Die Mensikus-Chroniken Band IV: Die AI-Verschwörung

(Was bisher geschah: Ich habe einen super dramatischen Unfall, bin nicht schwanger und kriege keinen Einlauf, sondern eine OP verschrieben.)

Am Tag der Operation ging es mir ironischerweise sehr gut, ich humpelte kaum, als ich mich in Joggginghosen und meinen ausgelatschtesten und daher bequemsten Schuhen auf den Weg zur Klinik irgendwo in Marzahn machte. Es war ein sehr seltsames Gefühl, dabei die Krücken, die ich erst nachher brauchen würde, in der Hand zu tragen. So muss sich ein unartiger Schüler gefühlt haben, den anno Tobak Zeiten ein Lehrer nach draußen schickte, um von dort die Gerte mitzubringen, mit der er ihn verprügeln würde. Oder Jesus, als er sein Kreuz durch Jerusalem schleppte.

„Bist du der Neue?“, fragte mich ein zerlumpt aussehender Mann, als ich vor dem Eingang meiner U-Bahn-Station noch eine Zigarette rauchte.

„Der Neue?“

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(Aus der Reihe „Nicht zum Text passende Fotos“ heute ein paar Bilder von einem Markt in Amsterdam vom Dezember 2012)

„Na, ich seh’s dir doch an. Die Krücken in der Hand auf Arbeit tragen, jeijeijei, typischer Anfängerfehler! Und dann die Klamotten. Ich meine, billig sindse zwar, dis sieht man, aber einfach nicht alt genug! Die Schuhe sind top, aber die Jacke sieht einfach zu gut aus.“

„Was?!“

„Na, macht ja nüscht, ich bin an meinem erstenn Tag auch mit dem Taxi zum Arbeitsplatz gefahren. Aber wenn das die Aufsicht mitkriegt, gibt’s ne Abmahnung – die Arbeitszeit beginnt mit dem Verlassen der Haustür! Also häng dich in die Krücken, Kollege“

„Aufsicht, Abmahnung, Kollege?“

„Ja. Ich meine, die Gewerkschaft hält dir zwar den größten Ärger vom Hals, aber trotzdem.“

„Es gibt eine Bettler-Geweerkschaft?“

„Hä? Na klar, hat dir das keiner gesagt, Kollege?“

Ich schüttelte den Kopf. „Kann es sein, dass Sie mich verwechseln? Ich bin unterwegs zu ner Knie-OP!“

„Oh.“ Er haute sich mit der Hand auf den Mund. „Du bist gar kein Bettler? Verdammt …“, murmelte er. Dann zuckte er mit den Schultern. „Ich hätt schwören können, dass du n neuer Kollege bist. Naja, nichts für ungut …“ Er wollte sich abwenden, doch ich war neugierig geworden. Eine U-Bahn konnte ich ruhig noch verpassen.

„Sie haben mich mit meinen Krüccken also für einen Simulanten gehalten?“

Er schaute mich entrüstet an. „Nicht für einen Simulanten. Für einen Darsteller!“

„Darsteller? Was dachten Sie denn, was ich darstelle?“

„Na, einen Bettler. Genau wie ich.“

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„Im Film oder wie?“

„Wieso im Film? Ich arbeite Montags bis Freitag 9-17 Uhr vor den Schönhauser Allee Arcaden.“

„Hä? Aber warum denn? Ich meine, es gibt doch genug echte Bettler, warum sollte man da noch Bettler darstellen?“

Er lachte. „Da siehste mal, wie gut wir sind! Praktisch jeder fällt darauf herein.“

„Sie meinen, es gibt gar keine Bettler?“

„Natürlich nicht! Ich bitte dich!“

„Nicht einen?“

„Nicht einen.“

„Uff“, sagte ich.

„Überleg doch mal“, sagte er. „Wir leben in so einer reichen Gesellschaft, woher sollten da denn Bettler kommen?! Und trotzdem werden es scheinbar immer mehr – ist doch logisch: In der Produktion werden Arbeitskräfte freigesetzt, so dass ständig mehr Stellen als Bettler- oder Hartz-IV-Darsteller besetzt werden können. Die AIB boomen.“

Ich schaute ihn verständnislos an. „AIB?“

„Armutsillusionserzeugende Berufe. Das ist die offizielle Bezeichnung.“

„Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass all die Leute in den Warteräumen der Jobcenter …“

„Doch natürlich! Die angeblichen Hartz-IV-Bezieher sind allesamt Staatsangestellte. Genau wie die Jobcentermitarbeiter. Die Hartzis ziehen jeden Morgen ihre Arbeitskleidung aus dem kik-Berufsbekleidungsdiscounter für Angstellte der AIB an und sitzen dann den ganzen Tag auf den Gängen rum. Und ab und zu werden sie aufgerufen und gehen auf ein Käffchen rein zum Kollegen auf der anderen Seite des Schreibtisches . Ein ganz normaler Job mit geregelten Arbeitszeiten, passablem Gehalt, Weihnachtsgeld und Urlaub.

Überleg doch mal, Kumpel: Wenn wirklich in einem der reichsten Länder der Erde, dessen Grundgesetz gleich im ersten Artikel die Würde des Menschen garantiert, Millionen von Einwohnern systematisch und regelmäßig von einer Behörde gedemütigt, gegängelt, drangsaliert und entmündigt werden würden, nur um auf niedrigem Niveau bei Hamburgern und Castingsshows vor sich hinvegetieren zu dürfen, wenn wirklich in einem Land, das beinahe soviel Werte exportiert wie China, aber 16mal weniger Menschen ernähren muss, Rentner in Mülleimern nach Pfandflaschen suchen müssten, wenn das Land, das sich als Wirtschaftsmotor Europas betrachtet, zulasse würde, das Leute betteln müssen, wenn sich in dem Land, in dem die Sozialdemokratie erfunden wurde, nicht nur das Vermögen, sondern auch die Lebenserwartung von Armen und Reichen immer weiter auseinanderentwickelten, dann …“ Er brach ab und schaute mich an.

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Ich verstand plötzlich, was er meinte. „Dann würde uns das alles um die Ohren fliegen“, sagte ich.

„Genau. Das wäre mehr als Menschen hinnehmen könnten. Wir können zwar duldsam sein, aber doch nicht duldsam wie’s Vieh! Erinnerste dich an Stuttgart 21? Wenn’s schon wegen so ’nem Kleinkram knallt, was meinste, was los wäre, wenn es wirklich Hartz-IV und Verelendung und Wohnungsnot und schieß mich tot geben würde?! Revolution, mein Freund, aber hallo!“

An dieser Argummentation war nichts auszusetzen. Er überzeugte mich auf der Stelle. Eine Frage allerdings blieb offen:

„Aber warum sollte man Leute dafür bezahlen, dass sie so tun, als seien sie Bettler?Wozu soll denn das gut sein? Das ist doch total sinnlos, da gäbe es doch sicher nützlichere Tätigkeiten!“

Er schüttelte vehement den Kopf. „Nein, nein, das hat schon alles seinen Sinn. Ein bisschen Angst als zusätzlicher Motivationsschub. Man hat ermittelt, dass jeder Bettler, den ein Angestellter auf dem Weg zur Arbeit sieht, eine Produktivitätssteigerung von im Schnitt 1,2 Prozent bedeutet. Da können Sie sich leicht ausrechnen, dass sich die 6.000 Euro, die jeder von uns Gehalt bezieht, sich schnell für die Gesellschaft auszahlen. N bisschen Feuer unter dem Hintern schadet niemand. Wenn die Leute wüssten, dass sie in der besten aller Welten leben, dass die gütige unsichtbare Hand von Markt und Bürokratie über sie wacht und ihnen nichts passieren kann, dann würden sie nur träge und faul und am Ende würden Sie alle Schriftsteller oder so!“

Er schaute auf die Uhr. „Ich muss los, Koll …., mein Freund. Alles Gute fürs Knie. Und wenn du mal Lust bekommst – bei uns kannst du deinen Beitrag für ein wirtschaftlich starkes Deutschland leisten. Und Talent hast du, das hab ich im Urin.“

Er tippte sich grüßend an den Schirm seines verdreckten Basecaps, ließ mich stehen und ging die Stufen zur U-Bahn hinab. Auf dem ersten Absatz drehte er sich noch mal um und rief: „Aber …“ Er legte sich den Zeigefinger über den Mund.

Ich nickte ihm zu. Bei mir war sein Geheimnis in gutenn Händen. Selbst wenn ich es herausposaunen würde, die Menschen würden es doch wieder nur für eine von meinen ulkigen Geschichten halten … Ich drückte die Zigarette aus, nahm die Krücken in die Hand und machte mich nachdenklich auf den Weg zur Operation Mensikus …

(Fortsetzung folgt)

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3 Kommentare zu “Die Mensikus-Chroniken Band IV: Die AI-Verschwörung

  1. Armutsillusionserzeugende Berufe, schön gesagt! Der „Undankbare Bettler“ bei Pierre Gripari erklärte seinerzeit: „[…] ich bin kein verblödeter Gehaltsempfänger! Ich arbeite nicht für einen Chef! Ich bin ein unproduktiver, von Privatpersonen entlohnter Werktätiger.“ – Aber der war natürlich auch kein Staatsangestellter…

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