Ich verkneife mir gerade mühsam das Wortspiel „Leidenschaft, die Leiden schafft“

Letzte Woche habe ich mir für eine Zugfahrt eine Gehirn&Geist gekauft, weil die Leute immer so komisch gucken, wenn ich den Playboy auspacke. Genauer gesagt war es das Gehirn&Geist Dossier „Die Zukunft des Gehirns“. Darin fand ich unter der Überschrift „Maschine, Moral, Mitgefühl“ einen sehr interessanten Aufsatz von Thomas Metzinger, Professor für Philosophie an der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Er beschäftigte sich mit künstlicher Intelligenz, bzw. künstlichem Bewusstsein und plädierte vehement gegen alle Versuche in dieser Richtung.
Nun gibt es viele, die vor derartigen Entwicklungen warnen und sie ablehnen, normalerweise aus einer Position der Angst heraus, dass der Mensch eines Tages von seinen Geschöpfen überflügelt oder gar abgeschafft werden könnte. Herr Metzinger führte ein anderes und ungleich sympathischeres Argument ins Feld, nämlich dass zum Bewusstsein zwangsläufig das Leiden dazugehören muss. Er schreibt u.a.:

[…] Das [phänomenale Selbstmodell] ist das entscheidende Instrument zum Erwerb neuer kognitiver und sozialer Fähigkeiten. Es zwingt ein bewusstes System aber auch dazu, sich seinen eigenen Zerfall (etwa durch Verschleiß), seine Niederlagen und inneren Konflikte funktional und repräsentational anzueignen und als die eigenen zu erleben. Sensorischer Schmerz, aber auch alle anderen Arten des nichtkörperlichen Leidens sind in das Selbstmodell eingebettet und werden somit phänomenal »besessen«. Dieses Leiden ist nun unweigerlich und erlebnismäßig unvermeidlich, es ist das eigene Leiden. […]

Und kommt zu dem Schluss:

Wir dürfen die Erzeugung bewusster Selbstmodelle nicht einmal riskieren. Es ist moralisch unverantwortlich, etwas zu erzeugen, von dem man bereits im Vorhinein weiß, dass es höchstwahrscheinlich unter der eigenen Existenz leiden wird.

Naja, und da wollte ich die Eltern unter den Lesern mal fragen, wie sie vor diesem Hintergrund zu ihrer eigenen Schuld stehen …

(Volker Strübing)

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20 Kommentare zu “Ich verkneife mir gerade mühsam das Wortspiel „Leidenschaft, die Leiden schafft“

  1. Kann es sein, dass du da ein wenig verkürzt? Wir und unsere Kinder leiden ja in der Regel, wenn wir leiden, nicht an unserer eigenen Existenz. Hier geht es ja um die bewusste Züchtung von Wesen, deren ausschließlicher Zweck es ist zu leiden.

  2. Verköhrzen?! Ich?! Ich weiß ja nichtmal, wie man das schreibt!
    Und der Autor behauptet schon, dass Bewusstsein zwangsläufig zu Leiden führt, er bezeichnet Leidensfähigkeit sogar als ein wichtigeres Kriterium für Persönlichkeit als beispielsweise Rationalität und Sprachfähigkeit.

  3. Im Übrigen glaube ich auch, dass zum Menschsein das Leiden dazu gehört. Freilich individuell in sehr unterschiedlichem Maße und ich bin selbst fies genug, um das Kinderkriegen für mich nicht auszuschließen. Aber ich stimme dem Autor nicht unbedingt zu, dass künstliche Bewusstseine ebenfalls mit Leidensfähigkeit ausgestattet sein müssten. Allerdings habe ich da auch noch nicht solange drüber nachgedacht, dass ich ihm da fundiert und mit einem das Leiden ersetzenden Konzept antworten könnte.

  4. Eine interessante Sendung zu dem Thema gab es letztens in Delta auf 3Sat (Teile der Sendung sind als Video noch abrufbar). Dort gab es eine ähnliche Argumentation im Zusammenhang mit Robotern: wenn wir es schaffen, einem Roboter ein Bewusstsein zu geben, wird er sich schmerzhaft der eigenen Beschränktheit und seinem Anderssein bewusst – wir schafften Leid vergleichbar mit dem Klonen eines behinderten Säuglings.

  5. Also, der Mann ist offensichtlich Buddhist. Soviel steht mal fest. „Leben heisst Leiden“ ist ja bekanntlich deren Maxime. Naja, aber vielleicht auch nur Protestant – auch nich weit weg.

    Da ich mich als Vater nun angesprochen fühle von Deiner Frage: Also eines kann ich Dir versprechen, Du wirst mehr leiden als Deine Kinder. Die haben entweder Spaß oder Schmerzen, das ist aber nix gegen die Sorgen die Du Dir machen wirst, egal ob Deine Kinder gerade Spaß oder Schmerzen haben.

    … würde es trotzdem nicht missen wollen :-)

    So oder so wäre das mal ein schönes Thema für eine Kloß & Spinne -Folge.

  6. @Volker

    Na klar ist Leiden für die Bildung einer Persönlichkeit wichtiger als Rationalität und Sprachfähigkeit. Tier, Kleinkinder und Behinderte habe keine Rationalität und Sprachfähigkeit und trotzdem eine Persönlichkeit.

  7. Dass Du das Kinderkriegen für Dich ausgeschlossen hast finde ich voll in Ordnung, aber was hältst Du vom Kinder machen ?!?

  8. Sch… Rosenmontag, habe mich verlesen, aber auch wenn Du es nicht ausschließt, solltest Du das Kinderkriegen doch lieber bleiben lassen.
    (Kannst Du meine beiden Beiträge nicht einfach auf das Wesentliche reduzieren ?

  9. Spannendes Thema! Keine Wesen schaffen, da sie leiden könnten?! Ich denke auch,
    dass Metzingers Argument schief ist.
    Ist doch was ganz anders, ob vorsätzlich geistig behinderte Säuglinge (zu
    Forschungszwecken!!) gezüchtet würden oder (selbst)bewusste Lebensformen, die
    nicht nur wegen ihrer Defizite leiden könnten, sondern sich eben ja auch des
    Lebens freuen. Bewusstsein ist aber IMHO bestimmt immer an Leidensfähigkeit
    gebunden.

    Knifflig wär’ allerdings schon, wenn sie (Frl. Nexus) ihm dann heulend vorwirft:
    „Du kannst mich ja eh nicht verstehen, du weißt überhaupt nicht, wie ich fühle.“
    Tja, dann fehlen einem aber wirklich die Argumente.

    Eine andere spannende Frage wäre doch aber auch, warum und zu welchem Zweck man
    künstliches, bewusstes Leben schaffen sollte.

    @ Dan: „Wir und unsere Kinder leiden ja in der Regel, wenn wir leiden, nicht an
    unserer eigenen Existenz“.
    Haha.

  10. @ benni:
    leben heisst nicht zwangsläufig leiden! da hast du etwas von der buddhistischen lehre missverstanden. buddha hat auch gelebt und konnte sich dennoch vom leiden befreien.
    richtig wäre: das anhaften am leben erzeugt leiden!

    @volker:
    das wäre doch wirklich mal ein thema für „kloß & spinne“
    ich freue mich schon darauf, wie norbert den zyklus der wiedergeburten durchbrochen hat

    LG O.J.

  11. @onkel jörg: Äh ja, aber das Ding mit der Widergeburt oder dem Nirvana und dem Zeugs ist halt ein Märchen, also bleibts leider beim Leiden, was jetzt mal das rein Praktische angeht ;-)

  12. Oh ja, für Kloß und Spinne wäre das auf jeden Fall was …

    @Probandine: Warum man bewusstes künstliches Leben schaffen sollte? Na, um mal auszuprobieren, ob wir’s hinkriegen. Und um irgendwann Wesen zu schaffen, die uns in jeder Hinsicht überlegen sind, bis auf die drei gesetze der Robotik von Asimov, die wir ihnen eingebauen, um sie versklaven zu können. Selbstgeschaffene Halbgötter, denen wir auf der Nase rumtanzen können … na gut, das war jetzt die zynische Variante, Entschuldigung …

  13. @ benni;
    wollen wir uns auf Die formulierung einigen „das ding mit der wiedergeburt und dem nirvana halten manche menschen für ein märchen“ ?
    es wäre doch sonst etwas sehr intolerant oder ? ;-)

    @ volker:
    das mit den 3 asimovschen gesetzen ist schon die richtige richtung, nur glaube ich nicht, dass das amerikanische militär die auch in ihre kampf-roboter einprogrammieren wird, dann wären die dinger ja unbrauchbar :-(
    oder die generäle definieren „mensch“ halt irgendwie anders, (etwa mensch = amerikaner) dann darf der roboter nicht-amerikaner (ergo nicht-menschen) umnieten.

  14. Sollte man sich nicht mal fragen, ob es überhaupt „Bewusstsein“ gibt? Es könnte gut sein, dass unser Unbewusstes einem nur das „Bewusstsein“ vorgaukelt. Freilich, das will keiner hören und ist (scheinbar) absurd. Aber kann jemand mit Sicherheit sagen, was in den grauen Zellen vor sich geht? Nein!

    Ich gehe sogar soweit, dass Leiden notwendig ist, um zu lernen, um aus einer verfahrenen Situation herauszukommen oder mit einer (nicht änderbaren) umzugehen.

    Es gab mal eine Studie, die versuchte, herauszufinden, was das Glück und Unglück von Menschen betrifft. Die eine Gruppe waren Lottogewinner. Die andere Verunfallte, die durch Querschnittlähmung plötzlich aus ihrem gewohnten Leben gerissen wurden. Man möchte nicht glauben, welchen Schluss diese Studie zulässt ;-)

  15. @liteisti: „solltest Du das Kinderkriegen doch lieber bleiben lassen.“ … Gab’s nicht mal so einen Film, in dem Arnold Schwarzenegger schwanger war? Der war schon immer mein großes Vorbild …

  16. ja, der gute arnie. und so wie der in den filmen immer beballert wird kennt der weder physische (und so wieder redet) keine psyschischen leiden.

    ich würde gerne seinen standpunkt hören.

    PS: Vlt bekomtm ihr ja kinder, weil ihr leiden wollt! was bedeuten würde das leiden nicht nur ein teil des lebens ist, sondern ein ziel oder so ähnlich

  17. „Herr Breuer“? So hat man mich im virtuellen Netz ja noch nie angesprochen. Ich fühle mich gerührt, vielleicht auch ein bisserl geschüttelt.

    Also, das Resumé der Studie:

    Kurz nach Eintreffen der „guten bzw. schlechten“ Nachricht waren die Menschen natürlich himmelhochjauchzend oder eben zu Tode betrübt, ABER nach etwa einem Jahr hat sich deren „Glücksgefühl“ wieder angeglichen, das heißt, es ist auf ein normales Maß zurückgegangen. Ja, jeder Mensch lernt mit seinem Glück bzw. Unglück (Leid) zu leben und empfindet es nach einer gewissen Zeit nicht mehr als solches.

  18. @ hevob
    „Vlt bekomtm ihr ja kinder, weil ihr leiden wollt! … leiden … ist … ziel“
    Interessant, interessant. Und dabei sagen ja immer alle, Freude (Glück?) sei da das eigentliche Ziel. Aber Herrn Breuers tiefsinniger Erkenntnis nach sind die Bambinis wohl auch nicht unbedingt nötig, um glücklich zu sein!
    Na und bedenkt man’s recht, ist ist Kinder in die Welt setzen echt super fies und vorallem soo egoistisch!
    So wie das Schaffen bewussten, künstlichen Lebens. Aber letzteres muss ja wohl nicht zwangsläufig zu Leiden unsererseits führen. Kann uns doch egal sein, wenn die Blechbüchsen heulend verrosten.

    @ Volker
    Vielleicht wär’s also doch netter, sich so’n kleinen Roboter zu basteln! Bei Kindern besteht ja immer die Gefahr, dass eben diese kleinen Halbgötter einem selbst auf der Nase rumtanzen. Zumal es bei den Robots wohl sicher auch ne reset-Taste gäbe …

  19. Leiden wird überbewertet. Wenn ich Metzinger richtig verstehe, vermutet er, die ersten, noch primitiven, künstliche Bewusstseine würden unter ihrer Unvollkommenheit leiden. Ein Blick in die Menschheit zeigt, dass gerade die primitiven Bewusstseine doch recht wenig unter ihrer Beschränktheit leiden. Warum sollte das bei künstlichen solchen anders sein? Gebt ihnen Fernsehen, gebt ihnen Radio, Internet, Partnerbörsen, Gewinnspiele, Lesebühnen, Fußball, Slampoetry, Religion, Klingeltöne mit dem besoffenen Elch und Weblogs. Dann werden sie zufrieden und amüsiert sein oder ihr Leid, woher immer es auch rühren mag, auf andere Ursachen projizieren – den DAX, die Bundesliga, die Spritpreise, was weiß ich. Ich meine jetzt sowohl die Roboter, als auch meine Kinder.

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