Auf der Suche nach Gilgamesch – Uli Hannemann über den Bachmann-Wettbewerb

(Ich war gestern zu Gast bei der Reformbühne Heim und Welt, wo Uli Hannemann folgenden Text vorlas. Da Uli leider – und völlig unverständlicherweise – weder ein Weblog noch eine Homepage hat, bat ich ihn, diese wunderbare Zusammenfassung als Gastbeitrag auf dem Schnipselfriedhof veröffentlichen zu dürfen.)

Auf der Suche nach Gilgamesch von Uli Hannemann

1. Der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt.

Jedes Jahr präsentiert das Domina-Studio Radisch im Zusammenarbeit mit ORF und 3Sat zu Ehren einer Kollegin, die sich im Bett zu Tode geraucht hat, einen Edelslam für Ernstschreiber in Klagenfurt. Für die meisten Teilnehmer entpuppt sich der Name des Kärntner Kaffs als Omen, nicht zuletzt dank der Juryentscheidungen, gegen deren Nachvollziehbarkeit das Orakel von Delphi geradezu mathematische Logik besitzt.

2. Die Anreise.

Aus Berlin, Hamburg und dem Pfälzer Wald setzt sich ein Strom hoffnungsfroher Autorinnen und Autoren Richtung Klagenfurt in Bewegung. Zur selben Zeit macht sich in Leipzig eine nichtendenwollende Karawane schreibender Zierschneckchen auf den Weg. Ihr Ziel ist, wie passend, die so genannte „Häschenschule“, der Klagenfurter Nachwuchskurs – sie sind die enttäuschten Wettbewerbsteilnehmerinnen von morgen. Weniger weit haben es die jeweils zwei Österreicher und Schweizer, die lesen und schreiben können. Sie sind dadurch bereits automatisch qualifiziert.

3. Die Dekoration.

In diesem Jahr muss ein gigantischer graublau verwaschener IKEA-Flickenteppich herhalten, Falten werfend aufgehängt und penetrant ins Bild gesetzt. Wiederholt weist der Moderator auf „das Bühnenbild“ hin. Wo ist es?

4. Die Journalisten.

Schon zu Beginn der Veranstaltung gibt es Verwirrung. Eine gefühlte Ewigkeit lang sehe ich den kantigen Quadratschädel des offensichtlich orientierungslosen Literaturredakteurs B. vom Berliner Tagesspiegel das komplette Fernsehbild ausfüllen – eine hübsche Einstellung unter dem Motto: „Intellektuelle suchen den Ausgang und finden ihn nicht – Kameramänner schweigen dazu“.

5. Das Publikum.

Man ist versucht, es für einen Teil der Dekoration zu halten, doch beim kollektiv raschelnden Seitenumblättern enttarnt es sich als quasi lebende Masse.

6. Die Jury.

Der weißhaarige Herr Corino ist nur dazu angestellt, die Kommas zu zählen und schwanzwedelnd Sachfehler à la „im Oktober gibt es an der Elbe keine Streifenschwalben“ zu verbellen, für die er von den anderen gestreichelt wird. Die kleine Frau Strigl hatte schon in der Schule die größte Brille und ist seither schwer traumatisiert. Frau Radisch findet alles wahnsinnig schlecht, außer die anderen finden es auch schlecht, dann findet sie es gut. Mit einem halbhysterischen Lachen wirft sie mädchenhaft keck die Haare zurück, als sei sie zwischengeschlechtlich auch nur ansatzweise noch im Rennen. Frau März wirkt nahezu vernünftig und dadurch etwas deplaziert. Zum Ausgleich ist der Schweizer Juror Heiz offenkundig wahnsinnig: „… die Frage ist nicht wichtig: was ist das für ein Text, sondern wo ist der und dann kann ich Ihnen das ganz genau zeigen. Wenn Sie das machen (zeigt gestisch eine Schere), dann haben Sie einen Eindruck und dann sagen Sie: Ahja, ah! Es ist ein Übergang von Eindruck zu Ausdruck. Wie kann ich die sinnlichen Eindrücke beschreiben, wie werde ich ihnen gerecht? Mit so einer unglaublich sinnlichen Qualität. Worauf Sie mich im Gespräch gestern aufmerksam gemacht haben (deutet irgendwo zwischen Juror Ebel und IKEA-Teppich hindurch): Es ist in der Tat so, dass Gott die Welt geschaffen hat. Arbeitshypothese: Das Wort kam später. Wir sind an einer Stelle, wo der Eindruck noch gar keine Ordnung hat, also die Identität nicht. Wo tu ich jetzt das hin? Wie kann ich meiner Eindrücke klar werden. In diesem Sinne eine wiederholte Schöpfung und es passiert noch etwas ganz wunderbares: Dass vom Baum der Erkenntnis nicht gegessen wird. Vom Baum der Erkenntnis wird nicht gegessen! Die Erkenntnis geht zwischendurch auch manchmal leer aus, und wir sind, ich, verloren.“

Kurz: Er hat den Text nicht verstanden. Aufgrund dieser gekonnten Verschleierungsarie mag es sich statt um einen Verrückten jedoch auch um einen grandiosen Scharlatan handeln, der einfach keine Lust hat, langweilige Texte zu lesen.

7. Die Beiträge.

Milena Oda schicken sie mit der Empfehlung nach Hause, sie solle doch, wenn sie sich zu einem Wettbewerb der deutschsprachigen Literatur begebe, bitteschön erstmal richtig deutsch lernen. Das kommt, ausgerechnet von der Österreicherin Strigl, einer Ohrfeige gleich. Auch andere Menschen, die dort lesen, werden mehrheitlich nicht gemocht. Und der antisolidarische Mechanismus, die Angst der alten vor der jungen Frau – er funktioniert nach wie vor prächtig: Frauen bekommen vor allem von Frauen ihr Fett weg; Andrea und Jagoda sähe man hier lieber gesteinigt denn gewürdigt. Gut, die Texte sind nicht dolle, aber heutzutage sollte man ruhig loben, wenn das Mädchen schreibt statt fernzusehen. Die Autoren werden zwar nicht wie früher für ihren Vortrag auf eine Weise gehetzt, die an Lynchjustiz grenzt, doch so ganz kann man es noch längst nicht lassen: Ein junger Mann liest eine Erzählung über Unmenschlichkeit in der Altenpflege. Wutentbrannt zeiht ihn die Jury der moralischen Erpressung. Auch Sex ist verboten, weil der vom Text ablenke. Peter Lichts gewöhnlichen Lesebühnentext finden sie dagegen gut. Erstens haben die rüstigen Kritiker neuerdings Angst, die Avantgarde zu verpassen, zweitens hat ihn Frau Radisch eingeladen, und vor der haben alle mächtig Angst. Letztlich gilt aber das Hütchenspielerprinzip: Wer hier mitmacht, ist auch irgendwo selber schuld

8. Die Abreise.

Für die meisten ist sie bitter. Erst wollten alle hierher und am Ende tut es den meisten leid. Einige wenige gewinnen einen Preis – die anderen hören für immer auf zu schreiben. Auf der langen Rückreise nach Hamburg, Berlin oder in den Pfälzer Wald starren sie durch einen Tränenschleier auf die am Zugfenster vorbeiziehende Sommerlandschaft. In der ersten Nacht zu Hause erwacht die kleine Andrea-Oda-Jagoda schreiend aus einem Alptraum: „Sie san schlecht“, höhnt eine Grabesstimme, „Sie ham hier nix valuan – gängans schäß’n!“ Dann kommt eine rauchende Frau mit riesiger Brille, lacht hämisch und zündet mit ihrer Zigarette das Bett an.

Endlich kommt die Mutter herein und wischt ihrem Mädchen den Angstschweiß von der Stirn: „Schscht – es ist nichts passiert – nächstes Jahr darfst du wieder in die Häschenschule!“ Sie macht sich bittere Vorwürfe – niemals hätte sie ihre Andrea-Oda-Jagoda an diesen schrecklichen Ort fahren lassen dürfen. Niemals.


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13 Kommentare zu “Auf der Suche nach Gilgamesch – Uli Hannemann über den Bachmann-Wettbewerb

  1. Pingback: Reptilienfonds » Blog Archive » Bachmann zum Letzten

  2. Nehme mir dann doch vor, nächstes Jahr ein wenig mehr Klagenfurt zu gucken, damit ich die anschließenden Schmähtexte auch in ihrer Gänze würdigen kann…
    Außerdem bin ich froh, meinem gestrigen Reformbühnenfernbleiben so noch einen positiven Aspekt, nämlich den des unbekannten Textes, abgewinnen zu können.

    Lieber Volker: Dass der Uli kein Blog hat, finde ich persönlich gut. Allerdings auch aus reinem Egoismus, sonst hätte er vielleicht weniger Zeit für emails und da bestehe ich doch drauf.

  3. Schön, dass es das Internet gibt, sonst fehlten mir nun einige Minuten des Labens in der Wahrheit.
    Zu kurz gekommen allerdings sind die Juroren Mangold (der immer auswendig seine Einschätzung an den Mann zu bringen schien) und Nüchtern (der ja nun einmal der Einzige ist, dem man in dieser Jury so ein wenig gesunden Menschenverstand zugestehen kann).
    Bin mal gespannt, wann Stefan Raab das Format entdeckt.

  4. einfach geil. hoffentlich hat einer der künftigen teilnehmer den mumm nächstes jahr diesen text vorzulesen um dann mit anstand rauszufliegen ;) meine stimme hätte sie/er auf jeden fall ….

  5. Volkerinchen schrieb:

    „Da Uli leider – und völlig unverständlicherweise – weder ein Weblog noch eine Homepage hat…“

    Ich wäre sehr dankbar, wenn mir jemand ein weblog und eine homepage basteln würde – ich selber bin leider viel zu dumm dazu.

  6. Sicher, Uli? schonmal probiert? Ich wette das ist bloß dieses reflexhafte „ohgottogottogott, ich hab doch keine Ahnung“, mit dem sich gewisse Männer vor dem Abwasch, gewisse Frauen vor dem Glühbirnenwechsel und gewisse Künstler vor den einfachsten Computersachen drücken …
    Klick mal auf diesen Link:
    http://de.wordpress.com/
    Gib Dir, sagen wir mal, 10 Minuten Mühe. wenn Du es dann nicht hingekriegt hast, helfe ich Dir!

    Andererseits wäre es natürlich viel schöner, wenn Du ab und zu einen Gastbeitrag für den Schnipselfriedhof beisteuern würdest ;)

  7. Hach, und immer dieses Klagenfurt-Gejammere… (-;
    Mal ehrlich:
    Macht doch Spaß, ist lustig anzusehen, gibt Stoff zum drüber lästern, sind auch mal gute Texte dabei.
    Und noch ehrlicher:
    Eine Nominierung würd den ein oder anderen Lästerer (m/w) durchaus freuen und flott ins doch-ganz-gut-find-Lager wechseln lassen.

  8. Sonntag war das ja nicht der einzige Klagenfurt-Text (allerdings der heiterste) – in der Häufung stank das doch irgendwie ein bisschen nach Selbstbeweinung der zukurzgekommenen Off-Literaten? (Mal ganz abgesehen davon, dass sich die angeprangerte Inkompetenz der weiblichen Jury-Mitglieder immer wieder so herrlich zotig an ihren Schwachstellen in Haarfrisur oder Zischengeschlechtlichkeit begründen lässt.)

    „Deutscher Literaturbetrieb“, was gehen mich diese Leute an? Man muss ja auch nicht die Regeln bei den australischen Schafscherer-Meisterschaften verstehen. Niemand zwingt einen zum Schafescheren. Die armen Schafe überhaupt!

  9. @helene

    1. Klagenfurt ist grotesk und kritikwürdig. Wenn jeder Text mit aller Kraft eigene Schwächen und Kleinmütigeiten verbergen wollte, gäbe es kaum noch komische Texte.
    2.. Ich gebe zu: eine Frau, die so abartig böse ist wie Iris Radisch, treffe ich gerne unter der Gürtellinie, obwohl ich mir der Fragwürdiglkeit bewußt bin.
    3. Lustig machen funktioniert nun mal besser von unten nach oben.
    4. Ich bin zufrieden, mit dem was ich habe.
    5. Nächstes Jahr mache ich selber mit oder auch nicht. Wiir sind doch alle korrumpiert.

  10. klasse uli, habe morgens die geschichte schon gelesen und konnte abends bei lsd zu meinen freunden sagen : „kenne ich schon “ :)

    du hast kein blog??? hm, ich könnte dir so eine seite schon einrichten, aber du brauchst irgendwie eine domain, z.b. hähnchen-leider.de oder saarlandfriedhof.de ^^

  11. @uli
    1. stimmt.
    2. nachvollziehbar, aber m.e. noch etwas befriedigender wäre es, so jemandem auf augenhöhe eine reinzuballern.
    3. siehe 2.
    4. das hoffe ich aber auch!!! und sicher nicht am einschlafen dabei.
    5. echt? in die häschenschule? vaschteh ick nich.
    6. die nation wartet auf dein blog.

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