Kein Blut für Butter!

Es begann als bitterer Witz an einer ALDI-Kasse in Berlin-Weissensee. „Ich kann ja mal meinen Chef fragen, ob er mir einen Buttergroschen auf den Lohn drauf packt“, sagte Frankie Metzler und lachte höhnisch auf, als er die Butter und die Milch vom Band nahm und in den Nylonbeutel fallen ließ. Die Schlange hinter ihm nickte und murmelte beipflichtend. „Aber dann kann er ja seiner Frau zu Weihnachten keinen neuen BMW schenken!“, fügte er hinzu. Und: „Is wie mit die Stromkonzerne! Die machen Milliardengewinne und tanzen uns auf der Nase rum. Die machen, was sie wollen!“ Noch mehr beipflichtendes Gemurmel. „Naja. In Zukunft nur noch Margarine. Ging ja früher och. Damals zu Ostzeit, die gute Kama Cama, das war doch gutes Zeug, was?!“

Schon am nächsten Tag schloss sich die Boulevardpresse dem Aufruf zu einem Butterboykott an. Auch die Forderung nach einem Buttergroschen verbreitete sich rasant. Deutschlands meistgehasster Molkereimogul forderte Hilfe vom Staat in Form von Subventionen, mit denen er den Preis für Milch niedrig halten könnte, ohne selbst Geld zu verlieren. Finanziert werden solle dies über eine Senkung der Sozialausgaben – das sei sowieso nötig, denn die Menschen müssten Eigenverantwortung lernen, anstatt immerzu Hilfe vom Staat zu fordern. Auf ntv rieten Wirtschaftsexperten dazu, Geld in Molkereiprodukte anzulegen. Die Konten der Bürger leerten sich, während sich ihre Tiefkühltruhen und Keller mit Quark und Joghurt füllten. Der Milchpreis stieg und stieg.

Der Buttergroschen wurde Wirklichkeit. Allerdings nicht so, wie es sich die meisten erhofft hatten. Statt der Löhne stiegen die Preise. Den Anfang machten die Berliner Lesebühnen, deren Autoren den Gedanken nicht ertrugen, ihren Kaviar in Zukunft auf Margarineschrippen zu schmieren. Schnell stellte sich heraus, dass die Erhöhung der Preise für Milchprodukte der erste Stein in einer langen verschlungenen und verzweigten Rehe von Dominosteinen gewesen war, die nun einer nach dem anderen stürzten und den nächsten mit sich rissen. Am Ende musste der Preis für Luxusyachten erhöht werden, weil die Frau des Besitzers der Yachtwerft nicht auf ihr tägliches Schönheitsbad in Crème fraîche verzichten wollte. Pech für den Molkereimogul, der sich zu Weihnachten eigentlich mit einer neuen Yacht für die sprudelnden Gewinne belohnen wollte.

Unterdessen hatte sich die Situation auf dem Milchmarkt fundamental gewandelt. Immer mehr Anbieter wollten beim Geschäft mit dem „weißen Gold“, wie Milch bald genannt wurde, mitmischen. Brot und Biodiesel wurden knapp, weil immer mehr Anbaufläche für Milchkuhfutter gebraucht wurde. Massendemonstrationen unter dem Motto „Kein Blut für Butter“ konnten die Milchkriege (eigentlich die „Futtergetreideanbaugebietekriege“) von 2008 nicht verhindern. Südkoreanische Forscher konnten durch Gentransfer elefantengroße Kühe herstellen, die fast nur aus Euter bestanden. Der Klimawandel beschleunigte sich wegen der furzenden Rinder dramatisch.
Schweinefleisch wurde zuerst extrem billig, als alle europäischen Züchter ihre Bestände schlachteten, um Platz für Milchkühe zu schaffen, und dann sehr, sehr teuer … und ein Strom aus Milch ergoss sich über die Erde und riss die Wirtschaft in eine Talfahrt, einen Malström der Inflation. Milchmanager sprangen aus Wolkenkratzern; Millionen einfacher Bürger, die ihr gesamtes Erspartes in Milchprodukten angelegt hatten, verloren alles – und die wenigen verbliebenen Schweinehalter lebten wie die Scheichs.

Endlich wurde die Notbremse gezogen. Milliarden Hektoliter Milch wurden in die Ozeane verklappt, um die Preise hochzuhalten. Ungünstige Winde und Strömungen trieben einen Teil davon auf die Küsten zu und verursachten die großen Milchpesten (-peste? -pests? pesto?) von 2008 und 2009. Und dann entdeckte jemand eine Möglichkeit, aus Milch Biobenzin herzustellen. Bald warb Esso mit dem Slogan: „Die Kuh im Tank“. Der Milchpreis begann zu steigen. In einem Nettomarkt in Dresden machte jemand einen bitteren Witz: „Ich kann ja meinen Chef mal nach einem Buttergroschen fragen.“

(Volker Strübing)

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6 Kommentare zu “Kein Blut für Butter!

  1. Hehe … das Szenario wäre heute leichter aufzuhalten gewesen als du denkst. Aufheben der Quotenregelung, hätte ein Preisverfall zur Folge. Und die Welt wäre nicht dem Untergang geweiht gewesen.

    Die Milch-Kriege Ende 2007 blieben aus, Millionen von unschuldigen Leben wären verschont.
    Und die USA hätten niemals Frankreich in einer Blitzkriegaktion angegriffen, um die letzten Schweinebestände zu erobern und nie die Demokratie nach Europa gebracht (zumindest wenn man der amerikanischen Propaganda glauben darf) … :D

  2. voll unfaires szenario erst keien schokolade mehr dann keine gummibärchen .. was soll mann denn naschen? chips sind nicht süß!!!

  3. Pingback: RammBlog

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