Abschied von LSD (2)

Schön und schwer haben es mir die Kollegen gemacht. Immer, wenn ich dachte, die Abschiedszeremonie sei vorbei, kam noch etwas; es war ein bisschen wie Weihnachten und Geburtstag zusammen, wenn Weihnachten auch mein Geburtstag wäre, weil ich Jesus bin und mir gehuldigt wird. Bei aller Freude wusste ich die ganze Zeit nicht, wie ich gucken und was ich machen soll. Wahrscheinlich hätte ich einfach nur nach jedem Volker-Gedenk-Beitrag aufstehen und denjenigen umarmen müssen. Mir war sehr danach zumute, aber die einzige Sache, mit der ich mich auf einer Bühne wohl fühle, ist, mich hinter einem Blatt zu verstecken und vorzulesen, was auf dem Blatt drauf steht, und darum bin ich einfach im Hintergrund sitzengeblieben und habe gegrinst und mich gefreut. Uli Hannemann hat einen Text vorgelesen, in dem er sich ausdrücklich dafür bedankte, dass ich nicht nur (Buchstabe für Buchstabe) die Schrift erfunden und ihn aus der Gosse gezogen habe (beides hatte ich selbst schon fast vergessen ;), sondern dass ich darüberhinaus auch die Sonne bin. Und der Mond und die Sterne. Ivo und Sascha haben mein „Keinschwein“-Lied nachgesungen und mit neuen Textpassagen versehen, Micha hat die Schöpfungsgeschichte zu meinen Ehren umgeschrieben und richtiggestellt und überdies Elis und mich in einer Art Trauungszeremonie zu Vorgänger und Nachfolger erklärt („Ihr dürft jetzt die Notizbücher tauschen“), Spider hat das erste mal gesungen – selbstgedichtete Schlussliedstrophen nämlich – und sogar Tube ging im Rahmen seiner Möglichkeiten auf das Ereignis ein („Ich weiß gar nicht, was das Brimborium soll“).

Schließlich überreichte mir Micha auch noch den großen goldenen Pokal, den wir beide als Teamsieger des SLAM2006 in München gewonnen hatten. (Bisher hatte er bei ihm rumgestanden.) Vorher gab er ihn aber noch durch den Raum und bat die Leute, eine Kleinigkeit für mich hineinzupacken. Und da kamen erstaunliche Dinge zusammen. Eine große Volkerüberraschung war das: Süßigkeiten, Batterien, Feuerzeuge, eine Chilischote, Thymiantee, die Visitenkarte eines Hotels auf Jamaica, ein schöner Bleistift (viele Grüße an Bosch :), ein Spielplan der Regionalliga Nord (???), Rabattcoupons, Aspirin, ein Restaurantgutschein, ein Apfel, eine Murmel, ein Nilpferd und, und, und … und die Visitenkarte eines Psychiaters … vielen Dank an euch :)

So. Und heute ist der erste Donnerstag ohne die Chaussee der Enthusiasten. Und ich bin eingeladen zu einer Lesung mitzukommen. Zum Zuhören. Ich weiß noch nicht, ob ich das will. Vielleicht sollte ich lieber den kalten Entzug probieren. Andererseits habe ich gestern auch mal bei den Surfpoeten vorbeigeguckt und morgen gehe ich zum Slam im Rosi’s. Mal sehen.

(Volker Strübing)

Nachtrag, 16.25 Uhr: Ich Dussel hab doch vorhin glatt den tollen Präsentkorb der Kollegen vergessen! Vielen Dank für alles!

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5 Kommentare zu “Abschied von LSD (2)

  1. Deine Abschiede am Donnerstag u Dienstag haben mich, verdammt nochmal, so traurig gemacht! Eine Traurigkeit, als würde man einen Freund verlieren, was natürlich albern ist, weil ich dich ja nicht mal persönlich kenne (dich immer nur angehimmelt habe)! Meine Güte,dachte ich, wenn es mich schon so trifft, wie geht es denn erst deinen Lesebühnenkollegen und Freunden?! Ok, die haben sich wenigstens gegenseitig, um sich zu trösten,… aber vor allem dir, wie muss es dir gehen?! Hin- und hergerissen musst du sein. Du sollst wissen, dass ich in dieser Sache an dich denke und mit dir fühle! Alles Gute erstmal…

    P.S. Die TREUEHERZEN im Pokal, die du unromantisch unter Rabattcoupons einkategoriert hast, waren von mir! ;-)

  2. Tja, der Pokal…
    Hab ja auch meinen Senf dazu getan, im wahrsten Sinne des Wortes.

    Der Spielplan Regionalliga ist von einem Babelsberg-Fan beigefügt worden. Ich habs genau gesehen!
    Aber heb ihn ruhig auf, wo du jetzt so viel Zeit hast, kannste ja endlich mal mit Steffi & Steffi in die Alte Försterei gehen.

  3. Na und ich hoffe doch, daß die Aspirin am nächsten Morgen über den Tag geholfen hat. ;o)
    Wir werden dich vermissen und haben schon überlegt, ob wir für dich nicht eine Daueranmeldung für das „Offene Mikrofon“ abgeben sollten…
    Für den Anfang deines neuen Lebensabschnittes ohne Lesebühnenmitgliedschaft auf jeden Fall viel Spaß mit der vielen Freizeit und in China und wenn es dir doch mal zu langweilig wird, weißt du ja, wo du gerne gesehen bist.

  4. War das ein schöner Abend. Es war mir ein großes Vergnügen, dieser sehr bewegenden Veranstaltung beizuwohnen. Ich hoffe, Du fällst ohne Lesebühnenauftritte nun nicht in ein großes schwarzes Loch – und hast noch Verwendung für den Bleistift …

    Vielen Dank auch noch einmal für die wunderbare Widmung.

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