einen lebendigen Ort mit lachenden Menschen entgegenzusetzen, finde ich nicht gar nicht so schlecht. (Wobei ich wohl eher Bäume gepflanzt hätte, als diese Steine aufzustellen.) Als Ergänzung zu echten Orten des Erinnern zumindest. Es ist ja ohnehin kaum vorstellbar, dass sich echte Betroffenheit einstellt, wenn man Touristengruppen zwischen Mittagessen und Kuhdammshoppingbummel durch ein Denkmal scheucht.

Ich wartete jedenfalls gespannt darauf, was „wir Berliner“ laut Reiseführerin angeblich zum Holocaust-Mahnmal sagen („Bermuda-Viereck“? „Hitlers letzte Rache“? „Mahnmal des verlorengegangen Touristen“?), aber da kam leider nichts.

Ich desertierte zwischenzeitlich von der Truppe (wie komm ich denn auf einmal auf diese Kriegsmetapher?) und fuhr in meine Pankower Wohnung, um mal zu gucken, ob sie noch da ist. Am Abend trafen wir uns alle wieder in der Bayrischen Landesvertretung in der Behrenstraße zu einem Jean-Paul-Abend. Eingeladen hatte Hartmut Koschyk von der CSU in Bayreuth, Parlamentarischer Staatssekräter im Bundesfinanzministerium und erst das zweite Mitglied des Bundestages, das ich je kennengelernt habe. Ich hoffe, es stört ihn nicht, damit jetzt sozusagen in einer Reihe zu stehen mit Claudia Roth, die ich einst in Augsburg auf der After-Show-Party eines Slams zum Thema Brecht traf. (Promimäßig war das mein bisher erfolgreichster Abend, da war nämlich auch Udo Jürgens, und wir haben immerhin 11 Worte oder so gewechselt.)

Die Details der Veranstaltung kann man hier nachlesen, da gibt es auch ein Foto von Hartmut Koschyk und mir, auf dem ich sehr staatstragend aussehe, wie ich finde. Eine Freundin meinte, ich sähe „leidend“ aus, aber das ist nicht richtig. Bei solchen Veranstaltungen ist die Leidensgefahr ja immer sehr hoch, aber das hat scho bassd (ich habe mich extra für diesen Satz über die Perfekt-Form von „bassd scho“ informiert). Es gab sehr schöne Musik, kurze Gesprächsrunden, drei Ausschnitte aus Jean-Paul-Werken, vorgetragen von Hans Jürgen Schatz, ich erfuhr auch noch etwas über den Bayreuther Volksmund, der Jean Paul „Dschiens Paul“ nennt, und erlebte eine große Überraschung: Die geplante Veranstaltungszeit wurde kaum überschritten.
20130410_161612

(Dieses Bild hat mit dem Text gar nichts zu tun, außerdem habe ich es in Bayreuth aufgenommen. Ich fand bloß, dass es mal wieder Zeit für eine kleine Bildoase in dieser Textwüste wurde. Und in Berlin hab ich  diesmal kaum fotografiert.)

Normalerweise sind ja solche Sachen, insbesondere wenn sie minutengenau durchgeplant sind, wie große Bauprojekte, nur dass bei den Veranstaltungen nur der Zeitrahmen explodiert, bei den Bauprojekten sowohl der Zeitrahmen als auch die Kosten, und jedesmal aufs Neue sind Bauherren oder Veranstalter vollkommen überrascht davon.

Hier blieb es tatsächlich bei zwei Stunden. Nun sind natürlich zwei Stunden an sich schon ziemlich lang. Ich bin ja langsam in dem Alter, wo man dauernd auf die Uhr schaut, weil man vor dem Tod noch was erledigen will, und die Zeit langsam knapp wird. Ich bin ein großer Freund des 90-Minuten-Zeitrahmens, der leider immer mehr aus der Mode kommt.

Manchmal möchte ich ins Kino gehen, aber wenn ich die Längenangaben der Filme lese, habe ich gleich keine Lust mehr. Wann haben Hollywood-Regisseure eigentlich verlernt, eine Geschichte in anderthalb Stunden zu erzählen? Es mag ja Filme geben die zwei oder drei Stunden dauern müssen, aber meistens geht man doch mit wundgesessenem Hintern aus dem Kino und wünscht sich, sie hätten einfach die langweiligen, überflüssigen Stellen weggelassen. Und wenn der Film dann nur noch 20 Minuten gedauert hätte! So hätte man wenigstens nicht unnötig Lebenszeit an einen Regisseur verschwendet, der einfach nicht zu Potte kommt. Ich wäre mittlerweile bereit, im Kino statt dem Überlängenzuschlag einen Normallängenzuschlag zu bezahlen, wenn ich dafür nur … aber ich schweife ein bisschen ab.

DSC08349

(Und noch ein zusammenhangloses Bayreuth-Foto zum Augenausruhen für alle, die bis hierher durchgehalten haben.)

Unbedingt erwähnen und über alle Maßen loben muss ich die Pellkartoffeln die es anschließend im Bierkeller der Bayrischen Botschaft gab. Der Hammer. Ich wusste zwar, dass man bei Pellkartoffeln nicht viel falsch machen kann, aber dass man soviel richtig machen kann, war mir neu. Dazu Jean-Paul-Bier und Frankenwein – super.

Fortsetzung folgt (Arbeitstitel: „Battlerap im Bundestag und der traurige Nudelmann vom Paul-Löbe-Haus“)

Berlin durch die Bayreuther Brille

IMG_0012

Ein längerer Aufenthalt fern von zuhaus lässt einen auch die eigene Heimat mit anderen Augen sehen. Mir ging es jedenfalls so, als ich letztes Wochenende das erste Mal nach mehr als zwei Monaten nach Berlin fuhr. Ich war wirklich überrascht, wie laut und wie hektisch mir alles vorkam. Und vor allem: wie schrabbelig. Des weiteren war ich überrascht, dass ich so überrascht war; ich kenne das doch alles! Die Baustellen, den Müll, die dicken Schichten aus zerfetzten Plakaten oder „Hund entlaufen/Wohnung gesucht/Erleuchtung garantiert“-Zetteln an Häuserwänden und Straßenlaternen. Ein Bekannter antwortete einmal auf die Frage, was für ihn typisch Berlinerisch sei: „Die ‚Gehwegschäden‘-Schilder“. Als Berliner nimmt man sie kaum noch wahr, eher würde einem ihr Fehlen auffallen.

IMG_0029

IMG_0074

(Berlin-Neulinge benötigen meist etwas Zeit und mehrere Stolperunfälle, bis sie aus mehreren halb überklebten Schildern das Wort „Gehwegschäden“ zusammengesetzt haben.)

Ich glaube, Berliner Ampeln, Laternen und Straßenschilder werden schon ab Werk standardmäßig mit einem „Gehwegschäden“-Schild ausgeliefert, als Sonderausstattung kommt dann gerne noch der große Bruder „Straßenschäden“ dazu. Bei wirklich schlimmen Gehwegschäden schmeißt man zusätzlich noch einen rotweiß gestreiften Warnömmel ins Loch und fertig ist der Lack.

IMG_0039

IMG_0072

Das ist allemal billiger als die Behebung der Schäden, und ich frage mich ernsthaft, warum man nicht beim BER auch nach dieser Methode vorgegangen ist: Einfach ein paar Brandschutzmängel-, Gepäckrückgabeunterkapazitäts- und Rollbahnschädenschilder gedruckt und er hätte termingerecht eröffnet werden können!

Bayreuth scheint meine Schmutz- und Lärmtoleranz etwas gesenkt zu haben; ich hatte nicht erwartet, dass mir das so sehr auffallen würde, zumal ja Bayreuth auch keine klinisch-sterile Stadt ist und ich in Berlin nicht einmal in den berühmten Problembezirken unterwegs war, sondern nur im beschaulichen Pankow und der Yuppie-Hipster-Parallelgesellschaft Prenzlauer Berg.

Wenn ich sonst nach längerer Abwesenheit nach Berlin heimkehrte, kam ich meist aus Orten, gegen die Berlin eine Oase der Ruhe ist, in der alles perfekt funktioniert; ja, die Wahrnehmung der Heimatstadt variiert deutlich, je nachdem, ob man aus Bayreuth oder Beirut zurück kommt.

IMG_0062

IMG_0051

Ich glaube und hoffe aber nicht, dass ich jetzt dauerhaft für die Großstadt verdorben bin. Man ist ja sehr anpassungsfähig. So wie ich mich in Bayreuth doch recht schnell an das Glockenläuten der Stadtkirche und den morgendlichen Lieferverkehr in der Sophienstraße gewöhnt habe.

Am meisten schockiert hat mich in Berlin eigentlich das Verschwinden der Baustelle auf der Kreuzung Stargader / Greifenhagener Straße, der Ecke, an der auch eins meiner liebsten Schreib-Cafés. Diese Baustelle war doch höchsten zwei oder Jahre alt! Die einzige Erklärung ist, dass man sie abgebaut hat, um sie auf irgendeiner Tourismusmesse in Abu Dhabi oder so als ein Stück „echtes Berlin“ zu präsentieren.

Wenn ich im Juli zurückkomme, ist sie sicher wieder da. Es war doch auch eine Win-Win-Situation: Den Bauarbeitern ging die Arbeit sicher viel angenehmer von der Hand, wenn sie dabei einem faulen Kaffeehausliteraten die Ruhe rauben konnten, und ich hatte stets eine Ausrede zur Hand, wenn mir nichts eingefallen ist.

Bayreuther Tagebuch

Ich habe für meine Zeit in Bayreuth ein separates Weblog eingerichtet. Lange, lange habe ich überlegt, wie ich es nennen soll. Sollte ich ihm einen witzigen Titel geben, irgendwas wie: „Ein Preuße in Bayreuth“? Oder was mit Jean-Paul-Bezug? „Blogwenzelei“ vielleicht? „Strübing liest Paul“ hätte ganz gut gepasst, da ich etwas ähnliches vorhabe wie Jochen Schmidt mit seinem Blog und Buch „Schmidt liest Proust“, aber „Strübing liest Paul“ gefiel mir nicht. Schließlich hatte ich eine geniale Idee (verwarf sie aber sofort wieder) und nannte es:

Bayreuther Tagebuch

Bis jetzt gibt es zwei Einträge, einen Brief an die Berliner, den ich auch schon hier veröffentlicht habe, und einen Brief an die Bayreuther. Ich bin aber sicher, dass es sich schnell füllen wird.
Hier werde ich gelegentlich auch posten. Es werden allerdings oft nur Verweise auf meine letzten Artikel im Tagebuch sein. Ich hoffe, Spider wird sich gut um den Schnipselfriedhof kümmern!

(Volker Strübing)

Wichtige Mitteilung an alle Berliner

Liebe Berliner,

es ist soweit: Nach 35 Jahren ziehe ich doch noch aus Berlin weg. Nein, nicht wegen der vielen Schwaben hier. Ich hab nichts gegen Schwaben und finde es schön, dass all die ranzigen Currywurst und Dönerbuden mittlerweile Spätzlerestaurants gewichen sind. Und außerdem, wie mein Kollege Volker Surmann einmal scharfsinnig feststellte: Es ist doch besser in Berlin unter Schwaben zu leben, als in Schwaben unter Schwaben zu leben.

In Leipzig sah ich neulich ein Graffitto (ich berichtete), das mir Angst vor einer Ausweitung des von B.Z. oder Kurier ausgerufenen „Schwabenkriegs“ machte: „Schwaben zurück nach Berlin!“ Da frage ich mich doch: Woher kommt dieser Hass? Was haben die Schwaben den Leipzigern getan? Und vor allem: Was haben wir Berlinern den Leipzigern getan?

Nein, ich ziehe nicht wegen der Schwaben aus Berlin weg, sondern wegen der Franken. Weil sie mich eingeladen haben. Die Oberfranken, um genau zu sein. Die Bayreuther, um noch genauer zu sein. Das Bayreuther Kulturamt, um ganz genau zu sein. Ich ziehe nach Bayreuth, um dort als Stadtschreiber zu leben und zu arbeiten. Pech für Berlin. Oder für Bayreuth, das müssen andere entscheiden.
DSC00148

(Vor dem Umzug: Ein letzter Besuch in der alten Heimat Berlin Marzahn. Hach, Berlin ist schon ein schönes Städtchen, ich werde es vermissen …)

Es wird von mir also bald viel über Bayreuth zu lesen geben. Wahrscheinlich wird es nicht reichen, einfach in alten Texten per Autokorrekturfunktion „Berlin“ durch „Bayreuth“ zu ersetzen, denn die Städte unterscheiden sich in einigen wichtigen Punkten. Als Beispiel sei hier nur aufgeführt, dass man sich dort mit „Grüß Gott“ grüßt, anstelle des herzlichen Berliner „Glotz neh so, du Arsch“.

Ich ziehe nach Bayreuth, und auch wenn mir der Abschied von Berlin schwer fällt, so bin ich doch guter Dinge und verlasse mich ganz auf die Worte eines berühmten Bayreuthers: „… daß Du gewiß in Baireuth selig sein wirst, so sehr sind dessen Berge und Häuser zu loben“, schrieb Jean Paul vor zwei Jahrhunderten. Bei anderer Gelegenheit ließ er einen seiner Romanhelden in einem Brief schwärmen: „Danken Sie Gott, Freund, im Namen Ihrer Nachkommenschaft, daß Sie in Bayreuth und dem besten Biere am nächsten wohnen.“

Überhaupt: Jean Paul. 2013 ist das Jean-Paul-Jahr und ich werde mich mit seinem Werk auseinandersetzen. Ohne jegliche literaturwissenschaftliche Ausbildung, ohne besonders tiefe Kenntnisse seiner Zeit und ohne wirkliche Systematik – einfach nur als schreibender Leser. Ich kann nur hoffen, dass das Ergebnis den Dichter nicht veranlassen wird, die Erde des Bayreuther Stadtfriedhofs durch Rotation aufzulockern.

Wenn ich – wie es sich in den letzten Wochen oft ergab – in Gesprächen Jean Paul erwähnte, war die häufigste Reaktion die Frage: „Welcher Jean Paul? Sartre? Oder Gaultier? Oder meinst du Sean Paul, den Dancehall-Musiker?“

Wenn ich dann erklärte, dass Jean Paul Richter gemeint sei, der Schriftsteller, der Zeitgenosse Goethes und Schillers, fiel einigen immerhin ein, dass sie schon einmal etwas von ihm gelesen haben – in der Regel auf der Innenseite von Muscote-Zigarettenpapierverpackungen, diesen Glückskeksen für Raucher, die einem nach dem Öffnen mit einem kleinen Aphorismus von unerwünschten Gedanken über die Schädlichkeit des Rauchens abhalten.

Man muss es leider sagen: Vor zwei Jahrhunderten ein Star und Beststeller-Autor wird er heute nur noch von wenigen gelesen. Das mag zum Teil daran liegen, dass Sätze wie folgender nicht unbedingt heutigen Lesegewohnheiten entsprechen:

„Denn da unser Enzyklopädist nie das innere Afrika oder nur einen spanischen Maulesel-Stall betreten, oder die Einwohner von beiden gesprochen hatte: so hatt‘ er desto mehr Zeit und Fähigkeit, von beiden und allen Ländern reichhaltige Reisebeschreibungen zu liefern – ich meine solche, worauf der Statistiker, der Menschheit-Geschichtschreiber und ich selber fußen können – erstlich deswegen, weil auch andre Reisejournalisten häufig ihre Beschreibungen ohne die Reise machen – zweitens auch, weil Reisebeschreibungen überhaupt unmöglich auf eine andre Art zu machen sind, angesehen noch kein Reisebeschreiber wirklich vor oder in dem Lande stand, das er silhouettierte: denn so viel hat auch der Dümmste noch aus Leibnizens vorherbestimmten Harmonie im Kopfe, daß die Seele, z.B. die Seelen eines Forsters, Brydone, Björnstähls – insgesamt seßhaft auf dem Isolierschemel der versteinerten Zirbeldrüse – ja nichts anders von Südindien oder Europa beschreiben können, als was jede sich davon selber erdenkt und was sie, beim gänzlichen Mangel äußerer Eindrücke, aus ihren fünf Kanker-Spinnwarzen vorspinnt und abzwirnt.“

(Jean Paul, Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz im Auenthal)

Was er sagen will, ist natürlich klar: dass ich, um über Bayreuth zu schreiben, eigentlich in Berlin bleiben müsste. (Hoffentlich liest das Kulturamt nicht mit!) Es ist nur schwer vorstellbar, dass er mit Wortgebirgen wie diesem heute viele Follower bei Twitter finden würde, zumal er diesen einen Satz auf acht einzelne Tweets hätte aufteilen müssen. Jean Paul zu lesen, nachdem man vorher zum Beispiel eine Stunde bei Facebook unterwegs war, gibt einem ein gutes Gefühl davon, wie es ist beim Joggen mit den Mallorca-Fetenhits vom iPod im Ohr gegen eine urplötzlich im Weg stehende alte deutsche Eiche zu rennen – und wer würde bestreiten, dass das hin und wieder ganz gut tut?!

DSC00188

Die deutsche Sprache hat sich seit Jean Paul weiterentwickelt; manche würden sagen: zurückgebildet, und Jean Paul selbst wusste, dass es so kommen würde:

„Irgend einmal wird Sein und mein Deutsch, Freund, sich zu dem künftigen verhalten, wie das in Enikels Chronik zum jetzigen; wir werden also gerade so oft auf den Toiletten aufgeschlagen liegen, als jetzt Otfrieds Evangelium, nämlich blos um die einfältige Schreibart und die Reinheit der Sitten zu studieren an Ihm und mir.“

(Jean Paul, Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht)

Wer sich auf ihn einlässt, wird feststellen, dass es dann doch noch viel mehr an ihm zu entdecken gibt. Viel Humor und Schönheit zum Beispiel sowie einen unerschöpflichen Vorrat an Wörtern, mit denen man Scrabble-Partner in den Wahnsinn treiben kann.

Genug Jean Paul für den Moment. Wenden wir uns wieder einem Schriftsteller zu, der ihm zwar nicht das Wasser reichen, dafür aber bald die Blumen auf seinem Grab gießen kann, da er über den für ihn alles in allem recht erfreulichen Vorzug verfügt, noch am Leben zu sein: mir selbst.

In drei Tagen ziehe ich nach Bayreuth. Aber Achtung: Ich werde zurückkommen. Darum geht bitte pfleglich mit Berlin um. Macht nichts kaputt, vor allem aber: nicht allzuviel ganz. Lasst am besten alles so wie es ist, nicht dass ich, wenn ich Anfang Juli zurückkehre, die Stadt nicht mehr wiedererkenne, weil es plötzlich einen neuen Flughafen gibt, die liebgewordene Baustelle in meiner Straße auf einmal verschwunden ist und man beim Bäcker zu den Wecken plötzlich „Schrippen“ sagen muss. Wenn überhaupt, dann räumt den Wintermatsch weg und hängt ein paar grüne Blätter an die Bäume.

(Volker Strübing)