Amerika

Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich jemals nicht unbedingt in die Vereinigten Staaten wollte. Es ist toll, monströs, niedlich, arm und protzig, hässlich, beängstigend, wunderschön; die Menschen sind unglaublich gastfreundlich, manchmal unglaublich dick, verdammt cool und sie leiden genauso unter der Hitze wie Du, weil es gerade eine Rekordhitzewelle gibt und beim Barbeque holt vielleicht Greg die Knarre, die er immer in der Hosentasche hat, heraus und erklärt dir, dass die Bösen schließlich auch Waffen haben und dass er deshalb auch eine braucht und Du weißt nicht so recht, wie Du gucken sollst und grinst ein bisschen verunsichert. Und an den Highways stehen riesige Reklametafeln mit Werbung für Gottesfurcht („Prepare to meet thy god!“), Casinos (in Mississippi), Puffs (in Louisiana), für kosmetische Chirurgie („Puts the `hot` back into Momma!“), für Zahnärzte und Anwälte und gesuchte Verbrecher („Suspected for sex crime on children“) und Du bekommst  nichts Vernünftiges zu essen an den Highways und die Damen, die im Diner oder der Burger Bude arbeiten, sehen aus wie die besten Kunden ihres Arbeitgebers und die Radiowerbung ist mindestens genauso beschissen wie in Deutschland und trotzdem denkst Du: „Boh!“, wenn Du auf der Interstate bist und ein Truck an der Dir vorbeiprescht und fast erwartest Du, dass Chris Christofferson am Steuer sitzt. Und jeder bedauert Dich, wenn er sieht, dass Du die Scheiben offen hast („Oh my god, there air condition is out of order!“) und , und, und, und überhaupt! Und jeder hält Dich für verrückt, wenn Du erzählst, das Du mit einem Floß den Mississippi River herunter fahren willst – und trotzdem helfen sie Dir so gut sie können, dabei, diesen Plan umzusetzen und einen Film darüber zu machen. (Dass sie dabei manchmal etwas vereinnahmend sind, sei dahingestellt …)
Amerika fetzt.
Es ist viel zu wenig Zeit, all unsere Erlebnisse in der letzten Woche aufzuschreiben. Ein bisschen mehr steht  in unserem Produktionsweblog, das (je nach Zeit und Internetverfügbarkeit) ein bisschen besser bestückt wird, weil mehrere daran mitschreiben.

UPDATE: Gestern Abend habe ih auch noch eine Werbung für Muttermilch gesehen: „Babys were born to be breastfed“. Damit ist auch endlich die jahrtausendealte Frage beantwortet, wozu eigentlich Babys geboren werden. Um sie brustzufüttern.

Highwayromantik:

Zikaden sehen ein bisschen wie Frösche aus, sind auch fast so groß, aber sie sind friedliche Mitbürger. Sie sitzen auf Deinen Sachen und lassen sich alles gefallen. Sie beißen nicht. Allerdings tut es fast ein bisschen weh, wenn sie Dir versehentlich gegen die Brust fliegen.

(VS)

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3 Kommentare zu “Amerika

  1. Bei diesen Highway-impressionen werd‘ selbst ich noch ganz romantisch. Ich hatte mir doch so fest vorgenommen nicht neidisch zu sein, damit du unbeschwert/ (schrägstrich) ohne schlechtes gewissen reisen kannst, doch nun schlägt meine, vom berliner Wolkenhimmel in ein unansehnliches Käseweiß gefärbte Haut, doch um in blasses grün.
    Vielleicht machst du ja aus Deinem nächsten Filmprojekt eine Leserreise. So könnten all die Missgünstigen in einen Tross (un)heimlicher Bewunderer verwandelt werden. Myriaden zahlender Statisten würden dann in einem opulenten Dokudrama mitwirken. Ob nun Massenunruhen nachgestellt werden müssen, oder ein Schwarm froschähnlicher Zikaden – investigativer Journalismus wäre wieder möglich, würde nachgerade neu definiert.
    Ohne sachkundige Führung eines sprachvirtuosen Weltenbummlers, könnte ich zum Beispiel diesen Südstaatenslang nie verstehen. Hätt‘ ich doch glattweg angenommen der Cowboy würde ”Oh my god, their air condition…“ rufen. Niederes präkariatsenglisch also, würde ich hören (haha, der ihre klima is in A****). Nur das geschulte Ohr mag den feinen Unterschied zu vernehmen. (Sieh da, die dortige Luftkonditionierungsanlage arbeitet nicht ordnungsgemäß) What a different a letter makes…
    Apropos Cowboy, ich find’s cool, daß Du Kris Kristofferson kennst/ schon mal von ihm gehört hast, und ihn außerdem am Steuer eines jeden Trucks erwartest. Ich hatte schon Angst, ich sei der einzige mit Klischeevorstellungen über Amis. Ich glaube nämlich, die halten nicht nur filmende Floßfahrer für verrückt, sondern im Grunde jeden, der nicht im „land of the free“ leben will. Im Gegenzug halte ich (fast) alle Amis für verrückt, so ist die Balance im Universum wieder hergestellt.

    (T.)

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