Ärgernis: Fahriger Journalismus

Ein guter Rat an alle Schreibenden besagt, man solle nicht öffentlich auf Kritik reagieren, da man sonst schnell als eingeschnappte Leberwurst dasteht und den Eindruck vermittelt, von der eigenen Unfehlbarkeit überzeugt zu sein. (Leider ist guter Rat an mich meist verschwendet. )
Auch las ich erst neulich, dass es ganz unnütz, ja sogar schädlich sei, Dinge, die man widerlegen wolle, zu wiederholen und der Wahrheit – bzw. der eigenen Meinung – gegenüberzustellen, da man damit nur zur Verbreitung dessen beitrage, was man doch am liebsten aus der Welt hätte.
Und schließlich sagte schon Lichtenberg:

Unempfindlichkeit gegen den Neid und die Bösartigkeit von anderen ist eines der sichersten Anzeichen für einen bedeutenden Geist, und weil sie so gut gerechtfertigt werden kann, ist sie auch einer der massivsten Racheakte, die sich denken lassen.

(zitiert nach Marcus Hammerschmitt: „Bewunderer, Besserwisser und Feinde“)

Andrerseits möchte ich mich in Bescheidenheit üben und deshalb durch Missachtung dieses Aphorismus den Eindruck vermitteln, kein bedeutender Geist zu sein. Um mal einen alten Schnipselfriedhofsschnipsel zu zitieren:

Wie sagte doch der Kellner, als er mir gestern in der Kneipe eine neue Kerze brachte? “Hier hast du noch ein kleines Licht.” Hab ich mir “das kleine Licht” angeguckt und gedacht: Na super. Gleich und gleich gesellt sich gern …

Jedenfalls: Jemand hat was Doofes über mich und LSD geschrieben und ich werde mich jetzt ein bisschen darüber aufregen.

Ein Tip-Autor (oder eine Autorin) mit dem Kürzel SN hat uns im Bassy Cowboyclub besucht und fragt sich im aktuellen Tip:

Warum bietet der Abend eine derartig lahme Vorführung von Sozialmanierismus und fahrig gewählten Worten?

Wobei er das Wort „Sozialmanierismus“ wohl bei Kapielski abgeschrieben hat und damit möglicherweise das meint, was er später Uli als Neukölln-Klischee vorwirft. Nur ein Beispiel für fahrige Wortwahl in seinem einspaltigen Artikelchen. An anderer Stelle schwadroniert er vom Publikum, „das wie ein Chor für jeden Vorleser in gemeinsamer Einstimmung schmunzelt und schnaubt“. Ich war mal im Chor. Wir haben nicht zur Einstimmung geschmunzelt und geschnaubt. Peinlich, jemandem fahrig gewählte Worte vorzuwerfen und dann so etwas zusammenzuschreiben.

Völlig überladen die Geschichte Volker Strübings, „Wie mein Herz gebrochen wurde“. Eine Hänsel-und-Gretel-Variation, in der sich der Ich-Erzähler in die fette alte Hexe verliebt und von „Gespensterinseln im Meer der Finsternis“ und „dem Kichern wie das Meckern einer Ziege“ schwadroniert. Das konnte keine Ironie sein, das war einfach nur schlecht. Synchron wurde dazu geschmunzelt und geschnaubt.

Der Vorwurf des Überladenen ist neu. Normalerweise wird uns eher vorgeworfen, dass wir zu simpel schrieben. Bei der erwähnten Geschichte habe ich mich (im übrigen nur in der Einleitung und ganz am Schluss) bemüht, so überladen und kitschig und manieriert (wenn auch nicht „sozialmanieriert“) wie möglich zu schreiben – und dass dies Absicht war, müsste jedem, der noch alle Tassen im Schrank hat, eigentlich aufgefallen sein. Nein, das war keine Ironie, das war Zitat und Parodie.
Schlecht mag die Geschichte trotzdem sein, das will ich nicht beurteilen, aber ich hasse es, aus den falschen Gründen schlecht gefunden zu werden!

Dann am Schluss des Tip-Beitrages eine Liste der Ärgernisse:

Ärgernis 1: „Die Scham, ein Garten der Gürtelrose“ (Volker Strübing)

Ärgernis 2: „Eine Nase wie die Maske eines Pestarztes aus dem Mittelalter“ (Volker Stübing)

„Die Scham, ein Garten der Gürtelrose“ ist grob falsch zitiert und auf das böswilligste aus dem Zusammenhang gerissen. Im Laufe der Geschichte denkt sich der Ich-Erzähler, vom Liebeswahn völlig benebelt, mehrere Haikus aus – unter anderem folgendes:

Dein Schoß so fruchtbar
Garten der Gürtelrosen
Atme Lust statt Luft

Auch diese Haikus zitieren eine literarische Form, ohne sie allzu ernst zu nehmen. Ihr Zweck in der Geschichte ist es, den Geisteszustand des Protagonisten zu illustrieren. (und möglichst zu synchronem Schnauben zu führen).

Statt „Eine Nase wie die Maske eines Pestarztes aus dem Mittelalter“ schrieb ich „Ihre Nase erinnerte an die Maske eine Pestarztes aus dem Mittelalter“, was sowohl vom Ausdruck, als auch vom Inhalt her einen gewissen Unterschied macht. Wer anderen fahrige Wortwahl vorwirft, sollte nicht fahrig zitieren, um seinen Vorwurf zu belegen! (Das „Kichern“-Zitat ist auch falsch.)

Ich weiß nicht, ob SN schlicht und einfach nicht begriffen hat, was wir tun und was unser Anspruch ist, und deshalb aus Hilflosigkeit auf uns rumhackt, oder ob er uns wegen irgendetwas ernsthaft böse ist.
Das Lesebühnenbeschimpfen hat in Berliner Zeitungen und Zeitschriften (und zwar nur in diesen) eine gewisse Tradition … eigentlich ist es wirklich doof, sich jedesmal wieder zu ärgern.

Man muss uns ja nicht mögen, aber manchmal denke ich, es wäre an der Zeit, dass wenigstens ein Berliner Presseerzeugnis uns mal dafür lobt, dass wir das Berliner Kulturprogramm um eine kleine Facette bereichern – eine Facette, die es so nirgends sonst in Deutschland gibt. Und das ohne Fördergelder, Sponsoring oder Pressehype.

Danke an Ivo, der mich auf den Tip-Artikel aufmerksam gemacht hat und ihn hier seinerseits kommentiert.

(Volker „eingeschnappte Leberwurst“ Strübing)

PS: Die Geschichte „Wie mein Herz gebrochen wurde“ kann man dann in „Ein Ziegelstein für Dörte“ nachlesen, um sich selbst ein Bild zu machen ;)

 

 

 

 

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6 Kommentare zu “Ärgernis: Fahriger Journalismus

  1. Liebes Schmollkind Volker,
    ich kenne einige Leute, die es mir verdenken, dass ich mich über Lesebühnentexte amüsiere. Anfangs habe ich geglaubt, dass ich sie nur mitnehmen muss, um sie von ihrem Fehlurteil zu überzeugen. Aber dann hat mir deren scheler Blick bei jedem nicht so gelungenen Satz regelmäßig den Spaß verdorben. Zwei von diesen Leuten waren selbst Möchte-gern-Schriftsteller, die einfach nur neidisch waren, weil sie mit ihren Sachen nicht so einfach eine Öffentlichkeit finden. (Und dass ich mich über eure Texte amüsiere statt ihre zu bewundern.) Tatsächlich lassen sich ja nur ganz bestimmte Textsorten auf Lesebühnen vortragen und ich habe auch nicht immer darauf Lust; aber an solchen Abenden geh ich eben einfach nicht hin. Ungefähr aus diesem Holz scheint auch dieser Tip-Kritiker zu sein.
    Mich wundert, dass dich ausgerechnet dieser neidische Nörgler so ärgert. So ein Artikel wird doch kaum jemanden davon abhalten, zu euch zu kommen und sich selbst ein Bild zu machen. Und wer euch kennt, wird eher am Autor zweifeln als an euch. Lass dir bloß nicht das Wochenende verderben!

  2. Liebe Ina,
    hast ja recht … leider kann man sich ja nicht aussuchen, worüber man sich ärgert :( Und mir den Ärger von der Seele zu schreiben hat gutgetan. Das funktioniert natürlich nur bei kleinen Ärgerchen und außerdem hätte es wahrscheinlich auch gereicht, das in mein geheimes Tagebuch zu schreiben. Wäre auch viel souveräner gewesen (siehe Lichtenberg).
    Schön, dass Du Dir von den schel guckenden Leute die Lesebühnen nicht vermiesen lässt :)

  3. Also ganz ehrlich, einsolcher Artikel (zumindest von der Tip) würde mcih eher dazu auffordern mal hinzugehen, wei les interessant werden könnte. Ein positiver Tip Bericht lässt mich eher misstrauisch werden.

  4. erinner dich … du hast so viele fans … du machst so wunderbares … ärger dich nicht weiter über einen humorlosen menschen! hast du nicht nötig!

  5. Eigentlich ist wirklich jedes weitere Wort des Ärgerns bei einem solchen Artikel zu viel. Kann aber verstehen, daß du es raus lassen mußtes und ergänze das Ganze damit, daß ich es eine Frechheit finde, daß der Tip-Autor die Intelligenz eures Publikums so in Frage stellt. Soll der doch mal versuchen, auf Kommando gemeinsam zu schmunzeln und zu schnauben. Diese Synchronisation war gar nicht so einfach einzustudieren und bedurfte eines wochenlangen Trainings durch allabendliche Besuche von diversen Lesebühnen. Der hat doch keine Ahnung, wie schwierig es ist, jeden Morgen danach die Lachfalten wieder aus dem Gesicht zu bügeln, damit man ins Straßenbild von Berlin paßt…

  6. Xochíl hat Recht. Man begeistert Hunderte Menschen und nimmt dies als selbstverstänldich und dann regt man sich über den einen auf, der einem nicht zugetan ist.

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