Bettel Star Galactica

Mehrere Facebookfreunde haben das Video empfohlen, insgesamt wurde es fast 30.000 Mal bei Facebook geteilt und mehr als 15 Millionen mal auf youtube angeschaut. Na gut, ich guck’s mir auch an: Sentimentales Klaviergeklimper. Ein blinder Mann sitzt auf einer Treppe neben einem Fußweg. Eine Blechbüchse und ein Schild: „I’m blind. Please help me!“ Passanten eilen vorbei, einige werfen achtlos eine Münze hin. Nahaufnahmen des traurigen Mannes und einiger Leute, die von seinem Leid ungerührt ihren Geschäften und Vergnügungen nachgehen.

Eine hübsche Frau (soweit man das trotz ihrer Puck-die-Stubenfliege-Brille beurteilen kann) stöckelt an ihm vorbei, hält inne, kehrt um und hockt sich vor ihn. Während er ihre Schuhe abtastet, schreibt sie wortlos etwas auf die freie Rückseite seines Pappschildes und stellt es wieder hin. Dann geht sie, und in der Folge kann sich der Bettler kaum noch vor Spenden retten, er kommt kaum mit dem Einsammeln der Münzen hinterher, die auf seine Sitzdecke herabregnen, niemand geht mehr vorbei, ohne sein Portemonnaie zu zücken, er sollte dringend über die Anschaffung eines Kartenlesegerätes nachdenken oder morgen zumindest eine Schubkarre mitbringen.

Schließlich hockt sich die junge Frau erneut vor ihn, er erkennt sie an ihren Schuhen. „What did you do to my sign?“, fragt er.

„I wrote the same“, antwortet sie lachend, etwa so, als würde sie einem kleinen Kind erklären, dass es doch nicht schlimm sei, dass es eingepullert habe, „but with different words!“

Abgang der Frau, Schwenk auf das von ihr geschriebene Schild: „It’s a beautiful day and I can’t see it.“ Schwarzblende. 2 Schrifttafeln zu ausfadender Schnulzmusik. „Change your words. Change your world“, sagt die erste, die zweite stellt die Internetmarketingfirma vor, die mit diesem Rührstück für ihre Dienste wirbt.

Ich lese ein paar Kommentare: „Wie schön, mir geht das Herz auf“, „Das ist so süüüüüüüüß“, „Wenn es doch mehr Menschen wie diese nette Frau gäbe“, „Teilt dieses Video, das sollten sich manche mal zu Herzen nehmen“, „Ich hätte fast geweint“. Statt zu weinen kotze ich in breitem Strahl auf die Tastatur (denkt einfach an die Restaurantszene aus „Der Sinn des Lebens“). Ich weiß vor Schreck gar nicht, was ich schlimmer finden soll: Das Video selbst, die angehängte Werbetafel oder die Kommentare. Mit einem Kotzkübel auf den Knien zwinge ich mich, mir das Video noch dreimal anzuschauen und noch ein paar Dutzend Kommentare zu lesen, in der Hoffnung, einen Hinweis darauf zu finden, dass das alles nur Satire ist – erfolglos.

Was für Menschen machen sowas? Was für Menschen klicken bei sowas „Gefällt mir“? Warum dauert es noch fast drei Wochen, bis die Welt endlich untergeht?

Armut – ein Problem schlechten Marketings.

Da war diese vollkommen besoffene Frau gestern am Nollendorfplatz. Parka, strähniges Haar, eine Goldkroneflasche in der einen, einen halbzerfetzten, nach oben geklappten Regenschirm in der anderen Hand stand sie im Schneeregen und blaffte ab und zu „Fuffzich Zent, mal ’n Euro“. Statt Pianokitsch gab es „Lasst uns froh und munter sein“ von Nena aus dem Ghettoblaster eines anderen Betrunkenen, der zehn Meter weiter Stellung bezogen hatte. Welche Worte würden die Welt dieser Frau ändern und zu einem signifikanten Umsatzplus führen? Vielleicht: „Es ist ein beschissener Tag. Und ich muss ihn doppelt sehen.“

Gar nicht schlecht, oder? Ich war ja mal Werbetexter, vielleicht sollte ich mich in den Dienst der guten Sache stellen und (gegen eine faire Umsatzbeteiligung) die Armut in Deutschland besiegen. „Bettel Star Galactica“ wäre ein ziemlich cooler Name für die Agentur. Statt dem langweiligen „Bitte 50 Cent für Hundefutter“-Schild, würde ich dem Punk vor dem McDonalds einen „Lassen Sie ein Hundeherz höher schlagen“-Aufsteller gestalten, komplett mit vielen Herzchen und einem Link zur Facebook-Fanseite des Hundes, die ich gegen entsprechenden Aufpreis ebenfalls einrichten und pflegen würde.

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(Dieses Bild hat mit dem Artikel nichts zu tun. Ich möchte mir nur nicht nachsagen lassen, ich würde immer nur meckern und vollkommen ignorieren, dass eigentlich alles immer besser wird.)

Ich weiß gar nicht, warum ich mich über dieses Filmchen (und vor allem über die erschreckend dummen positiven Kommentare darunter) so aufrege. Es ist doch eigentlich viel schlimmer, dass es überhaupt bettelnde Menschen gibt, als dass irgendjemand diesen Umstand für klebrigen, paternalistischen Eigenwerbescheiß ausbeutet und Tausende dumme Menschen sich davon rühren lassen. Aber man kann sich ja auch nicht immer aussuchen, worüber man sich besonders ärgert.

Vielleicht bin ich ja ein kaltherziger Zyniker, der den Menschen nur die Märchen kaputtmachen will, die sie doch brauchen, um in einer Welt ohne Happy Ends klarzukommen (dabei hat mir doch „Slum Dog Millionär“ selber so gut gefallen und wenn ich mir endlich mal „Pretty Woman“ angucken würde, müsste ich bestimmt auch weinen). Und überhaupt: Wenn es in Dritte-Welt-Slums kein fließendes Wasser gibt, dann sollen die Leute halt Milchkaffee trinken.

(Volker Strübing)

Ach so: Wer den Film sehen will: http://www.youtube.com/watch?v=Hzgzim5m7oU. Ein paar Klicks mehr machen jetzt auch nichts mehr.

 

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6 Kommentare zu “Bettel Star Galactica

  1. Ich finde das auch überaus geschmacklos. Mit Bettlern und Behinderten Witze machen… nee, das ist weder süß, noch keck.

    Aus einer Simpsonsfolge würde mir da jetzt eine spontane Alternative einfallen: Bart will Geld verdienen (für ein Comic, glaub ich) und versucht, Limo zu verkaufen. Das klappt aber nicht, bis Lisa ihm hilft und einige Buchstaben auf seinem Schild rumdreht, so dass er wie ein kleiner Trottel wirkt, den man unterstützen muss. Im Folgenden kann er sich vor Käufern gar nicht retten. Naja, deswegen und weil er von Limo auf Bier umsteigt.

  2. Vielleicht bin ich ja ein kaltherziger Zyniker, der den Menschen nur die Märchen kaputtmachen will, die sie doch brauchen, um in einer Welt ohne Happy Ends klarzukommen

    Du magst bestimmt auch keine Kätzchenbilder mit niedlichen Unterschriften? Spendest nicht zur Rettung ausgesetzter Welpen vor dem Kochtopf? Kaufst stattdessen kiloweise billiges Hackfleisch als Knetmasse? Zyniker!

    Das Video ist schon ziemlich klebrig. Ohne die Musik wär’s erträglicher. Und natürlich ohne die Werbung am Schluss. Aber die süßlichen Kommentare wären allein schon Grund, das Video zu löschen und die Macher in Tucholskys Hölle zu sperren (die, wo ein Reichswehrhauptmann alte Leitartikel vorliest, wenn ich mich recht erinnere). Grauenhaft, das.

  3. Zumindest in diesem Moment stammen die beiden Top-Kommentare scheinbar auch von vernünftigen Menschen, sehr erstaunlich, geht bestimmt vorbei.

    • Die anderen sind vielleicht gar nicht so weit gekommen. Bei denen läuft jetzt wahrscheinlich das Video in Endlosschleife, da kommen sie gar nicht zum kommentieren.

  4. Wow, ich habe in 10 min kommentare lesen meine monatliche Toleranzgrenze für Dummheit gesprengt x_x Volker, klar bis du ein kaltherziger, zynischer, verbitterter alter mann, aber das heißt nicht, dass das Video nicht trotzdem sehr widerlich sein kann <3

  5. Ja, ich find es auch widerlich (hab es mir gar nicht erst angesehen, ich kann es mir auch so vorstellen), aber ob ich oder sonst wer sich nun aufregt oder nicht, ob Leute auf den „Gefällt mir“-Button klicken oder nicht, ob jemand positive oder negative Kommentare schreibt … was ändert das an der Situation der Frau mit dem umgedrehten Regenschirm?
    Wem nutzt unsere ganze wohlfeile Aufregung (über ein YouTube-Video, um Himmels Willen!)? Wahrscheinlich nur uns selbst, können wir uns doch moralisch überlegen fühlen.

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