Nochmal: Schokoladen

Spider hat es schon geschrieben: Der Schokoladen soll geräumt werden. Im Schokoladen sah ich 1996 das erste mal Leute, die wöchentlich mit selbstgeschriebenen Texten auf eine Bühne gingen und diese einfach vorlasen, eine Lesebühne eben, die „Reformbühne Heim & Welt“; im Schokoladen traute ich mich daraufhin das erste Mal mit eigenen Texten auf eine Bühne. Im Schokoladen hat die von mir mitbegründete Lesebühne LSD ihre jetzige Heimat gefunden. Und soll sie nun wieder verlieren. Von den Menschen, die dort wohnen, die sich ihre eigenen (und sinnvollen) Arbeitsplätze geschaffen haben, von den Theater- und Musikprojekten ganz zu schweigen. Ein toller und wichtiger Ort muss sterben für noch mehr luxussanierte Wohnungen für Berlin Mitte, noch eine Boutique oder eine Edelbar oder was auch immer.

Klar, Städte müssen sich verändern – der Schokoladen war schließlich auch eine Veränderung – aber wenn praktisch alle Veränderungen nur dem Wohl der Begüterten dienen, wenn die Sachen, die Berlin interessant und lebenswert machen, konsequent zerstört werden, dann ist Wut angebracht (vorbehaltlich der Möglichkeit, dass es gerade luxussanierte Wohnungen, teure Bars und hochgeklappte Bürgersteige in Investitionsgebieten sind, die Berlin interessant und lebenswert machen).

Die Berliner Lesebühnen haben einen Aufruf verfasst – Spider hat den hier schon mal verlinkt, ich setze den aber hier nochmal als vollständigen Text ins Blog. Noch ist es nicht zu spät, die Hoffnung stirbt zuletzt. („Aber sie stirbt“, um an dieser Stelle mal – wenn auch kontraproduktiv – den großartigen Nico Semsrott zu zitieren.)

Mischa-Sarim Vérollet bat mich, seinen Namen und den der Lesebühne Spree vom Weizen noch unter den Aufruf zu setzen, was ich natürlich gerne tue.

Berliner Lesebühnen fordern:
Schokoladen schließen!
Klappt die Bürgersteige hoch!
Der Letzte macht das Licht aus!

Seit 1989 sind in Berlin Dutzende von Lesebühnen entstanden: Ensembles von Autorinnen und Autoren, die in Kneipen und Clubs ihre neuen Geschichten vorlesen.

Berlin schmückt sich gern mit diesen Veranstaltungen, die jedes Jahr von Tausenden von Berlinern und Touristen besucht werden und die inzwischen etliche namhafte Kabarettisten und Schriftsteller hervorgebracht haben.

Leider interessiert sich die Berliner Politik nicht dafür, was für die Entstehung einer solchen lebendigen Szene notwendig ist: Cafés, in denen die Getränkepreise so niedrig sein können wie der Eintritt. Kneipen, in denen Künstlerinnen und Künstler einfach etwas ausprobieren können, ohne dass es Geld abwerfen muss. Clubs, deren Betreiber sich nicht ständig sorgen müssen, wie sie die grotesken Renditen für die Hausbesitzer erwirtschaften können.
Nun soll auch der Schokoladen schließen und von der Polizei geräumt werden.

Ohne Orte wie den Schokoladen wären die Berliner Lesebühnen nie entstanden!

Bis vor wenigen Jahren konnten wir uns leicht trösten, wenn wieder einer dieser Orte schließen musste. Es gab ja noch andere. Das war einmal. Heute gibt es praktisch keine Orte mehr, an denen noch etwas entstehen könnte.

Die östliche Innenstadt nähert sich einem Zustand der Stagnation.

Wir können an dieser Stelle nicht ausführlich auf den Prozess der Gentrifizierung eingehen, den wir ohne es zu wollen selbst mit angestoßen haben. Dazu haben sich andere bereits fundierter geäußert, als wir es könnten. Doch wir sehen mit Wut, wie das allgemeine und für alle Bevölkerungsschichten geltende „Recht auf Stadt“ immer mehr zum Privileg der Gut- und Besser- und Bestverdiener zu werden droht.

Die Berliner Lesebühnen und ihre Freunde beteiligen sich an den Aktionen zur Rettung des Schokoladens. Und wir bitten alle, die uns kennen, uns dabei zu unterstützen.

-> Kommt zur Demo gegen die Räumung des Schokoladens:
Dienstag 21. Februar, 17.30 Uhr
Klub der Republik, Pappelallee 81
(U-Bhf. Eberswalder Str.)

-> Stellt euch der Räumung in den Weg:
Mittwoch 22. Februar, 8 Uhr
Schokoladen, Ackerstrasse 169
(U-Bhf. Rosenthaler Platz)

Unterzeichner/innen

Einzelpersonen

Ahne , Andreas „Spider“ Krenzke, Andreas Gläser, Andreas Jeromin, Andreas Kampa, Andreas Scheffler, Anselm Neft, Bov Bjerg, Clint Lukas, Dan Richter, Daniela Böhle, Elis, Falko Hennig, Felix Jentsch, Frank Sorge, Frédéric Valin, Hans Duschke, Heiko Werning, Hinark Husen, Horst Evers, Ingolf Penderak, Ivo Smolak aka Ivo Lotion, Jacinta Nandi, Jakob Hein, Jochen Schmidt, Judith Hermann, Jürgen Witte, Karsten Krampitz, Kirsten Fuchs, Konrad Endler, Lea Streisand, Lt. Surf, Manfred Maurenbrecher, Martin „Gotti“ Gottschild, Micha Ebeling, Mischa-Sarim Vérollet, Paul Bokowski, Robert Naumann, Robert Rescue, Robert Weber, Sarah Bosetti, Sarah Schmidt, Sebastian Krämer, Sven van Thom, Thilo Bock, Tilman Birr, Tobias „Tube“ Herre, Udo Tiffert, Uli Hannemann, Volker Strübing, Volker Surmann, Wladimir Kaminer

Lesebühnen

Brauseboys
Chaussee der Enthusiasten
Der Frühschoppen
Kantinenlesen
Liebe statt Drogen
Radio Hochsee
Rakete2000
Reformbühne Heim & Welt
Spree vom Weizen
Surfpoeten
Texte im Untergrund
Tiere streicheln Menschen

 

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Ein Kommentar zu “Nochmal: Schokoladen

  1. Also sehe ich das jetzt auch ganz richtig:
    In den Läden treten „Künstlerinnen und Künstler“, die Eigentümer der Läden sind aber ausschließlich Männer, also „Betreiber“? Weiter finde ich es befremdlich, dass wohl auch alle Freunde der Berliner Lesebühne anscheinend nur männlich sind. Wie das mit den Gästen ist, steht ja nicht im Text, „Gäste und Gästinnen“ müsste man da ja korrekt gender-gemainstreamed schreiben, oder?

    Vielleicht sollte man den guten alten generischen Maskulin nicht einfach unbedacht kaputt machen, indem man hier und da IdiotInnen-Sprachfragmente einstreut. Auch wenn man es gut meint und eigentlich nicht verwirren will …

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