SLAM 2007 (1) – Ein paar (hundert) Worte zu den Regeln

Heute beginnen die 10. Meisterschaften im deutschsprachigen Poetry Slam, und das wird wohl der Grund dafür sein, dass ich bereits kurz vor 7 Uhr wach wurde und aufgestanden bin – nach nur 5 Stunden Schlaf, was ziemlich genau 20% der von mir empfohlenen Tagesdosis entspricht.

Die diesjährigen Meisterschaften finden in Berlin statt, was einerseits praktisch für mich ist, andererseits erinnere ich mich an die lustigen Nächte im Foyer unseres Slammer-Hotels letztes Jahr in München, die auch nicht schlecht waren. Naja, das Partymachen wird schon nicht zu kurz kommen.

Es gibt einige Regeln, die diesen „National“ (sprich „Näschnl“) von den vorigen unterscheiden. Das fing schon bei der Qualifizierung an. Üblicherweise war es so, dass jeder im vorangegangenen Jahr regelmäßig stattgefunden habende (falls ich komische Formulierungen und Wortungetüme schreibe, liegt dass daran, das ich meinen ersten Kaffee noch nicht ausgetrunken habe) Slam in Österreich, der Schweiz und Deutschland zwei Poeten zur Meisterschaft schicken konnte. Wie diese ausgesucht wurden, das lag ganz an den Ausrichtern des jeweiligen lokalen Slams. Einige schickten zwei Leute, die sich in den Monaten zuvor auf dieser Bühne besondersm hervorgetan hatten, andere veranstalteten einen „Highlander“, zudem alle Sieger und Zweitplatzierten des vorangegangen Jahres eingeladen wurden, um die National-Kandidaten zu ermitteln – so kam es, dass zum Beispiel ich als Berliner im Jahr 2005 in Leipzig für den Bonner Rosenkrieg antrat.

Letztes Jahr konnte jeder lokale Slam zusätzlich ein Team nominieren; Teams konnten sich desweiteren auch selbst anmelden (oder hab ich da was falsch in Erinnerung? Egal!).

Dieses System führte dazu, dass letztes Jahr in München zirka 250 Slammerinnen und Slammer in 12 Einzel- und 4 Teamvorrunden gegeneinander antraten. Bei Beibehaltung der Regeln wären es dieses Jahr noch mehr geworden, denn die Anzahl der lokalen Slams nimmt zu und nach dem schönen Teamwettbewerb im letzten Jahr hat auch dieseDsiziplin wieder an Zulauf gewonnen. Die Veranstalter des diesjährigen Slams haben sich daher etwas einfallen lassen, um die Teilnehmerzahl zu begrenzen. Diese Entscheidung ist verständlich, aber natürlich ist es auch schade. Und das System, das sie sich ausgedacht haben ist sehr umstritten: Zum einen durfte jeder lokale Slam nur noch einen Teilnehmer oder ein Team nominieren. Zusätzlich gab es 20 „Wildcards“ für Einzelslammer und 10 für Teams. Diese Wildcards wurden über ein Ranking vergeben und genau darum gab es einigen Streit und Unmut. Man konnte über das Jahr hinweg durch das Gewinnen von Slams Punkte sammeln – 3 für einen Sieg (oder 4? Egal!) und 1 für einen zweiten Platz. Wer also viel auftrat und dabei oft erfolgreich war, konnte sich auf diesem Weg qualifizieren. Klingt erst mal gut und fair und sinnvoll, führte aber praktisch zu allerlei Problemen, Merkwürdigkeiten, moralischen Dilemmen (oder Dilemmi? Egal!) und einigem Zwist. Ich fand’s anfangs doof und habe auch immer noch nicht ganz meinen Frieden damit gemacht, was mich aber nicht davon abhielt, selbst auf diesem Wege in die Meisterschaft reinzurutschen ;) Im Übrigen hatte ich auch keine Idee, wie man es anders und besser hätte regeln können.

Bei der Wildcardpunktevergabe gab es noch eine Besonderheit: Man konnte einen Slam, nämlich den, bei dem man die meisten Punkte geholt hatte zu seinem „Home Slam“ ernennen. Die dort geholten Punkte wurden dann doppelt gezählt. Dahinter stand ein lobenswerter Gedanke: Es sollte besonders belohnt werden, wenn jemand einen Slam mehrmals gewinnt, weil das in der Regel bedeutete, dass er mit verschiedenen Texten angetreten war und nicht einfach mit dem einzigen guten Text den er je geschrieben hat durch die Lande tingelte.

Eine weitere Besonderheit beim diesjährigen Slam, über die ich sehr unglücklich bin, ist die Zusammenlegung von Team- und Einzelwettbewerb in den Vor- und Halbfinalsrunden.

Schließlich wurde auch erstmals bei einem National die Regel eingeführt, dass kein einziger Text wiederholt werden darf. Üblich war die Regelung, dass der Text aus der Vorrunde im Stechen (bis 2005) bzw. (seit Einführung der Halbfinalrunden 2006) im Finale wiederholt werden darf. Dieses Jahr also müssen vier Texte vorbereitet werden für Vorrunde, Halbfinale, Finale und Stechen. Auch hier steckt wieder der löbliche Ansatz dahinter, Leute zu belohnen, die zeigen, dass sie keine One-Hit-Wonders sind. Allerdings habe ich arge Zweifel, das das eine gute Idee war. Immerhin geht es bei der Meisterschaft auch darum, das Beste vom Besten zu zeigen. Und auch die besten Slammer haben unter ihren besten Texten bessere und noch bessere und vielleicht auch den einen oder anderen, der ein wenig abfällt.
Schon bei früheren Nationals war die verständliche Tendenz zu bemerken, dass es allen erst einmal vor allem darum ging, weiterzukommen. Das heißt, die allerbesten Texte wurden gleich zu Anfang in den Vorrunden verfeuert und das Finale fiel dagegen ab. Das könnte sich dieses Jahr durchaus noch verstärken, was schade wäre. Außerdem besteht die Gefahr, dass wie letztes Jahr in München einige Vorrunden vor einem sehr kleinen Publikum stattfinden.

Na mal sehen. ich bin gespannt und guter Dinge, obwohl ich bis jetzt erst zwei Texte habe, aber vielleicht bin ich ja dieses Jahr auch mal dran mit In-der-Vorrunde-rausfliegen. Wäre eigentlich fair, aber ich hoffe natürlich trotzdem, weiterzukommen.

Sehr guter Dinge bin ich seit gestern Abend bezüglich Team LSD und unserer Meistertitelverteidigung. Wir haben unseren ersten Teamtext bei LSD ausprobiert und das hat dem Publikum und uns viel Spaß gemacht. Jetzt fehlen uns zwar theoretisch noch 3 Texte, aber das schaffen wir auch noch ;) Nee nee, keine Sorge, wir haben was in Vorbereitung, ist halt nur noch nicht ganz fertig, aber zum Glück sind wir ganz gut darin, unter Druck zu arbeiten. Eigentlich geht’s anders gar nicht – schließlich hatten wir ein Jahr Zeit und haben es nicht genutzt.

(Volker Strübing)

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4 Kommentare zu “SLAM 2007 (1) – Ein paar (hundert) Worte zu den Regeln

  1. Pingback: Kulturbetrieb « Raumzeit

  2. Das größte Dilemma – nicht nur meiner Meinung nach – ist die Tatsache, dass sich die Mitglieder der Jury, aus dem Publikum bestimmt – erst mal warmstimmen müssen. Soll heißen, dass der erste wirklich gute Beitrag einer Runde gerade mal so akzeptable Punkte bekommt, weil die Jurymitglieder merken, dass sie auch mehr als fünf Punkte geben können. Der nächste Teilnehmer hat es dann leichter und wird höher bepunktet – meine Erfahrung.

    Seis drum. Ich bin dieses Jahr leider nicht beim Näschnl dabei, bis auf eine Ausnahme: morgen Abend, beim Liederslam im Ballhaus Naunynstraße. Ich werde sehr spät erst dazustoßen, muss ich doch vorher noch im Comedyclub Kookaburra auftreten. Mein Programm ist gegen 22.30 zu Ende, der Liederslam beginnt eine Stunde vorher. Ich hoffe dabei allerdings auf Verzögerungen und extrem lange Zwischenmoderationen von Sebastian Krämer. Der Hinweis auf mein Solo ist ein Wink mit dem Zaunpfahl vielleicht für alle, die noch nicht wissen, womit sie morgen Abend ihre karge Zeit totschlagen sollen.

  3. „Das größte Dilemma – nicht nur meiner Meinung nach – ist die Tatsache, dass sich die Mitglieder der Jury, aus dem Publikum bestimmt – erst mal warmstimmen müssen. Soll heißen, dass der erste wirklich gute Beitrag einer Runde gerade mal so akzeptable Punkte bekommt, weil die Jurymitglieder merken, dass sie auch mehr als fünf Punkte geben können. Der nächste Teilnehmer hat es dann leichter und wird höher bepunktet – meine Erfahrung.“

    Das war so ziemlich genau definiert mein Aus in der Vorrunde. Platz Fünf. Ein Punkt. Naja. Dann eben Zürich.

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