Der Beginn einer wunderbaren Paranoia?

Mein Schreibtisch steht direkt am Fenster, mit der Front zur Wand. Wenn ich den Kopf nach links drehe, sehe ich unseren engen Hinterhof. Gegenüber ist jetzt jemand eingezogen, der seinen Schreibtisch genau spiegelbildlich aufgestellt hat. Wenn er am Computer sitzt – und das scheint er wie ich den halben Tag zu machen – und den Kopf nach rechts, schaut er genau auf mich. Eine beunruhigende Situation. Ich glaube, wir haben schon angefangen, uns zu belauern. Wer sitzt als erster am Computer? Wer am längsten? Wer macht dabei den entspanntesten, gleichzeitig aber produktivsten und erfolgreichsten Eindruck? Wer schaltet abends als erster seine Schreibtischlampe ein, um so zu signalisieren, dass es ihm gar nichts ausmacht, wenn ihm der andere bei seiner wichtigen, weltformenden Tätigkeit zuzusehen? Und wer verliert als erster die Nerven und zieht die Vorhänge zu?

Was den Coolness-Faktor betrifft kann ich auf alle Fälle mit meinem A4-Grafiktablett punkten, dank dem ich mit lässigen Bewegungen die Maus über einen meiner zwei Bildschirme tanzen lassen und mit weitausholenden Bewegungen die Adresse der Website, die ich als nächstes sinnlos anzusurfen gedenke, handschriftlich eingeben kann.

Trotzdem gefällt mir das alles gar nicht. Nachher muss ich mal in den gegenüberliegenden Aufgang gehen und seinen Namen rauskriegen. Und den dann bei Google eingeben. Nicht dass der ein Blog hat und darin über mich schreibt! Das wär ja wohl das Letzte!

(Volker Strübing) 

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9 Kommentare zu “Der Beginn einer wunderbaren Paranoia?

  1. soll ich Dir ein Schild mit „hier gibts nüscht zu kieken!“ basteln, dass Du Dir ans Fenster kleben (oder auch an die Stirn, wenn Du den Kopf eh immer gen Fenster drehst, um rüberzugucken) kannst?;-)

  2. volker, du hast nicht zufällig nach langer zeit mal wieder deine fenster geputzt und noch nicht begriffen dass du es bist der sich jetzt in dieser blitzeblanken scheibe spiegelt?
    (das soll jetzt keine unterstellung sein!)
    es wäre zumindest eine erklärung. und wenn das zutrifft, dann verrate ich dir sogar das er wirklich einen blog schreibt. uns sogar einen super-coolen. *lob*

  3. vorschlag: kauf dir einen dieser riesigen plasma-bildschirme – bring außerhalb eine kamera an und setzt dich 24 stunden an deinen rechner. nun stellst du diesen bildschirm an dein fenster, sodass er die scheibe vollständig ausfüllt. dann kannst du die aufzeichnung in endlos schleife laufen lassen!

    nach einer woche kannst du zur abwechslung einen neuen film aufnehmen, damit die konkurrenz keinen verdacht schöpfen kann.

    wirst schon sehn, der typ wird so schnell psychisch am boden sein, das er dich nie wieder heraus fordern wird.

  4. Ich kenn das …
    Schon komisch wenn man den Nachbarn bei irgendwelchen alltäglichen Begebenheiten zugucken kann … die Neugier ist doch einer der letzten, uns erhaltenen und nicht zu unterdrückenden Triebe.

    Paranoid sollte man deswegen aber nicht werden, ganz im Gegenteil, wenn ich nackig durch die Wohnung spring, so frisch aus der Dusche, denk ich mir: soll er doch gucken, vor neid erblassen und sich mit den Gedanken quälen mal ne Diät zu machen.

    Dafür hat der ein Fernseher, ich nicht …

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