Was besser ignoriert worden wäre

Günther Grass hat ein furchtbar dussliges und noch dazu unfassbar schlechtes Gedicht geschrieben – Lyrikexperten mögen mich korrigieren, aber ich würde sagen, dass man schon viel Glück haben muss, um etwa bei einem Poetryslam von einem pubertierenden Neuling etwas ähnlich Blamables zu hören zu bekommen. Keine Ahnung, was die Süddeutsche bewogen hat, das Ding abzudrucken – außer der leider berechtigten Erwartung auf den unvermeidlichen Skandal. Any publicity is good publicity, und heute hatten sie sicher eine rekordverdächtige Klickzahl auf ihrer Website. Der Plan ist jedenfalls aufgegangen, die Wellen schlagen hoch wie erwartet und ich frage mich, warum man sich nicht einfach peinlich berührt von den letzten Tintenklecksen dieses aus irgendwelchen Gründen zur nationalen Institution verklärten Schriftstellers abwenden kann. Das alles ist so vorhersagbar wie sinnlos und nervig. Aber wen kritisiere ich eigentlich: Ich geb ja selber  meinen Senf dazu …

(VS)

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4 Kommentare zu “Was besser ignoriert worden wäre

  1. Mei… es wird halt einsam um einen, wenn man alt wird, schätze ich… Da greift man schonmal zu verzweifelten Maßnahmen, um der allzu präsenten Nicht-Präsenz Herr zu werden. Und wie Du schon richtig sagst: Hat ja wie am Schnürchen geklappt.

  2. Ein schlechtes Gedicht, auf jeden Fall. Aber über die Aussage kann man diskutieren. Ja, man muss sogar darüber diskutieren, meiner Meinung nach.

  3. Dieses Lamento, dass man nichts gegen Israel sagen dürfe, kommt halt so unfassbar selbstmitleidig daher. Es ist ja nicht so, als ob niemand außer ihm Netanjahus Politik kritisiert. Was man auch sollte, meiner Meinung nach. Aber vielleicht lieber in Prosa.

  4. Glaube nicht, daß er diesen Text als Gedicht geschrieben hat, um lyrisch zu sein. Es geht ihm um Klarheit, um größtmögliche Konzentration; und es geht darum, klarzustellen, daß er eine subjektive Meinung hat. Deswegen nimmt er einen sehr unpoetischen Kommentar und packt Zeilenumbrüche rein. Das ist nicht aus Unfähigkeit geschehen, sondern als SIgnal. Die Form dient dem Inhalt auf mehr als einer Ebene. Mich wundert, daß anscheinend keiner daran glaubt, dieser Autor sei noch zur bewußten Wahl seiner Stilmittel fähig!
    Und inhaltlich finde ich es geradezu notwendig. Er hetzt nicht, er stellt Israel nicht in Frage, er warnt, und er mahnt an, daß Staaten, die sich rhetorisch ähnlich aggressiv verhalten, auch ähnlich scharf überwacht werden. Deutschlands Rolle ist tatsächlich unrühmlich – was ist unsere Freundschaft zu Israel denn für eine, wenn wir dem Freund nicht sagen dürfen, womit er sich selbst gefährdet? Diejenigen, die Israel als hysterische Wagenburg gegen jeden Angriff verteidigen wollen, sollten sich überlegen, ob sie denn gern die Toten einer Atombombe auf den Iran verantworten möchten – genau diese Option fordert Israel ja.
    Mein Respekt vor Grass ist jedenfalls eher gestiegen. Er biedert sich der Merkelrepublik nicht an, er schreibt nicht in der FAZ über die Schönheit des Pfeiferauchens. Er schreibt einen politischen Kommentar. Aber so ist das mit der Würdigung von politischen Künstlern in unserem Land: Unbequeme Kommentare von 1960, die kann man ehren, aber unbequeme Kommentare von 2012, die müssen falsch sein und keine Kunst.

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