Niemand will Krieg …

… wahrscheinlich nicht einmal Joachim Gauck! Aber mal im Ernst: Ich glaube nicht, dass Putin oder der genauso gruslige (glücklicherweise aber weniger mächtige) NATO-Generalsekretär Rasmussen oder sonst jemand in in einer mächtigen Position wirklich Lust hat, den Ukraine-Konflikt noch eine Stufe weiter zu eskalieren, hin zu einem echten zwischenstaatlichen Krieg oder – die absolute Horrorvorstellung – zu einem Krieg zwischen Russland und der NATO. Mir ist bewusst wie zynisch das klingt angesichts der Tatsache, das dort bereits hunderttausende auf der Flucht und Tausende gestorben sind. Aber mir geht es um etwas anderes. Noch ist es offiziell ein Bürgerkrieg, noch behauptet Russland, nur humanitäre Hilfe zu leisten, noch hat der Westen keine Waffen geschickt. Anders gesagt: Wir, Deutschland, die EU, stecken noch nicht direkt drin, noch schießen keine NATO-Soldaten auf Russen und die Atomsprengköpfe sind noch nicht scharf gemacht. Und, um es noch einmal zu wiederholen: Ich glaube nicht, dass irgendjemand will, dass es soweit kommt.
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Aber: Für einen Krieg braucht es nicht unbedingt Leute, die wirklich Krieg wollen. Es reichen ein paar Leute an den richtigen bzw. eben gerade falschen Positionen, die einfach nicht genug keinen Krieg wollen. Man muss bei Leuten wie Putin (und sicher auch vielen auf „unserer“ Seite) vom Schlimmsten ausgehen, nämlich davon, dass sie keinerlei Skrupel haben, Tausende zu opfern, um Recht zu behalten, um ihren Willen durchzusetzen, um ihr Gesicht zu wahren, um eine vermeintliche Demütigung zu verhindern/zu rächen, dass sie sich, ganz allgemein gesagt, wie verzogene, bockige Gören benehmen.
Das ist die Crux mit der Macht: Dass in der Regel die sie erlangen, die am wenigsten dafür geeignet sind: Menschen mit einem aufgeblähten Ego, von ihrer eigenen vermeintlichen Bedeutung berauscht (weshalb sie alles tun, um diese Bedeutung vor sich selbst und anderen zu beweisen), beratungsresistent, selbstunkritisch, selbstverliebt. Gleichzeitig Machos und Mimosen.
Es gibt Ausnahmen, insbesondere in Demokratien, wo auch Menschen in Machtpositionen gelangen können, bei denen diese Punkte nicht ganz so ausgeprägt sind. Aber ohne den Glauben, mehr zu wissen und zu können als alle anderen, ohne diese Anmaßung, über die Geschicke von Millionen zu entscheiden (in der Regel natürlich in ihrem Namen und zu ihrem besten), sind Macht und Politik nicht möglich. Man könnte auch sagen: Wir brauchen diese Menschen, damit sie die Politik machen. Ein Land kann nicht von Leuten mit Selbstzweifeln regiert werden, von Leuten, die keine Entscheidung treffen können, weil sie wissen, dass jede Medaille zwei Seiten hat, von Leuten, die nichts verantworten wollten, was in irgendeiner Weise Leid über andere bringt.
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Kurz gesagt: Wir werden regiert von Sozio- und Psychopathen, und das ist auch gut so, solange diese gemeingefährlichen Irren in einer metaphorischen Zwangsjacke stecken, die sie davon abhält, allzuviel Schaden anzurichten. In Deutschland gibt es da beispielsweise das Grundgesetz. Oder die Oppositionsparteien (auch wenn diese von ebensolchen Psychopathen geführt werden). Außerdem die Presse, die außerparlamentarische Opposition, die Zivilgesellschaft.
Innenpolitisch wird Putin von nichts mehr zurückgehalten und am Beispiel Ungarns sieht man gerade, wie verletzlich eine Demokratie ist („Das neue Ungarn ist kein liberaler Staat“), aber dennoch gibt es Handelsinteressen, internationale Verträge und Gepflogenheiten, Reste von Zivilgesellschaft und Opposition und nicht zuletzt die prinzipielle Unmöglichkeit eines echten Krieges zwischen Nuklearmächten, die es undenkbar machen, dass jemand wirklich in einen Krieg ziehen will.
Aber wie gesagt: Keinen Krieg wollen, ist nicht dasselbe wie unbedingt Frieden wollen. Und in der Ukraine zünden sich gerade alle neben dem Ölfass eine Pfeife an und werfen die Streichhölzer auf den Boden. Ein verdammter Unglücksfall, ein Alleingang eines verrückten örtlichen Kommandeurs, eine Fehleinschätzung kann zu einer Situation führen, die nicht mehr zu kontrollieren ist. Denn die Verantwortlichen werden nicht sagen: „Okay, Stop, wir machen jetzt erstmal halb lang und gucken, was genau passiert ist“, sondern werden wie die oben erwähnten Sandkastenschläger aufeinander losgehen und „Der da hat angefangen!“ brüllen.

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Es wird natürlich politische moralische militärische Rechtfertigungen und Schuldzuweisungen geben und hinterher werden die Historiker „beweisen“, warum dieser Krieg folgerichtig war und kommen musste, aber natürlich wäre das alles Quark. Das nachträgliche Erfinden einer Geschichte, um dem Ganzen einen Sinn zu geben, den es niemals hatte.
Viele Leute beruhigen sich mit zwei Argumenten: 1. Es geht ja doch alles irgendwie immer so weiter wie zuvor. Und 2. Putin (oder wahlweise Merkel/Obama) ist doch nicht doof.
Dem ersten Punkt würde auch die berühmte Weihnachtsgans zustimmen, sogar noch einen Tag vor Weihnachten, Punkt 2 ist richtig, hilft aber nichts. Ab einem bestimmten Punkt wird das Hirn ausgeschaltet und die Hormone übernehmen. Wie bei einer Kneipenschlägerei.
Andere Leute sind hingegen aus den falschen Gründen beunruhigt: Sie überschätzen die Bosheit von Putin (oder wahlweise Merkel/Obama) und unterschätzen den Hang des Menschen zur Irrationalität. Sie glauben, alles in der Politik, zumindest die ganz großen, wichtigen Dinge hätten einen Sinn, wären geplant und würden von rational handelnden (wenn auch bösen) Menschen gesteuert. Leute, die daran glauben, enden oft als Verschwörungstheoretiker, Ökonomen oder Insassen von psychatrischen Kliniken.
Manchmal denke ich allerdings, dass es gar nicht so schlecht wäre, wenn diese Leute recht hätten. Zum einen, weil sie die spannendere Geschichte erzählen. Zum anderen, weil geniale Schurken einfacher zu benennen und zu bekämpfen wären als die menschliche Irrationalität. (Wobei diese natürlich auch ganz hübsch sein kann, nur eben nicht, wenn Macht und Waffen involviert sind.) 
Mitte dieses Monats wird die NATO wie jedes Jahr ein Militärmanöver in der Ukraine abhalten. Natürlich wäre es ein Zeichen von Schwäche, es jetzt abzusagen. Natürlich? Nein, es wäre ein Zeichen von Klugheit. Putin weiß ganz genau, dass er keinen NATO-Staat angreifen kann, ohne dass die NATO zurückschlägt. Genausogut weiß er, dass die NATO nicht wegen der Ukraine in einen Krieg mit Russland ziehen wird. Welchen Sinn hat also das Manöver? Außer die Stimmung noch mehr anzuheizen und die Gefahr eines versehentlichen Krieges noch zu erhöhen? Eine Rakete geht schnell mal fehl, ein Übungsschuss kann missverstanden werden, ein Trupp Soldaten verirrt sich schon mal … und schon glauben sich dieselben Leute, die nie einen Krieg wollten, von der anderen Seite in einen solchen hineingezwungen.
Das übliche Gegenargument wäre es jetzt, die Appeasementpolitik gegenüber Hitler zu geißeln. Als sei es dieselbe Situation. Als sei erwiesen, dass ohne sie der 2. Weltkrieg ausgefallen oder weniger schlimm geworden wäre. Als würde irgendeine Drohung Putin zum Rückzug bewegen und nicht noch mehr anstacheln – als könne man die Kneipenschlägerei mit weiteren Beleidigungen und dem Hochkrempeln der Ärmel verhindern. Als sei ein Krieg mit Russland um die Ukraine wirklich eine Option.
Die Hoffnung, die ich habe ist, dass die Hirne noch arbeiten, dass Situation irgendwie ein bisschen herunterkocht, bis zu einem Punkt, wo wieder Gespräche möglich sind.
Ich glaube nicht, dass es jetzt zum Krieg kommt, ich könnte es gar nicht glauben, ohne verrückt vor Angst zu werden. Leider richtet sich die Welt nicht nach meinem Glauben und leider ist die Zukunft auch ohne einen Krieg nicht rosig: Was ist, wenn in einem der baltischen NATO-Staaten eine prorussische Maidan-Bewegung entsteht und ein Bürgerkrieg ausbricht? Besser nicht dran denken. Es wird sowieso Zeit, mal wieder was Lustiges zu schreiben.

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4 Kommentare zu “Niemand will Krieg …

  1. Ein guter und wichtiger Kommentar. Ich weiß auch gar nicht was ich weiter dazu sagen soll, denke aber es machen sich immer noch zu wenige Menschen darüber Gedanken. Wenn ich zur Zeit mitkriege wie der Pazifismus, dabei bin ich nicht mal Pazifist, lächerlich gemacht wird, wie wieder an ein Gemeinschaftsgefühl appelliert wird, in Russland sicher noch mehr als bei uns, dann fällt mir einfach nur das Schlichte „Wer blutet denn auf den Schlachtfeldern und wer weint um die Toten und sind das nicht auf allen Seiten dieselben und können diese nicht verdammt nochmal ihren Befehlsgebern hier und dort endlich sämtliche Eier zerquetschen, so sie denn welche haben?“ Oh, jetzt habe ich doch was gesagt.

  2. Ja, die Welt ist friedlich und alle haben den Frieden im Blick, niemand will Krieg nur einige Politiker.
    Nett dass der Autor hier von „Sozio- und Psychopathen“ spricht. Wir wollen dabei nicht vergessen, dass jeder Bürger diese durch eine aktive Stimme gewählt hat, oder eine Opposition gewählt hat. Auch das jeder Nichtwähler indirekt auch einen Teil zur Bundestagszusammensetzung beigetragen hat.

    Natürlich will niemand einen Konflikt gegen Russland und mit Nato Kräften haben. „Zynisch“ klingen sollte es? Nun, wenn man bedenkt das der Autor mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Katastrophen wie Krieg nur aus dem Lehrbuch kennt, dass wahrscheinlich ein Gewittersturm und ein Internetausfall schon eine mittlere Katastrophe ist, dann ist es mehr als zynisch. Dort sterben Menschen und sie sterben unschuldig. Dort kämpfen Dorfbewohner um Ihre Freiheit und um Ihr Leben.

    – Es ist sicherlich unfair, da ich den Autor nicht kenne, dieses ist aber meine Meinung, mag diese auch nur auf einer Vermutung beruhen! –

    Was passiert denn wirklich in der Ukraine? Ein anderer Staat hat ein en Teil eines anderen Landes besetzt und unterstützt offensichtlich Bürgerkriegspartei um die amtierende Regierung zu destabilisieren. Als der Bürgerkrieg nach Monaten der Eskalation bis zum inländischen Militärkonflikt eskaliert, werden offen und ungeachtet des Völkerrechts Truppen entsandt.

    Leider nützt dann auch nicht der Satz:
    „Wir, Deutschland, die EU, stecken noch nicht direkt drin, noch schießen keine NATO-Soldaten auf Russen und die Atomsprengköpfe sind noch nicht scharf gemacht.“

    Genau so haben schon einmal in der Weltgeschichte Menschen gedacht. Damals war Deutschland der Aggressor und auch damals würden Teile eines anderen Landes unbeachtet des Völkerrechts besetzt und Freiheit / Demokratie bekämpft, unterdrückt und ausgerottet. Auch damals wurde ein ganzes Land getäuscht und in einen Untergang geführt.

    In den letzten Jahren hörte man oft:
    „Das kann heute nicht mehr passieren, die Medien…!“
    „Das geht mich nix an, da war ich nie beteiligt dran!“

    Es passiert, heute, jetzt… in jeder Minute!

    Aber richtig, ich vergaß „Hauptsache Wir, ähm ICH stecken noch nicht direkt drin!“

    • Ah, da ist ja das Appeasement-Argument!
      Im Übrigen stimmt es, dass ich Krieg und Katastrophen bisher nur aus dem Fernsehen kenne. Das ist etwas, wozu man mir gratulieren kann, was man mir aber nicht vorwerfen sollte.
      Ich denke, ich weiß trotzdem genug darüber um mir sehr zu wünschen, dass es so bleibt. Inwiefern eine Änderung dieses Status den Menschen, die anderswo kämpfen und sterben, helfen sollte, weiß ich nicht.

  3. Zitat:
    „Das ist etwas, wozu man mir gratulieren kann, was man mir aber nicht vorwerfen sollte.“

    Punkt a):
    Ein Vorwurf wäre in diesem Argumentationszusammenhang nicht zweckmäßig, aber es war eine Vermutung. Eine Vermutung darf jeder äußern, so hat der Autor im gleichen Spektrum über die Sozialkompetenz und Verantwortungsbewusstsein unserer Politiker „vermutet“.

    Punkt b)
    Warum sollte man Dir dazu gratulieren? Ich gratuliere zu den 25330 Tagen Frieden den Deutschland den verschiedenen Bundesregierungen, der ausführenden Staatsmacht (Polizei, BGS, Bundeswehr) und unseren militärischen wie wirtschaftlichen Bündnispartnern.

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