Präsenile Bettflucht?

Verückt. Es ist 6.30 Uhr MEZ und ich sitze am Computer und tippe was ins Weblog.

Das kann eigentlich nur bedeuten, dass ich im Urlaub bin, in Südostasien vielleicht, und gerade nach einem verspäteten Bananapancake-und-Obstsalat-Frühstück ins Internetcafé gegangen bin, um vor dem Gang zum Strand Emails und schlechte Nachrichten zu checken. Oder aber ich habe die Nacht durchgefeiert, bin im Morgengrauen aus irgendeiner Wohnung oder einem Club rausgeschmissen worden und kann nicht ins Bett, weil sich alles so schnell dreht, wenn ich die Augen schließe …

Das sind die beiden sinnvollen Erklärungen. Es deutet allerdings alles darauf hin, dass ich einfach kurz vor 6 wach geworden bin, eine Weile grübelnd im Bett gelegen und dann beschlossen habe aufzustehen. Verrückt.

Dabei ist es nicht das erste Mal, das mir sowas passiert. Und wenn es passiert, hat dies meist denkwürdige Folgen. Die folgende und – ich schwöre – zu hundert Prozent wahre Geschichte hat sich vor 5 Jahren zugetragen:

Ich wohnte damals noch zusammen mit Spider in einer kleinen dunklen Parterrewohnung in der Kopenhagener Straße. Es muss im Mai oder Juni gewesen sein. Da bin ich sogar schon um 5 wachgeworden. Spider war nach Hause gekommen und hatte im Flur gerumpelt. Ich stand auf, um auf Klo zu gehen und begegnete ihm. „Jungejungejunge“, sagte er. „Bin ich betrunken … juijuijui …“ Murmelnd verschwand er in seinem Zimmer. Zwei Tage vorher hatte er sich von seiner Freundin getrennt – oder sie sich von ihm? Egal, sie sind längst wieder glücklich vereint – und ich beneidete ihn um die gute Ausrede, sich mal hemmungslos zu betrinken. Da waren auch die Kopfschmerzen und Übelkeit am nächsten Tag viel besser zu ertragen, wenn man wusste: Die hatte man nicht ohne Grund, das war eigentlich katergewordener Liebeskummer. Schnaps ist doch bloß dazu da, uns Männer den abstrakten Seelenschmerz erfahrbar und damit verständlich zu machen.

Ich jedenfalls konnte nicht mehr einschlafen, sondern schaltete den Computer ein, um diesen klugen Gedanken über Schnaps und Liebeskummer aufzuschreiben und weiterzuspinnen.

Meinen Rechner zu starten war eine zeitraubende Prozedur. Im Laufe der Zeit hatte sich soviel Müll auf der Festplatte und in den Systeminitialisierungsdateien angesammelt, dass ich mir in Ruhe einen Kaffee kochen konnte. Als Windows endlich gestartet war, suchte ich noch gut eine Minute auf dem zugewucherten Desktop nach dem Symbol zum Starten des Textverarbeitungsprogramms. Schon oft hatte ich mir vorgenommen, meinen Rechner mal zu entrümpeln, um wieder vernünftig mit ihm arbeiten zu können, aber das war illusorisch, hier half nur noch formatieren oder noch besser: Gleich einen neuen Computer kaufen!

Endlich war alles so, wie es sein musste. Neben mir dampfte ein Kaffee und der Computer war bereit, alles zu schlucken, was mein Gehirn absondern würde. Die Idee, wegen der ich ihn hochgefahren hatte, war leider längst vergessen, weshalb ich mir extra für diesen Text eine neue ausdenken musste, die ich angeblich eines Morgens um fünf gehabt hatte. Ich surfte stattdessen ein bisschen im Internet, trank meinen Kaffee auf nüchternen Magen (genau wie jetzt gerade), dann machte ich mich so hübsch, wie es eben möglich ist, wenn man so aussieht wie ich morgens um 5, und verließ die Wohnung, um irgendwo etwas zu frühstücken.

Draußen stand ich etwa eine Minute regungslos vor meinem Fahrrad. In den Fahrradkorb hatte jemand ein schwarzrotes Damenunterhöschen gelegt, ein richtig heißes Teil, so mit Spitzen und pipapo. Nix von wegen Feinripp und mit Eingriff, nee, nee!

„Aha“ oder etwas ähnlich Schlaues hab ich wohl gesagt, obwohl ich völlig ratlos war. Hatten Unbekannte Sex in meinem Fahrradkorb gehabt und beim Anziehen geschusselt? Hatte es Schlüpfer geregnet? Merkwürdigere Sachen sind schon berichtet worden, ich sag nur Bibel, sag ich nur, mehr sag ich gar nicht. Aber der Rest der Straße schien vollkommen unterwäschefrei.

Ich schmiss den Schlüpfer auf den Gehweg und fuhr los. Ich war der erste Kunde in der Bäckerei in der Wiechertstraße, kaufte einen Kaffee, eine leckere Apfeltasche, eine eklige Himbeertasche und eine Zeitung.

Die Nachrichten waren mäßig schlecht und mäßig unterhaltsam; ich blätterte die Zeitung gähnend durch … doch plötzlich begann mein Herz zu rasen, meine Hände fingen an zu zittern, Schweiß trat auf meine Stirn … ich kannte die Symptome: schwerer Fall von Kaufrausch! Vor mir lag die Werbebeilage eines großen Elektronikmarktes. „Sonderverkauf!“, brüllte sie mich an. „Lagerräumung! Einzelposten! Restbestände! 20 nicht gerade gute Laptöppe zu reduzierten aber immer noch stark überhöhten Preisen und ein urst guter Laptop total billig!“ – so stand es da. Wahrscheinlich etwas geschickter formuliert.

 

Jetzt verstand ich: Das Schicksal hatte alles so eingerichtet, hatte Spider von seiner Frreunding getrennt, damit ich wach wurde, hatte den Startvorgang des Computers verzögert, damit ich den Morgen nicht tippend verbrachte (verdammt, wer weiß, was ich jetzt gerade verpasse!), hatte mich zu diesem Bäcker geführt und mir die Zeitung in die Hand gedrückt. Das Schicksal wollte, dass ich diesen Laptop bekomme! Meinen ersten Laptop! Wer war ich, dass ich mich dem Schicksal entgegenstellte?! Nur … wie passte das schwarzrote Unterhöschen in dieses Puzzle? Egal! Ich raffte die Zeitung zusammen und rannte aus der Bäckerei. Nur noch zweieinhalb Stunden bis der Markt öffnete und wahrscheinlich sabberten gerade zehntausende Berliner auf diese Werbebeilage! Ich sprang aufs Fahrrad und raste los …

Zweieinhalb Stunden später.

Zehntausende waren es vielleicht doch nicht gewesen. Ungefähr zwanzig Menschen standen am Ende vor der Eingangstür und beäugten sich voller Hass und Argwohn, versuchten Beschleunigungsfähigkeit und Gewaltbereitschaft der Konkurrenten einzuschätzen.

Was würde passieren, wenn einer der anderen schneller war? Wohin mit dieser Anspannung, mit diesem unbedingten Willen zum Konsum? Wahrscheinlich würde ich mir eine zweite Waschmaschine kaufen, um mich zu beruhigen oder einen Handstaubsauger oder ich müsste heute noch Amok laufen, um die angestauten Energien loszuwerden! Oder Sex haben!

Ein Marktmitarbeiter erschien innen an der Tür, steckte einen Schlüssel ins Schlüsselloch und ein roter Schleier legte sich vor meine Augen …

An die nächsten Augenblicke habe ich keine Erinnerung mehr. Sie setzte erst wieder ein, als ich vor einem Verkäufer stand, der zu mir sagte: „Tja, tut mir leid, ich habe vorhin noch mal alle Einzelstücke überprüft und bei dem war das Display kaputt. Den musste ich leider aus dem Angebot nehmen.“

Eins muss man dem Mann lassen: Er hatte Menschenkenntnis und war schnell. Noch bevor ich ihn packen und einfach mir nichts, dir nichts in der Luft zerreißen konnte, sah er den Ausdruck in meinen Augen, interpretierte ihn richtig und fügte rasch hinzu: „Aber ich guck mal im Lager, ob wir vielleicht doch noch irgendwo einen rumzustehen haben!“

Dann verschwand er für eine Viertelstunde und überließ mich einem Wechselbad aus Hoffnung und Verzweiflung.

Innerhalb von 5 Minuten waren die anderen Laptöpper weg, die Leute kauften ohne Sinn und Verstand jeden Mist zusammen, uralten Elektronikschrott auf dem sie nicht mal Counterstrike würden spielen können, um den Frust über den Fehlkauf ein wenig zu dämpfen.

„Pscht!“ sagte mein Verkäufer und winkte mich in eine uneinsehbare Ecke zwischen Bergen von Computerkartons. „Müssen die anderen Kunden nicht mitkriegen. Ich hab ihnen ’n anderen rausgesucht. Ich mach ihnen den selben Preis. Hier schauen sie mal!“

Es war der schönste Moment meines ganzen Lebens. Der Computer war viel besser als das ursprüngliche Angebot, viel mehr Millionenherzen, ein größerer Bildschirm und überhaupt alles besser und irgendwo innendrin musste ein geheimer Goldschatz versteckt sein, anders war das Gewicht nicht zu erklären. Das Schicksal meinte es wirklich verdammt gut mit mir und wenn ich beim Rausgehen noch einen Präsentkorb als 10millionster Kunde bekommen hätte, hätte mich das gar nicht gewundert.

Als ich zuhause ankam lag der Schlüpfer nicht mehr vor dem Haus. Stattdessen lagen an derselben Stelle, dort, wo ich immer mein Fahrrad anzuschließen pflegte, die Scherben einer zerbrochenen Weinflasche. Nun war es kein Problem mehr, 1 und 1 zusammenzuzählen: Eine unbekannte Verehrerin hatte mir das Höschen in den Korb gelegt, hatte sich mir symbolisch für heißen Sex und wilde Liebe angeboten und dann, als sie ihren Schlüpfer im Straßenstaub, all ihre Hoffnungen enttäuscht fand, hatte sie die Scherben der hastig geleerten Weinflasche, mit denen sie sich gerade die Pulsadern aufgeschnitten hatte, vor unser Haus gelegt. Wahrscheinlich hatte sie auch noch vorwurfsvoll geguckt dabei – na, sowas kann ich ja leiden!

Kaum hatte ich die Wohnungstür aufgeschlossen, riss Spider die Tür seines Zimmers auf.

„Guck mal, was ich tolles gekauft habe!“ brüllten wir beide gleichzeitig, wobei ich auf den Tragekarton meines Computers, Spider aber an seine Stirn tippte.

„Geil, du hast ’ne Stirnlampe!“ quiekte ich begeistert.

„Cool! ’n Laptop“, schrie Spider freudestrahlend.

Das Glück hatte Einzug gehalten in unserer kleinen, düsteren Parterrewohnung.

„So ’ne Stirnlampe ist eigentlich viel besser als ’ne Freundin.“, sagte Spider, als wir später zusammensaßen.

„Na, und ’n Laptop erst!“, bestätigte ich.

„Obwohl. Freundin und Stirnlampe müsste auch gehen. Da kann man in Ruhe noch ein bisschen lesen, auch wenn sie die Nachttischlampe ausmacht.“

„Für mich wird das alles jetzt etwas schwieriger. Für mich kommt nur noch ’ne Freundin in Frage, die auch ’n Laptop hat. Damits keinen Streit und keine Eifersucht gibt. Wir könnten abends zusammen im Bett liegen, jeder mit eigenem Laptop auf dem Schoß. Ich würde vielleicht eine Geschichte schreiben und sie würde in Excel das Haushaltsgeld verwalten und sich einen Einkaufszettel für den nächsten Tag ausdrucken. Und vor dem Einschlafen könnten wir unsere Computer zusammenstöpseln und noch eine Runde Quake III oder Counterstrike gegeneinander spielen.“

Spider griff sich an den Kopf und stöhnte. „Der Kater, hm?!“, meinte ich.

Spider nickte: „Ja, Mann, war letzte Nacht wirklich schlimm, voll den Filmriss hab ich. Muss ziemlich krass gewesen sein. Als ich vorhin wachgeworden bin, habe ich festgestellt, dass …“ – sein Stimme wurde zu einem Flüstern – „… dass ich meinen Schlüpfer verloren habe.“ Ich runzelte die Stirn und Spider fuhr fort. „Und vorhin, als ich ein bisschen Müll und Altglas rausgebracht habe, habe ich ihn vor dem Haus auf dem Gehweg gefunden und vor Schreck die Weinflaschen fallen lassen …“

Alles echt wahr! Bloß das Spider die Sache mit dem Schlüpfer in Wirklichkeit nicht gestanden hat und noch immer behauptet, er hätte nie ein schwarzrotes Damenunterhöschen getragen – und es schon gleich gar nicht betrunken in meinem Fahrradkorb abgelegt. Aber das würde natürlich jeder leugnen.

Mal gucken, was heute so alles passiert!

(Volker Strübing)

 

Advertisements

9 Kommentare zu “Präsenile Bettflucht?

  1. Ach, schöne Geschichte… die bringt mich mit einem Schmunzeln durch den Tag. Ich wünschte, ich hätte auch so eine gute Erklärung, weshalb ich schon wach bin, doch es ist so banal: die Potsdamer Müllmänner… seit 6.45 Uhr, nun ja immerhin sind sie fleißig und arbeiten ja auch irgendwie für mich. Aber seitdem sitze ich surfend und Kaffeetrinkend im Bett… mit LAPTOP! :-) Möge der Tag für uns noch viel bringen…

  2. dass ne geschichte mit so´ner medizinischen überschrift noch so … also: nachgerade prima! …werden kann – ich hätt´s nicht geglaubt :)

    auf dem foto hab ich zunächst mal „schwanz oder weiß“ gelesen, aber macht ja nix.

    hab einen sehr schönen tag, lieber volker! kannst ja morgen vielleicht mal ausschlafen.

  3. Wie ich euch beneide! Ich wache nie zu früh auf. Muss ein tolles Gefühl sein. Ich werde immer geweckt. Ich habe sogar jahrelang keinen Wecker gebraucht, weil kleine Kinder in der Beziehung viel zuverlässiger funktionieren, auch Sonntags und im Urlaub. Einfach klasse. Das hört erst auf, wenn sie lesen können und selbst nicht mehr aus dem Bett kommen. Und wo sie sich endlich zivilisiert benehmen, müssen sie zur zur Strafe um 8.00 in die Schule. Immerhin nicht Sonntags und nicht im Urlaub.

  4. 6.30 uhr wach? Na da hättest Du ja Deine Terminseite mal aktualisieren können, da ist nämlich noch Juli und sonst überall fast September. Beste Grüße vom Lande! Holger

  5. hi, ich bin zum ersten mal bei euch gelandet, präsenile bettflucht ist bei mir sehr häufig und gerade zwischen 4 und 7 uhr bin ich besonders schreibwütig;-) auf jendenfall habe ich gestern echt wieder einmal präventiv etwas für meine gesundheit getan, in dem ich über deinen text gestolpert bin. nicht nur meine bauchmuskeln wurden gstärkt, sondern auch zünftig glückshormone durchs lachen ausgeschüttet. manchmal denke ich zwar wirklich, ihr seid hier alle aus berlin und im selben club;-)
    macht weiter so, danke
    lg hispace

  6. Gestern morgen um 6.30 Uhr hätte ich alles dafür gegeben, wenn ich im Bett hätte bleiben können, anstatt im Zug nach Dresden zu sitzen. Mein Gehirn schlief auf jeden Fall noch und wäre zu so einem schönen lustigen Text noch nicht in der Lage gewesen. Danke, habe wieder schön geschmunzelt.
    Du darfst also gerne öfter so früh wach werden und damit es dir leichter fällt, erteile ich der Telekom schon mal einen telefonischen Weckauftrag. ;o)

  7. Grandiose Geschichte. Ich weiß selber, dass es nichts schöneres gibt als den Moment zu genießen den neunen Computer zu starten, nachdem man sich letztendlich doch nicht fürs Aufräumen des alten entschieden hat. ;)

    Gruß Daniel

  8. Guten Morgen.
    Das Thema finde ich klasse. Der Stil (die Sprache) ist sehr angenehm. Die Geschichte mit dem Slip wirkt allerdings gewollt und ist, ob erfunden oder geschehen (in beiden Fällen sollte man darauf verzichten), langweilig und behindert die ansonsten gut eingefangene Atmosphäre rund um die präsenile Bettflucht.

    Gruß Jens

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.