Mal kreuzweise

Feierabendlaune und Reisemüdigkeit machen sich breit. Ich bin jetzt 6 Wochen und zwei Tage unterwegs. Plus zehn Tage Libanon Ende August und 5 Tage, die noch vor mir liegen. Einen freien Tag gab es in der ganzen Zeit nicht und ich plane, die komplette nächste Woche zu verschlafen (nein, nein Holger, mach Dir keine Sorgen wegen nächstem Mittwoch – ich schaffe das sowieso nicht). Vorgestern war Drehschluss für den Hauptdreh, jetzt filmen wir mit kleinem Team noch ein paar Sahnehäubchen, i-Tüpfelchen und Fahrtbilder, es wird auf alle Fälle etwas ruhiger. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll zu erzählen, darum kommt jetzt erst mal ein Katzenbild und danach ein Sonnenuntergang über Jerusalem:

Eins der krassesten Erlebnisse hier in Israel war der Besuch in Hebron, der Stadt, in der das Problem mit den israelischen Siedlern in den besetzten Gebieten besonders deutlich wird. Es ist die einzige Stadt, in der israelische Siedlungen mitten in der Stadt sind, das Leben von weit über 100.000 Palästinensern ist wegen der Anwesenheit von weniger als tausend radikalen Siedlern massiv eingeschränkt, sie werden von den Siedlern terrorisiert und von der Armee schikaniert. Baruch Goldstein gilt hier als Held, sein Grab in der an Hebron angrenzenden großen Siedlung ist Pilgerort.  Die meisten Israelis gruseln sich vor diesen extremen Siedlern genauso wie wir … und trotzdem werden sie vom Staat unterstützt.

Lutz hat unmittelbar nach unserem Tag dort auf dem offiziellen Blog zur Reise einen ziemlich wütenden Artikel mit vielen Fotos gepostet, den ich in einem winzigen Punkt korrigieren möchte. Am Ende schreibt er: „… es ist fast so als würde man für die Nazis im Elbsandsteingebirge, Bad Schandau räumen und mit staatlicher Unterstützung die Fascho-Community fördern.“ Es ist aber eher so, als würde man den Nazis Gewehre in die Hand geben und die Bundeswehr dazu abstellen, sie zu beschützen, wenn sie sich in irgendeinem tschechischen oder polnischen Dorf ansiedeln.

(Israelische Siedlung im Westjordanland – fragt mich jetzt bitte nicht, welche…)

Das wars erstmal, wir sitzen gleich wieder im Auto und drehen weiter und durch und ab und auf …

(VS)

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13 Kommentare zu “Mal kreuzweise

  1. Hast du dich schon mal gefragt, wie trotz Armeeschikane, Siedlerterror und dieser unwirklichen Situation dort der Himmel über alledem dennoch derart blau sein kann. Tiefblau, ruhig und anmutig – einfach so? Das kommt mir gerade sehr surreal vor. Bemerkt man sowas noch, wenn man mittendrin ist? WUNDERst du dich noch über irgendwas dort?

  2. Na dann hab ich ja Glück dass Du nicht durchschläfst und freue mich auf die Lesung am 12. Oktober in Ueckermünde. Und unsere neue Katze sieht fast so aus wie die auf dem Bild – zumindest von den Farben. Spätsommerliche Grüße übers weite Land und Meer
    Holger

  3. Holger und Volker! Freundchen! Ich habe euch zwar durchaus einiges an Niedertracht zugetraut, aber dann doch nicht, am Tage meiner Buchpremiere eine Fremdlesung abzuhalten!

  4. @Udo:
    Hmm. Sieht aus wie eine Canon EOS 600D. Das meiste wie im Automatikmodus fotografiert („knips“), immerhin mit ner etwa 2/3tel größeren Blendenzahl – weil es da so übermäßig hell ist, oder die Kamera zu blöde.
    Steht doch aber alles in den Bildern (Stichwort: ExIF)

  5. Israelische Siedler mit Nazis gleichzusetzen … harter Tabak … geben die auch „Gas“?

    Man könnte Ihnen ja die Immobilie „Auschwitz“ zum neuen Ansiedeln zurückgeben … um mal in dem Wortlaut zu bleiben. Das Essen ist da zumindestens besser (BRODER) geworden.

    Und Baruch Goldstein ist der jüdische Rudolf Heß… „ach was sag ich die sind alle selber Schuld“.

    • Okay, ein Vergleich mit bewaffneten Vertriebenen-Verbänden, die unter dem Schutz der Bundeswehr in Schlesien siedeln, wäre vielleicht etwas genauer. Wenn man allerdings die „Tod den Arabern“-Graffittis gesehen hat und, wie Lutz, von einem Jugendlichen mit der Waffe bedroht wurde, werden die sprachlichen Bilder schnell mal etwas kontrastreich.

  6. @uli

    Ach Uli, was sollen wir alten Säcke denn zwischen all den jungen weiblichen Fans bei Deiner Buchpremiere. Und überhaupt – das wievielte Buch ist das denn jetzt? Geht ja wie das Brezelbacken. Viel Erfolg und volles Haus!

  7. @Volker

    ich kann immer noch nicht verstehen warum man einen Israeli mit deutschen oder von mir aus auch mit „vertriebenen“ Nazis vergleichen will. Das ist nicht sehr kontrastreich das verwischt.

    Aber vielleicht sollte auch nur ein allgemeiner „Godwin Law“ eingeleitet werden.

  8. @Dexter: Hab ich unterwegs was verpasst? Ist Besserwisserei plötzlich cool geworden?

    @ostberlin36: Nee. Kein Godwins Law. Es ging darum, die heutigen Verhältnisse in Israel und den besetzten Gebieten auf die heutigen Verhältnisse bei uns zu übertragen (sowas hat übrigens auch schon beispielsweise Herr Broder gemacht, nur das in seinem Bild die Polen die Bösen waren, die Deutschland mit Kassam-Raketen beschießen). Sowas ist natürlich keine tiefgehende Analyse und wissenschaftlich nicht korrekt, aber mir hilft es, Dinge etwas besser zu verstehen und meine Eindrücke besser zu erklären.

    So. Und jetzt gibts Spaghetti!

  9. @Holger
    Danke für die Wünsche, aber wenn ıhr kommen würdet, waert ihr garantıert beı weıtem dıe jüngsten, weıblıchsten und fanatıschsten Fans ım Zuhoererraum, den eın bestaendıger Hauch der Vergaenglıchkeıt durchstroemen würde wıe das Aroma faulenden Seetangs, den dıe Brise über den Meeresstrand traegt. (Es ıst alles nıcht mehr wıe früher (und da wars auch schon schlımm)).

  10. Ja, ich wundere mich. Oft. Aber nicht über blauen Himmel. Den gabs auch über Ruanda, Auschwitz und Verdun.

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