War on Happiness

Sommer 2012. Die Glückssucht in Deutschland ist zu einer gesellschafts- und freiheitsbedrohenden Epidemie geworden. Die Süchtigen taumeln durch die Straßen; gedankenlos, gleichgültig, hedonistisch; erbärmliche Würstchen, an nichts anderem als dem nächsten Schuss Glück interessiert; sie wollen nicht wissen; sie halten die Freiheit für etwas, das vom Jobcenter an Bedürftige ausgegeben wird; die Glückssucht hat ihren Verstand vernebelt und ihre Seelen zerfressen, alles außer der nächsten Dosis Glück ist ihnen eine Last, sogar, dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist ihnen nur schwer erträglich. Die Glücksdealer reiben sich die Hände, ihre Geschäfte laufen bestens, während die Glücksbeschaffungskriminalität immer schrecklichere Ausmaße annimmt und Glückssüchtige auf Turkey wie die Zombies in Dawn of the Dead die Einkaufszentren stürmen …
Höchste  Zeit, den „War on Drugs“ auf das Glück auszudehnen!  

Ja, okay, Gaucks Bundeswehrrede ist Schnee von gestern, diese Kuh ist durchs Dorf getrieben, aber der Schnipselfriedhof begreift sich als stolzer Vorreiter der entschleunigten Erregung, weshalb ich nun nachträglich etwas dazu schreiben will. Afghanistan und die Bundeswehr lasse ich weitgehend außen vor, obwohl ich kurz meinen Ekel über Gaucks herablassende Verständnishudelei für das ja irgendwie menschliche Nicht-Sehen-Wollen des Krieges, seine Gleichsetzung von Pazifismus mit Gleichgültigkeit und seine implizite Unterstellung, wer etwas gegen das Kämpfen und Sterben deutscher Soldaten in einem tausende Kilometer entfernten Drittweltland habe, sei generell nicht bereit, die Freiheit zu verteidigen, loswerden möchte. Done. Schachtelsatz Ende.

Das meistdiskutierte Wort der Rede war „glückssüchtig“. Ich finde es ganz unabhängig vom Kontext der Rede sehr interessant. Ich frage mich, was Glückssucht eigentlich sein soll, und ob es sie überhaupt geben kann.
Ein Merkmal von Sucht ist, dass man immer stärkere Dosen des Suchtstoffes braucht, um überhaupt noch die gewünschte Wirkung zu erlangen, die dann trotzdem mit den Jahren immer geringer und kläglicher wird, weshalb viele Süchtige sich Zweit- und Drittsüchte zulegen, um diesen Verlust auszugleichen.
Wenn ich mich frage, was Glück ist, bzw. wo man es finden kann, dann fallen mir ziemlich kitschige Antworten ein: in der Liebe, in der Freundschaft, in jeder Form von Geborgenheit, in einer sinnvollen, erfüllenden Arbeit, so Zeugs halt. In Dingen, die tiefe Zufriedenheit erzeugen statt eines Kicks. Man kann zwar lieben, aber nicht liebessüchtig sein, weil das dem Wesen der Liebe vollkommen widersprechen würde. Niemand braucht immer größere Dosen Liebe, auch ist eine Beschaffungskriminalität irgendwie schwer vorstellbar. Man kann vielleicht süchtig sein nach Sex oder Affairen, aber doch niemals nach Liebe.
Und genausowenig kann man glückssüchtig sein; statt Glückssucht, kann es nur eine Glückssuche geben (laut Wikipedia kommt „Sucht“ übrigens nicht von „Suche“, sondern von „siechen“). Auf dieser Glückssuche kann man sich natürlich leicht verirren und, statt das Glück zu finden, nach einem scheinbaren Ersatz süchtig werden. Nach Glücksmuckefuck, Zufriedenheitsmethadon oder Gefühlsersatzverkehr.

(Symbolbild Glück: Es war der schönste Tag im Leben von Jaqueline Mustermann, als sie erfuhr, dass sie ihre Parkscheine in Zukunft auch einfach per SMS bezahlen kann. Endlich verstand sie, was mit dieser ominösen „Freiheit“ gemeint war, von der man in letzter Zeit so viel hörte.)

Süchte lassen sich ja grob in zwei Kategorien einteilen: Erwünschte und unerwünschte. Die unerwünschten sind klar, es sind die, die üblicherweise gemeint sind, wenn von „Sucht“ die Rede ist. Die erwünschten sind die … ich sag mal: systemerhaltenden Süchte: Nach Erfolg, Geld, Konsum etc. – gesellschaftlich sanktionierten Glückssurrogaten.
Diese werden zwar oberflächlich gern gegeißelt, man müsse sich davon lösen, nicht soviele Fernreisen, zurück zum Sonntagsbraten, bildet Fahrgemeinschaften etc. blabla, aber das sind meist nur Phrasen, wohlfeiles Geseiere für die Sonntagspredigt, das sollte man nicht zu ernst nehmen: Ohne diese Süchte (insbesondere die Konsumsucht, die man vielleicht als Primärsucht bezeichnen könnte, aus der sich zum Beispiel die Sekundärsucht nach Erfolg ableiten ableiten ließe), würde dieser ganze Laden schließlich nicht laufen. Glückliche oder zufriedene Menschen brauchen nicht dauernd neue Handys, neue Autos, neue Klamotten. Sie brauchen kein Wachstum, das einfach nur die Erzeugung von immer mehr Arbeit, Geld ,Waren und Müll bedeutet. Insofern sind Glück und Zufriedenheit Subversion, denn das Schneeballsystem, in dem wir leben, bräche ohne diese Art von Wachstum (oder Wucherung?) zusammen; es braucht stetig steigende Produktion. Und der ganze Krempel muss dann natürlich auch gekauft und konsumiert werden und zwar immer schneller, damit immer schneller immer mehr Krempel produziert werden kann, ohne dass es die Möglichkeit gäbe, wenigstens kurzzeitig einen Gang runterzuschalten und ernsthaft zu überlegen, ob dieses ulkige „Wachstum“ für uns oder wir für das Wachstum da sein sollen, ob vielleicht eine Art von Wirtschaft denkbar wäre, die nicht nur immer mehr bzw. immer neue Waren und Müllkippen und Grabbeltische produziert, und ob es wirklich Wohlstand ist, dass wir uns regelmäßig neue Handys nicht nur kaufen können, sondern vor allem müssen, weil es uns die immer schnelleren Produktzyklen sowie der Druck der Werbung und des Hypes unmöglich machen, noch länger mit unserem alten zufrieden zu sein.
Zufriedenheit ist der Feind des Wachstums, weshalb die verbleibenden Freiräume für Glück, Zufriedenheit, Muße nach und nach für den Markt erobert werden müssen.

Das klingt jetzt ein bisschen paranoid, oder? Nach einer Weltverschwörung der imperialistischen Finanzkapitalreptiloiden, den Protokollen der Weisen von Samsung, nach dem in Wirklichkeit nie verstorben Steve Jobbs und seinen Apple-Illuminaten. Das ist natürlich Quatsch, dahinter steckt kein Masterplan, das Ganze ist weder von denen da oben noch sonst jemandem gesteuert, es ist reine Eigendynamik.

Ähm … worum ging’s gleich nochmal? Ach so. Glückssucht. Vorgestern stürzte ich mich aufgrund des Innsbrucker Fehlgriffs in Magdeburg erneut mang vielen, vielen anderen Gauck’schen Glückssüchtigen in einen Kleiderketten-Schlussverkauf. Wenn man in die Gesichter der herumhastenden, verbilligte Billigkleidung aus Bangladesh zusammenraffenden Leute schaute, war schnell klar, dass es ihnen nicht um Glückssuche ging (oder falls doch: dass sie erfolglos bleiben musste). Was für ein Gemurre in der kapitalistischen Wartegemeinschaft an der Kasse einsetzte, als eine der Verkäuferinnen trotz langer Schlangen plötzlich verschwand! Es wurde sogar gemutmaßt, sie würde auf Toilette gehen, während doch die Süchtigen auf Entzug schnellstmöglich bezahlen mussten – es galt schließlich, auch die Grabbeltische der anderen Läden im Einkaufszentrum noch zu plündern! Wenn Religion Opium fürs Volk ist, dann ist Shopping Crack. (Es stellte sich dann zum Glück heraus, dass die Verkäuferin nicht pinkeln war, sondern noch einen dritten Verkäufer geholt hatte. Bei dem ich schließlich landete. Und als ich ihn fragte, ob ich die Hose nochmal mit in die Umkleidekabine nehmen und dort gleich anziehen könne, guckte er mich nachdenklich an und sagte: „Die Stimme … ähm … machst du Kloß und Spinne?“, was mich insgesamt doch erheblich mehr freute, als das Hosenschnäppchen ;)

Nach dem Einkauf brauchte ich dringend ein kleines Bier, setzte mich vor das nächstbeste Restaurant und schaute neidisch einem Mann am Nachbartisch zu, der sein gerade frisch gekauftes Galaxy SIII auspackte (ich arme Sau krepele noch immer mit dem ersten Galaxy S herum!), während seine Frau rasch alle Gesprächsversuche aufgab, einfach vor sich hinglotzte und ihren Aperol Spritz in sich hineinschüttete.

Papa Gaucks Spruch von der Glückssüchtigkeit lässt mich also fragen, was er eigentlich unter Glück versteht. Und dann komme ich schnell zu der Frage, was er mit anderen Begriffen meint, wenn er mit ihnen um sich schmeißt. Zum Beispiel „Freiheit“. Was ist denn diese Freiheit, von der er dauernd erzählt? Vor allem doch die Freiheit, im Laufrad mitzulaufen. Als Bonbon dazu die Freiheit, sich über das Laufrad zu beschweren und sogar über kleine Kurskorrekturen mitzubestimmen, solange es nur grundsätzlich „vorwärts“ geht und zwar immer schneller (was ein bisschen so klingt, als würde es bergab rollen). Ein Anhalten ist nicht vorgesehen. Und die Freiheit auszusteigen, die muss man sich erkaufen, das heißt, man muss vorher besonders eifrig mitgerannt sein. Aber immerhin kann man sich den Ausstieg erkaufen, das ist eine Verbesserung gegenüber dem sozialistischen System. Andererseits hatten auch die Sklaven in Rom schon die Möglichkeit, sich aus der Sklaverei freizukaufen, das ist also keine zivilisatorische Errungenschaft, über die man nun vollkommen aus dem Häuschen geraten müsste.

Sommer 201x: Die Glückssucht ist weitgehend besiegt. Von ihrem Hedonismus befreit, geben die Deutschen freudig in fernen Ländern „das Leben, das eigene Leben“ (und, wo es sich so ergibt, das Leben einiger im Weg stehender Einheimischer), um die Freiheit zu verteidigen. Die Gefallenen werden an der Heimatfront durch Automaten ersetzt, die aus einer revolutionären Kombination von 3D-Drucker und Müllschredder bestehen, integrierte Produktions- und Konsumtionseinheiten mit eigenem Facebookprofil, auf dem sie regelmäßig vollautomatisch gesellschaftskritische Cartoons, Kriegsverbrecherempörungsvideos sowie Katzenfotos liken und teilen. Die letzten unverbesserlichen Glücksjunkies geben ihr letztes Hemd für Parkplatzgebühren und in einem riesigen Schloss in Amerika legt Montgomery Burns die Fingerspitzen aneinander, verzieht die dünnen Lippen zu einem Grinsen und murmelt: „Ausgezeichnet“ …

(Volker Strübing)

PS: Uijujui, wie bin ich denn heute drauf? ;)

PPS: Schön hier auf dem Land. Sitze gerade in einem klitzekleinen Nest in MV und habe gerade erst durch eine einsame Fuvuzela am anderen Ende des Dorfes mitbekommen, das gerade ein Deutschlandspiel läuft. Na, dann wird diesen Sermon wohl so schnell niemand lesen …

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8 Kommentare zu “War on Happiness

  1. Gratuliere! Voll auf Zack, Herr Strübing! Spinnes gute Nachricht an Kloß könnte also z.B. lauten, dass ihr Schöpfer nicht chronisch „liebgehabt-werden“-süchtig ist. Da greift der Gauckler ins Leere…

  2. Erster! Ich finde es beschissen, wenn ein Staatsoberhaupt der Bevölkerung vorwirft, sie sei lieber glücklich als tot. Oder lieber glücklich, als mit dem Trauern beschäftigt. Oder lieber glücklich als heroisch. Andererseits habe ich mich in letzter Zeit häufig über vor Glück strahlende Menschen auf den Straßen gewundert – jetzt weiß ich, dass die ihren Parkschein per SMS bezahlt haben. Bin ein bisschen neidisch: Geht sowas auch ohne Auto?

  3. ui ein text der nachdenklich macht! nicht schlecht geschrieben und viel wahres drin.

  4. Sach ma, Volker, diese Hose… Hast Du die eigentlich gebraucht? So im Sinne von „kein anderes intaktes Beinkleid mehr aufzutreiben in der spartanischen Behausung“ oder zumindest kein sauberes und Waschmittel auch gerade alle?

    Oder war die nur gerade günstig?

    Also eher so im Sinne von „Ach, guck mal, da gibt’s kältebeständige, überlebensgroße Pommes-Replikate aus einer NASA-getesteten Superlegierung zum halben Preis – da nehm ich doch gleich mal ’ne Tüte mit?“

  5. Ich finde dich klasse, aber hier muss ich mal widersprechen. Es gibt die Liebessucht und dass gar nicht mal zu knapp. So ist eine mögliche Ursache von Sexsucht z.B. auch die Sucht nach Liebe. Ungeschickter Weg, um sich diese zu holen, aber dennoch leider wahr. Die Liebessucht ist eine übertriebene Form unseres natürlichen Dranges nach sozialer Stabilität und Geborgenheit und wahrscheinlich eine der weitverbreitetsten Süchte überhaupt. Viele Selbstbezogenen Süche resultieren erst aus ihr: Gefallsucht, Harmoniesucht, etc. pp.. Gerade der „Gut-Mensch“ sucht durch seine vermeintliche moralische Überlegenheit die Liebe seines Umfeldes zu erzwingen, da man ihn ja lieben muss, weil er immer versucht alles richtig zu machen, einem alles verzeiht und so weiter. Dahinter steht in Wirklichkeit oft nur der nicht selbst eingestandene Wunsch:“Liebe mich und übernehme die Verantwortung für alles schlechte in meinem Leben, damit ich immer Kind bleiben kann und niemals die Verantwortung selbst für mein Leben übernehmen muss.

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