Dialog der Organe (2)

Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer hat die Gemütslage der Gesellschaft untersucht. Er spricht von einer Menschenfeindlichkeit im Land. Sie trifft nicht nur Ausländer, sondern vor allem Arbeitslose, lese ich in der Berliner Zeitung vom letzten Freitag. Arbeitslose und Arme sind in Deutschland demnach eine der Minderheiten, die am meisten von Diskriminierung und Abwertung betroffen sind, stand da, und: In den vergangenen Jahren sahen sich vor allem Ausländer, Homosexuelle und Muslime Diskriminierung oder gar gewaltbereitem Hass ausgesetzt. Jetzt ist mit den Dauerarbeitslosen eine weitere stigmatisierte Gruppe hinzugekommen. Der Studie zufolge haben 56 Prozent der Deutschen eine abwertende oder gar feindselige Einstellung gegenüber Hartz-IV-Empfängern. … Es gibt einen Zusammenhang zwischen ökonomistischem Denken und Gewaltbereitschaft. … In der Gesellschaft des neuen ökonomischen Denkens ist für sozial Schwache kein Platz. So stimmt mehr als ein Drittel der Befragten den Aussagen zu, „die Gesellschaft könne sich wenig nützliche Menschen (33,3 Prozent) und menschliche Fehler nicht (mehr) leisten“ (34,8 Prozent). Etwa 40 Prozent sind der Ansicht, in der Gesellschaft werde „zu viel Rücksicht auf Versager genommen“. Knapp 26 Prozent gaben an, moralisches Verhalten sei „ein Luxus“.

„Na ist doch kein Wunder“, sagt mein resignierendes Herz, „ist ja auch ganze propagandistische Arbeit geleistet worden, im Kampf gegen die Florida-Rolfs und Viagra-Kalles, gegen die ungewaschenen und die, deren Lebenssinn es sei, Kohlenhydrate und Alkohol in sich hineinzustopfen.“„Hey, da ist der 2. Mai, der internationalen Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen, doch wichtiger denn je!“ meldet sich mein kämpferisches Hirn. „Alles wird immer schlimmer“, klagt sein zagend Herz. „Nicht alles“, wendet meine versöhnlerische Milz ein, „hier zum Beispiel steht: Antisemitismus, Rassismus und die Ablehnung von Behinderten sind auf ihrem jeweiligen Niveau stabil oder haben sich nur unauffällig verändert.“ „Na toll“, sagen alle meine Organe im Chor, nur die zynische Leber sagt natürlich: „Ey, stell dir mal vor, du bist arbeitsloser Jude – denn haste vielleicht ein Problem, Alter!“

(Andreas Krenzke)

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13 Kommentare zu “Dialog der Organe (2)

  1. Die Frage ist doch: Sind die Arbeitslosen wirklich als neue stigmatisierte Gruppe dazugekommen oder wurde diesmal erstmals auch nach denen gefragt? Ich tippe ja auf letzteres, denn es erscheint mir unwahrscheinlich, dass die Stigmatisierung plötzlich von 0 auf 56% geschnellt sein soll. Nach meinem Empfinden waren Arbeitslose schon immer von Abwertung und Ablehnung bedroht. Außerdem ist auch die Frage, welche Fragen genau gestellt wurden. Gerade Statistiken werden ja nun gerne so interpretiert, wie sie dem eigenen Ziel (z.B. Auflagensteigerung) dienlich sind.

    Nicht, dass ich Abwertung von Arbeitslosen rechtfertigen will (gehöre schließlich selbst dazu ;) ). Nee, ich will einfach nur zu einer gesunden Skepsis gegenüber den Interpretationen von Statistiken und gegenüber Statistiken generell aufrufen.

  2. Um es mit Norbert zu sagen: „Nee nee nee, so’n Arsch sind wir Deutschen nicht.“ Ich kann dieser Umfrage nicht trauen. Mir scheinen die Zahlen weit überzogen zu sein: 56% der Deutschen haben eine abwertende oder feindliche Einstellung zu Hartz-IV-Empfängern? Nein, bestimmt nicht! Zumindest nicht in meinem Umfeld.

  3. Meine Augen sagen: „Das glauben wir ja wohl nicht!“

    „ganze propagandistische Arbeit geleistet worden, im Kampf gegen [die Arbeitslosen]“
    Wohl wahr, Spider. Und diese komische Befragung setzt ja anscheinend noch eins drauf:
    „So stimmt mehr als ein Drittel der Befragten den Aussagen zu, ‚die Gesellschaft könne sich wenig nützliche Menschen (33,3 Prozent) und menschliche Fehler nicht (mehr) leisten‘ (34,8 Prozent).
    Etwa 40 Prozent sind der Ansicht, in der Gesellschaft werde ‚zu viel Rücksicht auf Versager genommen‘.“

    @ Anne: Kann deinem Plädoyer für eine gesunde Skespsis nur beipflichten!

    Wie menschenverachtend muss man eigentlich denken, um solche Fragestellungen zu formulieren??!
    Mich würde ja mal interessieren, wie viel Prozent der Befragten Fragen wie diesen zugestimmt hätten:
    – Die Gesellschaft kann sich wenig nützliche, unmoralische Befragungen nicht (mehr) leisten.
    – In der Gesellschaft wird zu viel Rücksicht auf sich menschenverachtend verhaltende Menschen genommen.

    Aber der Artikel in der Berliner Zeitung ist ja leider auch alles andere als kritisch :/

  4. @ Probandine:

    Da vertauschst Du etwas. Die Antwortvorgaben zur Fragesellung ergeben sich aus Interviews, die man vor der Entwicklung des Fragebogens durchführt. Und es ist bei einer standardisierten Befragung zur Menschenfeindlichkeit unumgänglich, dass die Befragten auch unter menschenfeindlichen Antwortvorgaben wählen können. Ansonsten kommst Du natürlich zu dem Ergebnis: „es gibt keine diskriminierenden Ansichten gegenüber Arbeitlosen, da keine diskriminierenden Antworten gegen wurden (diese konnten auch gar nicht gegeben werden, aber egal).

    @ Anne

    Die genauen Fragen, etc. können in der Studie genau nachgelesen werden. Die Studie von Heitmeyer läuft schon seit vielen Jahren und ist methodisch sehr gut (was nicht gegen die von Dir geforderte Grundskeptis spricht).

  5. Hallo Thomas,
    hier bist du leider auf dem Holzweg. Probandine kritisierte nicht die Antwortvorgaben, sondern die Fragestellung, die mit der Floskel „nicht leisten können“ natürlich suggestiv ist, ebenso wie „Rücksicht auf Versager nehmen“.
    Grüße
    Konrad

  6. Hallo Konrad,
    nein, einen Holzweg kann ich hier nicht erkennen. Es ging mir schon um diese Antwortvorgabe – „Antwortvorgaben“ insoweit, dass man diese Aussagen eben mit verschiedenen Graden der Zustimmung (bzw. Nicht-Zustimmung) versehen kann. Diese Skalen sind ein absolut (!) übliches Verfahren in der empirischen Sozialforschung. Die hier genannten Aussagen sind übrigends nur ein Teil einer Item-Batterie. Es sprengt wohl den Rahmen einer Kommentarfunktion in einem Blog, jetzt das gesamte Verfahren der Item-Bildung zu erläutern, aber glaube mir, das Ganze ist sehr komplex und über viele Jahre zehntausendfach erprobt. Suggestiv ist es gerade deshalb nicht, weil nicht ein paar wenige Aussagen vorgelegt werden, die dann mit „ja“ oder „nein“ gekenntzeichnet werden, sondern eine Vielzahl von Aussagen, die jeweils auf der genannten Skala bewertet werden.
    Kann man natürlich von halten, was man will. Aber so funktioniert nun mal quantitative empirische Sozialforschung…
    Gruss
    Thomas

  7. Hallo Thomas,
    ich verstehe hoffentlich, was du meinst. Aber ist es nicht eher eine scholastische denn eine empirische Forschungstechnik, wenn das Versuchsobjekt vor der Messung nach dem Willen des Forschers verändert wird – Oder ist das Auslösen von Ressentiments und also erhöhter Emotion gewollt, (so ähnlich, als wenn man eine Bakterienkultur einfärbt, bevor man sie aufs Objektiv legt) damit man eine „ganzheitlichere“ Sicht auf das Objekt bekommt, und müßte in diesem Fall nicht einer Veröffentlichung der Daten eine Aufklärung über diese Meßmethode vorangehen? Zumindest, dass sie nicht wie im vorliegenden Fall propagandistisch ausgeschlachtet werden können?
    Das Unglaubliche an den Antworten ist doch für Probandine (und für mich) gerade, dass sie denkenden Menschen solche Einstellungen nicht wirklich zugestehen möchte. Wenn es in einem Vortext jedoch hieße: „Die Testpersonen wurden durch Aufbau und Strukur der Fragen und des Fragenkatalogs beabsichtigt inneren Ängsten ausgesetzt, damit jene in das Ergebnis mit einfließen“, sähe die ganze Sache schließlich nicht mehr ganz so schlimm aus und eine Instrumentalisierung fiele schwerer.
    Ich habe mich ein bißchen in der Studie von 2004 umgesehen und sehe auch, dass die Belastung der Fragen durch (ich nenns jetzt mal) Stammtischphrasen nicht einseitig gehandhabt wird. („Sind Sie der Meinung, die Reichen würden immer reicher, während die Armen blabla“). Kannst du mir also knapp bestätigen, dass diese Art der Fragestellung in der statistischen Sozialforschung usus ist?
    viele Grüße
    Konrad

  8. Hallo Konrad, hallo Thomas,
    danke Konrad, dass du meine intuitive Ablehnung gegenüber den doch recht reißerischen Zitaten aus der Heitmeyer-Studie in der Berliner Zeitung so eloquent teilst ;-)
    Leider, Thomas, kommt in dem Artikel eben nicht mehr von der Studie ’rüber, als diese drei Items. Die komplette Studie kenne ich nicht und dachte, es sei Anliegen des Artikel-Verfassers, einen Einblick in dieselbe zu gewähren (Vielleicht wollte er aber auch gerade provozieren?!). Menschenverachtung kann man sicher auch erfragen, in dem man einen nicht menschenverachtenden Ton in seiner Fragestellung anschlägt. Die Formulierung „Die Gesellschaft kann sich wenig nützliche Menschen nicht (mehr) leisten.“ finde ich nicht nur fragwürdig, sondern nahezu faschistoid. Eine solche Befragung würde ich aus Protest sofort abrechen. Da es eben eine (suggestive!) Behauptung ist und keine Fragestellung.
    Zumal in der Studie anscheinend eine Skala der Art „trifft überhaupt nicht zu, trifft eher nicht zu, trifft eher zu, trifft voll und ganz zu“ verwendet wird (s. Zusammenfassungen zentraler Ergebnisse der 2004er Studie).
    Im ‚besten Fall’ versteht man diese Antwortvorgabe vielleicht so: „In einer Gesellschaft, in der Geld bzw. Profitmaximierung höchste Werte sind, wird auf Menschen, die nicht zur Profitmaximierung beitragen können oder wollen weniger Rücksicht genommen.“
    Und nun – hat derjenige jetzt also eine menschenverachtende Einstellung, der dieser Frage – äh Aussage vollkommen zustimmt?
    Es ist doch die Macht der Worte! In Zeiten, in denen aus Arbeitsvermittlern (aussichtslose) Fall-Manager werden, bin ich da besonders empfindlich.
    Aber freilich müsste man mal direkt in die Studie hineinschauen und Heitmeyer scheint ja nicht umsonst ein renommierter Soziologe zu sein …
    Viele Grüße
    Probandine

  9. Hallo Konrad, hallo Probandine.
    Die Antwort auf Deine (Konrads) Frage (Usus?) lässt sich verhältnissmäßig kurz beantworten. Nämlich so: ja. Es geht auch nicht um das Auslösen von Ressentiments. Das hört sich immer arrogant und ausweichend an (und das soll es nicht sein), aber trotzdem: das Erheben von Einstellungen ist sehr komplex und lässt sich hier nich in ein paar Zeilen im Blog erörtern. Aber es besteht nicht daraus, den Befragten ein paar – wie Du es nennst – „Stammtischparolen“ vorzulegen. Und Ressentiments werden auch nicht „ausgelöst“, sondern sie bilden sich heraus. Allerdings nicht durch das einmalige Lesen eines Fragebogenitems. Und zum Vorwurf des faschistoiden, Probandine: Mit der Macht der Worte hast Du völlig Recht! Aber doch nicht in einer Befragung. Wie willst Du denn faschistoide Einstellungen empirisch erheben, wenn Du den Befragten keine Möglichkeit gibst, fachistoide Meinungen zu äußern (bzw. eben in einer standardisierten Befragung anzukreuzen)? Die Anwortvorgaben saugen sich die Forscher übrigends auch nicht aus den Fingern, sie werden i. d. R. in offenen Befragungen (also Interviews) erhoben. Du kannst jetzt natürlich alle menschenverachtenden Antwortmöglichkeiten vorher aussieben – und dann zum wunderbaren Ergebnis kommen, dass niemand menschenverachtenden Ideologien anhängt – hat ja auch keiner angekreuzt. Und schon gibts keinen Antisemitismus, keinen Rassismus, etc. mehr. Weiß nicht, ob das so erstrebenswert ist…
    Dass ihr den Menschen solche Antwortmöglichkeiten nicht zugestehen wollt, spricht für Euer positives Menchenbild und auch für die Menschen, mit denen Ihr Euch umgebt. Es widerspricht jedoch meiner täglichen Erfahrung. Ich höre solche Sprüche (teilweise wirklich wortwörtlich) laufend – in der U-Bahn, der Kneipe, unter Studenten, etc.
    Gruss
    Thomas

  10. Hallo Thomas,
    kurzum: aus tiefenpsychologischer Sicht lösen diese Fragen nun einmal Ressentiments aus (sie bringen mit Angst verdrängte Triebinhalte zum Vorschein – (also Auslösung des Ressentiments aus dem Unbewußten), deshalb gerade sind ja die erwähnten Sprüche oft bei Neurotikern so erfolgreich). Demzufolge KANN trotz allem was du sagst die Untersuchung eben nicht empirisch sein, weil die Antworten durch ebenjene Inhalte beeinflusst sind. Es ist dahand sinnlos, auf die Komplexität des Befragungsvorgangs hinzuweisen. Auf diese der Studie eigenen Art und Weise muß man zwangsläufig IMMER das Bild einer unwissenden, paranoiden, von der Aufklärung unberührten Bevölkerung erhalten. Und das Problem dabei ist, dass das vielen in den Kram passt.
    Grüße aus dem Alkoholikerbezirk Weißensee
    Konrad
    PS: Das Erstellen von Fragen bzw. Antwortvorgaben ohne diese Beeinflussung sollte doch einem rennomierten Institut möglich sein? Oder hat es sein Renommee möglicherweise gar nicht verdient?

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