Unter Verdacht

(Moep  +++ Entschuldigung, das ist ein Repost. Hatte die Geschichte gestern schonmal veröffentlicht, aber da ist was schief gegangen. +++ Moep)

„Ich kaufe nichts, und ich will auch nicht über Gott sprechen!“, schnauzte ich die beiden Idioten an, die mich aus dem Mittagsschlaf geklingelt hatten. Als ich ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen wollte, stoppte sie der größere der beiden mit seiner Möbelträgerpranke. Er schüttelte den Kopf.

„Nicht über Gott sprechen, soso“, sagte der andere, ein abgebrochenes Männchen mit Mantel und Hut. „Worüber denn dann? Über Allah? Über Mohammed?“

„Über Odin?“, grunzte der Schrankwandtyp und trat drohend einen Schritt nach vorn. Das Männchen legte ihm beruhigend eine Hand auf den Rücken. „Am besten, Herr S., Sie lassen uns erst einmal herein“, sagte er zu mir.

„Das werde ich selbstverständlich nicht tun!“

Die beiden glotzten sich an. „Huij, das fängt ja gut an. Widerstand gegen die Staatsgewalt…“

„Welche Staatsgewalt?“

Sie griffen in ihre Manteltaschen, holten irgendwelche Plastikkarten mit Bundesadler hervor und fuchtelten mir damit kurz vor dem Gesicht herum. „Schrader mein Name, Staatsschutz, und das hier ist mein Kollege Schlobach. Lassen Sie uns jetzt herein, oder bestehen Sie auf einer Zuführung durch ein SEK?“

 ***

Schrader fixierte mich mit leicht zusammengekniffenen Augen über den Küchentisch hinweg, Schlobach – Grobschlacht, wie ich ihn insgeheim getauft hatte – saß neben ihm und grabbelte mit seinen Wurstfingern ungeniert in meiner Obstschale.

„Darf ich vielleicht erfahren, worum es geht?“, fragte ich, kleinlauter als ich eigentlich wollte. Schrader antwortete nicht.

„Was habe ich denn getan?“

Er seufzte: „Sehen Sie, Herr S., das ist genau die Frage, die uns umtreibt. Was haben Sie getan? Oder auch: Was planen Sie zu tun? Wir hatten gehofft, Sie könnten ein wenig Licht in diese Angelegenheit bringen.“

„Wie bitte? Ich habe Mittagsschlaf gehalten. Und ich plane, einkaufen zu gehen, sobald wir das hier hinter uns gebracht haben.“

Schrader grinste. „Sehr witzig“, sagte er. Und, zu Grobschlacht: „Ein echter Scherzkeks, nicht wahr?!“

„Lange nicht mehr so gelacht“, brummte Grobschlacht ohne eine Mine zu verziehen.

Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl herum. „Sagen Sie doch bitte einfach, was mir vorgeworfen wird! Sicher ist es nur ein Missverständnis oder eine Verwechslung!“

„Herr S., wenn wir wüssten, was Sie getan haben oder zu tun beabsichtigen, dann säßen wir nicht hier in ihrer Küche beim gemütlichen Plausch, sondern in Verhörraum drei und ihre Hände wären an die Stuhlbeine gefesselt.“

„Ähm, heißt das, mir wird gar nichts vorgeworfen?“

„Noch nicht, Herr S., noch nicht!“

„Und was soll das ganze dann? Was wollen Sie von mir?“

„Es gab Hinweise. Ein, nun, sagen wir ‚wachsamer Bürger‘ hat uns auf Sie aufmerksam gemacht. Und dem müssen wir natürlich nachgehen. Nicht, dass es am Ende wieder heißt, die Sicherheitsbehörden hätten versagt und Hinweise ignoriert.“

„Ja, gut, aber was für Hinweise denn? Was hat Ihnen dieser ‚wachsame Bürger‘ denn über mich erzählt?“ Mir fielen eine ganze Reihe Verfehlungen ein, aber beim besten Willen keine, für die sich irgendein Geheimdienst interessieren würde. „Habe ich den Müll falsch getrennt?“

„Haben Sie das, Herr S.?“

„Was weiß ich! Aber Sie sind ja wohl nicht deswegen hier.“

„Nicht direkt, aber selbstverständlich interessieren uns alle Puzzlestücke, die unser Bild vervollständigen könnten.“ Er nickte seinem Kollegen zu, der aufstand, um meine Mülleimer zu inspizieren. „Aber unser Zuträger hat uns etwas anderes über Sie verraten …“

„Und zwar?“

Er lächelte. „Immer schön den Ahnungslosen spielen was?! Jaja, nun gucken Sie nicht so, ich habe schon bessere Schauspieler als Sie gesehen! Unser Informant jedenfalls beschreibt Sie als freundlichen, unauffälligen, alleinstehenden Mann, Herr S.!“

„Ja, na und?“ Ich brach ab, als sich mir ein bizarrer Verdacht aufdrängte. „Nein! Sie meinen doch nicht … das kann doch nicht Ihr Ernst …“

„Hat’s Klick gemacht? Nach so gut wie jedem Amoklauf, jedem Attentat, jedem im Keller gefangengehaltenen Kind erzählen fassungslose Anwohner den Fernsehkameras von ihrem ach so freundlichen, unauffälligen, alleinstehenden Nachbarn, dem sie so etwas niemals zugetraut hätten.

Nun, wir trauen jedem alles zu und wollen uns nicht zum Mittäter machen, indem wir eindeutigen Warnhinweise ignorieren.“

Ich hörte kopfschüttelnd zu. Was für ein Blödsinn! „Ähm, ich nehme an, sie wollen mich verulken. Gibt es hier irgendwelche versteckten Kameras?“

„Noch nicht, Herr S., der Antrag liegt noch beim Staatsanwalt.“

„Was?! Hören Sie, beenden wir doch bitte diese Farce! Soweit ich weiß, ist es nicht verboten freundlich, unauffällig und alleinstehend zu sein!“

„Das nicht. Amokläufe, Terroranschläge sowie das Gefangenhalten von Kindern im Kellern allerdings schon. Und wir wollen doch nicht erst eingreifen, wenn es zu spät ist. Also, was ist es bei Ihnen?“

„Nichts von alledem, verdammt!“

„Schon möglich“, sagte Schrader.

„Klo!“, schnauzte Grobschlacht und hob anklagend seine Hände, mit denen er den Dreck aus den ausgekippten Mülleimern durchwühlt hatte.

„Rechts. Nächste Tür.“ Er nickte und verließ die Küche.

„Schon möglich“, wiederholte Schrader. „Aber wir müssen natürlich sicher gehen. Wenn ich mich jetzt auf ihre Beteuerungen verlasse und mich irre … ich könnte nie wieder schlafen, wenn durch meine Nachlässigkeit Unschuldige zu Schaden kämen.“

„ICH BIN SELBER UNSCHULDIG!“

„Mag sein, mag sein, auch wenn ihr Verhalten nicht unbedingt dafür spricht. Jeder Unschuldige würde uns auf Knieen danken und nach Kräften unterstützen. Schließlich geht es hierbei um ihren Schutz.“

Ich hob abwehrend die Hände. „Aber ich bin ja gern kooperativ. Und ich weiß, dass Sie eine wichtige Aufgabe erfüllen und alles. Sie sind nur leider bei der falschen Person. Aber gut, machen wir weiter, je eher Sie sich wieder den echten Bösewichtern widmen können, desto besser. Stellen Sie Ihre Fragen, ich werde sie beantworten.“

Schrader nickte und lehnte sich entspannt zurück. „Na also, Herr S., wir wissen das zu schätzen, und es wird sich positiv auf unsere Einschätzung Ihrer Person auswirken. Also dann mal raus mit der Sprache: Womit haben wir es hier zu tun? Sind Sie Islamist? Wollen Sie den Dshihad nach Deutschland tragen?“

„Islamist? Mensch, ich hab nicht mal einen Bart!“

„Hatte Mohammed Atta eine Bart? Für wie blöd halten Sie uns eigentlich? Ist das etwa Ihre Kooperationsbereitschaft?“

„Hören Sie, ich bin kein Islamist. Ich bin ja nicht mal Moslem. Ich glaube ja nicht einmal an Gott!“

„Ah, da kommen wir der Sache schon näher. Atheist also. Religion ist Opium für’s Volk und so. Marx. Also linksradikal, eine neue RAF, ist es das? Hatte ich mir fast gedacht; dass deckt sich auch mit unseren bisherigen Erkenntnissen!“

„Was für Erkenntnisse?“

„Ihr Weblog, Herr S., einige Artikel äußern sich kritisch zu Armut, Konsumgesellschaft, Vermögensverteilung und anderen Themen.“ Er schüttelte den Kopf, als ich etwas einwenden wollte. „Ich weiß, was Sie sagen möchten. Das sei alles von der Meinungsfreiheit gedeckt, es gäbe keine Aufrufe zur Gewalt oder zum Umsturz und sei sowieso alles vollkommen harmlos. Und im Prinzip haben Sie ja auch Recht, aber stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein Spaziergänger, von seiner Wanderung ein wenig erschöpft, lässt sich auf einer Parkbank nieder und erfreut sich ein paar Minuten am fröhlichen Spiel einiger Kinder auf einem nahegelegenen Spielplatz. Was könnte harmloser sein? Wenn dieser Mann nun allerdings im Verdacht stünde, ein Kinderschänder zu sein, würde dieses so friedliche Bild kippen, und wir täten gut daran, unsere Augen nicht zu verschließen. Und leider muss ich Ihnen sagen, dass im Lichte unserer Ermittlungen auch ihr Weblog nicht mehr ganz so harmlos wirkt …“

„Chef, ich hab was gefunden“, platzte Grobschlacht herein. „Im Schlafzimmer!“

***

„Unfassbar“, sagte Herr Huld, ein Anwalt, den mir mein in solchen Dingen erfahrener Onkel empfohlen hatte, als ich ihm einige Stunden später mein zertrümmertes und verkohltes Schlafzimmer zeigte. „Was genau ist hier passiert?“

„Naja, dieser eine Typ hatte meinen Koffer entdeckt, und plötzlich waren beide der Meinung, das sei eine Bombe. Dann haben sie das Haus evakuiert und irgendsoein Räumkommando hat ihn in die Luft gejagt. Dabei hatte ich ihnen doch gesagt, dass da nur Dreckwäsche drin ist! Ich wollte ihn sogar aufmachen und es ihnen zeigen, aber der Muskeltyp hat mich zurückgehalten und mir dabei fast den Arm ausgekugelt.“

Der Anwalt nickte. „Na, das müssen Sie verstehen, Herr S., die sind natürlich davon ausgegangen, dass Sie sich selbst in die Luft sprengen und die beiden mit in den Tod nehmen wollten, nachdem Sie einmal enttarnt waren.“

„Enttarnt? Ich bin unschuldig!“

„Gewiss, gewiss. Ich will Ihnen doch nur klar machen, wie das Ganze aus Sicht der Beamten wirken musste – wenn wir Sie verteidigen möchten, müssen wir genau wissen, wie die andere Seite tickt. Also weiter. Sie haben den Beamten also im Vorfeld erzählt, das im Koffer nur Dreckwäsche sei. Und was war nun wirklich drin?“

„Dreckwäsche, verdammt! Dreckwäsche! Das hat auch die anschließende kriminaltechnische Untersuchung ergeben, hier, schauen Sie!“ Ich krramte in den Formularen, die man mir dagelassen hatte, und hielt ihm eine Seite hin. Er nahm mir den ganzen Stapel aus den Händen und bätterte ihn, gelegentlich die Finger mit der Zunge befeuchtend, durch. Einige Male hielt er inne, verzog den Mund, hob die Augenbrauen oder nickte.

„Tatsächlich“, sagte er schließlich. „Nun, Sie müssen zugeben, dass das schon ein bisschen verdächtig ist. Wo wollten Sie denn mit einem Koffer voller Dreckwäsche hin?“

„Häh? Ich wollte nirgendwohin. Auf welcher Seite stehen Sie eigentlich? Ich bin vor einer Woche aus dem Urlaub zurückgekommen und war bisher zu faul, das Zeug zu waschen. Und selbst wenn ich damit irgendwohin gewollt hätte – na und?! Das ist doch meine Sache! Man kann mit Dreckwäsche schließlich keine Kofferbombe bauen!“

Er runzelte die Stirn. „Sind Sie sicher? Gab es da nicht mal so eine McGuyver-Folge? Na, wie auch immer. Auf jeden Fall kann man aus Dreckwäsche und einem Koffer, eine vorzügliche Kofferbombenattrappe bauen. Und genau das wird Ihnen nach derzeitigem Stand der Ermittlungen ja auch vorgeworfen, wie ich hier gerade lese.“

Ich konnte ihn nur anstarren und den Kopf schütteln.

„Erschwerend kommt hinzu“, fuhr der Anwalt fort, „dass der Koffer unbeaufsichtigt war …“

„Unbeaufsichtigt IN MEINEM SCHLAFZIMMER!“

Er nickte. „Das ist ja das Schlimme: Im Schlafzimmer einer Person gegen die zur Zeit Ermittlungen wegen des Verdachts auf die Vorbereitung politisch motivierter Terroranschläge laufen, eijeijei, da kommt eins zum anderen. Sie wissen schon, wie das aussieht, oder?!“

Komplett irre sah das aus. Ich zwickte mich in die Wange, um endlich aus diesem Alptraum zu erwachen, doch es klappte nicht.

„Und hören Sie bitte auf, sich so nervös im Gesicht herumzufuhrwerken. Wenn Sie das bei einer Vernehmung machen, können Sie sich gleich mit dickem Edding schuldig auf die Stirn schreiben.

Bitte, Herr S., reißen Sie sich zusammen, geben Sie mir etwas, womit ich arbeiten kann. Etwas besseres als: Ich war zu faul, die Wäsche zu waschen. Vielleicht hat Ihnen ja jemand den Koffer untergeschoben?“

Ich glotzte ihn fassungslos an. „Warum in alles in der Welt sollte mir jemand einen Koffer mit Dreckwäsche unterschieben?“

„Das Warum ist schon die nächste Frage, Herr S., immer schön eine nach der anderen.“

„Es war doch nur ein harmloser Koffer voller Dreckwäsche“, sagte ich matt.

„Natürlich. Und Sie sind nur ein freundlicher, unauffälliger Mann. Das Problem ist, dass sich ein harmloser mit Dreckwäsche gefüllter Koffer nicht so ohne weiteres von einer mit Sprengstoff gefüllten Kofferbombe unterscheiden lässt, was ihn ja gerade zu so einer perfekten Kofferbombenattrappe macht. Zwar ist der Besitz eines kofferbombenattrappentauglichen Koffers keine Straftat; aber die Ermittler müssen natürlich die Möglichkeit berücksichtigen, dass Sie ihn dazu verwenden wollten, Sicherheitsmaßnahmen zu testen oder von der richtigen Bombe abzulenken.

Herr S., ich will Ihnen nicht verhehlen, dass Ihre Lage verzwickter ist, als Sie vielleicht denken. Es ist nämlich fast unmöglich, zu beweisen, dass ein Koffer einfach nur ein Koffer ist, da er sich in nichts von einer Kofferbombenattrappe unterscheidet. Dazu kommt noch, dass das fragliche Gepäckstück gerade gesprengt wurde.“ Er schob mit dem Fuß einige angekokelte Kofferfetzen herum.

„Unschuldsvermutung“, murmelte ich. „Im Zweifel für den Angeklagten.“

„Sicher, sicher, aber noch sind Sie ja gar nicht angeklagt. Sie sind lediglich Gegenstand einer Ermittlung, und die mit der Ermittlung Beauftragten müssen selbstverständlich von der Schuld des Gegenstandes ebendieser Ermittlung ausgehen, sonst könnten sie es ja gleich bleiben lassen!“

Mir wurde schwindlig, in meinem Kopf drehte sich alles. Ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Ich war müde. Ich wollte nur, dass das alles aufhörte.

„Was können wir denn nur tun?“

„Nun, zuallerersteinmal sollten Sie sich keine Gedanken machen. Sie sitzen nicht in Haft, Sie stehen nicht vor Gericht, und niemand weiß, ob es überhaupt soweit kommen wird. Ich rate Ihnen: Spielen Sie den Kooperationsbereiten, beantworten Sie alle Fragen, ohne zu lügen und sich selbst zu belasten Wenn das nicht möglich ist, verweigern Sie die Aussage, und bestehen Sie darauf, mit mir zu sprechen. Und falls es wirklich zu einem Prozess kommt, habe ich ein echtes As im Ärmel.“ Er lächelte triumphierend und wedelte mit dem Papierstapel in seiner Hand. „Ich habe festgestellt, dass das Formblatt 12 A über die Sprengung verdächtiger Gepäckstücke nicht korrekt ausgefüllt ist und Anlage D 4 gar komplett fehlt. Die werden Sie wegen Formfehlern laufen lassen müssen!“

„Aber das wäre doch der falsche Grund! Ich bin unschuldig!“

„Besser aus den falschen Gründen freigesprochen werden, als aus den richtigen verurteilt, oder nicht?!“

 ***

Wie man sich vielleicht denken kann, ging es mir in den folgenden Wochen nicht allzugut. Meine Nachbarn gingen mir aus dem Weg. Wenn ich doch einmal einem von ihnen begegnete, war ich auffallend unfreundlich, um mich nicht noch verdächtiger zu machen. Schrader und ich sahen uns regelmäßig. Mal ließ er mich vorladen, mal stand er unangemeldet mit Grobschlacht vor meiner Tür.

Immer dieselben Fragen, immer dasselbe sinnlose Spiel. Bis er mir bei der achten oder neunten Vernehmung einen Vorschlag unterbreitete.

„Sie können sich das natürlich auch alles ein bisschen einfacher machen, Herr S.“

Ich schaute auf. Er musste das Hoffen, das Flehen in meinen Augen gesehen haben, denn er lächelte mich freundlich an. „Arbeiten Sie für uns. Als V-Mann.“

Ich war längst bereit, beinahe alles zu akzeptieren. Noch drei oder vier Vernehmungen und ich hätte ihm gestanden, dass ich in meinem Keller Nazisalafisten als Sexsklaven halte und aus meiner getragenen Unterwäsche Chemiewaffen herzustellen beabsichtigt hatte oder was auch immer er von mir hören wollte.

„Natürlich! Gerne! Aber … müssen V-Männer nicht immer irgendwelche Gruppen infiltrieren? Wen soll ich denn ausspionieren?“

„Herr S., das müssen Sie doch selbst am besten wissen. Geben Sie uns einfach alles, was Sie an Informationen bekommen können, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Sei es aus ihrer eigenen kleinen Terrorzelle oder aus der größten und gefährlichsten aller Gruppen, der Mutter allen Terrors, aus der schon viele Terroristen, Extremisten und sogar Hartz-IV-Betrüger hervorgegangen sind: Der Bervölkerung.“

Grobach spuckte aus. Auf mein Wohnzimmerparkett, aber an so etwas war ich inzwischen gewohnt. Es war nunmal seine Art. „Wir sammeln derzeit Beweise für ein Verbotsverfahren!“

Schrader erhob sich und gab mir die Hand. „Willkommen bei den Guten.“

***

Ich war auf dem Heimweg von meinem wöchentlichen Treffen mit Schrader. Es war bereits spät und der November gab sich Mühe zu beweisen, dass wenigstens auf ihn noch Verlass war. Ich hatte den Mantelkragen hochgeschlagen, den Hut tief in die Stirn gezogen; ich eilte durch die regnerische Nacht und grinste bei dem Gedanken, dass ich jetzt nicht nur Agent war, sondern auch wie einer aussah. Meine Hand in der Manteltasche umklammerte das kleine Geldbündel, das mir Schrader im Austausch für die Namen und Adressen einiger freundlicher, unauffälliger Herren aus meiner Nachbarschaft gegeben hatte.

Ich beschloss, mir ein Taxi zu rufen, doch da trat aus einem Hauseingang ein Mann mit Kapuze auf mich zu. „Herr S.?“, stellte er mehr fest, als dass er es fragte; ich hörte ein Geräusch hinter mir, doch ehe ich mich umdrehen konnte, krachte mir etwas auf den Hinterkopf und alles wurde schwarz …

***

Ich erwachte in einem kahlen Raum mit Linoleumfußboden und unverputzten Wänden. An der Decke hing eine nackte Energiesparlampe. Ich saß auf einem Stuhl, Oberkörper und Arme waren mit Gaffa-Tape an die Lehne gefesselt. Vor mir stand ein schäbiger Küchentisch, auf der anderen Seite standen zwei Männer, ein weiterer saß mir direkt gegenüber. Obwohl ich noch immer benommen war und mein Kopf von dem Schlag wie ein hohler Zahn puckerte, begriff ich sofort, dass ich mich in einer recht unangenehmen Lage befand: Der Mann am Tisch war einer der freundlichen, unauffälligen Männer, die ich Schrader gemeldet hatte. Durch Zufall hatte ich scheinbar einen echten Terroristen erwischt. Vor ihm auf dem Tisch lag eine Pistole.

„Raus mit der Sprache, du Schwein! An wen hast du uns verraten?“

„Ich habe niemanden – Aua!“ Er langte über den Tisch und versetzte mir die Mutter aller Ohrfeigen, vielleicht sogar die Großmutter.

„Verarsch mich nicht!“

„Schrader!“, schrie ich. „Mein Führungsoffizier heißt Schrader! Aber das ist doch nur ein Missverständnis! Ich habe ja auch bloß den Namen und die Adresse weitergegeben, ich weiß doch gar nichts von eurer Truppe hier und will auch gar nichts wissen!“

„Wir sind die PUP, der Patriotischer Untergrund Pankow, Sieg Heil, du Arschloch!“

Einer der beiden Stehenden runzelte die Stirn. Er trug ein Palituch und ein Stirnband mit arabischen Schriftzeichen. „Oh … nicht die Vereinigten Orientalischen Terror-Zellen Europas?“

„Nee, die treffen sich mittwochs, heute ist Dienstag. Aber wo du schon mal da bist, bleib halt hier. Und jetzt wieder zu dir, Sportsfreund“, wandte er sich an mich. „Raus mit der Sprache: Wieviel zahlen dir diese Schweine, damit du für sie schnüffelst.“

„Bitte tut mir nichts, ich …“

„WIEVIEL?!“

„Vierhundert! Im Monat!“

„Du Schwein! Du miese Drecksau! Ratte!“, riefen sie durcheinander und ich fing mir eine weitere Ohrfeige. „Vierhundert! Scheiß-Preisdrücker! Verdammter Amateur! Du blöder Billig-Bond! Du machst das ganze Geschäft kaputt!“ Der Typ mir gegenüber war aufgeprungen und schüttelte mich: „Mann, ich hab Frau und Kinder, inzwischen muss ich in drei Terrorgruppen spitzeln, um über die Runden zu kommen, weil Typen wie du mit ihrem Lohndumping das ganze Geschäft kaputt machen!“

Der Mann mit dem Palituch legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. „Hast ja recht, aber der Typ hier wusste es wahrscheinlich einfach nicht besser. Wir müssen mit Schrader reden. Das ist schon der dritte 400-Euro-Spitzel, den wir diesen Monat schnappen.“

Schließlich banden sie mich los. „Nichts für ungut, Kumpel. Musst verstehen, dass wir ein bisschen sauer sind. Ich hoffe, du bist auf unserer Seite. Zusammen sind wir stark.“

Und so wurde ich Mitglied in der Gewerkschaft der V-Männer.

***

Inzwischen mache ich meine 4000 im Monat. Die Hälfte geht natürlich in den Unterhalt der diversen Terrorgruppen, die ich infiltriert habe. Sie werden von meinen drei Entführern geleitet; im Gegenzug habe ich meine eigene Organisation gegründet, die Autonomen Nazi Arsch-Löcher, und die Kollegen selbst eingeschleust. Wir alle brauchen ständig gutes Material, das wir unseren Führungsoffizieren präsentieren können; wer immer nur freundliche Männer denunziert, kann sich nicht lange in diesem Geschäft halten. Ich plane noch ein wenig zu expandieren und gleichzeitig Schraders Grenzen auszutesten; ich baue daher gerade die Buddhistische Union / Milizionäre Siddhartas auf, mal sehen, ob wir ihm Geld für deren Observation aus dem Kreuz leiern können. Letztlich wird ihm und seinen Leuten gar nichts anderes übrig bleiben, so wie sie auch schon der Einführung von Weihnachts- und Urlaubsgeld zustimmen mussten. Wir hatten mit einem Generalstreik der V-Männer und der sofortigen Aussetzung sämtlicher terroristischer und verfassungsfeindlicher Tätigkeit in Deutschland gedroht. Ihnen blieb keine Wahl. Denn ohne uns sind sie nichts.

(Volker Strübing)

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11 Kommentare zu “Unter Verdacht

  1. Ich war mir die ganze Zeit nicht sicher, ob das erdacht ist oder echt bis, ja bis der November erwähnt wurde obwohl wir erst Oktober haben…

    …wobei: hat sich die Story evtl schon letzten November abgespielt? hmmmm

    traurige Welt irgendwie wenn man solche Storys ernsthaft glauben kann

    lg der torsten

  2. „Hatte die Geschichte gestern schonmal veröffentlicht, aber da ist was schief gegangen“
    Aber schön, das dein Führungsoffizier der Veröffentlichung nun doch noch zugestimmt hat …

  3. Klingt sehr nach Stasi. Egal welches System, irgendwie gleich.
    Man sollte endlich ein Koffer-/Sporttaschengesetz erlassen und dann nach Antrag einen Kofferschein bzw. Kofferbesitzkarte ausgeben.
    Erst nach ausführlicher Polizei- und Staatsschutzüberprüfung darf dann der Bürger mit der Kofferbesitzkarte in spezielle abgesicherten Koffergeschäfte, um einen Koffer käuflich zu erwerben.
    Der Verkauf von gebrauchten oder neuen Koffer oder Sporttaschen im Internet oder gedruckten Medien wird strafbar-
    Ein weiterer Vorschlag wäre, dass alle Koffer und Transporttaschen aus durchsichtigen Material hergestellt werden. Das macht es den exekutiven Organen einfacher. Vor allem dem Zoll.
    Ebenso durchsichtige Mülltonnen, dann müssen die Zollbeamten in Berlin sich nicht mehr die Hände schmutzig machen, um unverzollte Zigarettenpackungen zu identifizieren.

    Der Besitz von Dreckwäsche ist in einem Sondermüllgesetz zu regeln. Der Antrag auf Besitz von Dreckwäsche ist vor entstehen der Verschmutzung einzureichen. Und zwar pro Kleidungsstück.

  4. Pingback: Verdächtig unverdächtig | Felix' Welt

  5. Sucht der Schrader noch Mitarbeiter und sind die 4000 € netto oder brutto? Ich wäre einer beruflichen Umorientierung nicht abgeneigt, sogar ein Praktikum und Einarbeitungszeit wären kein Hindernis. Ich komme sowieso in das Alter in dem man immer misstrauischer wird und hätte schon jetzt eine Menge vedächtiger Leute und Vorgänge zu melden, z.B: der „Pazifistische Untergrund Für Freibier“ steht kurz vor der Gründung und soll dann einen großen Zulauf haben.
    In Hoffnung auf eine furchtbare Zusammmenarbeit

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