Kaffee ohne Hitler

Ich bin ein großer Freund des Deutsche-Bahn-Kaffees, und dies sage ich ohne jede Ironie. Die Bahn mag ihre Probleme haben mit der Wagenreihung, mit Klimaanlagen und der deutschen Sprache (kürzlich wurde in einer Ansage statt des ohnehin schon schlimmen „Personenschadens“ das seltsame Wort „Personenüberfahrung“ benutzt), aber Kaffeekochen, das kann sie, die Deutsche Bahn. Ein einfacher, ehrlicher Filterkaffee, nicht zu bitter, mit angenehmer Säure, wie man ihn in Cafés kaum noch bekommt, denn allenthalben wird mit sündhaft teuren Maschinen Espresso mit Wasser verdünnt. Mit Kaffee hat das nichts gemein, es handelt sich vielmehr um verdünnten Espresso. Bloß weil beides aus Kaffeebohnen hergestellt wird, ist es doch längst noch nicht dasselbe! Wenn ich einen Wein bestelle, will ich ja auch nicht, dass man mir einen Weinbrand mit Wasser verdünnt und dann sagt: Wieso? Wird doch beides aus Trauben gemacht!

Bevor mich jemand falsch versteht: Ich habe nichts gegen Heißgetränke auf Espressobasis! Einige meiner besten Freunde sind Heißgetränke auf Espressobasis! Aber reden wir nicht drumherum: Ihnen fehlt das Verwöhnaroma eines guten Tante-Gisela-Geburtstagsfiltertütenkaffees oder einer ehrlichen Tasse Türkischem.

P1010055

(Und in Wiener Kaffeehäusern im Herbst hab ich schon gleich garnichts gegen Heißgetränke auf Espressobasis! Aber trotzdem.)

Der Kaffee der Deutschen Bahn ist, wie bereits erwähnt, ein nahezu perfektes Getränk. Ab etwa der sechsten Tasse Kaffee am Tag muss ich jedoch aus Rücksicht auf die Magenschleimhaut auch den besten Kaffee mit Milch verdünnen. Mit Milch, nicht mit Kaffeesahne aus diesen doofen Döschen, wo immer die Sahne rausspritzt oder der Zuppel … aber das ist ein anderes Thema, mit dem ich mich schon oft genug auseinandergesetzt habe.

Im Bordrestaurant arbeiten zum Glück in aller Regel verständige Menschen. Selten war es ein Problem, im Zug um ein wenig normale, kalte Milch zu bitten. „Na klar“, sagten die Männer und Frauen hinter der Theke; sie waren oft zwischen Ende 40 und Anfang 60, und dann zogen sie den Schlauch des Milchaufschäumers aus dem Tetrapack Milch, der neben der Kaffeemaschine stand, und stellten mir die Milch zur freien Verfügung neben meinen Kaffeepott, und ich, von soviel gesundem Menschenverstand und lebensbejahendem Pragmatismus beglückt, gab ein angemessenes Trinkgeld.

In letzter Zeit setzt die Bahn leider vermehrt auf jugendliche Untote, vielleicht in der Hoffnung, sich ein cooles Image zu geben, weil doch Zombies so modern sind.

„Kann ich einen Schluck normaler Milch dazu haben?“, sagte ich zu einem von ihnen.

„Da sind Kaffeesahnedöschen, nehmen sie sich soviel sie wollen.“

kaffeesahne

„Nein, danke, ich hätte lieber normale Milch.“

„Also einen Milchkaffee?“

„Nein, nein, einfach einen Schluck ganz normaler Milch zu meinem ganz normalen Kaffee.“

„Das geht nicht. Ich kann ihnen keine normale Milch zu einem normalen Kaffee geben.“

Ich schaute den jungen Mann verwirrt an und vergewisserte mich sorgfältig, dass er über alle zur Erfüllung der von mir geäußerten Bitte nötigen Sinnesorgane und Greifwerkzeuge verfügte, und sagte schließlich mit einem aufmunternden Tonfall, der ihm den Mut geben sollte, über sich selbst hinauszuwachsen: „Doch, das können sie!“ Gern hätte ich ihm noch eine Hand auf die Schulter gelegt, doch das wäre vielleicht zuviel gewesen.

„Nein, das kann ich nicht! Die normale Milch ist eine andere Kostenstelle!“

„Häh? Aber das merkt doch keiner! Oder malt Bahnchef Grube Striche an den Füllstand der Tetrapacks und verrechnet den Verbrauch mit den verkauften Milchkaffees? Ich will doch nur einen Schluck! Das ist wahrscheinlich sogar billiger als wenn ich mir sechs doofe Döschen nehme!“

„Ich habe meine Anweisungen!“

„Das hat Eichmann auch gesagt!“, antwortete ich und war sehr stolz auf mich, weil ich mir doch vorgenommen habe, weniger Hitler-Vergleiche zu machen und offenbar auf einem guten Weg bin.

Auf einer anderen Zugfahrt, als ich einen Kaffee bestellte – es war erst der dritte oder vierte, weshalb ich nicht in die Verlegenheit kam, nach Milch zu fragen –, entschuldigte sich der Bahnbarrista, dass er mir leider keinen Deckel geben könne.

„Aber da sind doch Deckel“, sagte ich und zeigte auf einen großen Stapel.

„Ja, aber die sind für die großen XL-Becher, Sie haben ja nur einen kleinen Kaffee.“

„Na, dann gießen Sie doch meinen kleinen Kaffee in einen großen Becher. Das schaukelt auf der Strecke so, ich hab keine Lust, den schönen Kaffee auf allerlei Mitreisende zu verplempern.“

„Nein, das geht nicht. Ich kann Ihnen keinen kleinen Kaffee in einem großen Becher geben!“

Und wieder einmal schaute ich verwirrt drein. „Doch, das können Sie“, sagte ich schließlich in beruhigendem Ton. „Umgedreht wäre es schwierig.“

„Nein“, sagte er.

„Doch“, sagte ich.

„Mhh, Mhh“, sagte er.

„Wohl“, sagte ich.

„Nö“, sagte er.

„Aber hallo“, sagte ich.

„Herrje, jetzt kippense dem doch endlich seinen Kaffee in einen großen Becher und tun’se n Deckel drauf, andere wollen auch noch bestellen“, sagte ein kluger älterer Herr hinter mir.

„Nein, nein, nein, das geht nicht! Die großen Becher sind ’ne andere Kostenstelle!“

Da war sie wieder, die Kostenstelle, das moderne Glaubensbekenntnis, das finale Argument, der Todesstoß für Verstand und Mitmenschlichkeit. „Selbst wenn ich wollte, ich hab meine Anweisungen!“

„Das hat Eichmann auch gesagt!“

„Wer ist denn dieser Eichmann? Sie sind heute schon der dritte der mir so kommt!“

„Er hatte auch viel mit Zügen zu tun.“

„Ein Kollege? Muss ich direkt mal gucken, ob er bei Facebook ist.“

„Krieg ich jetzt den großen Becher?!“

„Nein! Für mich geht’s hier um den Job!“

„Sie werden gefeuert, wenn sie mir einen kleinen Kaffee in einem großen Becher geben?“

„Lachen Sie nur, aber die wollen Personal abbauen, denen ist jeder Vorwand recht …“

Und plötzlich konnte ich ihm gar nicht mehr böse sein, sondern eine tiefe Traurigkeit überkam mich, ein Mitleid mit ihm und einer Welt, in der Menschen unter Androhung des Jobverlustes dazu gezwungen werden, zu behaupten, es sei unmöglich eine Flüssigkeit aus einem kleineren in ein größeres Gefäß umzugießen. Mir fiel ein, was mir ein Kollege neulich erzählte hatte: Auf einer Zugfahrt hatte der Ansager statt der Standardsprüche ein paar gutgelaunte improvisierte Ansagen gemacht, alle Reisenden hatten sich gefreut, und mein Kollege hatte beschlossen, der Bahn mal einen Lobesbrief zu schreiben. Warum sollte man immer nur meckern? Man musste doch auch mal die guten Dinge würdigen. „Nein, bloß nicht“, hatte der Zugbegleiter erschrocken gerufen, als er ihn nach seinem Namen fragte. „Dafür kann ich abgemahnt werden! Wir dürfen eigentlich nur die vorgegebenen Sachen sagen!“ Ist das nicht traurig? Alle schreiben sich Freundlichkeit auf die Fahnen, aber gemint ist damit eine pervertierte, seelenlose Freundlichkeit, standardisiert und ergebnisorientiert. In all seiner Scheußlichkeit war das einst bei Burger King zu beobachten, wo man neben die Kassen Schilder gestellt hatte, auf denen stand: „Wenn Ihnen unsere Mitarbeiter keinen Guten Appetit wünschen, erhalten Sie einen 0,2-L-Softdrink gratis“. Welch eine Entwürdigung. Man nahm den Angestellten endgültig die Möglichkeit, ehrlich nett zu sein und dem Kunden die letzte Illusion über die ihm entgegengebrachte Freundlichkeit.

Ich nahm einen großen Schluck aus der Weltschmerztasse, diesem Jakobs Krönung der Seele, als der Mann hinter mir in der Schlange beherzt über den Tresen griff: „Darf ich mal?“ Er nahm einen der größeren Deckel, drehte ihn herum und drückte ihn falsch rum auf meinen kleinen Becher. Er saß perfekt. „So. Passt doch. Darf ich jetzt vielleicht auch bestellen?“

Manchmal wird alles gut. Es ist noch Hoffnung in der Welt und ein Rest guten Kaffees.

IMG_4524

My 24 oder: Schneewittchen im Trabbisarg

Notfalleinsatz beim Comedyslam in der Dresdner Schauburg. Beginn 20.45 Uhr, mein Zug soll 20.52 Uhr in Dresden sein.

Der Zug ist pünktlich … bis Berlin Südkreuz. Dann die Ansage „Blablabla Personenschaden blablaba“. Allgemeines Geseufze und „Kann der sich nicht wie anständige Bürger in der Küche aufhängen“-Gemurmel.

Zugumleitung. Verlassen Berlin nach einer Stadtrundfahrt über Lichtenberg. Die freundliche Frau mit dem Esoterikratgeber fragt arglos: „Nu, des verstehsch neh. Die müssen des doch nur alles wegmachen, was dauort denn daran so lange?“

Habe zum Glück ein gutes Buch dabei: „Das Paradies am Rande der Stadt“ von mir selber. 2006 erstmals im yedermann-Verlag erschienen und seit einiger Zeit nicht mehr lieferbar, wird es im März bei Voland & Quist neu aufgelegt. Ich lese es also noch einmal und kritzele ein bisschen mit dem Kuli darin herum. Das habe ich zuletzt in Schulbüchern gemacht. Dort war es zugegebenermaßen ein bisschen lustiger, weil es oft Fotos von Menschen gab, denen man Brillen oder Hitlerbärtchen anmalen konnte.

Ankunft mit 50 Minuten Verspätung. Taxi. Direkt und in letzter Sekunde (gerade soll die Pause angesagt werden) auf die Bühne. Während mir Thomas Jurisch aus dem Mantel hilft und ich irgendwas ins Mikrofon blubbere, macht Kontantin Turra meinen Rucksack auf. Reingreifen, Text rausziehen, merken, dass ich im Zug noch mal hätte auf Klo gehen sollen, egal – vorlesen.

Pause. Große Freude meinerseits, als ich sehe, dass dort noch immer der Ordner„Versandscheine Kümmeritz“ steht, den ich vor gut einem Jahr mit einem kleinen Strich in „Versandscheiße Kümmeritz“ umgetauft habe.

Lese als Letzter im Finale. Um genau 23.58 Uhr. Macht ja nüscht, muss ja erst um 7 im Zug nach Berlin sitzen.

Kurz vor eins ist alles erledigt, ich habe noch fünf Stunden zu schlafen, doch statt ins Bett geht es noch in eine Bar – ich kann das nicht: Nach dem Auftritt sofort nach Hause oder ins Hotel.

DSC00094

(Ich hasse es, wenn die Dinger mich so  traurig angucken und „Bitte nicht!“ zu rufen scheinen.)

Der Laden ist sehr klein; ich bewundere das Geschick, mit dem die Inhaber es dennoch geschafft haben, das gesamte Angebot an Flachbildschirmen eines mittelgroßen Elektronikmarktes an den Wänden zu verteilen. Sichere mir den einzigen Platz, auf dem man nicht MTV gucken muss, weil sie das Fenster gegenüber mit einem Fernseher zuzuhängen vergessen haben. Schaue nun in die MTV-guckenden Gesichter der Kollegen.

Ein Getränk, dann ab ins Bett, das habe ich mir geschworen, und tatsächlich schaffe ich es, mich nach zwei Getränken auf den Weg zu machen

3 Uhr. Ankunft im Hostel. Endlich ins Bett. Beziehungsweise in den Trabbi. Die haben eine Matratze längs in einen ollen Trabant Kombi eingebaut. Dieses Etablissement ist eindeutig nicht für Gäste meines Alters konzipiert. Und erst recht nicht für Gäste meines Alters mit DDR-Vergangenheit, die schon beim Anblick eines solchen Autos und der Erinnerung an Familienfahrten an die Ostsee mit so einem Ding Platzangst bekommen.
Alternativ könnte ich auch das Hochbett benutzen, an dem ich mir innerhalb von zwei Minuten drei mal den Kopf stoße, aber schließlich krabbele ich doch auf allen Vieren durch die Heckklappe in den Trabbi, dann wieder mühselig heraus, weil man die Scheinwerfer nur mit mit dem Schalter an der Zimmertür ausmachen kann. Mache das Licht aus, taste mich durch absolute Finsternis, stoße mir zur Guten Nacht ein letztes Mal den Kopf am Hochbett, krabbele in den Trabbi zurück und schlafe wie ein Stein.
Also gar nicht. Steine schlafen nicht, wie ja leider nur die wenigsten wissen. Steine können gar nicht schlafen, und ich tue es ihnen gleich.

DSC00098

Wie sollte ich auch schlafen? Dadrin fühle ich mich wie Schneewittchen im Glassarg; hoffentlich kommt jetzt nicht auch noch ein nekrophiler Märchenprinz vorbei! Das schlimmste aber ist diese bohrende Frage: Wie haben die den Trabbi in das Hostelzimmer gekriegt? Irgendwann fallen mir wohl doch die Augen zu. Mein Handywecker scheitert an der Aufgabe, mich zu wecken, doch mein innerer Wecker funktioniert perfekt: Fast auf die Minute genau zur Abfahrtszeit meines Zuges wache ich auf.

Bahnhof Dresden Neustadt: Zehn Minuten vor Abfahrt des nächsten Zuges bin ich dort. Genug Zeit. Ich hole mir eine Fahrkarte und einen Kaffee und stelle dann fest, dass man sich noch einen kleinen Spaß hat einfallen lassen: Zum Bahnsteig 7 muss ich über Bahnsteig 3, den man erstmal finden muss. Treppe rauf, den ganzen, langen Bahnsteig 3 entlanghetzen, während man auf Gleis 7 schon den Zug einfahren sieht, Treppe runter, Treppe rauf, Zug geschafft, uff. Ein kleines Fitnessprogramm, das von den Reisenden in der Regel sicher mit Begeisterung aufgenommen wird, nur ich muss mal wieder Nörgeln! Bloß, weil ich immer noch Knie hab, nicht rennen und nur schlecht und langsam Treppensteigen kann und am Montag wahrscheinlich eine Kniespiegelung verpasst bekomme, vor der ich mich schon sehr fürchte, weil man da bestimmt einen Schlauch schlucken muss, der so lang ist, dass er bis dort unten reicht, bäh.

In Leipzig verschafft mir ein ausfallender Zug noch eine Kaffeepause und die Gelegenheit, die nächste Stufe der Eskalation des Schwabenkrieges zu dokumentieren:

DSC00105

(Woher kommt nur dieser Hass? Was haben die Schwaben den Leipzigern denn getan? Und vor allem: Was haben wir Berliner den Leipzigern getan?)

Jetzt wird alles gut. Sitze im Zug nach Berlin, schreibe diesen Weblogeintrag (auch wenn ich erst Sonnabend dazu kommen werde, ihn abzuschicken) und bin gleich wieder am Hauptbahnhof. Muss jetzt bloß noch rasch ins Studio Audiofenster in Kreuzberg, um die komplette Hörbuch-CD zu meinem neuen Geschichtensammelband „Das Mädchen mit dem Rohr im Ohr und der Junge mit dem Löffel im Hals“, der im März (ebenfalls bei Voland&Quist) erscheint, einzulesen, dann die Wohnung in bewohnbaren Zustand versetzen, weil ich heute Abend Besuch bekomme, noch ein paar Seiten Druckfahnen für das neue Buch korrigieren und um neun bei der Lokalrunde auftreten. Duschen und so Zeugs dann morgen…

DSC00115

Nachtrag Sonnabend: Habe mich daheim dann doch für die Dusche und gegen das Druckfahnengeschmöker entschieden, aber ansonsten hat alles geklappt. Bin jetzt sehr gespannt, ob man den Aufnahmen die zwei Stunden Schlaf und die vielen Zigaretten anhören wird …

(Volker Strübing)

Die Schweine

Die Schweine haben im Supermarkt schon wieder alles umgeräumt. Gerade noch rechtzeitig habe ich gemerkt, dass statt Teebeuteln, Margarine und Orangensaft auf einmal Tampons, Gesichtscreme und Mampe Halb & Halb im Einkaufswagen liegen. Solange habe ich am perfekten Weg durch die Regalreihen gearbeitet; endlich war ich an dem Punkt angelangt, wo ich blind in die Auslagen greifen und hervorziehen konnte, was ich brauchte, während mein Geist in anderen Sphären unterwegs war, im Reich der Fantasie, unbehelligt von den profanen Dingen des Lebens. Während mein Körper den Einkaufswagen schob schwang sich meine Seele in den Himmel hinauf oder döste friedlich vor sich hin, und jetzt haben die Schweine schon wieder alles umgeräumt, und ich starre fassungslos auf vierzig Sorten Zahnpasta, dort, wo eigentlich die Schokolade stehen sollte.

Das macht mich alles so müde.

Warum tun die das? Weiterlesen

Schnipsel vom 2.1.2012

(Lutherstadt Wittenberg – fahrt dort nie hin! Überall nur Lutherschnickschnack, aber nirgends Kaffee Togo für Menschen, die ein widriges Schicksal – ja, ich spreche von der Bahn! – zu einem einstündigen Aufenthalt in der Stadt verdammt …)

Erholung, Teilstück 2012 – das wäre doch ein schönes Motto für das neue Jahr! Aber das wird wohl nichts, denn im Dezember steht ja nun mal wieder der Weltuntergang ins Haus und bis dahin gibt es noch einiges zu erledigen. Mein wichtigster guter Vorsatz für 2012 ist dennoch: Mehr Mittagsschlaf machen. Heute hätte ich ihn beinahe schon gebrochen, aber vor etwas über ner Stuunde, gegen halb 9, habe ich es dann doch noch geschafft, mich für ein halbes Stündchen hinzulegen.

Meine erste Anschaffung im neuen Jahr wahr übrigens eine Kinderbibel (aus Gründen, die sich mit dem nächsten Kloß-und-Spinne-Film klären werden). Und die war bei Thalia lustigerweise in das Regal „Kindersachbuch“ einsortiert. Gleich daneben steht das Regal „Fantasy ab 8“, wahrscheinlich haben sie sich da bloß vertan. Danach habe ich mir auch noch eine richtige Bibel gekauft und bei einem kurzen Vergleich festgestellt, dass sie in der Kinderbibel die ganzen saftigen Stellen rausgelassen haben, zum Beispiel diese hier: „Nehmt das Land in Besitz und besiedelt es, denn ich der HERR, gebe es euch zu Eigen (…) Ihr müsst unbedingt alle Bewohner des Landes vertreiben …“ Ich schwöre: Ich hab den Wälzer vorhin wahllos aufgeschlagen und mein Blick fiel sofort auf diese Zeilen aus dem vierten Buch Mose. Sicherlich auch angelockt von der knalligen Überschrift „Keine Schonung für die Bewohner des Landes“. Es ist noch keine 3 Monate her, dass ich Leute kennengelernt habe, für die genau diese Aufforderung zur ethnischen Säuberung noch immer als himmlisches Gesetz gilt. Die Bibel habe ich übrigens vom Ramschtisch, leider nicht vom Ramschtisch der Geschichte, sondern nur der Buchhandlung, aber ich habe mir für 2012 auch vorgenommen, mich mehr über Kleinigkeiten zu freuen.

Um des himmlischen Gleichgewichts Willen, will ich mich aber auch mehr ärgern. Gestern zum Beispiel habe ich festgestellt, dass man als Bahncard-50-Besitzer, wenn man keine Fahrkarte hat und dann kein Schaffner durch den Zug kommt, nur die Hälfte spart!

Frohes und so!

(Volker)

 

Und was machst du so?

(Klick zum Vergrößern.)

Ich mache Gartenarbeit. Auf dem Balkon. Wie man an den Fotos sieht. Davon abgesehen spiele ich zur Zeit sehr, sehr viel Gitarre. Nach langer Pause habe ich wieder begonnen, Musik zu machen. Und zwar zusammen mit Mischa-Sarim Vérollet. Weil zusammen musizieren viel mehr Spaß macht, als alleine. Und weil wir uns so gut ergänzen, dass wir uns abwechselnd verspielen oder versingen, so dass das Ganze dann immer noch halbwegs gut klingt. Unsere momentan noch sehr kleine Band heißt WIEBKE und ist die beste Band der Welt (Angabe ohne Gewähr). Wir können inzwischen schon fünfeinhalb Lieder spielen, von denen wir drei heute, Donnerstag Abend, bei der Chaussee der Enthusiasten aufführen werden. Kirsten Fuchs hat uns einen herzallerliebsten Ankündigungstext geschrieben, in dem eigentlich alles drinsteht, was man wissen muss, außer, dass wir WIEBKE heißen. Nebenbei erfährt man in ihrem Enthusiastenblogeintrag auch noch, was eigentlich das Gegenteil von Körperklaus ist.

Außerdem bereite ich zusammen mit den Monstas zusammen ein neues Filmprojekt vor – ist aber leider noch geheim. Ich denke in einem Monat oder so kann ich was darüber schreiben. Wird auf jeden Fall eine spannende Sache.

Meine Balkonlieblinge sind übrigens die Zwiebeln. Haben gerade zu blühen begonnen. Tolle Typen! Vor zwei Monaten lagen sie noch in der Küche rum und keimten vor sich hin und da dachte ich mir: Warum wegschmeißen, warum nicht einpflanzen? Jetzt kann ich mir kaum noch vorstellen, dass ich jemals Zwiebeln gegessen habe! Was sind das nur für Menschen, die solch interessanten und schönen Geschöpfe häuten, in Würfel schneiden und anbraten?!

Mit freundlichen Grüßen vom Balkon ….

(VS)

Erpel sind Schweine

Ich war gerade auf Verwandtenbesuch in Dessau. Mein jüngster Neffe hatte sich ebenfalls angekündigt. Er lebt derzeit in den USA, wurde aber zur Feier seines zweites Geburtstages mit dem Flufßeug (wie ich es in diesem Alter genannt habe; er sagt Airplane) ins alte Europa gekarrt, damit er sieht, dass die diversen Großeltern, Tanten und Onkel auch lippensynchron sprechen können und nicht nur so komisch verzögert wie bei Skype.

Wir machten einen Spaziergang durch den Dessauer Tierpark, der zwar sehr schön ist, aber nicht komplett jugendfrei, es sei denn, es ist wahr, dass die Kleinen heutzutage schon in der Krabbelgruppe über ihre liebsten Gangbang-Videos reden, aber ich will das ja nicht so recht glauben.

(Liebe scheint mir da nicht im Spiel gewesen zu sein.)

Zu Beginn unseres Rundganges gab es einen Moment der Panik, als wir feststellten, dass nicht jeder von uns fünf Erwachsenen einen Fotoapparat dabei hatte. Lohnte es sich überhaupt, mit nur einer Spiegelreflex- und einer Videokamera bewaffnet loszuziehen? Die Furcht erwies sich als unbegründet: Ich alleine schaffte in den 90 Minuten, die wir durch den Park liefen, an die 300 Kinderfotos (der Fratz ist aber auch süß!) plus die paar von und vom Vögeln.

300 Kinderfotos. Soviele gibts von mir wahrscheinlich insgesamt, von meinem Vater vielleicht 3… heutige Kindheiten werden gut dokumentiert. Doof nur, dass es noch keine Geruchsfotografie gibt. Vielleicht ist es eine gute Idee bis zu deren Erfindung die eine oder andere volle Windel aufzuheben, die man dann zum 18. Geburtstag oder wenn der Sohn/ die Tochter das erste Mal Freundin oder Freund mit nach Hause bringt hervorholen kann …

Kinder sind schon ne schöne Sache, zumindest die, die man kennt und solange sie nicht allzu zahlreich, sagen wir maximal alleine auftreten. Im Café im Tierpark saß eine Familie mit zwei Mädchen, das eine war vielleicht drei, das andere so fünf oder was weiß ich und das größere Mädchen sang dem kleineren ein Lied vor:

Wozu ist der Kopf denn da, Kopf denn da, Kopf denn da?
Der Kopf der ist zum Denken da, zum Denken da.
Wozu sind die Ohren da, Ohren da, Ohren da?
Die Ohren sind zum Hören da, zum Hören da.

Die folgenden Strophen behandelten die Augen (zum Gucken), die Beine (zum Laufen), die Hände (zum Greifen) und den Mund – und das war die Stelle, wo ich das erste Mal gerne laut mitgesungen hätte und zwar: „Der Mund der ist zum Halten da, zum Halten da!“, denn längst war klar, dass ich dieses blöde Lied die nächsten fünf Tage als Ohrwurm haben würde. Aber man benimmt sich ja dann doch immer und lässt es bleiben. Ich habe sogar darauf verzichtet, dem Mädchen eine spontan von mir gedichtete Strophe vorzusingen (das Lied dauerte zwar ewig, schien mir aber nicht ganz vollständig): „Wozu ist der Hintern da, Hintern da, Hintern da? Der Hintern ist …“ – aber wie gesagt, ich habe es sein lassen.

(VS)


Flattr this

Bug in Facedetection-Software

Eine meiner unangenehmsten Macken oder besser gesagt: Eins meiner peinlichsten Defizite ist es, dass ich oft Leute nicht wiedererkenne. Es ist vielleicht noch verständlich, wenn es sich um Leute handelt, die ich mal bei einem Auftritt getroffen habe, denn das sind sehr viele Leute. Aber selbst da wird es schon bedenklich, wenn man zumindest mal miteinander geredet oder sogar ein Bier getrunken hat. Leider beschränkt es sich aber nicht darauf. Mit der folgenden Geschichte gelang es mir sogar, Kathrin Passig zu beeindrucken, die aus eigener leidvoller Erfahrung ausgewiesene Expertin auf diesem Gebiet ist.

Es muss jetzt ungefähr zehn Jahre her sein. Damals fand LSD noch im Keller des Zosch statt und ich war noch Mitglied und stand jede Woche auf der Bühne. Eines Abends, es war sehr voll und ich drängelte mich fünf Minuten vor Beginn der Show zur Bar durch, um irgendetwas mit dem Licht oder dem Ton zu klären, sprach mich eine Frau an. Sie kam mir vage bekannt vor, aber ich wusste einfach nicht, woher und wie gut ich sie kannte. Ich hatte damals gerade beschlossen, das Problem offensiv anzugehen und in solchen Fällen nachzufragen, statt es durch irgendwelches unverbindliches Rumhalloen und Undwiegehtsgeplapper zu überspielen.

Ich sage also: „Ah hi, ähm … entschuldige … woher kennen wir uns gleich nochmal?“
Die Frau schaut mich mit riesigen Augen an und sagt: „Ich bin deine Schwester!“

Wir waren schon im Keller, im Boden versinken fiel also zu meinem großen Leidwesen aus. Wahrscheinlich werde ich die Geschichte bis an mein Lebensende gelegentlich um die Ohren gehauen bekommen – und zwar völlig zu Recht! Ich versuchte es ihr – und vor allem mir selbst – zu erklären. Es muss daran gelegen haben, dass ich gerade im Stress war. Bei Auftritten bin ich oft ziemlich von der Rolle und dann war da noch das Problem, das schnell gelöst werden musste und in wenigen Minuten würde ich am Mikro das Publikum begrüßen müssen und außerdem: Meine Schwester war seit Jahren nicht bei einer unserer Veranstaltungen gewesen, sie gehörte nicht zu den Leuten, die ich mit unserer Show in verbindung brachte, ihr Besuch war eine Riesenüberraschung. Eine schöne eigentlich, wenn ich nicht alles verdorben hätte. Mann, war das peinlich.

Ein paar Jahre später kam sie überraschend zu einem Auftritt, den ich irgendwo in Süddeutschland hatte, da sie mit Familie in der Nähe Urlaub machte. Sie schickte vorsichtshalber ihren Mann vor, der zu mir kam und sagte: „Hallo Volker, ich bin dein Schwager und guck mal, das dort hinten ist deine Schwester … nur um euch die Peinlichkeit zu ersparen …“ Aber eins weiß ich ganz sicher. Mit ihr wird mir das nicht noch einmal passieren.

Heute, auf dem Rückweg von ein paar Besorgungen, in Gedanken versunken, kam mir ein Mann entgegen. Er schaute mich an, ich schaute zurück, wendete dann aber den Blick ab, weil ich keine Lust auf eins dieser Blickduelle im Vorübergehen hatte und außerdem meinen Gedanken zu Ende denken wollte. Wozu ich dann aber doch nicht kam, weil mir ein paar Meter später siedendheiß die Erkenntnis kam, dass das ein Bekannter und Nachbar war. Ich bleib stehen, drehte mich um, konnte mich aber doch nicht dazu durchringen, hinterherzurufen oder zu -laufen.

So etwas ist natürlich für beide Seiten unangenehm. Für den Nichterkannten, der sichentweder zu Recht beleidigt fühlt oder, wenn er eher der Kloß-Typ ist, die Schuld bei sich sucht. Und für den Nichterkennenden, der sich wie ein Arsch fühlt und zudem an seinem Verstand zweifelt.

Interessant ist natürlich die Frage, woran es liegt. Ich bin in allen Dingen ziemlich vergesslich, aber in diesem Bereich ist es doch ausgeprochen schlimm (vielleicht fällt es mir in diesem Bereich auch nur besonders auf, weil es mich immer wieder in größere oder kleinere soziale Bredouillien bringt). Die unangenehmste Interpretation ist natürlich, dass es an einem generellen Desinteresse den Mitmenschen gegenüber liegt, aber ich glaube lieber an eine ganz normale und irgendwie ja auch sympathische Prosopagnosie. Bleibt nur die Frage, ob apperzitiv, amnestisch oder kongenital. Und wie ich den Typen wieder loswerde, der mir immer beim Zähneputzen gegenübersteht und mich nachäfft.

Vielleicht hat aber auch einfach Frau Passig Recht.

Lesetip: Ira Strübel über die größte Gefahr im Internet. Mit Prosopagnosie-Bezug!


Flattr this