Die Schweine

Die Schweine haben im Supermarkt schon wieder alles umgeräumt. Gerade noch rechtzeitig habe ich gemerkt, dass statt Teebeuteln, Margarine und Orangensaft auf einmal Tampons, Gesichtscreme und Mampe Halb & Halb im Einkaufswagen liegen. Solange habe ich am perfekten Weg durch die Regalreihen gearbeitet; endlich war ich an dem Punkt angelangt, wo ich blind in die Auslagen greifen und hervorziehen konnte, was ich brauchte, während mein Geist in anderen Sphären unterwegs war, im Reich der Fantasie, unbehelligt von den profanen Dingen des Lebens. Während mein Körper den Einkaufswagen schob schwang sich meine Seele in den Himmel hinauf oder döste friedlich vor sich hin, und jetzt haben die Schweine schon wieder alles umgeräumt, und ich starre fassungslos auf vierzig Sorten Zahnpasta, dort, wo eigentlich die Schokolade stehen sollte.

Das macht mich alles so müde.

Warum tun die das? Warum steh auf einmal eine Käsepyramide im Gang zwischen den Nudel- und Konservenregalen, in denen sich jetzt Waschmittel und Tierfutter stapeln? Ich will das nicht, das macht mich müde. So müde, dass ich gar nicht mehr richtig wütend sein kann. Warum tun die das?

„Für unsere Kunden. Um ihnen ein noch schöneres Einkaufserlebnis zu bieten“, sagt der Marktleiter, wenn man ihn fragt. Ich will aber kein Einkaufserlebnis; ich will Kaffee, weil mich das alles so müde macht, aber statt Kaffee habe ich plötzlich einen Kasten Bier in der Hand, weil die Schweine schon wieder alles umgeräumt haben. Es ist zum Kotzen. Warum tun die das?

„Damit die Idioten noch mehr kaufen“, sagt der Marktleiter, wenn man ihn unter vier Augen fragt. „Damit sie erst an Anti-Arschfaltencreme mit Vitaminaufbaukomplex, an Schafsmilchschokolade und Elf-Klingenrasierern vorbeimüssen, wenn sie Kartoffeln wollen. Und auf der Suche nach dem Quark zu den Pellkartoffeln, landen sie erstmal an unserem neuen Bücherregal und kaufen in ihrer Verzweiflung vielleicht den aktuellen Ratgeberbestseller Scheiße ist das neue Gold – Glücklich leben dank Selbstbetrug!“

Irgendein herzloser Verkaufsexperte hat ausgerechnet, wie man die Regale stellen muss, um drei Prozent Umsatzplus und siebzehn Prozent Lebensqualitätsminus zu generieren; ein Psychologe, der auf die dunkle Seite der Macht gewechselt ist, hat ermittelt, mit welcher Musik man das Zahlvieh foltern muss, damit es statt normalem Salz das teure aus dem Himalaya kauft, und der Marktleiter hat sich mit Euros in den Augen die Hände gerieben, und ich möchte sie alle erwürgen, aber ich bin so schrecklich müde.

Warum tun die das? Das Geld ist nur die halbe Wahrheit. Dahinter steckt viel mehr. Davon bin ich überzeugt, und wenn ich nicht so müde wäre, würde ich dagegen aufbegehren. Doch ihre Strategie geht auf. Denn gerade das ist ihr Ziel: Sie wollen uns müde machen, mürbe machen, mürrisch machen, uns in Unzufriedenheit halten, ohne dass wir ihnen gefährlich werden würden. Wirft man einen Frosch in heißes Wasser, hüpft er heraus. Setzt man ihn aber in einen Topf mit kaltem Wasser und erhitzt diesen langsam, bleibt er sitzen, bis er gar und tot ist und man seine Schenkel herausreißen und genüsslich verspeisen kann – und genau das tun sie mit uns! Ich weiß nicht wer; ich weiß nicht warum. Aber ich gehe davon aus, dass es irgendwo, vielleicht im Keller des Bundestags, ein geheimes Ministerium zur Minimierung der Lebensfreude gibt, und irgendwo in Genf, Brüssel oder New York koordiniert eine internationale Behörde in einem unauffälligen Gewerbebau die weltweiten Anstrengungen in diesem Bereich.

kaffeesahne

Und darum reißen sie die Straßen auf, baggern ein dreiviertel Jahr täglich für exakt sieben Minuten herum und schütten dann alles wieder zu, damit wir kurz Hoffnung schöpfen, bevor die Bagger erneut anrücken.
Und darum ist eine neue Softwareversion fällig, sobald die alte allzu stabil läuft und man sich an die Bedienung gewöhnt hat, darum ist die Frequenz, mit der die Unterhaltungselektronikindustrie Nachfolgemodelle auf den Markt wird, so berechnet, dass man sich maximal zwei Wochen an einem neuen Gerät erfreuen kann, bevor es veralteter Scheiß wird, darum benennen sie die GEZ in „Beitragsservice“ um, denn unser Geld reicht ihnen nicht – sie wollen uns auch verhöhnen. So wie der Marktleiter der von einem „Einkaufserlebnis“ faselt, während ich vor dem Regal stehe, in dem früher das Klopapier war und mich frage, was sie mir damit sagen wollen, dass dort jetzt Wäscheleinen und wacklige Trittleitern im Angebot sind.
Und deshalb auch dieseKaffeesahnedöschen, die man nicht öffnen kann, ohne dass die Sahne herumspritzt oder der Zuppel abreißt – es kann mir doch niemand erzählen, dass die Menschheit zwar Spielzeugautos zum Mars schicken kann, aber seit Jahrzehnten daran scheitert, dieses Problem zu lösen, da muss doch Absicht hinter stecken!

Und dann die U-Bahn in Berlin! Erst haben sie die Sitze mit gehirnkrebserregenden Mustern bedruckt – angeblich, um Schmierereien zu verhindern – was für ein Schwachsinn ist das denn?! Das ist doch, als würde man sich grobe Leberwurst ins Gesicht schmieren, damit es nicht auffällt, falls man mal einen Pickel bekommt! Und dann, als sich die Fahrgäste in ihrer schier unendlichen Leidensfähigkeit daran gewöhnt hatte, kam man auf die Idee mit den Brandenburger Toren.
Wisst ihr, wovon ich spreche? Diese Brandenburger Tore an allen Berliner U-Bahnfenstern, – ebenfalls eine angebliche Maßnahme gegen Vandalismus, in Wirklichkeit aber ein in seiner Subtitlität bewundernswerter, in seiner Kaltschnäuzigkeit fassungslos machender Angriff auf die geistige Gesundheit und das seelische Wohlbefinden aller Berliner. Diese Brandenburger Tore sind auf eine Weise falsch gezeichnet, die kein Zufall sein kann! Sie sind perspektivisch gezeichnet, allerdings mit circa elf verschiedenen Fluchtpunkten; dieses Brandeburger Tor ist eine vollkommen unmögliche Figur, eine Kinderkritzelei von M.C. Escher, könnte man vermuten, wenn es nicht so hässlich wäre. Es fällt einem vielleicht gar nicht auf, wenn man den Blick darüber schweifen lässt, doch das Unterbewusstsein registriert alles, und ohne, dass wir es merken, nagt es an unseren Herzen und Seelen, und wir wundern uns, warum wir so schlechte Laune haben, obwohl es uns doch eigentlich gut geht und wir nicht klagen können, wie man uns solange eingeredet hat, bis wir es endlich geglaubt und gelernt haben, die Schuld für unsere Miesepetrigkeit bei uns selbst zu suchen! Es kann doch niemand ernsthaft glauben, dass man eine Million Brandenburger Tore auf alle Fenster sämtlicher Berliner U-Bahn-Züge drucken lässt, ohne sie sich vorher mal kurz anzugucken! Die wissen ganz genau,was sie tun! Die wollen uns müde machen, mürbe machen, mürrisch machen, wer auch immer und warum auch immer!

Und darum verbieten sie uns das Rauchen, quälen uns mit Werbung, schmelzen die Arktis, und wenn sie dazu in der Lage wären, würden sie womöglich sogar einen neuen Flughafen eröffnen und Tegel schließen, um die eine Zumutung, an die wirr uns gewöhnt haben, durch eine neue und noch viel größere Zumutung zu ersetzen!

Und darum lassen sie Nordseekrabben in Afrika puhlen und roden den Urwald für Palmöl und siebenlagiges Klopapier und verbieten die Kinderarbeit in Bangladesh, weil sie uns die billigen Sachen und den Kindern die Arbeitsplätze nicht gönnen, und darum sorgen sie dafür, dass immer irgendwo Krieg ist und Hunger herrscht, damit sie uns weiter einreden können, dass es uns doch gut ginge und wir mal nicht meckern sollen, und sobald sie den Eindruck haben, dass zuviele lächelde Menschen unterwegs sind, rühren sie irgendeine Krise an, verteidigen die Freiheit Deutschlands am Hindukusch oder tüfteln eine neue Windowsversion aus. Darum haben sie uns auch die unsinnigen Energiesparlampen aufgezwungen: Weil sie gemerkt haben, dass wir uns im warmen Glühbirnenlicht zu wohl fühlen. Und dort wo immer der Zucker stand, stehn jetzt die sauren Gurken, und wenn mich das alles nicht so müde machen würde, würde ich … aber ich bin so schrecklich müde …

(Volker Strübing)

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7 Kommentare zu “Die Schweine

  1. Sehr schön, vielen Dank dafür!
    Und auch vielen Dank dafür, dass du das alles immer extra für mich in meinem Kopf vorliest.

  2. Es tut mir so Leid, ich bin schuld! Ich bin der der immer glücklich durch die Straßen rennt… der einzige, wegen mir wird alles noch viel schlimmer werden. Aber ich kann nicht aufhören mich zu freuen und trotz all der Krisen, Probleme und furchtbaren Dinge glücklich zu sein, und das auch nach außen hin zu zeigen.

  3. Kaffeesahne ist auch so etwas, was eigentlich nie wieder von deutschem Boden ausgehen dürfte!

  4. Pingback: Final Proof | Schnipselfriedhof

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