Eine Zugfahr-Geschichte geht noch …

Der Zug verlässt den Hauptbahnhof, ich packe die Zeitung aus, mache die Beine lang und freue mich: allein an einem Vierertisch lassen sich drei Stunden Zugfahrt gut aushalten. Ich bin selten so entspannt wie auf langen Zugfahrten. Aus dem Fenster schauen, lesen, mit offenen Augen träumen, Kaffee trinken – herrlich!

In Spandau hält der Zug noch einmal, ein paar Leute tröpfeln ins Abteil, aber es gibt viele freie Plätze, mit etwas Glück setzt sich niemand zu mir. Vorsichtshalber ziehe mir trotzdem das schwarze Cap tief in die Stirn, setze eine Sonnenbrille auf, drapiere eine volle und zwei leere Hasseröder-Flaschen auf dem Tisch, lege die Zeitung weg, damit sie mein Tor-Steinar-T-Shirt nicht verdeckt und stelle ein Bein in den Gang, damit auch jeder die 18-Loch-Doc-Martens sieht. Ich habe überwiegend gute Erfahrungen mit meinem speziellen Bahnfahr-Outfit gemacht. Wenn sich dann allerdings trotzdem mal jemand zu mir setzt, ist der natürlich gleich besonders unangenehm.

Der Zug fährt ab, und ich bin noch immer allein an meinem Tisch. Ich setze die normale Brille auf, räume die Bierflaschen weg, ziehe einen Pullover über das Nazi-Shirt, die Turnschuhe aus dem Rucksack und die Stiefel aus. Bis Hannover habe ich Ruhe und ab dort lasse ich es drauf ankommen.

Als ich gerade noch mit den Schnürsenkeln der Turnschuhe beschäftigt bin, schieben sich zwei Lederschuhe und nadelgestreifte Hosenbeine in mein Sichtfeld. Ich blicke auf. Neben dem Tisch steht ein Anzugträger Anfang dreißig und schaut böse auf mich herab. Er hat ein kantiges Gesicht mit spitz zulaufendem Kinn, seine Haare sind zu einem Guttenbergschmalztopf frisiert. Dazu passend trägt er eine dieser hässlichen Brillen, über die alleine ich einen zehnseitigen Hasstext schreiben würde, hätte ich nicht zufälligerweise selber eine auf der Nase.

Ich richte mich auf. „Ist was?“, frage ich ihn. Er atmet dreimal lautstark durch die Nase ein und aus, seine Hände sind zu Fäusten geballt, die Lippen zusammengepresst, doch er sagt nichts. Schließlich setzt er sich auf den Platz mir gegenüber. So ein Idiot, kann er nicht ans Fenster durchrücken?

Ich nehme die Zeitung und halte sie mir vor das Gesicht. Da lese ich tausendmal lieber von Bomben, Billionenschulden und B-Promis als mir diese Hackfresse anzugucken.

„Ihr Rucksack“, zischt er. „Er liegt auf meinem Platz!“

Ich klappe die Zeitung um. „Bitte?!“

„Ihr Rucksack“ – er presst die Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor – „Auf meinem Platz! Da am Fenster. Den hab ich reserviert!“

„Es wurden aber keine Reservierungen angezeigt.“

„Hier!“ Er knallt eine Platzkarte auf den Tisch und schlägt ein paar Mal schnell hintereinander mit der flachen Hand darauf. Seine Kiefern mahlen, er schnauft und vermittelt ganz allgemein den Eindruck eines Psychopathen, der im Begriff steht, sich den Notfallhammer zu schnappen und mir den Schädel einzuschlagen.

„Sehr geehrte Fahrgäste“, meldet sich die Bordsprechanlage. Aufgrund eines Computerfehlers können die Reservierungen heute nicht angezeigt werden. Wir bitten Sie, Fahrgästen mit gültiger Platzkarte den reservierten Sitzplatz zu überlassen.“

Der Mann lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. Seine Lippen verziehen sich zu einer grauenerregenden Karikatur eines Lächelns. Ich seufze, stehe auf, nehme den Rucksack in die Hand und weise auf den nun leeren Fensterplatz. „Bitte sehr“, sage ich.

Er starrt mich an. Ich starre ihn an. Schließlich schnaubt er abfällig und schaut aus dem Fenster. Ich bleibe noch ein paar Sekunden stehen, dann setze ich mich kopfschüttelnd und greife wieder zur Zeitung. Doch ich kann mich kaum auf all die schönen Katastrophen, Kriege und Skandale, all den morgigen Schnee von gestern konzentrieren – dieser Typ macht mir Angst. Am liebsten würde ich mich umsetzen, doch irgendwelche archaischen Schaltkreise in meinem Hirn schwenken „Never surrender“-Transparente, brüllen „Rückzug ist Selbstkastration“ und wollen mir weismachen, mein Stolz sei wichtiger als eine schöne Zugfahrt.

Wie ich solche Statusspielchen hasse. Zwei Männer laufen auf einem Gehweg aufeinander zu, ihre Blicke treffen sich und schon geht der Dominaz-oder-Unterwerfungs-Zirkus los: Wer wendet als erstes den Blick ab, wer geht einen Schritt zur Seite, um dem anderen Platz zu machen, wer wirft sich winselnd auf den Boden und bietet seinen ungeschützten Bauch dar?

Auf Zugfahrten hat man es oft mit Leuten zu tun, deren Kopfhörergezischel den halben Waggon nervt oder die mit dem Habitus des mächtigen Weltenlenkers minutenlang Gewindegrößen für einen anstehenden Auftrag ihrer popeligen Schraubenfabrik ins Telefon poltern. Ich habe noch nie erlebt, dass ein anderer Fahrgast diese Leute gebeten hätte, die Belästigung einzustellen oder wenigstens zu vermindern. Ich selbst tue das regelmäßig. Und beinahe jedesmal entschuldigt sich der Zurechtgewiesene und die anderen Reisenden nicken mir dankbar zu. Und dennoch kostet es jedes Mal auf’s Neue viel Überwindung, da ich unglaubliche Angst vor dem Tag habe, an dem mal jemand einfach nur „Nö“, sagt, wenn ich ihn bitte, die Musik leiser zu machen. Was sollte ich dann tun? Die Demütigung wäre soviel größer, als wenn ich wie alle anderen so getan hätte, als würde ich nichts bemerken.

Ich blättere durch die Zeitung und habe mich fast schon wieder beruhigt, als der Mann die Faust auf den Tisch haut.

„Vier Euro!“, zischt er.

„Was?“

„Vier Euro! Für die Reservierung! Ich will, dass Sie mir die erstatten.“ Sein Zeigefinger pocht hektisch auf die Tischplatte.

„Was?!“

„Geben Sie mir meine vier Euro zurück oder nehmen Sie Ihren …“ – er unterbricht sich, sein Mund zuckt, das linke Augenlid flattert – „… Ihren … beschissenen … verdreckten … Pennerrucksack von meinem Platz!“

Okay, dieser Mann ist verrückt. Und es ist nichts ehrenrühriges dabei, einem Verrückten seinen Willen zu lassen. Argumente wären hier ohnehin verschwendet. Ich verstaue den Rucksack in der Gepäckablage. Eigentlich sollte ich sofort einen anderen Sitzplatz suchen, doch ich setze mich wieder hin.

Zwei Minuten bleibt es ruhig. Dann tritt er mit dem Fuß gegen meinen Schuh. Ich ignoriere es. Er trampelt mit beiden Füßen ein Stakkato auf den Boden, dann tritt er mich noch einmal.

„Hören Sie mal …“, sage ich matt, doch er faucht mich an: „Ihr Fuß war in meiner Hälfte!“ Er beugt sich vor und wedelt mit dem rechten Arm unter dem Tisch herum. „Da ist die Linie!“

„Welche Linie?“

„Die Grenzlinie! Genau in der Mitte! Lassen sie ihre … dreckigen … billigen … Kackschuhe auf ihrer Seite!“

„Da ist keine Linie.“

„Sie wissen genau, was ich meine!“

Ich schüttele den Kopf, falte die Zeitung zusammen und rutsche auf den Fensterplatz.

„Das ist mein Platz!“, kreischt er.

„Dann setzen Sie sich da jetzt verdammtnochmal hin.“

„Von einem … Subjekt wie Ihnen lasse ich mir gar nichts vorschreiben!“

„Dann lassen Sie mich doch bitte einfach in Ruhe.“

Er springt auf und für einen Moment packt mich die Angst, dass er wirklich auf mich losgehen will. Stattdessen stürmt er aus dem Wagen und in eine Toilette. Auch gut.

Kurz darauf kommt er zurück und baut sich neben dem Tisch auf. Sein Haar ist feucht und zerstrubbelt, an seinen Wangen glänzen noch Wassertropfen, das Hemd hat einige Spritzer abbekommen. „Ich fordere sie auf meinen reservierten Sitzplatz freizugeben, andernfalls sehe ich mich gezwungen, das Zugpersonal zu informieren und Sie entfernen zu lassen.“

Okay, er hat gewonnen. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, einfach wieder auf den Gangplatz zu rutschen, aber ich kann mir den folgendnen Ellbogenkrieg um die Hoheit über die Armlehne zu gut vorstellen. Also winke ich nur ab und setze mich an den Nachbartisch zu einem ziemlich normal wirkenden Mann, der friedlich auf seinem Laptop herumtippt.

Mein Psychopath wirft mir gehässige Blicke zu und macht sich am eroberten Tisch breit. Es ist mir egal. Ich nehme mir endlich wieder meine Zeitung vor.

„Hier isses Trudchen. Jetzt sind wir endlich richtig“ Ein Rentnerpärchen und zwei Kinder bleiben bei unseren Tischen stehen. „Junger Mann“, spricht Opa den verrückten an. „Es tut mir sehr leid, aber wir haben diese vier Plätze reserviert, wenn Sie bitte …“

„NEIN! HABEN SIE NICHT! Ich hab diesen Platz reserviert, ich, ich, ich! Hier!“ Er hält ihnen seine Platzkarte hin. Der alte Mann holt umständlich eine Lesebrille hervor, studiert den Zettel und lächelt schließlich bedauernd. „Tut mir sehr leid, aber sie sind im falschen Wagen. Sie haben für die 23 reserviert und das ist die 22.“

Die Oma nickt. „Uns ist das selbe passiert. Kann ja mal vorkommen.“

Der Mann läuft rot an, er presst die Lippen aufeinander, seine Backen blähen sich auf. Dann platzt er. Blut und Gedärme klatschen an die Scheibe, besudeln Oma, Opa, Enkelkinder, die Brille und ein Auge landen auf meinem Tisch.

„Hach“, sagt Oma zu dem Enkeln, während sie sich kopfschüttelnd setzt und mit den Ärmeln roten Glibber vom Tisch wischt. „Jetzt versteht ihr vielleicht, warum wir euch keinen Bubbeltee gekauft haben. Aber Opa hat ne Thermoskanne Kamille im Koffer, davon könnt ihr soviel trinken, wie ihr wollt.“

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3 Kommentare zu “Eine Zugfahr-Geschichte geht noch …

  1. Viel Tralala! Kranke Situation. Als Vielreisender noch nie erlebt. Und ich habe schon eine Menge auf Reisen mitgemacht – Dank an Euch Mitreisende! Zeit, Dir ein alkoholhaltiges Bier zu zuwerfen! LOL!!! Mach Dich nicht klein Volker,.Ist halt nicht leicht als Mann. Hahaha! M.A:G.

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