Schnipsel vom 4.11.2012 – Sind Aktualisierungen Hitler?

„Graphomanie (die Besessenheit, Bücher zu schreiben) wird zwangsläufig zur Massenepidemie, wenn die gesellschaftliche Entwicklung drei grundlegende Voraussetzungen erfüllt:

1) hoher Grad, allgemeinen Wohlstands, der es den Leuten ermöglicht, sich unnützen Tätigkeiten zu widmen;

2) hohes Maß an Atomisierung des gesellschaftlichen Lebens und daraus hervorgehend allgemeine Vereinsamung der Individuen;

3) radikaler Mangel bedeutender gesellschaftlicher Veränderungen im inneren Leben eines Volkes. (In dieser Hinsicht scheint es mir bezeichnend, daß in Frankreich […] der Prozentsatz an Schriftstellern einundzwanzigmal höher ist als in Israel. […])“

Milan Kundera, Das Buch vom Lachen und Vergessen, 1978

Bin darüber gerade gestolpert und fand’s ganz hübsch, vor allem die Sache mit den unnützen Tätigkeiten. Wenn es 1978 schon Emoticons gegeben hätte, hätte Kundera bestimmt noch ein Minus und ein Klammer-zu hinter das Semikolon gesetzt Semikolonminusklammerzu.

Der Schnipselfriedhof sieht seit Kurzem voll gerümpelig aus, die Fotos, die eigentlich genau die Breite der Textspalte haben sollten, sind plötzlich schmaler und mal rechts, mal links, mal mittig. Ich hab noch nicht nachgeguckt, was da passiert ist und ich werde auch den Teufel tun, mir damit den Sonntag Nachmittag zu verderben. Ich nehme an, dass WordPress irgendeine Aktualisierung der Software vorgenommen hat. Neulich habe ich Thunderbird aktualisiert, danach waren alle Mails und sämtliche Einstellungen samt aller sorgfältig eingerichteter Spamfilter und Ordnerweiterleitungen weg. Komplett und für immer. Zum Glück hatte ich zumindest die eingegangenen Mails des letzten Jahres noch auf meinem Laptop und irgendwo liegen Sicherungsdateien der Mails bis 2009 oder 2010 herum. „Aktualisierung“ wird für uns eines Tages einen ebenso bedrohlichen Klang haben wie „Jüngstes Gericht“ für frühere Generationen. Je stärker wir von elektronischer Kommunikation und digitalen Daten abhängig werden, je mehr wir deren Verwaltung und Speicherung an aus der Hand geben, desto müssen wir die nächsten Ideen der Software-Ingenieure und Marketing-Experten der Firmen, die uns so lieb bemuttern fürchten. Software-Aktualisierung als Schicksal.

Dinge, in die wir viel Zeit und Nerven investiert haben (zum Beispiel das Erlernen der Bedienung eines DB-Fahrkarten-Automaten) werden von einem Tag auf den anderen über den Haufen geworfen. Eines Tages schalten wir morgens den Rechner ein und stellen fest, dass uns Facebook eine neue Biografie entworfen hat, Amazon alle Bücher, die wir für den Kindle gekauft haben durch andere ersetzt und WordPress in allen Texten, die wir gepostet haben, schmutzige Wörter wie Blume, Regenbogen und Pinguin durch harmlose Wörter wie Blume, Regenbogen oder Pinguin ersetzt hat (huch!), weil sie mit Schmutz nichts mehr tun haben wollen, und irgendeine App hat unterdessen über Nacht allen Kontakten auf unserem Handy SMSe geschrieben, in denen sie Zalando oder irgendeine Dentalklinik angepriesen hat, und einen Tag nach Wahl führt die Partei, die man gerade gewählt hat, ein Software-Update durch und ist auf einmal doch für Krieg und mehr Armut und so weiter, heiliger Bimbam, uff nüscht kann man sich mehr verlassen!

Und die Aktualisierungen, die man sich wirklich wünscht, kommen nie. Warte seit Ewigkeiten, dass die Sparkasse beim Homebanking eine Funktion zur selbstständigen Editierung des Kontostandes einführt, das kann doch nicht so schwer sein.

(VS)

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6 Kommentare zu “Schnipsel vom 4.11.2012 – Sind Aktualisierungen Hitler?

  1. Nee, ich glaub, das war IMAP, was mir den ganzen Scheiß eingebrockt hat. Weil Thunderbird plötzlich auf die dusslige Idee gekommen ist, meine lokalen Konten mit den bei GMX rumliegenden zu synchronisieren oder so. Das Zauberwort heißt Hitler.

  2. Pingback: Schnipsel vom 4.11.2012 – Aktualisierungen sind böse! « AUS.geMUSTERt!

  3. Die 3 Punkte am Anfang find ich auch sehr schön, mir ist spontan dazu Island eingefallen, da gehört es ja quasi zum guten Ton, Künstler zu sein.

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