Zerstörte Illusion

Da sitzt man mit einem Kaffee auf seinem Hinterhofbalkon, lauscht dem fröhlichen Gestöhne, das irgendwo aus einem offenen Fenster dringt, freut sich, dass die Menschen nicht einsam sind und dann fällt einem die süßliche Musik auf, die darunter liegt …

Was ganz anderes: Irgendeine Boulevardzeitung, BZ oder Bild, hatte heute die Schlagzeile „Der Sexklops hat mich vergewaltigt“. Sosehr ich das Verschwinden dieser Blätter auch begrüßen würde, sosehr würde ich auch solche Wortschöpfungen vermissen. Die Aufsteller vor den Zeitungsläden haben mich schon oft schmunzeln lassen. Freilich: Wenn einem ein Schmunzeln im Hals steckenbleiben könnte und wenn diese Formulierung nicht so abgedroschen wäre, dass sie selbst einem im Hals stecken bleiben muss, würde es genau das tun, weil man weiß, dass hinter den lustigen Wörtern traurige Schicksale stecken, die gnadenlos ausgeschlachtet, für Propaganda missbraucht und oft genug lächerlich gemacht werden. Trotzdem werde ich mich immer gerne an den wüsten Erlebnisbericht einer scheinbar etwas verwirtten Oma unter dem Titel „Ich war Geisel der Fruchtbarkeitssekte“ erinnern.

Ein Boulevardblatt mit ausgedachten Geschichten wäre keine Lösung des Dilemmas. Kurz nach der Wende gab es mal so eine Zeitschrift, aber da man wusste, dass alles darin nur Nonsens ohne jede realistische Grundlage war, wurde es schnell langweilig.

Vor Jahren gab es in der Titanic mal ein Gewinnspiel, bei dem man aus Dutzenden absurden BILD-Überschriften („Oma streichelte Kaktus, da explodierte der kleine Kerl!“) die eine gefälschte herausfinden musste. Ich glaube es war die Überschrift des Gewinnspieles: „Fies! Titanic fälscht BILD-Zeitung!

(Volker Strübing)

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10 Kommentare zu “Zerstörte Illusion

  1. Wie kommt die Boulevardzeitung eigentlich an solche Tragödien heran?
    Ich fühle mich durch solche Schlagzeilen peinlich berührt und frage mich, ob es die Leser nicht manchmal auch sind oder ob sie sich manchmal nicht veralbert fühlen und ob der niedrige Preis manchmal der einzige Grund ist, warum diese Zeitungen in Umlauf kommen. Aber vermutlich ist alles ganz anders und solche Zeitungen werden gerne gelesen und ich komme mir überheblich und intolerant vor bei dem Gedanken, sie verbieten zu wollen.
    Ich finde das Zitat passt jetzt gut: „Man nehme ernst nur das, was froh macht,
    das Ernste aber niemals tragisch!“

  2. Das Zitat passt wirklich gut, denn Bild benutzt als „Geschmacksträger“ erstmal ENTERTAINMENT, wird dadurch erst (oder schon?) Meinungsbildner. Und peinlich berührt sein -von Fremdschämen bis „So was gibts?!“ -gehört zu Entertainment dazu (Big Brother lässt grüßen).

    P.S.: Wer hat schon mal eine liegen gebliebene BILD am Flughafen in die Hände genommen oder zumindest draufgeschielt?

  3. würd nie ne liegengelassene bild mitnehmen, find leute die inner s-bahn stehn und sowas lesen immer unsagbar peinlich.

    muss aber zugeben das ne aufgeschnappte schlagzeile sehr komisch sein kann – spätestens hier beim kiosk nebenan kommt man eigentlich nicht drum rum auf die aufsteller zu schielen.

  4. Die Bild zieht ihre Niveaulosigkeit auch bei ihren Zeitschriften faszinierend konsequent durch.Selbst die Computerbild, bei der man ja guten Fachjournalismus erwarten könnte ist einfach nur Murks.

  5. Allerdings würde mir unheimlich was fehlen wenn ich auf Schlagzeilen wie von heute: „Mohammed hat vielleicht überhaupt nicht gelebt“ verzichten müsste. ;-)

    Die Bild-Zeitung zeigt doch, dass sich wirklich jeder, aber auch wirklich JEDER Journalist nennen kann.

    Ich glaube ja, dass bei der BLÖD-Zeitung System drinnen steckt: haltet den Pöbel dumm, dann bleibt die „geistige Elite“ weiter unter sich und hier oben ist nicht so ein Gedrängel. :-)

  6. Oh, dass sich JEDER Journalist nennen kann, das halte ich für einen Trugschluss. Die vermeintliche „Niveaulosigkeit“ nach außen als Sprecher und Belustiger für den kleinen Mann ist professionell nach innen mit ganz bewusst gesteuerten Effekt, mit jeder noch so bizarren Schlagzeile. Und das nicht nur, um paar Groschen pro Zeitung mehr zu verdienen, sondern um mediale Macht zu bunkern und dann (z.B. zu Wahlen oder anderen Weichenstellungen) geschickt auszuspielen.
    Das kann (zum Glück?) nicht jeder. Journalismus ist nun mal nicht immer die ehrenwerte Aufklärungsarbeit im Sinne des Volkes. Übrigens auch nicht bei der Süddeutschen…
    Meine Meinung.

  7. Apropos „Zerstörte Illusion“: Journalist ist keine geschütze Berufsbezeichnung – es kann sich also tatsächlich jeder Journalist nennen, der denkt, dass er einer ist. Einige Schlagzeilen würde ich deswegen in die Kategorie Kollateralschäden einordnen – die meisten sind aber Berechnung. Dividende und so…

    Die „Neue Spezial“ war wirklich toll – man hätte ein paar Ausgaben aufheben sollen!

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