Bilder der Woche 45 – Über Pegida, Cosplayer und fehlende Schwimmwesten im Bus

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Nur eine Woche nach dem SLAM2014 verschlug es mich schon wieder nach Dresden. Ich muss gestehen, dass ich nicht verstehe, was momentan jeden Montag in Dresden abgeht. 15.000 Pegidaner, ist das schon die kritische Masse, die zu einer Kettenreaktion führt? Und was wollen diese Menschen eigentlich? Sie haben doch alles! Sie haben Frauenkirche, Semperoper und Zwinger! Und jetzt wird aus dem Hauptbahnhof auch noch ihr Einkaufsbahnhof!

Okay, Ironie aus. Es gibt genug Gründe, auf die Straße zu gehen und „Wir sind das Volk“ zu rufen – nicht zuletzt eklige, ranschmeißerische, vereinnahmende Werbung für den traurigen Umstand, dass noch ein altehrwürdiger Bahnhof in ein Sweatshop-Outlet verwandelt wird. Überall in Europa haben die Leute gegen die Abschaffung des Sozialstaates demonstriert, gegen Einsparungen und eine immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen arm und reich, gegen die Auswüchse eines vollkommen durchdrehenden, totalitären Wirtschaftssystems, das sich Politik, Gesellschaft, Kultur und jeden Einzelnen zum Untertan macht und keine Alternative mehr zulässt (von der chinesischen Option Kapitalismus minus Freiheit abgesehen).
In Dresden aber protestiert man lieber gegen Islamisierung und meint Ausländer an sich. Gegen die, denen es noch schlechter geht als einem selbst, und gegen ein ominöses „die da oben“. Ohne Ideen außer mehr Abgrenzung, mehr Härte, mehr „früher war alles besser“. Es muss ja nicht gleich wie 33 werden, bis 89 war die Welt ja auch prima: Keine Ausländer, keine händchenhaltenden Männer, keine beunruhigenden alternativen Lebensentwürfe, keine Bana … ach nee, die sind eigentlich ganz lecker. Wie vor 89 + Bananen, Smartphones und Tui-Reisen, das wärs! Und „da oben“ jemanden, von dessen Fehlern wir aus der Staats-Presse nichts mehr erfahren, denn das macht nur schlechte Laune, jemanden, der uns endlich wieder sagt, wo’s langgeht und fürs Foto mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd durch die Elbauen reitet oder Wildschweine im Erzgebirge jagt.

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Schön war es jedenfalls auf der Buchmesse Dresden, da man hier den Fehler von Leipzig und Frankfurt vermieden hat, ganze Hallen mit hunderttausenden von Büchern vollzustopfen. Stattdessen gab es nur ein begrenztes Buchangebot und man kombinierte sie mit einer Spielzeug und Modellbau-Messe! Hurra!

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(Cos-Player wie in Leipzig gab es auch. Na gut, nicht ganz wie in Leipzig. Und ich weiß auch nicht, ob sie den Begriff Cos-Player kennen.)

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(Slam auf der Buchmesse)

Ich habe ja immer gesagt, dass ich Fernbusse schrecklich fände und mich höchstens wegen eines Streiks in diese Mistdinger zwängen würde. Gratis-WiFi hin oder her. Zumal es keinen DB-Kaffee im Zug gibt. Wenn ich mir allerdings, wie auf der nächtlichen Rückfahrt von Dresden nach Berlin, einen ganzen Doppeldecker mit vier Mitreisenden teilen kann und zudem die ganze vordere Reihe oben für mich habe, dann ist das natürlich was anderes.

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(Die Safety-Instructions verströmen ein Hauch von weiter Welt. Wenn es jetzt noch Schwimmwesten unter den Sitzen gäbe und der gemütliche, schnurrbärtige Busfahrer das aus Flugzeugen bekannte Sicherheitsballett aufführen würde …)

Der ökologische Fußbabdruck dieser Reise dürfte verheerend sein und ein volles Flugzeug wäre vielleicht besser gewesen für das Klima. Aber, wenn ich ganz ehrlich bin, die Umwelt ist für mich doch eher ein akademisches Thema, wenn es um meine Bequemlichkeit beim Reisen geht. Ich glaube, viele Leute lügen sich selbst die Hucke voll, wenn sie sagen, sie zögen den Zug aus derlei Gründen vor. Denn dann müssten sie über jede Zugfahrt klagen, auf der sie einen Zweiersitz oder gar einen Vierertisch für sich hatten und müssten nach 6 Stunden im Gang Sitzen in einem überfüllten ICE freudig ausrufen: „Herrlich, wie wenig ich doch mit meiner Reise die Umwelt belastet habe!“

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