I love my new Bikini!

Der erste Satz des ersten Artikels des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Ein toller Satz für eine Sonntagsrede – aber eine Katastrophe für einen Text der die Grundlage der gesamten Gesetzgebung eines Staates sein soll. Und so streiten sich denn auch Juristen und Philosophen über seine Bedeutung.

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Die einen meinen, der Satz sei praktisch eine Tatsachenbehauptung. Die Würde sei dem Menschen naturgegeben, so wie dem Kreis die Zahl Pi oder der Masse die Gravitation. Sie könne ihm genausowenig genommen oder aberkannt werden, wie man das Gesetz der Einheit von Masse und Energie brechen könne. Da könnte also genausogut auch stehen: „Artikel 1: Die Lichtgeschwindigkeit ist unüberschreitbar.“ Das ist ziemlich lustig, denn wenn hier quasi ein Naturgesetz formuliert wird, bedeutet das, dass man sich um seine Einhaltung nicht kümmern muss. Was unantastbar ist, KANN nicht angetastet werden. Man bräuchte genausowenig einen Verfassungsschutz wie man einen Gravitationsschutz braucht, der bei plötzlich nach oben fallenden Äpfeln die Ermittlungen aufnimmt oder eine Einsteinpolizei, die Bußgelder bei Übertretungen der Lichtgeschwindigkeit verhängt.

Wenn diese Interpretation zuträfe, würde ich dafür eintreten, den ersten Satz in e gleich m mal c Quadrat umzuändern, das wäre doch super, Deutschland hätte die nerdigste Verfassung der ganzen Welt.

Eine andere Denkschule geht davon aus, dass es sich bei dem Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ in Wirklichkeit um eine besonders kräftige Forderung und nicht um eine Tatsachenbehauptung handelt. Der Satz würde also eigentlich meinen, dass die Würde des Menschen nicht angetastet werden darf. Dies führt nun allerdings zu einer lustigen Komplikation, denn nach dieser Interpretation hieße „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ nichts anderes als „Die Würde des Menschen ist eben doch antastbar“, sonst müsste man diese Forderung ja nicht aufstellen und den Staat nicht zu ihrer Durchsetzung verpflichten. Damit wiederum wäre gleich der erste Satz des Grundgesetzes ein Paradoxon und bedeutete das exakte Gegenteil, von dem, was dort scheinbar auf dem Papier steht. Da stellt sich natürlich sofort die Frage, was das eigentlich für alle anderen Grundrechte bedeutet, die ja alle auf Artikel 1 fußen. Heißt dass nicht, dass sie alle als ihr Gegenteil gelesen werden müssen?

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Unheimlicherweise scheint diese Interpretation des ersten Artikels die vorherrschende Lehrmeinung zu sein.

Ich möchte eine dritte Auslegung vorschlagen: Die Würde des Menschen ist unantastbar, weil: Was nicht ist, kann man nicht antasten. Um das deutlicher zu machen, würde ich den ersten Satz ein bisschen erweitern: „Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar und Meerjungfrauen werden nicht zu Fischstäbchen verarbeitet.“ Man könnte sogar noch ein Basta! dahinter setzen und, wie auch in der heutigen Fassung, als zweiten Satz „Sie – also die Würde sowie die Meerjungfrauen – zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“, und dann könnte man sich zurücklehnen und den Dingen ganz entspannt ihren Lauf lassen.

Es reicht ein Spaziergang die Schönhauser Allee entlang und es wird klar, dass dies die sinnvollste Auslegung ist. Da gibt es wenig, was man mit Würde verwechseln könnte. Wer sich würdevoll gibt, leidet bei genauer Betrachtung nur unter schlimmen Egoblähungen, alle anderen scheinen ganz froh damit zu sein, wenn sie auf alles verzichten können, was gegebenenfalls antastbar wäre.

Es ist beispielsweise verboten, Menschen gegen ihren Willen in alberne Kostüme zu stecken und dazu zu zwingen, auf der Straße ahnungslose Passanten anzuspringen und ihnen irgendwelche Flatrateangebote entgegenzukreischen, aber hey, die Leute haben sich schließlich um den Job beworben! Wenn sie für ein paar Euro die Stunde auf ihre Würde verzichten, bloß weil sie Essen und Wohnen und Leben wollen, dann: Bitte schön! Soviel scheint ihnen ihre Würde ja nicht wert zu sein. Oder anders herum: Etwas, das man für so ein bisschen Geld freiwillig aufgibt, kann gar nicht erst Würde genannt werden.

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(So slim nun auch wieder nicht.)

Oder nehmen wir Junggesellenabschiede. Nein, sie sind kein Verstoß gegen die Menschenwürde, sie sind ein Beleg für ihre Nichtexistenz, auch hier wird nichts angetastet, zumindest nichts, was laut Grundgesetz nicht begrapscht werden darf, denn da ist nichts.

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(… aber es kommt noch slimmer …)

All diese Gedanken machte ich mir eines schönen Sommertags in der Bayreuther Fußgängerzone, als ich einen Kaffee trank und zwei alte Damen mit Rollatoren an mir vorbeizuckelten. Nette Omen in klassischer Ausführung, leicht gebeugt, Dauerwellen, eine hatte sogar diesen niedlichen Violettstich im weißen Haar; Frauen, die noch gelernt hatten, wie man Hühnerfrikassee kocht, Streuselkuchen bäckt und den ganzen Dreck wegräumt, wenn die Männer mal wieder das ganze Land in Schutt und Asche gelegt haben. Ein Anblick, der die Seele gewärmt und mich mit der Menschheit versöhnt hätte, wären sie nicht gerade aus einem Kaufhaus gekommen, dessen Marketingabteilung sich etwas ganz besonderes hatte einfallen lassen, um im Sommer den Absatz anzukurbeln. „Lasst uns frisch-freche Sprüche auf die Tüten drucken!“, hatte wohl jemand gerufen und alle hatten gejubelt.

Und so schoben diese beiden Frauen im vielleicht letzten Sommer ihres Lebens in den Ablagen ihrer Rollatoren Tüten vor sich her, auf denen groß die Slogans „Hot Pants For Hot Days“ und „I Love My New Bikini“ prangten, und ich wurde sehr traurig. „Würde“, so dachte ich mir, „würde“ wird klein geschrieben und ist ein Konjunktiv …

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6 Kommentare zu “I love my new Bikini!

  1. Ja, traurig schon. Aber genial beobachtet und geschrieben! So kommen die beiden pink-stichigen „Omen“ (hahah!) sogar in den Genuss, von einem A-Blogger und Erfinder von Kloß und Spinne erwähnt zu werden! Vielleicht nur ein kleiner Schritt weg vom Streuselkuchen – aber ein großer Schritt für ihre „street credibility“ :P ;( : :/

  2. Pingback: Hannaxels Blog » Hühnerfrikassee «

  3. Die Wuerde des Menschen ist unantastbar! Eine Forderung, mithin Utopie (vielleicht heute die einzige), der es sich anzunaehern gilt. Keineswegs paradox, sondern eine direktes Resultat, ein Wunsch, der aus der Mordideologie des vorangegangen Grauens geboren wurde. Zu Recht! Dass das gerade die Politik(-er und -innen) vor unloesbar scheinende Aufgaben stellt ist eine angenehme Folge. Gerade, wenn Menschen sich (gezwungenermaszen, denn Geld- und Jobmangel sind Zwaenge unserer Zeit) in Kostueme pressen muessen(!), gilt es sich wieder mit verstaerkt mit dem Begriff der Wuerde auseinanderzusetzen. Sie verzichten ja gar nicht freiwillig auf Ihre Wuerde! In welcher Gesellschaft und wie wuerdevoll leben wir hier und warum muessen Menschen selbst hier, in einer auf der Basis von Humanismus und Aufklaerung gegruendeten Wertetordnung, „freiwillig“ auf ihre Wuerde verzichten? Soviel scheint die Wuerde ja nicht wert zu sein.

    Guter Text, regt zum mitdenken an.

    gruss m.

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