Final Proof

In meiner unendlichen (und irgendwie ja auch liebenswerten) Naivität hatte ich mir noch immer einen Funken Hoffnung bewahrt. So schlimm wird es schon nicht sein, habe ich mir eingeredet, bestimmt hat die Menschheit nicht komplett den Verstand verloren.

Doch heute morgen hatte ich meinen Wonko-der-Verständige-Moment: Es istZeit, das Äußere des Irrenhauses zu bauen. Beim Frühstück in einem kleinen Baseler Hotel verlosch der letzte Hoffnungsfunken zischend in einer Nespresso-Tasse:

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Eine Spezies, die Individuuen hervorbringt, die auf die Idee kommen, Tassen mit geschlossenen Henkeln zu bauen, gehört in die Geschlossene und hat ganz sicher jedes Recht verwirkt, den Begriff sapiens im Gattungsnamen zu führen. Wahrscheinlich haben ein Designer, der schon lange nicht mehr alle Henkel an der Tasse hatte, und ein zugekokster Marketingmensch darüber nachgedacht, wie sie „die Marke“ stärken könnten. „Wir brauchen irgendwas Unverwechselbares, Einzigartiges! Und da unser Kaffee das nicht ist, lass uns doch mal gucken, was wir mit den Tassen anstellen können!“

An diesem Punkt hat vielleicht ein Teammitglied, das noch über Spuren von Resthirn verfügte, zu bedenken gegeben, dass sich das Prinzip „Henkel mit Loch zum Durchstecken eines oder mehrerer Finger“ seit Jahrtausenden bewährt habe und ein Henkel ohne Loch sinnlos sei, da sich die Tasse an ihm nur sehr unbequem und unsicher halten ließe – woraufhin ihm garantiert sofort (bzw. nachdem man ihn ein bisschen verkloppt hatte) gekündigt wurde, da Traumtänzer, die der seltsamen Idee anhängen, Produkte sollten sinnvoll sein und ihren Benutzern das Leben so einfach und schön wie möglich machen, in Design- oder Marketingabteilungen nun wirklich nichts zu suchen haben, und sich mal bitte ganz schnell zu Streicheltherapeuthen für behinderte Tiere oder so umschulenlassen sollten, aber ganz schnell!

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(Enrüstet weist Micha E. aus B. auf die Henkel des Anstoßes)

So weit, so schlimm. Bis hierhin könnte man das ganze noch als die Dummheit einiger weniger betrachten. Doch als Micha Ebeling und ich den Rezeptionsmenschen des Hotels auf die Tassen ansprachen, gab der zu, dass das ja schon ganz schön blöd sei und fügte hinzu: „Komisch. Wir haben die schon ne ganze Weile, aber da hat uns noch niemand drauf angesprochen.“ Das muss man sich mal vorstellen! Hunderte, Tausende Hotelgäste haben diese Tassen frag- und kritiklos hingenommen! Es wird alles immer schlimmer. Bald wird irgendein Autohersteller Autos mit ovalen Rädern anbieten, um ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz zu haben und die Menschen werden auch dieses Auto kaufen – und ehrlich: Sie verdienen es nicht besser.

(Ich verweise an dieser Stelle aus gegebenem Anlass noch einmal auf diesen etwas älteren Artikel.)

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(Basel, Bayreuth, Kuhschnappel: Wo man auch hinkommt: The Fuck Hornisschen Orchestra war schon da und hat seine Aufkleber hinterlassen. Ausnahme: Chicago – dort war bisher nur das Team Totale Zerstörung.)

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(Dieses seltsame Gefühl, wenn du in einem Club in einer fremden Stadt hinter der Kellertreppe plötzlich ein Gemälde von dir entdeckst …)

(Volker Strübing)

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2 Kommentare zu “Final Proof

  1. Das den Leuten Nespresso überhaupt schmeckt. Von keinem Kaffee, der über Monate im Regal liegt, kann man ein gutes Ergebnis erwarten. Dabei gibt es doch besseren Kaffee in genauso teuren Pads, wie Lavazza Blue oder Espresso Point. Am Wichtigsten ist dennoch, er sollte nicht älter als 2 Monate sein.

  2. Solche Tassen habe ich auch schonmal in ’nem Café gesehen, nicht mit Nespresso, hatten aber genau solche, naja, Henkel. Und zwar nicht nur für Espresso, sondern auch eine Nummer größer für Cappucino. Völlig idiotisch. Genauso bescheuert wie runde (und natürlich immer etwas schwergängige) Türknäufe.

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