Vorwärts zum 66. Jahrestag der DDR! (Teil 2)

(Zu Teil 1)

Der Gemeinschaftsraum lag in einem Durchgang, der im 9. Stock jeweils zwei benachbarte Wohnblocks miteinander verband; ein trauriger Raum mit unverputzten Wänden.
Als die erste Wodkaflasche geöffnet wurde, begriff ich, was mit dem Hissen der Arbeiterfahne gemeint war.
„Kennt ihr den schon?“, ließ sich der Witzeerzähler vernehmen: „Ein Katholik ist todkrank und stellt auf dem Sterbebett noch einen Antrag auf Aufnahme in die SED. Kommt der Pfarrer zu ihm und fragt: ‚Mensch, bist du verrückt geworden?‘ Darauf der Kranke: ‚Nee, versteh doch – wenn schon jemand sterben muss, dann soll es einer von denen sein!’“ Die Leute lachten herzhaft, obwohl sie fast alle ein Parteiabzeichen an ihrem Trainingsanzug trugen.
Schon viele Jahre zuvor, in der echten DDR, also in meiner DDR, in unserer DDR, in unserer Welt meine ich, die Welt, in der die DDR anno 1990 dahingeschieden war, hatte ich den Eindruck gehabt, dass buchstäblich niemand wirklich hinter dem System gestanden hatte, nicht einmal die Bonzen und Ideologen – von Honnecker, Mielke und Schnitzler vielleicht abgesehen. Ich sprach daher auch ungern von einer „friedlichen Revolution“, sondern bevorzugte den Begriff „achselzuckende Selbstauflösung“. Die längere Laufzeit des realsozialistischen Experiments auf dieser Qunatenrealitätsebene schien diese Tendenz verstärkt zu haben. Die waren alle vollkommen schizophren!
„Weißt du, was wir machen, wenn die Arbeitsgeräte da sind?“, fragte ich eine junge Frau, die neben mir saß und eben einen großen Schluck aus der Wodkaflasche genommen hatte.
„Na, erst mal Frühstückspause, schätze ich.“
„Ah ja.“ Ich nickte. Das hatte ich mir fast gedacht. „Und danach?“
„Naja, wenn dann noch Zeit ist, werden wir den Vorgarten umgraben und Kohl pflanzen.“
„Umgraben? Der Boden ist gefroren!“
„Tja. Scheiß Osten.“
„Selbst wenn wir den aufkriegen, warum sollten wir Kohl pflanzen? Im Winter! In unserem Vorgarten!“
„Weil es so angeordnet wurde, nehme ich an.“
„So angeordnet? Was soll denn der Sinn dieser Anordnung sein?“
Sie schaute mich verblüfft an. „Der Sinn dieser Anordnung ist es, befolgt zu werden. Was sonst sollte der Sinn einer Anordnung sein?“

„So angeordnet? Was soll denn der Sinn dieser Anordnung sein?“
Sie schaute mich verblüfft an. „Der Sinn dieser Anordnung ist es, befolgt zu werden. Was sonst sollte der Sinn einer Anordnung sein?“

Sie prostete mir zu, ich winkte ab. In diesem Moment wurde die Tür des Gemeinschaftsraumes aufgestoßen und drei Männer mit Ledermänteln stürmten mit gezogenen Pistolen herein, sahen sich kurz um und richteten ihre Waffen auf mich. „Genosse Strübing?! Wir verhaften Sie wegen staatsfeindlicher Hetze und Verunglimpfung unseres sozialistischen Vaterlands!“

*

Noch mehr als diese doch recht dramatische Wendung in meinem Abenteuer verblüffte mich die Reaktion meiner ach so netten Mitbürger: Sie brachen in Applaus und Hochrufe aus.
Die drei Ledermantelträger … nun ja, die drei Kunst-Leder-Imitat-Nachbildungs-Surrogat-Mantelträger, traten an mich heran. Jetzt wäre ein guter Moment, um diese Parallelwelt zu verlassen, dachte ich. Mein Herz schlug bis zum Hals.
„Können wir gehen?“, fragte einer der drei.
Die junge Frau, mit der ich mich eben unterhalten hatte, lächelte.
Mir fiel ein, was der HGL-Mann gesagt hatte: Sie haben mich heute morgen angerufen und nach dir ausgefragt. Ich habe alles bestätigt.
Jetzt stand er neben der Tür, grinste mich breit an und prostete mir mit einem Becher Wodka zu.

„Genosse Strübing?! Wir verhaften Sie wegen staatsfeindlicher Hetze und Verunglimpfung unseres sozialistischen Vaterlands!“

„Du Schwein!“, presste ich zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor. Er schaute mich bestürzt an.
„Nein, nicht den Strübing!“ Ein älterer Mann hatte sich erhoben und brüllte die Stasi-Männer an. „Der ist total harmlos! Nehmt mich mit! Ich bin ein viel schlimmerer Staatsfeind! Der Strübing ist unschuldig!“
Ein mutiger, selbstloser Mann – ich hoffte inständig, sie würden auf ihn hören, mich in Ruhe lassen und ihn verschleppen.
„Maul halten, Müller!“, fauchte ihn der HGL-Vorsitzende an. „Irgendwann kommst du auch noch dran!“
Auch die drei Stasis hatten sich Müller zugewandt und ich erkannte meine Chance. Ich schubste den nächststehenden gegen die beiden anderen und rannte aus dem Raum, durch den Durchgang in den Nachbarblock und hetzte dort die Stufen hinunter. Ich wirbelte an den Treppenabsätzen am ausgestreckten Arm um das Geländer, erreichte das Erdgeschoss in Rekordzeit und sauste meinen Verfolgern direkt in die Arme. Der Fahrstuhl in diesem Aufgang hatte noch funktioniert.

*

Der Stasimann tippte mit einem Finger und qittierte jeden Tippfehler mit einem lautstarken „Scheiß Osten!“ Endlich zog er das Papier aus der Robotron-Schreibmaschine und reichte es mir über den Schreibtisch hinweg. „Wenn Sie dann noch unterschreiben würden“
„Was ist das?“
„Ihr Geständnis!“
Ich überflog den Zettel: Konterrevolutionäre Agitation, Aufrufe zum Widerstand gegen Staatsgewalt, Beleidigung von Amtsträgern, Verunglimpfung des antifaschistischen Schutzwalls … die Liste war lang.

Der Stasimann tippte mit einem Finger und qittierte jeden Tippfehler mit einem lautstarken „Scheiß Osten!“ Endlich zog er das Papier aus der Robotron-Schreibmaschine und reichte es mir über den Schreibtisch hinweg. „Wenn Sie dann noch unterschreiben würden“
„Was ist das?“
„Ihr Geständnis!“

„Das unterschreibe ich nicht!“
Er schien überrascht. „Warum nicht?“
„Nichts davon ist wahr! Ich bin ein treuer Bürger der DDR und den sozialistischen Idealen zutiefst verpflichtet!“, behauptete ich. Klar war das feige, aber verurteilt mich nur, wenn ihr auch schonmal in einem Knast in einer Stasi-arallelwelt gelandet seid! „Diese Anschuldigungen sind vollkommen lächerlich! Wie kommen Sie darauf, ich sei ein Staatsfeind?“
Er schüttelte den Kopf, als könne er nicht glauben, was er hörte. „Es gab eine anonyme Beschuldigung.“, sagte er.
Ich witterte Oberwasser. „Aber das beweist doch gar nichts!“
„Zusammen mit Ihrem schriftlichen Geständnis schon!“
„Ich werde nichts gestehen. Verhaften Sie lieber die Person, die diese infamen Lügen über einen aufrechten Kommunisten wie mich verbreitet!“
Wortlos reichte er mir die anonyme Anzeige. Unterschrieben war sie mit den Worten: „Ein aufmerksamer Bürger.“ Der Text war ganz eindeutig in meiner eigenen Handschrift abgefasst. Ich verstand überhaupt nichts mehr.
„Herr Strübing, ich weiß wirklich nicht, was das soll. Warum erschweren Sie mir meine Arbeit?“ Er zeigte auf einen großen Stapel Papier: „Sehen sie das? Alles anonyme Anzeigen. Und aus diesem Stapel habe ich ausgerechnet Ihre gezogen. Seien Sie doch froh, Mensch!“
„Froh?“, krächzte ich.
„Unterschreiben Sie nun, oder nicht?“
„Und wenn nicht?“
Er schüttelte wieder den Kopf. „Tja. Dann müssen wir Sie leider freilassen.“

*

Etwas später war ich draußen. Hinter mir der hell erleuchtete Knast, vor mir eine Straße, deren verfallende Altbauten scheinbar nur durch die daran angebrachten Spruchbänder zusammengehalten wurden. Den Entlassungsschein hielt ich in der Hand. Seufzend machte ich mich auf den Weg zur nächsten Bushaltestelle und fiel beim nächsten Schritt nackt aus meiner Duschkabine in der besten aller Welten.
„Puh!“, rief meine Freundin – meine richtige Freundin, nicht Silke. „Bist du jetzt wieder der richtige? Ich hab mich den ganzen Tag mit so einem komischen Ost-Volker rumplagen müssen! Ich hab Dir doch schon tausendmal gesagt, dass du deine Experimente nicht hier zuhause machen sollst! Musste Deine ganzen Notizen durchsuchen, um rauszufinden wie ich dich zurückkriege und den Ost-Volker loswerde.“
„Ein Ost-Volker?“
„Ach ja. Stell dir vor. In seiner Welt hat die Wende nie stattgefunden … ach so, das müsstest du ja wissen, du warst ja dort. Meine Güte, du hättest sehen sollen, wie der über den Jacobs-Kaffee hergefallen ist! Wollte gar nicht in seine Realität zurück, der Arme. Musste ihn mit ein paar Bananen in die Duschkabine locken.
Naja. Irgendwie auch verständlich. Stell dir vor, seine einzige Chance aus dem ganzen Elend rauszukommen, ist, von der Stasi verhaftet und vom Westen freigekauft zu werden. Er hat mir verraten, dass er sich selbst angezeigt hat und darauf hofft, irgendwann zur Verhaftung ausgewählt zu werden. Ist das nicht lustig? Das einzige, was diese DDR noch am Leben hält, ist der Export von Dissidenten!“
Meine Freundin kicherte in sich hinein. Und vor meinem inneren Auge tauchte mein Ebenbild auf, in einer kalten, grauen Vorstadt, den Geruch von Jakobs Krönung und Bananen noch in der Nase und in der Hand den Entlassungsschein, der das Ende all seiner Hoffnungen bedeutete …

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