Loch in der Firewall

Nachdem ich in China vom Erdbeben kaum etwas mitbekommen habe, hat es mich dann auf dem Heimflug erwischt. Ich hatte mir eine englischsprachige chinesische Zeitung gekauft, in der 12 Seiten mit Berichten und Reportagen und Schicksalsgeschichten drinstanden. Schrecklich. Die Vorstellung, dass hunderte Kinder unter einer Schule begraben werden, dass ihre Angehoerigen vor den Truemmern stehen und Schreie hoeren und miterleben muessen, wie diese Schreie verstummen und der Gestank immer schlimmer wird und die Rettungskraefte schließlich Desinfektionsmittel auf die Truemmer gießen … das ist eigentlich fast nicht zu ertragen. Zum Glueck hat man sich ja im Laufe des Lebens so eine Art emotionale Firewall angeschafft, die einen auch die schlimmsten Nachrichten in Fernsehen oder Presse relativ unbewegt zur Kenntnis nehmen laesst. Kurz den Kopf schuetteln, seufzen, „schlimm, schlimm, schlimm“ murmeln und dann geht das normale Leben auch schon weiter.

Meine Firewall braucht wohl gerade ein Update. Irgendwie ging mir das ganz schoen an die Nieren. Auch als ich am Montag einen Bericht ueber Streubomben sah und ein kleines libanesisches Maedchen mit relativ ruhiger Stimme erzaehlte, wie es beim Spielen die Finger einer Hand durch ein Blindgaenger verloren hat … und dann zu weinen begann, als es hinzufuegte, dass die anderen Kinder sie jetzt deswegen auslachen wuerden. Und sie schien sich verzweifelt zu fragen, was sie getan hat, wofuer man sie bestraft hat und wann alles wieder gut wird.

Wie kann es irgendeine Rechtfertigung fuer so etwas geben? Der Einsatz von Munition mit einer bekanntermaßen derart hohen „Kollateralschadensquote“ ist eigentlich auch beim besten Willen nicht mehr durch irgendein Selbstverteidigungrecht zu entschuldigen. (Zugegebenermaßen ist ein solcher Standpunkt recht bequem, solange man nicht in einem Land lebt, das wie Israel unter dauernden Angriffen und Attentaten zu leiden hat – obwohl ich hoffe, das auch die meisten Israelis der Meinung sind, dass Streubomben nicht das richtige Mittel sind, um ihr Land zu schuetzen.)

(Volker Struebing)

7 Kommentare zu “Loch in der Firewall

  1. Ich frage mich dann immer, warum ich immer noch ruhig zu Hause sitze und nicht sofort alles stehen und liegen lasse oder wenigstens alles spende, was ich habe. Aber auch das tue ich dann nicht.

  2. Vielen Dank fuer den Beitrag! Das bringt es auf den Punkt.
    Eigentlich sollten wir anstreben Loecher in die Firewalls vieler Menschen zu klubbern, vielleicht geht ja so endlich mal was gegen die grossen Stinker des 21ten Jahrhunderts.

  3. Einer der weltweiten Hauptproduzenten der Streubomben (volkstümlich auch Molotows Brotkorb genannt) ist China. Vielleicht weil sie ihre weltweites Personenminen-Monopol aufgeben mussten. Da schliesst sich der Kreis.

    Warst du nicht dort? Die haben wohl 10 Mio Personenminen an der ihren Grenze verbuddelt. Und haben noch 110 Mio im Lager. Die Dinger sind ja im Endzustand ähnlich der Streubomlets. Kein grosses Problem die Produktion umzustellen.

    Zumindestens haben sie noch keine Streubomben in Tibet eingesetzt. Das nächste große Ding nach der Olymiade?

    Also nicht rumjammern. Wo warst du die ganze Zeit. Hinter der chinesischen Firewall verschlafen? War da die Welt besser? Naja.

  4. Hallo Flubber, ich versteh deinen Kommentar nicht. Steht in meinem Text irgendwo, dass ich chinesische Streubomben besser finde? Haette ich als Tourist in China die Personenminen an der Grenze ausbuddeln sollen? Ist ein Erdbeben weniger schlimm, wenn es einen der Hauptproduzenten von Streubomben trifft?

  5. Sehr geehrter Herr Volker Strübing,

    wir, als Exilberlinerin/Exilberliner,wünschen uns sehnlichst, dass sie uns mal in Würzburg mit einem Gastspiel beehren.

    Mit freundlichen Grüßen aus Würzburg,

    Tjorven und Béla

  6. Ich verschließe mich inzwischen fast ganz gegen solche Nachrichten. Es reicht mir zu wissen, dass dort in China die Kinder verschüttet wurden. Da brauche ich nicht noch gruselige Details. Ist so schon schlimm genug.
    Ähnlich war der Fall bei den österreichischen Kellerkindern. Da haben sich die Medien ja auch mit immer „gruseligeren“ Details überschlagen. Muss man das alles lesen/hören/sehen?
    Meiner Meinung nach nicht.

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