Publikumsbeschimpfung

Gestern war ich bei einem sehr schönen Konzert der Willard Grant Conspiracy im Babylon (Dank und Gruß an den netten Hern vom Landbuchhandel ;) Ein Sitzkonzert. Ist eh keine Tanzmusik, sondern was zum Hören und Versinken. Sehr melodisch und melancholisch und die Texte handeln entweder vom Tod oder von gebrochenen Herzen, im Normalfall jedoch von beidem.

Unangenehm fielen mir leider die Zuschauer auf. Ich hatte sie schon beim Vorprogramm im Verdacht, doof zu sein, weil sie über die Witze des Saengers so lachten, als fänden sie sie nicht lustig, sondern als wollten sie zeigen, dass sie sie als Witze identifiert hatten und ihr Englisch gut genug war, um sie zu verstehen. (Aus dieser Beleidigung spricht zugegebnermaßen der Hass eines Mannes, dessen Englisch nicht gut genug war sie zu verstehen und sie nur anhand des Schmunzelns des Sängers und des wichtigtuerischen und anbiedernden Lachens einiger Publikümmer als Witze identifizieren konnte.)
Schlimmer noch fand ich das Gejohle nach jedem Lied. Kann man nach einer tieftraurigen Ballade nicht wenigstens warten, bis der Schlussakkord verklungen ist, bevor man den Mund aufreisst und „Wuhuhuhuuuu“ macht? Überhaupt ist das Gebrüll zwar eine überaus angemessene Form seiner Begeisterung beispielsweise bei einem Popkonzert Ausdruck zu verleihen, aber bei den meisten anderen Darbietungen sollte man sich vielleicht mit einem Klatschen begnügen. Das Johlen hat sich ja auch bei Lesungen längst durchgesetzt und dummerweise wird man als Auftretender von dieser Entwicklung bzw. Eskalation angesteckt und denkt sich: Oh Gott, nur Applaus, niemand macht „Wuhuhuhuuuuu“, was habe ich falsch gemacht?

Wird man auch bei klassischen Konzerten bald solchen Jubel statt einförmigen Applausrauschens hören?

Klingt das jetzt sehr nach: „Untergang des Abendlandes“ und „Also zu meiner Zeit hätts das nicht gegeben“?

(Volker Strübing)

20 Kommentare zu “Publikumsbeschimpfung

  1. Hanni-Steffi schrieb (und zwar hier):

    >>Ja und ich hab schon wieder vergessen, was ich sagen wollte, weil du mich immer raus bringst aus der kommentierlaune, da der jeweilige beitrag immer „comments off“ sagt… (-;

    >>es war jedenfalls was in richtung von: doch, du klingst in der tat grad schwer nach „früher war alles besser“ (-;

    Huch sorrry. Ich muss mal den Knopf suchen mit dem ich die „Kommentierfunktion an“ wieder als Standard festlegen kann.

  2. Hat jetzt zwar nichts so richtig was damit zu tun, aber irgendwie ja doch. Hab Dir nämlich neulich auf den AB gesprochen, da warst du in China. Wusste ich aber ja nicht. Jedenfalls, also .. es war der 01. Mai und ich musste an Dich denken und vor allem an Norbert, der nämlich dauernd im Geiste zu mir sagt „ICH WILL DIR MAL WAS SAGEN!“ und da hab ich Dich halt angerufen und in Dein Telefon ge … rufen … oder …lallt oder naja. Nicht, dass Du Dich erschrocken hast nach Deiner Rückkehr. Das war nur mein allgemeines “Wuhuhuhuuuuu” für Dich.

    Hab ich eigentlich schon Danke für den Kalender gesagt? Mirco hat ihn mir dann im März auch mal ausgehändigt. Hier: noch ein “Wuhuhuhuuuuu” für Dich.

  3. bei klassischen konzerten bin ich immer entzückt von den zurückhaltend-euphorischen bravo!-rufen älterer zuhörer.

  4. Mhhh… jetzt traue ich mich gar nicht mehr so recht bei deinen oder anderen Lesungen zu johlen. Aber vielleicht kann man sich auf das Kompromis einigen, bei ernsten Texte zu applaudieren und nur bei amüsanten noch zusätzlich zu johlen?!? Immerhin wird ja bei denen auch laut gelacht…

  5. können denn nicht laute und viele „wuhuhuhuuuuuuuhu“s auch ein befreiendes moment haben, wenn sie zum beispiel personen auf der bühne solange be-„wuhuhuhhhhhhuuuuuuuuuuuu“en, bis diese nichts mehr zu sagen/lachen/singen/irgendwas haben?
    das „wuhuhuuuuhuhu“ ist eine gefährliche waffe in den kehlen des falschen pubikums…

  6. Was ich bei Auftritten von Helge Schneider (Ende der 80er) und Joint Venture (Anfang der 90er) leider erleiden mußte und seitdem extrem blöd finde: Wenn die Selbstbeweihräucherer im Publikum bei den ersten Tönen oder Worten einer Nummer mit lautem Jubeln und Klatschen anzeigen, dass sie das gerade beginnende Stück bereits kennen und dann Wort für Wort LAUT mitsingen oder -sprechen, dass auch jeder merkt, was für ein Kenner da sitzt.

    Das ist so blöd wie telefonieren im Kino, wenn der Film läuft. Ins Kino gehe ich ja wegen dieser endemischen Unsitte längst nicht mehr, aber dass mir die gleiche Blödheit die Freude an Konzerten von intelligent und „in echt“ darstellenden Künstler versaut, kann ich nur mit einer vehementen Forderung kontern: Selbstdarsteller und Telefonierer rausprügeln, und zwar unter Einbehaltung der von ihnen gezahlten Eintrittsgelder und Anwendung grotesker Gewalt.

    Wäre nicht nur angemessen, sondern das Mindeste, finde ich.

  7. Hallo Volker, ich geh trotzdem wieder gern mit Dir in ein Willard Grant Konzert, auch wenn Du hinterher zur Publikumsbeschimpfung ausholst.
    Und vielleicht gehen wir mal zu Gonzales, bei dem war ich mal ebenfalls im Babylon in einem ’spielt auf dem Stuhl von Glenn Gould‘ Konzert wo das Publikum (Typ junge Kreative) an ihrer Bionade rumgenuckelt und an ihren Handys rumgefummelt haben, zwischenduch noch nen Espresso aus dem Foyer geholt – so schön können Klavierkonzerte sein. Da borgen wir uns aber vorher Wasserpumpguns… ;-)

  8. Interessante Kulturfrage. Ich finde, Klatschen kann auch sehr peinlich sein. Insbesondere „Parteiklatschen“, zu beobachten bei Wahlkampfveranstaltungen, Bundestagsdebatten etc. Um seine (echte) Euphorie auszudrücken würde ich Johlen sogar als adäquater einschätzen, so rein von der menschlichen Natur zwecks Befreiung von Anspannung, Freude, Ärger etc. Dezentes Klatschen oder die oben angesprochenen „Bravo“-Rufe haben doch etwas sehr künstliches. Vielleicht macht es auch, wie so oft, einfach die Dosis. Ein „wuhuuu!“ finde ich für mich völlig akzeptabel — ein penetrant „anfeuerndes“ „woo-woo-woo-woooo!!“ eher nicht.

    Oder ist das ganze eine Klassenfrage zwischen E- und U-Kunst? Bei Mario Barth muss man gröhlen, vermute ich. Duck und wech.

  9. Gaaanz schlimm: Das Klatschen in der Sauna, nach einem erfolgten AUFGUSS! AUFGUSS! AUFGUSS!, letzte Woche so wieder erlebt und fremdgeschämt ;)

  10. @Kommentator
    Manche Kinos haben Handtelefonempfangsabschirmung. Kann man also technisch lösen dein Problem. Leider haben die meisten Konzertveranstalter noch keine Im-Takt-Mitklatsch-Abschirmung.
    Interessaner fand ich das kollektive Schlüsselbundgerassel, gesehen/gehört neulich beim Drittligaspiel des Sportklub Wien (in der Tradition tschechischer Demonstrationen). So könnte man auch bei den Lesebühnen zusätzliche Spannung erzeugen?

  11. Jubeln und Rufen ist ja eigentlich gar nicht schlimm, auch bei Lesungen nicht. Wenn etwas außergewöhnlich gut ist und niemand mehr an sich halten kann … Aber nach einem ruhigen, traurigen Lied?
    Außerdem habe ich gelegentlich schon die Beobachtung gemacht, dass erst nach ein paar Sekunden Applaus vereinzelt in das Klatschen hineingejubelt wird. Um den Künstler nicht zu enttäuschen? Sind das die ersten Ansätze von „Höflichkeitsjubeln“?

  12. ach herrje du hast so recht. aber mit manieren und geduld und sonstigem ist es halt leider heutzutage kaum mehr weit her…

  13. was ich wirklich SEHR vermisse, ist das Klatschen der Flugpassagiere nach erfolgter Landung.
    Es macht meine seit frühester Kindheit gepflegte Angewohnheit, stattdessen nach erfolgtem START zu klatschen, mittlerweile völlig witzlos.
    oh die vergessenen gesten der rebellion
    sie ruhen auf den friedhöfen der inkompatibilität
    in särgen aus diesem zeug, das sie in
    afrika aus der erde kratzen weils
    für handys gebraucht wird, wie hieß das noch gleich?
    kryptanan?

  14. ja, erst montag in der philharmonie hörte ich jubelgeklatsche mit wuhuuu-rufen. und auch das schöne „bravo“.
    das lustigste allerdings war, als anscheinend das gesamte publikum nicht mitbekam, dass es klatschen sollte. dirrigent und solistin schauten sich verdattert an, zuckten hilflos mit den schultern und setzten zum neuen stück an. großartig!

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