Der goldene Kompost

Eigentlich wollte ich den gestrigen Abend mit einem guten Freund und gutem rotem Wein in Mecklenburg-Vorpommern vor einem anheilmend knackenden Kamin verbringen, aber aus Zeitgründen wurde nichts daraus. Die Idee, den Abend stattdessen mit einer Flasche LIDL-Bier, einem Kaminfeuervideo und einem Football, auf den ich mit Blut ein Gesicht gemalt habe, zuhause zu verbringen (den Trick mit dem Football habe ich aus Lost, also dem Film jetze, nicht der Serie Cast Away), diese Idee habe ich schnell wieder verworfen. Ins Kino bin ich gegangen.

Na, und da ich ja gerade „Der goldene Kompass“ gelesen habe und das Buch mir ziemlich gut gefallen hat – besser als „Der Herr der Ringe“ allemal, obwohl ich das auch ganz nett fand, was Tolkien-Fans sicher nicht gerne hören, weil sie eher „gewaltig“ oder „epochal“ oder „atemberaubend“ sagen würden, was sie auch gerne tuen dürfen, aber von mir gibt’s eben nur das „Berliner Lob“, und weil ich doch über den Film sowieso schon eine Metakritik geschrieben habe, jedenfalls, um es kurz zu machen und zu verhindern, dass dieser Satz am Ende mehr Kommas als Wörter enthält: Ich also rin ins Kino und „Der goldene Kompass“ geguckt.

Ich habe nicht viel erwartet. Schließlich hatte ich schon gelesen, dass der Film arg weichgespült und „für die ganze Familie“ aufbereitet sei. (Abschweifung: Mit „ganze Familie“ sind immer die Heilewelts aus Zehlendorf gemeint. Niemand würde einen Familienfilm für die Schrecklickowskis aus dem Plattenbau drehen. Oder waren „Saw“ und „Hostel“ entsprechende Versuche? Filme, nicht für die ganze Familie, sondern für die kaputte. Weeß icke. Abschweifung Ende.)

Also. Weichgespült. Abgeschnittene Köpfe, Blutfontänen und abgefetzte Unterkiefer würde ich mir also abschminken können. Aber gut. Ich kann auch mal ohne abgeschnittene Köpfe und Blutfontänen und abgefetzte Unterkiefer einen schönen Abend haben; doch, doch, das geht. Ab und zu geht das mal. (ulkigerweise war zwar tatsächlich kein Tropfen Blut zu sehen, aber der abgefetzte Unterkiefer. Aber so schlecht zu erkennen, dass man schon das Buch gelesen und nach Gewaltszenen gierend darauf geachtet haben musste.)

Auch, dass die Kirchenkritik stark zurückgenommen wurde, wusste ich. Aber gut. Ich kann auch mal ohne Kirchenkritik einen schönen Abend haben; doch, doch, das kann ich. Fand’s dann sogar ganz putzig, wie sich sich daran vorbeizumoglen versucht haben, zum Beispiel in der einen Szene, in der (im Buch) über das Konzept der Erbsünde gesprochen und im Film irgendwas davon geschwurbelt wurde, dass sich Menschen gegen die Autorität aufgelehnt und so das Böse in die Welt gebracht hätten oder so.

Meine Rechnung war einfach: In der Schlacht am Ende des Buches explodiert ein Zeppelin. Schon dafür musste sich der Kinobesuch lohnen.

Der explodierende Zeppelin fehlte.

WARUM ZUM TEUFEL FEHLTE DER EXPLODIERENDE ZEPPELIN?! Warum verfilmt jemand ein Buch, in dem Zeppeline explodieren und lässt die dann weg?! Was sind das für Menschen?! Und wehe, jetzt kommt mir jemand mit: „Explodierende Zeppeline sind unverfilmbar“ – BLÖDSINN! Es gibt einen wunderbaren Film aus dem Jahre 1937 zu dem Thema; weshalb sollte das 70 Jahre später plötzlich als unverfilmbar gelten?

Tja, und dann dachte sich wohl jemand im Produktionsteam: „Jetzt haben wir schon das Blut und die Religionskritik und den explodierenden Zeppelin gestrichen, da können wir eigentlich auch noch die Hälfte aller zum Verständnis der Handlung und der Protagonisten notwendigen Informationen weglassen. Und alle beängstigenden, traurigen und anrührenden Szenen.“ Und die anderen haben mit den Köpfen genickt und gesagt: „Au ja, fein, das machen wir!“

Am Ende blieb dann eine lächerlich zusammengekürzte Abenteuergeschichte. Als habe man an dem Werk eine Interzision vorgenommen. (Die Interzision oder „der Schnitt“ bezeichnet die Trennung eines Menschen von seinem Daemon bzw. seiner Seele.) Wer nur den Film kennt, wird mit den Schultern zucken und sagen: „Na und?“, denn welchen Schrecken das wirklich bedeutet, erfährt man nur aus dem Buch.

Positiv aufgefallen ist mir, dass sich der Drehbuchautor ein paar humorvolle Szenen extra für den Film neu ausgedacht hat. Zum Beispiel die, in der Lyra auf dem Rücken des Eisbären durch die Arktis reitet, um ihren Feund Roger zu retten. Der Eisbär hat ihr selbst gesagt, dass er sie nun zu ihrem Freund bringen würde, nachdem sie wiederholt darauf hingewiesen hat, das sie ihn retten müsse. Und dann rennt der Bär so schnell er kann durch Eis und Schnee und irgendwann ruft sie ihm zu: „Beeil Dich! Das Altheiometer hat mir gesagt, dass sie Roger etwas Schlimmes antun wollen! Wir müssen ihn retten!“ Und der Eisbär bleibt stehen und runzelt die Stirn und sagt: „Ach so? Ich dachte, wir sind unterwegs, um rechtzeitig zur Eröffnung des neuen Mediamarktes in Spitzbergen zu sein!“
Oder habe ich mir das nur eingebildet? Hat der stolze Eisbär das überflüssige, redundante Geplapper seiner Reiterin einfach über sich ergehen lassen? Weiß ich jetzt nicht mehr.

Fazit: Besser als ein LIDL-Bier oder ein Kaminfeuervideo oder ein bemalter Football; vielleicht sogar etwas besser als alles dreis zusammen, aber viel schlechter als das Buch. Nach dem Film hätt ich’s nicht gelesen.

(Volker Strübing)

Ach so! Fast vergessen: War nicht nur weichgespült, sondern auch auf Hochglanz poliert. Für einen Steampunkfan wie mich hätte es ruhig ein bisschen mehr altes Eisen statt des ganzen Goldes und Messings sein dürfen. Falls irgendwann mal die Romane von China Miéville verfilmt werden, hoffe ich auf ein kleines Budget und ein Produktionsteam mit Eiern in der Hose … oder Brüsten im BH … äh, naja, ihr wisst schon was ich meine. Um noch eine blöde sexuelle Metapher zu bemühen: Leute mit ordentlich Tinte auf dem Füller. Tinte. Nicht Kuschelweich.

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11 Kommentare zu “Der goldene Kompost

  1. Na toll, ich wollte eigentlich mit einem Freund aus Berlin vorm Ofen sitzen und Wein trinken, der hatte aber keine Zeit und so bin ich ins Kino gegangen. Kino in MeckPomm kann schrecklich sein: es gab den Kompass und Beowulf, was immehin ein Heldenepos ist. Also zu den Helden und hilfe was war das? Puppen oder Schauspieler? Schlimm jedenfalls. Die Schauspieler werden Trickanimiert, dadurch könnten uns demnächst bestimmt auch ganz neue Filme mit Marlene Dietrich, Humphrey Bogart und co ins Haus stehen. Das erinnert mich an myspace, wo längst verstorbene Künstler ihren Freundeskreis pflegen und Blogeinträge schreiben. Da hilft auch Lidl-Bier nicht mehr.
    Beste Grüße aus MV!
    Holger

  2. In „Mathilde – Eine große Liebe“ gibt es einen explodierenden Zeppelin, glaube ich.

    Die Pullmann-Trilogie habe ich auch gelesen und mich auch ein klein wenig auf den Film gefreut, aber hätte ich mir denken können, dass das nix wird.. schade eigentlich. Ist nämlich ansich ne schöne Geschichte.

  3. achtung….klugscheißermodus (scheiße wo is der schlter?? hmm achja da war er…..verdammt der geht ja schwer rein….hhhrrrmmmppff) AN
    cast away nich lost
    klugscheißermodus
    (und wieder zurück hhhhrrrrmmmpfff)
    AUS
    genial
    aber lidlliebeslidlgedächtnisbier?
    aus der plastikflasche?
    it der unsichtbaren aufschrift PLÖRRBREU??
    nene das is nich gut dann doch lieber popcorn und cola zu nem zu weich gewaschenem film….(ich werd warten bis ihn nen kumpel auf ner diebstahldvd hat und ihn mir dann angucken….vll les ich das buc ja noch aber ich hab lesen wie obst vor jahren abgesetzt^^)
    ja schöne grüße aus dem fernen niedersachsen!!

  4. @Rollmops: Danke! Dann hat sich das Budget von 180 Millionen Dollar ja fast schon rentiert, wenn am Ende wenigstens ein schöner Verriss bei rumkommt.

    @Hex: Vor dem Film hatte ich immer Angst, weil er so extrem kitschig klang. Allerdings ist er mir neulich schonmal empfohlen wurden. Und wenn wirklich Zeppeline explodieren …

    @Christian: Mensch, Recht haste, danke für den Hinweis.

  5. Hab den Film mit meiner Liebsten auch gesehen, das Buch aber nicht gelesen. Danke, dass Du unseren gemeinsamen Eindruck (gute Grundlage, unglaublich schlecht erzählt) bestätigt hast. :)

  6. Konnte mich am Wochenende nicht zwischen „Goldenem Navi“ und „Schwerter des Königs“ entscheiden. Bin dann zu Fil ins Mehringhoftheater gegangen…

    „Schwerter des Königs“ gestern nachgeholt.

    Leider.

  7. Als ich den Trailer sah, dachte ich, wie schön es doch sei, dass diese durchaus okaye Geschichte verfilmt werden würde. Und dann hörte ich die zahllosen Lobhudeleien. Und dann las ich die ersten beiden Bücher ein zweites Mal. Und dann las ich noch mehr Lobhudeleien, die das Werk Pullmanns allesam überzubewerten schienen.

    Ich finde die Bücher gut. Gut, insofern, als dass ich an jeder Stelle gespannt war, wie es weiter gehen würde, wie sich dir Handlung fortsetzt. Gut, weil ich offdensichtlich gefesselt war. Aber die Bücher sind nicht überragend. Ich mag Fantasy und habe zahllose bessere Werke gelesen [die vermutlich ebenso als unverfilmbar gelten würden…], so dass eine überspitze Hochjubelei unnötig ist.

    Ich werde mir den Fülm trotzdem anschauen;: nicht unbedingt im Kino, aber irgendwann auf DVD oder so. Vielleicht auch erst, wenn alle drei Teile draußen sind. Und ich werde jedesmal zusammenzucken, wenn Lyra englisch ausgesprochen wird, weil sie das in meinem Kopf während der gesamten Lektüre nicht wurde…

    Und so.

  8. Hallo, hab dein Buch durch die Rezension im sparrenblog entdeckt, ich denke, ich werde es mir noch zu Weihnachten wünschen :) VG Anja

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