Zweckentfremdung

Weil immer mehr Wohnungen, besonders in Pankow, als Ferienunterkünfte teilweise schwarz an Touristen vermietet werden, diskutiert die Berliner Provinzpolitik zur Zeit ein so genanntes Zweckentfremdungsverbot, dass diese Vermietungen unterbinden soll. Ich finde das gut, ich bin dafür denn ich bin auch dagegen, ich bin schließlich betroffen, kann ich ihnen gerne mal erzählen.

Ich bin ja auch Pankower. Wohne an der Nordküste von Prenzlauer Berg. Unweit brandet der Autoverkehr an die Gestade der Wisbyer. Bei uns im Haus werden auch Wohnungen zweckentfremdet. Wahrscheinlich sogar ganz legal. Jedenfalls bestimmt nicht schwarz und an der Steuer vorbei. Ein ganz großes Ding, der Hauseigentümer persönlich steckt angeblich dahinter. Also die Wohnungsbaugesellschaft. Ganz legal. Noch. Aber nicht mehr lange. Hoffentlich.

Bei uns im Haus betrifft das gleich mehrere Wohnungen. Sogar meine auch. Eigentlich alle. Die Wohnungen werden einfach vermietet. Ohne uns zu fragen. Dabei wohnen wir darin. Es ist, wenn man mal darüber nachsinnt, ein Skandal. Die Wohnungsbaugesellschaft vermietet unsere Wohnungen. An uns. Der Zweck einer Wohnung ist doch deren Bewohnung. Nicht deren Vermietung. Vermietung, nicht nur an Touristen, Vermietung ist an sich Zweckentfremdung.

Ich habe ja nichts gegen Betriebskosten oder dagegen, den Hausmeister zu bezahlen. Aber nur das Wohnen selbst? Ich verschleiße die Wohnung doch nicht. Eigentlich bewahre ich sie vor Verwahrlosung. Sie ist noch da, wenn ich ausziehe. Und selbst wenn ich die Wohnung irgendwie verbrauchen würde, wäre das keine Rechtfertigung für Miete. Bomberpiloten bezahlen doch auch nicht für die Häuser, die sie verschleißen. Gleiches Recht für alle!

Und ich weiß natürlich, dass Häuser ab und zu renoviert werden müssen. Aber wenn ich meine vier Wände malere, bekomme ich auch nichts, von der Wohnungsverwaltung, warum sollte es umgekehrt so sein? Der Graffiteur bekommt auch kein Geld fürs taggen. Und wieso steigt mit jeder Sanierung die Miete? Sie sinkt doch auch nicht, wenn das Gebäude abgewohnt wird.

Außerdem: Mein Haus, in dem ich wohne, wurde vor 90 Jahren gebaut. Inzwischen sollte es abbezahlt sein, oder die Miete nach mehreren Währungsreformen im zweistelligen Bereich liegen, im zweistelligen Centbereich.

Wir reden immerhin von Wohnungen, die unsere Urgroßeltern gebaut und trocken gewohnt hatten. Die unsere Großeltern nach dem Krieg wieder aufbauten. Ohne dass sie deswegen einen Besitz daran oder ein Vermögen damit erwarben, welches sie uns vererben konnten.

Wenn Miete etwas objektives wäre, dann müsste sie doch auch überall mehr oder weniger gleich hoch sein. Ähnlich wie der Benzinpreis. Mir kann niemand erzählen, dass die gleiche Wohnung in Köpenick weniger wert ist als in Prenzlauer Berg. Oder in Brandenburg billiger als in Berlin. Oder das sie in Hamburg oder München mehr wert und damit teurer sein kann als in Berlin, schließlich befindet sie sich doch in Hamburg oder München.

Jeder Mensch muss wohnen. Es ist moralisch falsch, mit dem Besitz von Wohnraum Geld zu verdienen. Man kann, wenn man Geld braucht schließlich auch arbeiten gehen. Oder ALG II beantragen. Machen viele andere, die keine Häuser besitzen auch so.

Überhaupt, wenn die ehemaligen Hausbesitzerinnen und –besitzer plötzlich auf dem Amt auftauchen, mal sehen, wie schnell sich dort ein freundlicher Umgang mit Hilfebedürftigen einstellen würde.

Oder man dreht das alles um. Man schafft die soziale Grundsicherung, wie sie bisher war, ab, indem man jeder arbeitslosen Person mehrere Wohnungen übergibt, von deren Vermietung sie dann leben kann. Bei 40 Millionen Wohnungen in Deutschland und 3 Millionen Arbeitslosen, wären das 13 Wohnungen pro Arbeitslosen. Das Durchschnittseinkommen liegt bei ungefähr 2500 Euro (vielleicht könnten Arbeitslose mit weniger klarkommen). Um so viel einzunehmen, müsste der einzelne Arbeitslose eine einzelne Wohnung für knapp 200 Euro vermieten. Damit könnte ich leben. Es ist ein okayer Betrag. Ich wüsste, wer mein sauer verdientes Geld kriegt – und woher mein Geld kommen könnte, wenn ich mal nichts mehr sauer verdienen sollte.

Eigentlich müssten die Menschen, allen voran Hamburger und Münchener, sofort beginnen, meine Idee Realität werden zu lassen, durch Demokratie. Meinetwegen auch durch Revolution. Oder, was ich immer propagiere: Evolution. Aber das ist ja jetzt nicht mehr nötig. Denn Berlin plant ein Zweckentfremdungsverbot.

Endlich eine Sorge weniger!

(Andreas Krenzke)

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Ein Kommentar zu “Zweckentfremdung

  1. Es ist ja noch schlimmer, die Vermieter knöpfen einen Kohle ab und tun nichts dafür. Also z.B. Schäden jeglicher Art zu beseitigen welche nicht durch die Mieter enstanden sind. Da kommt dann so eine Kommentar „Ihr kennt doch da so einen der das beruflich macht. Der könnte das doch in Ordnung bringen.“
    2000 Euronen Miete im Monat, etliche Auflagen die zu erfüllen wären und einen Haufen Kohle kosten um aus einer ehelmaligen Autowerkstatt ein autonomes Zentrum zu machen. Die Stadt schmeißt einen Steine in den Weg in dem sie z.B. eine Baugenehmigung erst 2 Monate nach Einreichung absegnet mit der Begründung das die zuständige Person sich gerade auf einen mehrwöchigen Urlaub befindet. Davor sind denen immer so nach und nach diverse Auflagen eingefallen welche ja noch zu erfüllen wären bevor eine Bauantrag überhaupt eingereicht werden kann. Man könnte meinen das das Bauamt sowas auch zum ersten mal macht.
    Der Vermieter guckt derweil zu wie seine Autowerkstatt zu einem Lebenswerten Ort wird und kassiert dabei auch noch kräftig ab.
    Aber zurück zum Thema, ein Gesetz gegen Zweckentfremdung klingt zu schön um wahr zu sein. Das ist sicherlich mit Haken gespickt und macht wohl möglich alles schlimmer wie vorher. Ich hoffe mal das beste, aber mit einem unwohlen Gefühl.

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