Schafe im Löwenfell

Es war einmal ein Schäfer, ein böser alter, schon leicht dementer Mann, der seine Schäfchen auf einem kargen, staubigen Stück Land grasen und von einem Rudel ausgehungerter Straßenköter bewachen ließ. Schwarze Schafe wurden an den Beinen festgebunden oder verstoßen. Gleich nebenan lebten andere Schafe auf einer saftigen Wiese, ihr Schäfer war eine gemütliche Pfälzer Frohnatur, sie durften frei herumspringen und gaben ihre Wolle gern und voll Freude. Oft starrten die armen Schafe neidisch zu ihnen hinüber, das Wasser lief ihnen im Maul zusammen beim Anblick der frischen Gräser, doch schnell war ein zähnefletschender Hund zur Stelle und vertrieb sie vom Zaun. Und dann schaute der Köter selbst sehnsuchtsvoll nach drüben, und sah, wie der liebe Schäfer seine freundlichen Hunde mit dem guten Caesar-Hundefutter fütterte und er hasste sein Herrchen und ließ den Frust darüber an den Schafen aus. Der böse Schäfer aber wurde von Tag zu Tag älter und schwächer. Und als er eines Tages mit dünner Stimme den Schafen und Hunden erklärte, er sei ein Schaf wie sie, mit dem einzigen Unterschied, dass er allwissend sei und immer Recht habe, weshalb sie wiederum glücklich sein sollten, auf dieser Wiese zu leben, da sagte ein schwarzes Schaf: Stimmt ja gar nicht. Wir sind die Schafe. Und die Hunde sprangen zu ihm hin und kläfften es an, recht lustlos freilich, denn sie sahen den Alten wanken und keuchen und sich das Herze halten, und hinter dem Elekrozaun winkte der gute Schäfer mit leckeren Happen in Gelee und als nach den schwarzen auch die schwarz-weiß-karierten und schließlich sogar die weißen Schafe „Wir sind die Schafe“ sagten, da bissen sie noch schnell in die eine oder andere Wade, warfen einen verstohlenen Blick auf den zittrigen Greis, der sich auf seinen Schäferstock stützte und nicht mitbekam, was um ihn herum vorging, und dann zogen sich zurück, um der Dinge zu harren, die da kommen mochten. Und während die Schafe, von diesem Rückzug ermutigt, Richtung Zaun zogen, hinter dem der gute Schäfer mit dicken Bündeln herrlich grünen Grases winkte, übten sie, mit ihren nur ans Kläffen gewöhnten Schnauzen den magischen Satz zu hervorzubringen: „Wir sind die Schafe“. Mit ein wenig Übung war das kein Problem.

Der böse Schäfer ist längst an Altersschwäche gestorben. Die armen Schafe haben einen neuen Schäfer, der, wie sie leider feststellen mussten, auch ein paar Macken hat und der ihnen jedes Jahr im November über das Fell streichelt und sie lobt, weil sie mit dem Mut von Löwen und der Sanftmut von Tauben ihre Freiheit erkämpft haben.

Morgen ist das unerträgliche offizielle Wendegewese endlich wieder vorbei, bis nächstes Jahr zumindest. Wenn ein kleines Pusten ein wackliges Kartenhaus zum Einsturz bringt, würde man kaum von einem Orkan sprechen. Warum wird dann der Zusammenbruch eines durch und durch verfaulten Systems als „friedliche Revolution“ bezeichnet? Gut, friedlich war es, zum Glück, aber das ist nicht der Besonnenheit der Demonstranten zu verdanken. Eine Diktatur, die sich an ihre Macht klammert, lässt sich nicht von „Keine Gewalt!“-Rufen beeindrucken. Dass alles so schnell und glatt ging, lag daran, dass niemand, niemand, niemand (na gut: fast niemand), dieses System liebte. Die Kader in der Partei und in den Betrieben waren keine Stalinisten (schon gar keine Kommunisten!), sie waren Karrierristen, denen im privaten Bereich, das „Scheiß Osten!“ genauso flüssig über die Lippen ging wie allen anderen, und die nur wenige Tage brauchten, um den Satz „Wir sind die Schafe“ zu lernen und sich ihrer Karriere unter den neuen Bedingungen zu widmen. Kurz vor der Wende zählten ausgerechnet die Bürgerrechtler zu den wenigen, denen dieser Staat noch am Herzen lag.

Und sie, die Bürgerrechtler, waren auch die einzigen Helden der Wende. Mitte Oktober gehörte kein Mut mehr zum Demonstrieren und Aufmucken. Und als  die Selbstbestimmung erreicht war, da warf man sie auch gleich wieder weg und sich für das Versprechen der D-Mark in die Arme des guten Onkels von drüben. Revolution, hör mir uff! Und dazu Revolutionäre in Stonewashed Jeans, die sich nach dem Begrüßungsgeld anstellen, wie sie es früher an den Obstständen gelernt hatten, wenn die Erdbeerzeit anfing! Nicht gerade Che-Guevara-like.

Wie auch immer: Ich bin froh, dass es so gekommen ist, dass es friedlich verlaufen ist, und überhaupt. Mich nervt nur diese klebrig-süße Gedenksoße. Sehr gefreut habe ich mich, dass in den letzten Tagen gelegntlich, zum Beispiel in der SZ oder Zeit, auch Ostler zu Wort gekommen sind, die sich darüber beschwert haben, wie sehr die offiziellen Gründungsmythen der neuen Berliner Republik ihre eigene Erinnerung inzwischen überlagern. Die Deutungshoheit er Ereignisse liegt nicht mehr bei denen, die sie miterlebt haben – aber wahrscheinlich ist das immer so und auch nötig. Die SZ hat dann aber auch ein prima Beispiel dafür gebracht, wie achtlos und desinteressiert viele im Westen mit dem Osten umgehen: Neben einer schönen Geschichte von Jochen Schmidt, in der er über das Kassettenaufnehmen in seiner Jugend im Ostplattenbau berichtete, wurde der Leser wieder einmal über den „Sprachgebrauch der DDR-Bürger“ informiert und musste schmunzelnd und kopfschüttelnd erfahren, dass Weihnachtsengel im Osten „Jahresendflügelfigur“ genannt wurden.

Wurden sie nicht!

(VS)

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11 Kommentare zu “Schafe im Löwenfell

  1. Volker, ein sehr schöner Text, vor allem, was das ganz große Gedenken angeht. Es gibt im Wendegewese in diesem Jahr aber auch die ganz vielen lokalen Initiativen, die die kleinen Geschichten von um die Ecke wachhalten und wieder rausholen. Das sind zwei gegenläufige Trends: die Zeitzeugen kommen im Kleinen mehr und mehr zu Wort und werden im Großen zugekleistert von der Gedenksauce.

    Ergänzen will ich, daß Du schon recht hast, daß die meisten von uns keine Heldentaten vollbracht haben. Aber den die Motivation der Nicht-Bürgerrechtler im Herbst ’89 auf das Begrüßungsgeld zu reduzieren, greift, finde ich, zu kurz.

    Der Zeitpunkt Mitte Oktober ist da ganz gut gewählt. Helden waren z.B. auch diejenigen, die am 2. und 9. Oktober in Leipzig und am 7. Oktober in Berlin auf die Straße gegangen sind (und was es in dem Jahr noch so alles gab, Straßenmusikfest in Leipzig z.B.) – und das waren nicht nur Bürgerrechtler. Und was danach passiert ist – Bürgerkomitees, lokale Runde Tische, die vielen vielen Initiativen, Kunst- und Spaßprojekte, die plötzlich überall auftauchten – all das waren keine Heldentaten, aber gestaltend wirkten sie schon.

  2. Ach so.
    Bevor ich auf „lies mehr“ geklickt habe, dachte ich schon, es wäre eine Parabel über das Kantinenlesen.

  3. @stralau: Du hast vollkommen recht. Ich hatte nur keine Lust, mir selbst das Gemeckere durch eine zu ausgewogene Betrachtung zu vermiesen …

    @Uli: Wer wäre denn dann der böse Schäfer gewesen?

  4. Ach komm, Volker; Sag nicht, dass das Mitte 89 für dich alles voll klar war. Echt, Kinderkram? Ist es nicht gerade der „Witz“, dass man vorher eben nicht weiss, wie die Dinge laufen werden, auch wenn es in der Rückschau so ganz einfach und ziemlich logisch aussieht? Und wenn schon: Für d e u t s c h e Verhältnisse war das schon eine ganz große aufrührerische Nummer. Oder nicht?

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  6. Also wenn niemand das System liebte, wieso ist es nicht 1975 zusammengebrochen? Oder 1980? Und woher kommen die gut 30 % DIE LINKE-Wähler im Osten, wenn das System niemand liebte? Und wieso blieb der Großteil der DDR-Menschen da, anstatt über Ungarn zu verschwinden und zurück blieben nicht die Lahmen, Bettlägerigen, SED-Mitglieder, Soldaten und Polizisten? Und haben die Volkspolizistenknüppel vielleicht gar nicht weh getan, mit denen die Demonstranten verhauen wurden? Stand die chinesische Lösung von Anfang an nicht zur Debatte?

    Hinterher weiß man übrigens immer, daß die Helden gar nicht heldenhaft waren, weil die schon wußten, wie es ausgeht. Diese Trickser. :)

  7. @ Karl Eduard:
    „Also wenn niemand das System liebte, wieso ist es nicht 1975 zusammengebrochen? Oder 1980?“

    Gute Frage. Noch so ein Punkt, weshalb ich denke, dass man uns für die „friedliche Revolution“ nicht allzu große Orden an die Heldenbrüste heften sollte. Noch 10 Jahre später wäre das System einfach an der maroden Wirtschaft oder an der Müdigkeit der Führung zerbrochen. Da haben wir gerade noch den richtigen Moment abgepasst, um das Blatt selbst zu wenden.

  8. Ach so. Noch mal an Karl Eduard: LINKE-Wähler pauschal mit Leuten gleichzusetzen, die das DDR-System liebten/lieben, ist ganz schön gewagt. Aber mal davon abgesehen: Ich würde mich nicht wundern, wenn von denen, die als erste „Deutschland einig Vaterland“ gerufen haben, viele auch zu den ersten gehörten, die sich als „Jammerossis“ betätigten und klagten, dass es ihnen früher viel besser gegangen sei. Aber das ist natürlich nur eine unbewiesene Behauptung meinserseits.

  9. Sehr schöner Beitrag. Und sehr richtig. Und einige der Linken- Wähler waren vermutlich damals noch gar nicht geboren, lieber Karl Eduard. Und die anderen sind zu feige, NPD oder FDP zu wählen, wollen aber den Protest. Und ich zum Beispiel bin damals nicht gleich über Ungarn in den Westen geflohen, weil es mir in den Aufnahmelagern zu voll schien (hamse ja im Fernsehen gezeigt). Außerdem war die damalige Zeit, zu der sich täglich unglaubliche Sachen ereigneten, im Osten spannender als im Westen. Alles weitere erklärt dieses Lied hier, dessen mp3- Link ich mal dreisterweise einfüge: http://nilsheinrich.de/audio/nilsheinrich_mensch.mp3

    Nochwas: 1983 bekam die DDR einen Milliardenkredit von der BRD, eingefädelt ausgerechnet von Franz- Josef Strauß. Diesem ersten Kredit folgte wenig später ein zweiter. Das erklärt vielleicht, warum die DDR noch bis 1989 durchgehalten hat. Milliardenkredit – noch so ein Ding, was ich heute wieder häufiger höre.

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