Operation Meniskus – Episode 2: Purgatorium

Was bisher geschah: Ich reiße mir beim Bierholen in einer Fußpflegepraxis den Meniskus

Am Wochenende schien es hoch hergegangen zu sein in Berlin, ein Aufstand der Mutigen gegen staatliche Bevormundung, administrative Beschützerinstinkte und grüne Erziehungsdiktatur. Das Wartezimmer der Praxis für Orthopädie und Unfallchirurgie war voll, überall standen Extremitäten in ungewöhnlichen Winkeln von den Wartenden ab, wenn sie nicht gleich in Frischhaltefolie oder Tupperdosen verpackt von verkrampften Fingern auf dem Schoß gehalten wurden. Vor mir am Empfangstresen stand ein Mann, der gerade aus dem Behandlungszimmer kam und sein Bein hinter sich her zog. Mit dem einen Arm, der ihm verblieben war. „Nein, nein, keine OP“, sagte er gerade zur Schwester. „Der Herr Doktor meint, wir probieren es erstmal mit Salbe und Reizstrom.“ 

Ich suchte mir einen Platz im Warteraum und nutzte die dreistündige Wartezeit, um mir endlich die ganzen Katzenvideos anzuschauen, die in den letzten tagen bei Facebook eingetrudelt waren. Die Zwangsentschleunigung, die uns endlich einmal Zeit gibt für die wichtigen Dinge – sie ist das Geschenk, das Krankheiten und Unfällen uns machen, hier können wir etwas lernen für unser Leben.

„Na, dann wollen wir mal sehen“, sagte der Arzt und machte sich mit großem Enthusiasmus daran, meinen medizinballgroßen Kniesalat durchzukneten und das Bein wie einen Blasebalg rhytmisch zusammenzuklappen, als wolle er das Knie noch ein bisschen aufpumpen.

„Wie ist das denn passiert?“, fragte er und ich erzählte ihm meine Geschichte.

„Ah, ja. Das haben wir hier öfter. Meniskusriss, ganz typische Fußpflegepraxisfensterverletzung. Ich zeig Ihnen das mal.“

Er holte so ein anatomisches Vorzeigedingens aus einem Schrank, klappte irgendwelche Hautschichten und Muskeln aus bunter Plaste auf, nahm irgendwelche unangenehm aussehenden Teile heraus oder steckte sie rein, während ich den Kopf abwandte, mich ganz auf meinen Schmerz konzentrierte und sein unverständliches Latein über mich ergehen ließ – ich wollte noch nie wissen, wie Menschen von innen aussehen, ich war zufrieden damit, sie als Blackbox zu betrachten, in die man Bildung und Essen hineintat und am Ende kam Scheiße dabei heraus, die Details waren mir suspekt und ekelig,.

Schließlich unterbach ich den Arzt, der von seinen Ausführungen deutlich begeisterter schien als ich, zeigte auf das Anatomiemodell, das er inzwischen komplett zerpflückt hatte und fragte: „Sie meinen also, ich bin schwanger?“

„Quatsch!“, rief er und fuchtelte mit dem Uterus herum, den er gerade aus dem weiblichen Torso geschraubt hatte. „Mein Kniemodell habe ich nur gerade an einen befreundeten Gynäkologen verborgt, und Sie verstehen doch ohnehin kein Wort, von dem was ich Ihnen erzähle!“

Auch wieder wahr. „Und was machen wir nun?“, fragte ich.

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(Reichweitensteigernder Cat-Content. Bitte ignorieren.))

„Naja …“, Er versuchte mit gerunzelter Stirn die auf dem Schreibtisch verteilten Plasteorgane wieder zu einem vollständigen Urogenitaltrakt zusammenzusetzen, dann seufzte er, öffnete die Schreibtischschublade und schob den ganzen Kladderadatsch hinein. Er lehnte sich zurück und legte die Fingerspitzen aneinander. „Also, Frau …“, begann er und unterbrach sich. Er beugte sich vor, sein Kopf verschwand hinter dem großen Bildschirm und er klickte mit der Maus herum.

„Herr“, sagte ich. „Strübing.“

Ein verärgertes Arztgesicht tauchte hinter dem Monitor auf. „Sie sind mir wohl ein ganz Schlauer, was? Wieso sind Sie dann überhaupt hier, hä? Sie haben doch sicher eh schon im Internet nachgeguckt, was ihnen fehlt, stimmts?“

„Nein, ich …“

„Jaja, ist ja gut, so sindse nun mal, Patienten, kennste einen, kennste alle, jeijeijei. Also Meniskus, Korbhenkelriss, wir könnten natürlich operieren, aber wir könnten auch abwarten ob es so geht, was meinen Sie denn?“

„Ich, ähm … naja, ich kenn mich ja nicht aus, also wenn es ohne Operation ginge, wäre mir das natürlich lieber.“

„Natürlich geht es ohne Operation. Alles geht ohne Operation. Blinddarm, geht auch ohne Operation, man stirbt dann halt …“

„Also doch operieren?“

„Herrje, wenn sie unbedingt wollen! Das müssen Sie schon selbst entscheiden, mündiger Patient und so, die Zeiten wo wir Halbgötter inn weiß waren sind vorbei. Wir sind nur noch Achtelgötter, wenns hochkommt. Klar, ich kann sie gern zur Operation schicken, kein Problem, ich kann ihnen auch einen Einlauf verpassen oder Teile des Gehirns entfernen. aber beschweren sie sich dann nicht bei mir, wenn dabei irgendwas schief geht.“

„Also doch lieber keine Operation?“

„Wie gesagt, ich bin ja kein Freund von Operationen, aber beschweren Sie sich dann nicht bei mir, wenn es nicht besser wird …“

„Aber möglicherweise wird es auch ohne Operation wieder gut?“

„Warum nicht? Man hat schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen.“

„Also doch lieber eine Operation?“

„Das müssen sie schon selbst entscheiden, so eine Operation ist schließlich immer ein großes Risiko und ob sie überhaupt eine OP brauchen steht überhaupt nicht fest …“

Eine halbe Stunde später verließ ich die Praxis mit einem Rezept für Salbe und Reizstrom.

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