Hätt‘ ich mal den Schienenersatzverkehr genommen!

Letzten Freitag war ich beim Rosislam und das war schön. Sowas schreibt sich natürlich leicht, wenn man gewonnen hat, aber ich denke, die meisten Vortragenden hatten ebenfalls einen schönen Abend. Und die Flasche Whiskey, die es als Siegprämie gab, haben wir dann ohnehin geteilt.
Ich möchte darauf hinweisen, dass die Tatsache, dass die Flasche eine halbe Stunde nach Veranstaltungsende alle war, erstens nur zu einem kleinen Teil mir anzulasten ist und zweitens nichts mit meiner Entscheidung zu tun hatte, vom Friedrichshain aus nach hause zu laufen. Ich hatte einfach Lust, spazieren zu gehen. Es war nach 12, ich hatte 7 Kilometer vor mir, aber ich war warm angezogen, mir war warm im Bauch (naja, ich hatte schon einen fairen Anteil vom Whiskey abbekommen …), auf der Ringbahn war sowieso Schienenerstzverkehr und außerdem ist Berlin nie schöner, als wenn jemand jede Menge frischen Schnee drübergekippt hat und die Sonne untergegangen ist.

Nach etwa einer Stunde war ich in einer einsamen Straße unterhalb des Thälmannparks und 30 Meter vor mir setzte sich eine Frau auf den Hintern. Sie war nicht ausgerutscht. Vielmehr ließ ihr Bewegungsprofil vor dem Sturz darauf schließen, dass sie ihre Flasche Schnaps mit niemanden geteilt hatte.
Als ich bei ihr war, hatte sie sich wieder aufgerappelt und schickte sich gerade an, erneut umzufallen, was ich verhindern konnte. Ich setzte sie auf der Motorhaube eines Golfs ab und fragte sie, ob alles in Ordnung sei, was im Nachhinein betrachtet eine ziemlich dusslige Frage war. Jaja, antwortete sie, es sei alles in Ordnung, ich solle mir keine Sorgen machen, ihr ginge es gut, danke schön, ich könne ruhig weitergehen, einen schönen Abend noch.

Sie sagte das allerdings auf sehr zeitraubende Weise, auch ließ ihre Aussprache viel Spielraum für Interpretationen. Vielleicht hatte sie in Wirklichkeit gesagt: „Ein lila Roboter hat den Keks der Wahrheit in den Teich geworfen. Die Weihnachtssterne sind verdottert. Wir werden alle sterben, rabimmel, rabammel, rabomm!“, und ich hatte einfach nur gehört, was ich gerne hören wollte.
Ich blieb jedenfalls bei ihr und versuchte rauszufinden, wo sie hin musste, was mir aber nicht gelang, da sie sich offenbar selber nicht mehr sicher war. Immerhin bekam ich heraus, dass sie nicht obdachlos war (oder hatte sie „Der Papst erstickt an einem Löffel Elefantengehacktes“ gesagt?). Ich dreht ihr eine Zigarette und stand dumm rum. Sie versuchte ab und zu wegzugehen, kam aber nie weiter als drei Schritte. Aber es wurde offensichtlich, dass sie mich loswerden wollte. Nach einer Viertelstunde – sie saß gerade in einem Vorgarten – rief ich die 112 an, wo mir gesagt wurde, dass das ein Fall für die Polizei sei, und ich wählte die 110. Danke an den freundlichen Mann, der mich nach einigen Minuten aus der Warteschleife erlöste und meinen Anruf entgegennahm. Ich fand es sehr gut, dass er sich für denNotruf bedankte.

Dann erzählte ich der Frau, die gerade wieder lostorkeln wollte, dass ich die Polizei gerufen hatte, und sie schaffte es, ein klares „Nein“ zu artikulieren. Ich stellte mich ihr in den Weg, weniger um sie aufzuhalten, als um sie an erneutem Umkippen zu hindern. Dann versuchte ich, sie bis zum Eintreffen der Polizei abzulenken, in dem ich ihr noch eine Zigarette drehte und ihr irgendwas erzählte – vom Wetter und was weiß ich, denn sie wollte mit der Polizei offensichtlich nichts zu tun haben und schnell wegkommen, womit sie ihre Möglichkeiten freilich überschätzte.

Als eine Viertelstunde später der Streifenwagen kam, war ich froh, fragte mich aber doch, ob es nicht eine bessere Lösung gegeben hätte – jemanden, der nichts Böses gemacht hat, gegen seinen Willen der Polizei zu übergeben, ist kein schönes Gefühl.

Die beiden Beamten hatten eine etwas … hm … pragmatischere Herangehensweise an das Problem. Und wer könnte es ihnen verdenken?
Sie hielten erst bei mir, zeigten auf die Frau, die sich auf dem Gehweg wie ein Schilfrohr im Wind mal in die eine, dann in die andere Richtung bog (aber stehenblieb), sagten dann, ich könne jetzt gehen, aber ich sagte, ich wolle gern dabei sein. Dann eilte ich zum Schilfrohr, hielt es fest und sagte, die Polizei sei jetzt da und alles würde gut – ich wollte nicht, dass sie von den beiden überracht wird.
Der eine Beamte meinte, es sei doch schon alles wieder gut und sie könne doch stehen und wer stehen könne, könne auch laufen, woraufhin die Frau glücklicherweise hinfiel (ich hatte sie nur noch am Kragenzipfel zu fassen bekommen).

„Sagen se uns mal ihren Namen. Hallo?! Hamse n Ausweis dabei? Wo wohnse denn? Entweder sie sagen uns, wo sie wohnen und wir bringen sie hin oder wir nehmen sie mit zur GESA und das kostet dann richtig Geld!“ Die Frau sah nicht so aus, als ob „richtig Geld“ etwas wäre, das sie erübrigen könnte. Ob der Polizist wirklich „GESA“ sagte, weiß ich nicht, es klang so, aber wenn ich nach GESA google, finde ich die „Gesellschaft zur Entwicklung und Sanierung von Altstandorten“ und ich hoffe, die war nicht gemeint. Ich schätze mal, das es um soetwas wie eine Ausnüchterungszelle ging.

Die Frau versuchte nun, die Polizisten abzuwimmeln, sie brauche keine Hilfe, alles sein gut und ihr Luftkissenfahrzeug voller Aale oder so. Der eine Polizist schien das Angebot wohlwollend zu prüfen, sagte: „Na gut, dann fahren wir jetzt. Aber wehe wir hören dann, dass hier die ganze Nacht ne Frau im Schnee gelegen hat“ und wandte sich dem Streifenwagen zu und ich dachte so: „Ähm …“ aber da sagte zum Glück sein Kollege, dass sie das nicht machen könnten, und sie luden die Frau, die sich, so gut es ihr Zustand erlaubte, dagegen wehrte (also zum Glück kaum), in ihr Auto ein.

Und dann fuhren sie weg und ich hatte noch ne halbe Stunde Fußmarsch bis nachhaus und blöderweise war es mittlerweile so spät geworden, dass ich kein kleines Bier mehr in der Eselsbrücke trinken und über das Erlebnis nachdenken konnte. Zum Glück stellte sich heraus, dass Nachdenken auch bei einer Tasse Pfefferminztee in meiner Küche möglich und das ohnehin das passendere Getränk war, da ich nach dem Ganzen Rumgestehe und -gelaufe doch sehr durch gefroren war.

Eigentlich gab es ja auch nichts nachzudenken. Ich hatte alles richtig gemacht, die Frau konnte man unmöglich in dieser Nacht da draußen lassen, das kann ich auf alle Fälle als „die gute Tat“ für den Dezember abbuchen, aber ob sie das, als sie am nächsten Morgen bei der Gesellschaft zur Entwicklung und Sanierung von Altstandorten erwachte, genauso gesehen hätte, ist fraglich.

(VS)

PS: Irgendwie wäre es komisch, unter diese Geschichte einen Flattr-Button zu packen.

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25 Kommentare zu “Hätt‘ ich mal den Schienenersatzverkehr genommen!

  1. fragte mich aber doch, ob es nicht eine bessere Lösung gegeben hätte – jemanden, der nichts Böses gemacht hat, gegen seinen Willen der Polizei zu übergeben, ist kein schönes Gefühl.

    Ja, den Gedanken kenne ich, schon merkwürdig.

    Aber ganz erhlich – ich glaube, ich fänds nett, wenn Du mich einsammeln würdest. Und Geschichten erzählen. Und im Zweifelsfall heimbringen, darfst Dir aus dem Kühlschrank dann auch ein Bier nehmen. Oder Pfefferminztee (*brrr*) kochen. Oder wir trinken zusammen noch nen Whiskey! Müsstest nur in den Süden der Republik kommen…

  2. Naja, aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das Gefühl noch blöder ist, wenn die Bullizei kommt und der Patient ist weg. Dann steht man dumm da.

    PS: GESA = Gefangenensammelstelle, siehe auch Wikipediaartikel über Gefängnisse:
    „Eine Besonderheit ist die Gefangenensammelstelle (Abk. GeS od. Gesa). Die GeS wird eingerichtet, wenn zu erwarteten ist, dass reguläre Haftplätze nicht mehr ausreichen.“

  3. Gibts in Berlin nicht son Kältebus- Nottelefon? Ist doch genau für son Fall, wenn jemand im Schnee zu erfrieren droht.

  4. Hättest Du ruhig einen Flattr-Knopf druntersetzen können, find ich. Unter den letzten beiden Einträgen war auch schon keiner. Dahinter hab ich dann aber noch einen gefunden.

    Was eine „GeSa“ ist, hätt ich tatsächlich auch gewusst. Nüchtern allerdings. Warum sich Polizisten immer so verschwurbelt ausdrücken müssen, selbst wenn völlig offensichtlich ist, dass ihr Gegenüber sie nicht versteht (während „Zelle“, „Gefängnis“ o. ä. vielleicht doch noch mal einen Motivationsschub ausgelöst hätten), soll mir ein ewiges Rätsel bleiben.

  5. Schöne kleine normale Berliner Geschichte – nett erzählt. Und Punkte für die gute Tat gibt es auch, ich glaube, nicht jeder (mit mehr oder weniger Whiskey im Bauch) wäre stehen geblieben und hätte Hilfe gerufen. Danke!

  6. Besonders schön finde ich die alternativen Interpretationen des gesagten, mit dem lila Roboter und dem Elefantengehackten und dem Luftkissenfahrzeug, etc. … :D

    es sei doch schon alles wieder gut und sie könne doch stehen und wer stehen könne, könne auch laufen

    und

    „Na gut, dann fahren wir jetzt. Aber wehe wir hören dann, dass hier die ganze Nacht ne Frau im Schnee gelegen hat“

    … erinnern mich an den Fall in Lübeck von vor 2 oder 3 (?) Jahren.

  7. Das hätte aber auch leicht ganz anders ausgehen können, da Streifenwagenbesatzungen mit einer gewissen „Mischintelligenz“ zusammengestellt werden, und du das Glück hattest, das der intelligente Teil dabei den dominanten Part übernommen hat.

    Sonst hättest du dich u.U. dafür rechtfertigen müssen, warum du deine Freundin einfach bei der Polizei abladen möchtest….

  8. Das erinnert mich sehr stark an ein ähnliches Erlebnis das ich mal hatte. Ich fuhr eines Sonntags spät abends mit dem Auto durch irgendein ruhiges Wohngebiet (Lichterfelde oder so) als plötzlich mitten auf der Kreuzung jemand lag. Wir hielten an und hoben die Frau mittleren Alters auf. Sie machte einen etwas verwirrten Eindruck, war aber nicht verwahrlost. Es ging ihr offensichtlich körperlich nicht sonderlich gut, wir konnten aus ihr rausbekommen, dass sie sich normalerweise in irgendeiner Anstalt aufhält, wo sie ihren Alkoholismus bekämpft. Betrunken war sie soweit ich das beurteilen konnte nicht. Da sie sich dauernd übergeben musste (und mein Kumpel sich bei dem Anblick mit ihr solidarisiert hat) war eine Unterhaltung nicht so ganz einfach.

    Es wurde dann klar, dass sie in einem nahegelegenen Krankenhaus war, um nach irgendwelchen Medikamenten zu fragen oder sie alternativ wieder zurück in die Anstalt zu fahren. Dort hatte man sie weggeschickt. Da mir das seltsam vorkam bin ich kurz rüber zum Krankenhaus marschiert, wo die Notaufnahme die Geschichte bestätigen konnte. Der Arzt wollte sie dabehalten, aber sie wollte das nicht.

    Also rief ich die Polizei, das erschien mir in der Situation das Naheliegendste. Die Frau war darüber extrem unbegeistert, wir konnten sie aber überzeugen, dass es vielleicht die beste Idee wäre. Wenig später kam ein Streifenwagen, der sich neben uns stellte. Der Polizist auf dem Beifahrersitz kurbelte das Fenster runter und fragte, was los ist. Ich schilderte ihm die Geschichte und er meinte „ja, und was sollen wir da jetzt tun? Zeigen Sie mir doch bitte erstmal ihren Ausweis.“.
    Als ich ihm sagte, dass man die Frau ja wohl kaum auf der Straße liegen lassen kann und ich es irgendwie nicht einsehe, dass ausgerechnet ICH nun meinen Ausweis zeigen soll schlug ich vor, doch einfach mal in der Anstalt nachzufragen. Wie gesagt, die Szene spielte sich ab ohne dass einer der Beamten sich bequemt hätte aus dem Fahrzeug auszusteigen. Ich scheine wohl beim Kartenspiel gestört zu haben.
    Jedenfalls packten Sie daraufhin die Frau ein und wir wollten uns möglichst bald vom Staub machen.

    Was nun wirklich weiter passiert ist weiß ich nicht. Ich habe jedoch kein gutes Gefühl. Und wir hatten auch ein schlechtes Gewissen, die Frau nun diesen Polizisten zu übergeben, aber uns fiel keine Alternative ein. Wofür gibts die Polizei wenn nicht für solche Fälle?

  9. „Warum sich Polizisten immer so verschwurbelt ausdrücken müssen,..:“
    Dreimal darfste raten, warum (*)
    .
    .
    .
    .
    .
    .
    .
    .
    (*) es sind nicht die Hellsten

  10. Ich bin mal vor längerer Zeit in der Situation gewesen, dass ich in einer nahegelegenen Nachbarstadt die letzte Bahn verpasst hatte. Da ich kein Geld mehr für ein Taxi hatte, entschied ich mich ebenfalls für den Fußweg (knapp 8 Kilometer) – auch wenn (bzw. eventuell sogar weil) ich damals etwas mehr von der Flasche bekommen hatte, fühlte ich mich jung, fit und energiegeladen.

    Es war allerdings schweinekalt, ich für eine solche unerwartete Nachtwanderung nicht wirklich gut gerüstet und nach einem „kleinen“ Fußmarsch quer durch die Nachbarstadt auch wieder etwas ernüchtert. Als ich kurz vor der Stadtgrenze der Nachbarstadt an einem Polizeirevier vorbeikam, hatte ich daher die Vision von „meinen Freunden und Helfern“, welche mich veranlasste, zu klingeln und meine Situation zu schildern. Sicher hat man mir angemerkt, dass ich nicht mehr nüchtern war, genauso sicher aber habe ich mein Anliegen in freundlichem Ton vorgetragen.

    Etwas hilflos in diesem Moment und ohne konkrete Ansprüche fragte ich, ob es irgendeine Möglichkeit gäbe, mich bei meinem Vorhaben, gesund mein Zuhause zu erreichen, zu unterstützen. Die Reaktion war, dass man mir mitteilte, mir nicht helfen zu können und mich aufforderte, das Revier zu verlassen. Damit allerdings nicht genug, einer der 4 (vier) BeamtInnen rief mir im Rausgehen noch nach: „Wir sind hier doch nicht die Taxizentrale“. Dies ließ ich draußen in der Kälte kurz auf mich wirken, betrat dann (nach erneutem Klingeln) nochmal das Revier und ließ mir den Namen des Verantwortlichen geben, den ich auch erhielt, worauf ich das Revier wieder verlassen musste.

    Der Rest der Nacht ist dann ein unbeleuchteter Fußweg zwischen den beiden Städten, direkt an einer zwar nicht viel, aber durchaus schnell befahrenen, vierspurigen Straße und dann noch diverse Meter quer durch meine Stadt bis nach Hause. Eine kalte, alkoholselige Wanderung mit diversen Pausen (eine davon Pinkel-), getrieben von netten Gedanken an hilfsbereite Polizisten, die ich glücklicherweise ohne weitere Schäden überstanden habe (von einer leichten Unterkühlung mal abgesehen).

    Eine offizielle Beschwerde übers Internet führte dann zu einem Rückruf eines weiteren Beamten, der mir nach Schilderung der Situation bestätigte, dass er das Verhalten der vier BeamtInnen auch nicht angemessen findet. Er gab allerdings zu bedenken, dass Polizisten auch nur Menschen sind und es daher im Rahmen des Möglichen und Wahrscheinlichen liegt, dass solche Situationen auftreten.

    Wir waren uns einig, dass es diverse Optionen gegeben hätte, mir zu helfen (angefangen von einem freundlicheren Auftreten und dem Angebot, mich erst mal aufzuwärmen, über einen Kaffee oder das Angebot eines Telefonates bis hin zur Unterbringung im Revier). Und diese Optionen gab es auch völlig unabhängig von der Einstufung meiner Person: Sahen mich die BeamtInnen als leicht alkoholisierten, freundlichen, aber etwas hilflosen Menschen, wären die ersteren angebracht gewesen, sahen mich die BeamtInnen als überalkoholisierten und unfreundlichen Menschen, der vor sich selbst geschützt werden muss, wäre die letzte Option das Mittel der Wahl gewesen.

    Da aber ein weiteres Verfolgen des Sachverhaltes (zumal unter der Prämisse, dass ein zum Geschehenszeitpunkt leicht alkoholisierter Zivilist gegen vier BeamtInnen aussagen würde) zu keinem erkennbaren, sinnvollen Ziel geführt hätte, habe ich es dann dabei belassen, besonders, da mich das Verständnis des zurückrufenden Beamten doch wieder etwas besänftigt hatte.

    Trotzdem hat mich das Ganze damals sehr wütend gemacht: Immer wieder wird propagiert, man solle „hinschauen statt wegschauen“, aber wenn man sich in einer (und sei es nur subjektiv empfundenen) Notlage befindet und an die vermeintlichen „Fachleute“ wendet, schauen diese weg.

    Mein Fehler ist wohl, dass mein Polizeibild zu sehr von solchen Serien wie „Großstadtrevier“ oder auch „Toto und Harry“ geprägt ist, im realen Leben zum einen aber solche PolizistInnenpersönlichkeiten eher dünn gestreut sind und zum anderen die normale „Kundschaft“ der Polizei ihren Teil dazu beiträgt, dass viele BeamtInnen eine distanziertere Position zu allen Zivilpersonen einnehmen.

    Dennoch, und das möchte ich zum Abschluss als negatives Fazit für mich festhalten: Sollte ich in eine Situation kommen, in der ein Polizist meine Hilfe benötigt (und mich meine Hilfe eventuell sogar mehr kosten würde als nur etwas Freundlichkeit), werde ich auch immer diesen Abend vor Augen haben und vielleicht zögern – obwohl ich noch in dem Glauben erzogen wurde, dass die Polizisten die „Guten“ sind.

  11. In einer ähnlichen Situation in Hannover habe ich ohne Probleme den Rettungswagen unter 112 rufen können. Ein Mann war abends gegen elf Uhr in der Fußgängerzone gestürzt und auch zu zweit nicht mehr hoch zu bekommen. Er war stark alkoholisiert, zwar ansprechbar aber definitiv nicht mehr ganz da. Ein Zechkumpan erschien noch aus der nahegelegenen Kneipe und erzählte, dass der Herr dort bereits der Länge nach hingefallen sei.

    Die Rettungssanitäter waren zwar nicht wirklich begeistert, haben den Mann aber überredet, mitzukommen und sind dann mit ihm abgerauscht. Mir haben sie noch gesagt, ich hätte genau richtig gehandelt.

    Ich verstehe nicht, was in solchen Situationen die Polizei machen soll?!? Die beschriebenen Menschen sind zunächst mal in einer gesundheitlich-medizinischen Notlage. Da braucht es keine Ordnungshüter. Die kann dann der medizinische Notdienst gegebenenfalls immer noch hinzuziehen, wenn es Probleme gibt.

  12. @Dirk Hillbrecht: Wenn dem Laien allerdings nach Anruf der 112 gesagt wird, die 110 wäre zuständig, was soll der Laie dann machen?

    Sicher hat ein Polizist ein Problem, wenn er einen Betrunkenen nach Hause bringt und dieser dann dort zu Tode kommt, weil medizinische Hilfe notwendig gewesen wäre. Genauso wie ein Notfallmediziner ein Problem hat, wenn ein betrunkener Patient plötzlich handgreiflich wird. Aber es kann doch nicht sein, dass der Bürger solche Dinge entscheiden soll.

    Notfallmediziner und Polizisten, die zur Bewältigung solcher Situationen ausgebildet sind (und auch dafür bezahlt werden), müssen meines Erachtens da die Leitung übernehmen und für eine korrekte Klärung sorgen. Nur wenn sie diese Verantwortung auch deutlich sichtbar annehmen, funktioniert das System.

    Um es mal überspitzt zu formulieren: Ich erinnere mich da an die Szene in Pulp Fiction, in der Jules Mr. Wolfe anruft und sinngemäß sagt: „Vor Dir will ich eigentlich nur eins hören. Du hast kein Problem, Jules, ich kümmere mich um den Scheiß. Geh wieder rein, beruhige die *politisch unkorrekter Ausdruck* und warte auf die Kavallerie, die jeden Augenblick kommen wird“. Und Mr. Wolfe antwortet: „Du hast kein Problem, Jules, ich kümmere mich um den Scheiß. Geh wieder rein, beruhige die *politisch unkorrekter Ausdruck* und warte auf die Kavallerie, die jeden Augenblick kommen wird“.

    Wenn ein Bürger mit der oben geschilderten Situation konfrontiert ist, erwartet er (in meinen Augen völlig zu Recht) von der Polizei sinngemäß genau eine solche Antwort und darauf folgend eine korrekte Klärung. Und nicht die Frage nach seinem Ausweis oder den Verweis an eine andere Nummer.

  13. Hab mich gerade nochmal mit dem Zitat beschäftigt und muss mich korrigieren: Jules ruft Marsellus an, und der antwortet: „Du hast kein Problem, Jules, ich kümmere mich um den Scheiß. Geh wieder rein, beruhige die *politisch unkorrekter Ausdruck* und warte auf den Wolf, der jeden Augenblick kommen wird“. Aber ich denke, man konnte trotzdem verstehen, was ich sagen wollte ;-).

  14. Huhu!! :-)

    Ich bin Polizistin und finde deine Reaktion absolut super, richtig und echt vorbildlich! So müssten mehrere, am besten alle, Menschen handeln!

    Eines solltest du dir allerdings verinnerlichen: die Polizei ist nicht nur dafür da um irgendwelche bösen Sachen, Straftaten, auf zu klären! Sondern sie ist auch für solche Erlebnisse da wie du sie hattest! Deswegen musst du auch kein schlechtes Gefühl haben, wenn du jemanden dann, wie diese Frau, an die Polizei übergibst. ;-) Es ist zu ihrem Besten gewesen. Die Kollegen haben sie mit auf die Wache genommen, dort wurde ihr dann Blut vom Arzt abgenommen um den Alkoholgehalt festzustellen, die Identität von ihr wurde überprüft/festgestellt und medizinische Sofortmaßnahmen wurden eingeleitet. Wer weiß: vielleicht stand sie kurz vor einer Alkoholvergiftung?? Oder wäre, wenn du nicht gewesen wärst, unglücklich hingefallen und im schlimmsten Fall sogar gestorben. Die Kälte wäre da noch ein Beschleuniger von gewesen.

    Deswegen: *Daumen hoch*, dass du genau SO reagiert hast! Nämlich absolut richtig!

    Und keine Panik, die Frau erwartet jetzt keine Strafe. Und ob sie die Nacht in der Ausnüchterungszelle zahlen muss, bleibt auch abzuwarten! Denn vielleicht wurde sie auch in ein Krankenhaus verlegt. Aber beide Varianten sind besser als evtl zu erfrieren! ;-)

    LG Kuhsel

  15. @kuhsel: bist du bei so einer art abteilung für pressearbeit bei der polizei? irgendwie scheint mir dein kommentar nen bisschen unkritisch mit dem verhalten der polizisten umzugehen…
    Klingt für mich auch fast wie aus einer Werbe-Broschüre zu dem Vorfall…?

  16. @ Klammerbeutel

    „Nigger“ ist nur dann politisch unkorrekt, wenn es in abwertender Weise benutzt wird. Jedenfalls meiner bescheidenen Meinung nach.
    Das ist ja auch der Hintergrund, weshalb dieses Unwort mittlerweile hauptsächlich von Afro-Amerikanern selbst benutzt wird – wie z.B. Marsellus in Pulp Fiction. Einer der Grundgedanken für diese Verhaltensweise war mal, daß einem Schimpfwort, wenn man es vereinnahmt und auf sich selbst verwendet, die eigentliche Funktion der Beleidigung genommen wird.
    Darüber kann man zwar sicher geteilter Meinung sein, jedoch wird in Pulp Fiction „Nigger“ – zumindest in der erwähnten Szene – nicht als Schimpfwort benutzt. Deshalb ist Deine Selbstzensur etwas zu viel „political correctness“ für meinen Geschmack.

    @ Volker Strübing

    Wunderschön zu lesender Blogeintrag. Ich bin sicher, Du hast den slam zurecht gewonnen. Chapeau!

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  19. ich hatte hier in gütersloh eine andere erfahrung gemacht mit der polizei, war tags, irgendwie samstag im frühjahr, 2009, soweit ich mich richtig erinnere ^^
    jedenfalls, mein mann und ich unterwegs zum bus, sehen da ein, augenscheinlich verletztes, vogeljunges liegen, war nimmer küken, aber hatte noch diesen typischen jungvogelflausch und lag mitten auf dem geh/radweg.
    ich konnt das arme tierchen natürlich nicht liegen lassen, aber was tun, wenn man 1: keine transportmöglichkeit hat und 2: nicht einmal weiss wo der nächste tierarzt ist, das arme federvieh währ uns vor panik eingegangen, hätt ichs in der handtasche im vollbesetzten bus mitgeschleift.
    ich hab einfach polizei angerufen, denen die situation geschildert, die wollten mich erst abwimmeln, aber nach ein wenig weiblichen charme meinte er, das im moment sowenig los währ, die kämen so in ner viertelstunde kurz vorbei und würden sich das mal ansehen.
    sie kamen auch tatsächlich, nahmen den piepmatz mit zum doc und abends erfuhr ich sogar noch, das der kleine mauersegler (die sind auf dem boden so gut wie tot, da sie sich nicht abstossen können zum starten sondern sich fallen lassen müssen) wohl geschwächt war und jetzt in ner wildvogelstation gepäppelt wird =)
    es gibt solche und solche ;)

  20. Ich hatte das mal mit nem seeehr Betrunkenem am Springpfuhl in diesem ulra-superkalt-Winter vor ein paar Jahren. Der lag da regungslos im stinkenden und seeeehr kalten Tunnel und dem war, nachdem wir ihn wecken konnten, auch nich aufzuhelfen, weil er nicht wirklich wollte (glaubten wir zu verstehen). Da kamen aber in meiner Erinnerung Rettungsfahrer, die allerdings nicht sehr begeistert waren. Ebenso wie der Betrunkene. Der fühlte sich von uns verraten (glaubten wir zu verstehen).
    Is aber völlig egal, was Deine Betrunkene in diesem Moment will. Besser so, als erfrieren, fiese Krankheiten oder andere Sachen, die nicht so freundliche Menschen mit wehrlosen Frauen in dunklen Gassen machen. Haste alles richtig gemacht. Daumen hoch.

  21. Sie haben mit EINER guten Tat Ihre Dezember-Anfoderung erfüllt? Na dann werden Sie aber nicht in den Pfadfinder-Himmel kommen…
    Aber mal im Ernst: Abgesehen davon dass Ihre Geschichte schön geschrieben ist, hätten sich doch wohl viele von uns ähnlich verhalten. Gerade zur Weihnachtszeit (man denke nur an das „Mädchen mit den Schwefelhölzern“, da muss man doch sofort ergriffen schniefen) gehört Hilfsbereitschaft schon fast zur Pflicht. Nach solchen Erfahrungen überlegt man es sich allerdings beim nächsten Mal allerdings doppelt und dreifach, ob man sein Gutmenschentun (nicht ironisch gemeint) wirklich wieder jemandem aufdrängen will. Schade und tut mir leid für Sie, ehrlich.
    Und um jetzt weihnachtlich zu enden:
    Wenn alle ein bisschen so denken würden wie Sie wäre diese Welt eine friedvollere !

  22. @kusel : Danke für den Kommentar aus Polizistinnensicht und die Beruhigung bezüglich der „Gefangensammelstelle“.

    @sceptico: Na, bei Deinem Alias musst Du wahrscheinlich so auf oben genannten Kommentar reagieren, aber für mich klang es nicht nach Pressestelle, sondern einfach nach einem anderen Blickwinkel …

    Wäre ich Polizist, würde ich irgendwann sicher auch nicht mehr jedem Betrunkenen, um den ich mich kümmern muss mit großer Anteilnahme begegnen können. Oder ich würde den Job nicht allzu lange durchstehen … Das einer der beiden polizisten am liebsten gleich wieder weggefahren wäre – und zwar ohne die Frau – war natürlich ziemlich krass, aber zum Glück war ja sein Kollege nicht so finster drauf … Es gab auch schon genug Erlebnisse mit Polizisten, die durchweg positiv waren. Aber natürlich bleiben einem die negativen länger in Erinnerung und beschäftigen einen mehr. (siehe zum Beispiel hier oder – fast die selbe Story, nur kürzer – hier).

    @ Tobias: Naja, was heißt „EINE gute Tat“ … ich hab auch noch .. hm … ach nee, war wirklich nur eine :(

  23. Schöner und irgendwie märchenhafter war da natürlich meine letzte Begegnung mit der Polizei.
    Die Beamten haben einem etwas zu selbstbewussten Schwan, der sich vorgenommen hatte zu Fuß und auf der Autospur die Kennedy-Brücke zu überqueren, Geleitschutz gegeben.
    Ein Mann zu Fuß, in gebührendem Abstand, der eine ungeduldige Autoschlange davon abhielt sich an dem Schwan vorbei und wahrscheinlich auch über den Vogel hinweg zu drängeln.

    Ich wünschte, Du wärst da gewesen, hättest ein Foto gemacht und könntest darüber schreiben!

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