Kennste einen, kennste alle – oder was?

Etwas, das mir schon bei der Guttenberggeschichte unangenehm auffiel: wie genau sich die Bewertung der Vorwürfe gegen einen Politiker bzw. die Bewertung der Erklärungen und Entschuldigungen des jeweiligen Politikers nach den Grenzen von Koalition und Opposition richtet. Da man sich lächerlich machen würde, würde man behaupten, dass eine gewisse …. nennen wir es mal: Lockerheit im Umgang mit bestimmten Regeln nur bei CDU- und CSU-Politikern vorkommen kann, während SPD- oder Grünenmitgliedsausweise nur an Personen von makelloser Ehrhaftigkeit ausgegeben werden, kann man wohl davon ausgehen, dass, wenn bei den letzten Wahlen alles anders gekommen und ein SPD-Kandidat Präsident oder Präsidentin geworden und sich dann herausgestellt hätte, dass er oder sie zuvor das eine oder andere unrechtmäßige Privileg genossen hatte, man von links dasselbe Gesülze zu hören bekommen hätte von wegen „er hat sich doch entschuldigt und jetzt muss mal Schluss sein und man dürfe das Amt des Bundespräsidenten nicht beschädigen“ (was nebenbei natürlich nichts anderes heißt, als dass es zur Verhinderung der Beschädigung des Amtes des Bundespräsidenten nötig ist, den Inhaber dieses Amtes über jede Kritik zu stellen – eine eklige, zynische Argumentation, wenngleich in punkto Übelkeitserregung nur ein Klacks gegen Theo Guttenberg, der damals versuchte, sich hinter den getöteten deutschen Soldaten in Afghanistan zu verstecken – aber ich schweife ab und dieser Satz ist ohnehin schon viel zu lange, weshalb ich jetzt mal zum Punkt komme: Punkt und Klammmer zu

Was ich eigentlich nur schreiben wollte: Ich traue SPD, Grünen, Linken nicht unbedingt zu mit einem entsprechenden Skandal in ihren Reihen besser umzugehen. Empörung oder Verständnis scheinen in der Politik nur oberflächlich mit dem eigentlichen Sachverhalt zu tun haben, sondern vor allem mit der Person beziehungsweise deren Parteizugehörigkeit.

Sind irgendwie auch nur Menschen, diese Politiker …

Was ich am allerschlimmsten an solchen Geschichte finde, sind aber deren mögliche langfristige Folgen: Jeder Skandal und das unweigerlich darauffolgende selbstgerechte Geschnatter ist Wasser auf die Mühlen derer, für die Politiker nur „die da oben“ sind, die mit dem Volk nichts mehr gemein hätten und dass die Demokratie ohnehin nur eine Farce sei – gefundenes Fressen für Populisten und noch Schimmere.

Das ist ebenso verständlich wie dumm: Verständlich, weil man laufend mit neuen Beispielen für Arroganz, Eigeninteresse, Inkompetenz, Küngelei etc. versorgt wird, dumm, weil eben das gerade die Stärke der Demokratie ist: Dass man erfährt, was „die da oben“ so treiben und dass darüber diskutiert und sich erregt wird und dass es eine kleine Chance gibt, dasss sich zumindest genau das gleiche nicht so schnell wieder ereignen wird … dass also eine gewisse Hoffnung auf Entwicklung existiert.

Und das genau diese Stärke die gefährlichste Schwäche ist, weil soviele sich lieber hemmungslos von einem Führer oder einer Partei oder sonstewem hemmungslos ausnehmen, bescheißen und missbrauchen lassen würden solange sie es nur nicht erfahren, das ist irgendwie ein bisschen traurig.

Jede Diktatur – auch relativ sanfte, populistische Diktaturen, in denen zum Beispiel „nur“ die Pressefreiheit und die Unabhängigkeit der Gerichte eingeschränkt sind – wird zwangsläufig korrupt in einem Ausmaß, von dem wir hier in Deutschland nur alpträumen können.

(Angst – die neue Lieferung ist da! – (heute morgen in Zürich))

Grüße aus dem Zug Richtung Berlin – Tethering ist toll! Hatten wir ja damals im Osten nicht …

Volker Strübing

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4 Kommentare zu “Kennste einen, kennste alle – oder was?

  1. Sehr richtige Gedanken. Ich weiß nicht, ob die Seilschaften zur Geldindustrie in der linken Gegend genauso gründlich vertieft sind wie bei der Union, schließlich hat sich diese Partei die Pflege des Eigentums doch etwas größer auf die Fahnen geschrieben. Aber seit Schröder weiß man auch, wie schnell Arbeiterkinder in der Regierungsverantwortung von der Lobby eingefangen werden.
    Schädlich fürs Demokratieverständnis ist die Demontage der Ämter durch die Inhaber wie durch die Medien, zweifelsohne, und etwa in gleichen Maßen. Vielleicht ist das schlechteste Gefühl dabei tatsächlich, daß keine Regierung derzeit jemanden ins Amt bringen könnte, der moralisch über Wulff stünde, nicht aus grundlegender Bosheit, sondern einfach, weil es in bestimmten Sphären keine derartigen Leute gibt, die von den Gruppen, die die Meinungsmacht haben, gestützt werden – daß Springer genug Material hat, um jeden Politiker zu stürzen, ist keine Überraschung, schließlich kommt man nicht nach oben, ohne der Bild ein paar Häppchen zu geben.

  2. Pingback: Berliner Blogs bei ebuzzing.de – Ranking für Januar 2012 | world wide Brandenburg

  3. Ähnliche Gedanken hat schon Herodot den Persern in den Kopf gelegt, sie kamen aber zu einem anderen Ergebnis.
    Ich dagegen frage mich andauernd, wer hat dem Bundespräsidenten(BP) das Fadenkreuz auf dem Rücken gemalt?
    Hier eine völlig abwegige Antwort, in Form eines Kurzdramas mit dem Titel „Ohne Zeugen“.
    BP: „Du kannnst machen was Du willst, dieses Gesetz unterschreib ich nie und nimmer!“
    BK: „Dann unterschreibt es dein Nachfolger. Ich kümmere mich darum! Sie können abtreten“

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