Wichtige Mitteilung an alle Berliner

Liebe Berliner,

es ist soweit: Nach 35 Jahren ziehe ich doch noch aus Berlin weg. Nein, nicht wegen der vielen Schwaben hier. Ich hab nichts gegen Schwaben und finde es schön, dass all die ranzigen Currywurst und Dönerbuden mittlerweile Spätzlerestaurants gewichen sind. Und außerdem, wie mein Kollege Volker Surmann einmal scharfsinnig feststellte: Es ist doch besser in Berlin unter Schwaben zu leben, als in Schwaben unter Schwaben zu leben.

In Leipzig sah ich neulich ein Graffitto (ich berichtete), das mir Angst vor einer Ausweitung des von B.Z. oder Kurier ausgerufenen „Schwabenkriegs“ machte: „Schwaben zurück nach Berlin!“ Da frage ich mich doch: Woher kommt dieser Hass? Was haben die Schwaben den Leipzigern getan? Und vor allem: Was haben wir Berlinern den Leipzigern getan?

Nein, ich ziehe nicht wegen der Schwaben aus Berlin weg, sondern wegen der Franken. Weil sie mich eingeladen haben. Die Oberfranken, um genau zu sein. Die Bayreuther, um noch genauer zu sein. Das Bayreuther Kulturamt, um ganz genau zu sein. Ich ziehe nach Bayreuth, um dort als Stadtschreiber zu leben und zu arbeiten. Pech für Berlin. Oder für Bayreuth, das müssen andere entscheiden.
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(Vor dem Umzug: Ein letzter Besuch in der alten Heimat Berlin Marzahn. Hach, Berlin ist schon ein schönes Städtchen, ich werde es vermissen …)

Es wird von mir also bald viel über Bayreuth zu lesen geben. Wahrscheinlich wird es nicht reichen, einfach in alten Texten per Autokorrekturfunktion „Berlin“ durch „Bayreuth“ zu ersetzen, denn die Städte unterscheiden sich in einigen wichtigen Punkten. Als Beispiel sei hier nur aufgeführt, dass man sich dort mit „Grüß Gott“ grüßt, anstelle des herzlichen Berliner „Glotz neh so, du Arsch“.

Ich ziehe nach Bayreuth, und auch wenn mir der Abschied von Berlin schwer fällt, so bin ich doch guter Dinge und verlasse mich ganz auf die Worte eines berühmten Bayreuthers: „… daß Du gewiß in Baireuth selig sein wirst, so sehr sind dessen Berge und Häuser zu loben“, schrieb Jean Paul vor zwei Jahrhunderten. Bei anderer Gelegenheit ließ er einen seiner Romanhelden in einem Brief schwärmen: „Danken Sie Gott, Freund, im Namen Ihrer Nachkommenschaft, daß Sie in Bayreuth und dem besten Biere am nächsten wohnen.“

Überhaupt: Jean Paul. 2013 ist das Jean-Paul-Jahr und ich werde mich mit seinem Werk auseinandersetzen. Ohne jegliche literaturwissenschaftliche Ausbildung, ohne besonders tiefe Kenntnisse seiner Zeit und ohne wirkliche Systematik – einfach nur als schreibender Leser. Ich kann nur hoffen, dass das Ergebnis den Dichter nicht veranlassen wird, die Erde des Bayreuther Stadtfriedhofs durch Rotation aufzulockern.

Wenn ich – wie es sich in den letzten Wochen oft ergab – in Gesprächen Jean Paul erwähnte, war die häufigste Reaktion die Frage: „Welcher Jean Paul? Sartre? Oder Gaultier? Oder meinst du Sean Paul, den Dancehall-Musiker?“

Wenn ich dann erklärte, dass Jean Paul Richter gemeint sei, der Schriftsteller, der Zeitgenosse Goethes und Schillers, fiel einigen immerhin ein, dass sie schon einmal etwas von ihm gelesen haben – in der Regel auf der Innenseite von Muscote-Zigarettenpapierverpackungen, diesen Glückskeksen für Raucher, die einem nach dem Öffnen mit einem kleinen Aphorismus von unerwünschten Gedanken über die Schädlichkeit des Rauchens abhalten.

Man muss es leider sagen: Vor zwei Jahrhunderten ein Star und Beststeller-Autor wird er heute nur noch von wenigen gelesen. Das mag zum Teil daran liegen, dass Sätze wie folgender nicht unbedingt heutigen Lesegewohnheiten entsprechen:

„Denn da unser Enzyklopädist nie das innere Afrika oder nur einen spanischen Maulesel-Stall betreten, oder die Einwohner von beiden gesprochen hatte: so hatt‘ er desto mehr Zeit und Fähigkeit, von beiden und allen Ländern reichhaltige Reisebeschreibungen zu liefern – ich meine solche, worauf der Statistiker, der Menschheit-Geschichtschreiber und ich selber fußen können – erstlich deswegen, weil auch andre Reisejournalisten häufig ihre Beschreibungen ohne die Reise machen – zweitens auch, weil Reisebeschreibungen überhaupt unmöglich auf eine andre Art zu machen sind, angesehen noch kein Reisebeschreiber wirklich vor oder in dem Lande stand, das er silhouettierte: denn so viel hat auch der Dümmste noch aus Leibnizens vorherbestimmten Harmonie im Kopfe, daß die Seele, z.B. die Seelen eines Forsters, Brydone, Björnstähls – insgesamt seßhaft auf dem Isolierschemel der versteinerten Zirbeldrüse – ja nichts anders von Südindien oder Europa beschreiben können, als was jede sich davon selber erdenkt und was sie, beim gänzlichen Mangel äußerer Eindrücke, aus ihren fünf Kanker-Spinnwarzen vorspinnt und abzwirnt.“

(Jean Paul, Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz im Auenthal)

Was er sagen will, ist natürlich klar: dass ich, um über Bayreuth zu schreiben, eigentlich in Berlin bleiben müsste. (Hoffentlich liest das Kulturamt nicht mit!) Es ist nur schwer vorstellbar, dass er mit Wortgebirgen wie diesem heute viele Follower bei Twitter finden würde, zumal er diesen einen Satz auf acht einzelne Tweets hätte aufteilen müssen. Jean Paul zu lesen, nachdem man vorher zum Beispiel eine Stunde bei Facebook unterwegs war, gibt einem ein gutes Gefühl davon, wie es ist beim Joggen mit den Mallorca-Fetenhits vom iPod im Ohr gegen eine urplötzlich im Weg stehende alte deutsche Eiche zu rennen – und wer würde bestreiten, dass das hin und wieder ganz gut tut?!

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Die deutsche Sprache hat sich seit Jean Paul weiterentwickelt; manche würden sagen: zurückgebildet, und Jean Paul selbst wusste, dass es so kommen würde:

„Irgend einmal wird Sein und mein Deutsch, Freund, sich zu dem künftigen verhalten, wie das in Enikels Chronik zum jetzigen; wir werden also gerade so oft auf den Toiletten aufgeschlagen liegen, als jetzt Otfrieds Evangelium, nämlich blos um die einfältige Schreibart und die Reinheit der Sitten zu studieren an Ihm und mir.“

(Jean Paul, Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht)

Wer sich auf ihn einlässt, wird feststellen, dass es dann doch noch viel mehr an ihm zu entdecken gibt. Viel Humor und Schönheit zum Beispiel sowie einen unerschöpflichen Vorrat an Wörtern, mit denen man Scrabble-Partner in den Wahnsinn treiben kann.

Genug Jean Paul für den Moment. Wenden wir uns wieder einem Schriftsteller zu, der ihm zwar nicht das Wasser reichen, dafür aber bald die Blumen auf seinem Grab gießen kann, da er über den für ihn alles in allem recht erfreulichen Vorzug verfügt, noch am Leben zu sein: mir selbst.

In drei Tagen ziehe ich nach Bayreuth. Aber Achtung: Ich werde zurückkommen. Darum geht bitte pfleglich mit Berlin um. Macht nichts kaputt, vor allem aber: nicht allzuviel ganz. Lasst am besten alles so wie es ist, nicht dass ich, wenn ich Anfang Juli zurückkehre, die Stadt nicht mehr wiedererkenne, weil es plötzlich einen neuen Flughafen gibt, die liebgewordene Baustelle in meiner Straße auf einmal verschwunden ist und man beim Bäcker zu den Wecken plötzlich „Schrippen“ sagen muss. Wenn überhaupt, dann räumt den Wintermatsch weg und hängt ein paar grüne Blätter an die Bäume.

(Volker Strübing)

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10 Kommentare zu “Wichtige Mitteilung an alle Berliner

  1. Gute Wochen in Bayreuth wünsche ich Dir – ohne viel Wagner und umso mehr Richter. Bin sehr gespannt auf die Leseerlebnisse. Mein Lieblingsbuch (von den paar, die ich kenne) ist Siebenkäs.

  2. Wir Franken sind ja generell etwas „maulfaul“. Ich will aber mal über meinen Schatten springen und Sie freundlichst zu unserem Kurzfilmfest in Bayreuth einladen. Wir haben auch den JP mit vertreten an dem Wochenende, nicht als Filmemacher natürlich.

    Wünsche einen guten Einstand in BT!

  3. Na dann, willkommen in Bayreuth, lieber Stadtschreiber! ;) Wenn du dich für Sport interessierts, hier gibs auch ne Basketball-Mannschaft, die fast so gut wie ALBA Berlin ist :-)

  4. Fast so gut wie ALBA? Hat der BBC die nicht kürzlich deklassiert? ;)

    Aber wenn du lieber richtigen Sport magst: Bald geht auch wieder die Fußball-Saison in der Bayernliga weiter. Mit der Spielvereinigung Bayreuth, der „Oldschdod“. Zwar nur fünfte Liga – aber erstklassiger Fußball! Also fast so gut wie die Hertha ;)

  5. Hier gibt es eine der besten Lokalzeitungen Deutschlands, wenn nicht die Beste und das geilste Eishockeyteam der Bayernliga und Orte der Kurzweil, die man nie vermuten würde…herzlich willkommen

  6. Ach, das ist ja toll! Das du uns Wahlberliner im Exilbayreuth Geselschaft leistest! Da gibt es einiges zu entdecken im maroden Bayreuth über das man schreiben kann! Ein Zimmer ist auch noch frei.

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