Bilder der Woche 35 – Sachsenhausen und ein Stau wegen offener Tür

Das KZ Sachsenhausen besuchten wir in meiner Kindheit und Jugend gefühlt einmal im Jahr an Wandertagen oder besonders heißen Julitagen in den Ferienspielen. Wahrscheinlich waren wir in Wirklichkeit nur zweimal da. Meine Erinnerung daran ist sehr verschwommen. Als ich das KZ jetzt wieder besuchte, erkannte ich nichts wieder, obwohl noch vieles genau so ist, wie in meiner Kindheit – nicht einmal an das Monument hatte ich eine Erinnerung:

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Doch das einzige, woran ich mich wirklich erinnere (und möglicherweise ist es gar keine Erinnerung an Sachsenhausen, sondern an Buchenwald, das wir während einer Klassenfahrt besuchten) ist das Foto eines menschlichen Herzens in einer Emailleschüssel und die Bildunterschrift: „Ein perfekter Herzschuss, für den der SS-Mörder 3 Tage Sonderurlaub erhielt“. Dieses Detail hatte mich damals mehr schockiert als alles andere.

Ansonsten habe ich bloß eine diffuse Erinnerung an Durst, die Sehnsucht nach dem Badesee und pflichstschuldiges Entsetzen. Als ich vor zweieinhalb Wochen die Langeweile in den Gesichtern der kaugummikauenden Kinder und Jugendlichen sah, die man jetzt dort hineinschickte, musste ich den dringenden Wunsch unterdrücken, über die Jugend von heute im Allgemeinen und ihre Respektlosigkeit im Speziellen herzuziehen. Zugegeben, wir haben damals nicht auf unsere Smartphones geguckt, aber vielleicht hatte das ja andere Gründe. Und Autokarten haben wir bestimmt gespielt, zumindest alle mit einer Betragensnote von 3 an aufwärts.

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(Das KZ wird auch heute noch von vielen Schulklassen besucht. Wahrscheinlich war es Zufall, dass ich Dutzende Jugendgruppen aus allen möglichen Ländern sah, aber nicht eine einzige aus Deutschland.)

Das heißt übrigens nicht, dass mich das alles damals nicht interessiert und kalt gelassen hätte. Aber mich bewegten eher Bücher und Filme, als diese große leere Fläche und das Nationalmonument.

Und so erging es mir auch diesmal. Es gab allerdings doch einige Momente, wo ich den Schrecken zu fassen bekam. Nicht am Erschießungsgraben oder den Resten des Krematoriums, sondern eher in den Zeichnungen von Häftlingen, die Folter und Demütigung festhielten oder bei dem in einer Vitrine ausliegenden seitenlangen Strafkatalog, bei der Strafanweisung für einen Häftling, der 5 Minuten nach dem Wecken noch in seinem Bett angetroffen wurde und dafür Stockhiebe erhalten sollte und ähnlichen Zeugnissen der Willkür und Unmenschlichkeit, Erinnerungen daran, dass Menschen unter keinen Umständen absolute Macht über andere Menschen bekommen dürfen – vergilbtes Papier, aber eindrücklichere Mahnungen vor Totalitarismus als jedes steinerne Monument.

Apropos Monument: Die roten Dreiecke stehen für die politischen Gefangenen. Ich habe, da ich danach gefragt wurde, in meinen Erinnerungen gekramt, was uns in der Schule in der DDR über das Dritte Reich, den 2. Weltkrieg und den Holocaust erzählt wurde. Soweit ich das noch zusammenkriege, hatten der Krieg gegen die Sowjetunion, vor allem aber die Verfolgung und der Widerstand der deutschen Kommunisten die absolute Priorität. Auschwitz und die Vernichtung der europäischen Juden war nur ein Randthema, eher dazu gedacht, die Gegner der Kommunisten noch ein bisschen dämonischer und jene damit noch strahlender zu machen. Ich redete mit einigen Leuten darüber. Die meisten sahen das ähnlich, aber über die Stärke dieser Fokussierung wurden wir uns nicht ganz einig. Vielleicht muss ich mal nach antiquarischen DDR-Geschichtsbüchern suchen.

Zugabe: Die restlichen Bilder der Woche:

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(Pott-Idylle an der Rur (ja, ohne h!) mitten in Düren)

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(Glashüttenstraße, Ecke Paradiesstraße, Düren)

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(Tabledance, Düren)

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(Ich glaub das war eigentlich noch in der Woche 34 … naja, egal, merkt doch keiner.)

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