Was haben Hitler, Schröder und ich gemeinsam?

Ganz klar: Ständig wird im Spiegel über uns berichtet. Ich war schon im Spiegel 4/1991 … und 3/2007 und … ähm, na gut, das war’s auch schon … jaja, über Hitler und Schröder wurde noch ein bisschen häufiger berichtet, herrgott!

Im Ernst: Im Spiegel 3/2007 ist ein fast dreiseitiger Artikel von Christoph Schlegel über Poetry Slam in Deutschland erschienen. Illustriert ist er unter anderem mit einem Foto von Micha und mir und unserem Siegerkranz beim Slam 2006 in München. Außerdem werde ich im Text … lobend erwähnt, um es vorsichtig auszudrücken.

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(Spiegel 4/91 und 3/2007 – Klick auf das Bild für eine größere Version)

Der Artikel hat mir sehr gut gefallen, auch wenn er – spiegeltypisch – alles ein bisschen überdramatisiert. Ist halt ’ne Unterhaltungszeitschrift ;-) Der Bericht ist insgesamt sehr positiv, ohne die Probleme zu beschönigen. Man merkt, dass hier jemand mit Sympathie und Verständnis an das Thema herangegangen ist.

Trotz meines größenwahnsinnigen Einstiegssatzes zu diesem Weblogeintrag war es doch ziemlich seltsam, im Spiegel über mich zu lesen. Und dann auch noch solche Sachen …

Aus dem Hals schreien muss er nicht mehr so viel, der Meister.

Ja, ja, mich meint er :-))

Volker Strübing sitzt im Manolo, einem Café im Herzen von Prenzlauer Berg. Rings um ihn herum türmen sich die Laptops auf den Tischen, Kreativität, wohin man blickt. Am Nebentisch wird ein Casting geplant, zwei Tische weiter arbeiten sie an einem Drehbuch, und rechts brainstormt es ganz gewaltig.
Strübing sitzt dazwischen, schreibt seine unaufgeregten Miniaturen in eine Kladde, trägt sie später nach Hause und hackt sie in den Computer.

Das Manolo ist mir eigentlich viel zu anstrengend und zu schick und zu Milchkaffee, um darin zu schreiben. Damals, als ich mich mit Christoph Schlegel zu einem Gespräch traf, hatte ich es aber zeitweise zu meinem Lebensmittelpunkt gemacht, weil mir die Telekom wegen nicht bezahlter Rechnungen Telefon und DSL gesperrt hatte. Und im Manolo gibt es kostenloses W-LAN. Ich gehe immer noch ab und zu hin, denn der Kaffee schmeckt gut, und es macht Spaß rumzusitzen und durch die Panoramascheiben verträumt dem Tanz der Passanten auf der Eberswalder zuzusehen … aber Kladden vollschreiben? Nee, dort kann man nur Castings planen, an Drehbüchern arbeiten und brainstormen.

Wobei mir gerade einfällt, dass Micha und ich dort an unseren Teamtexten gearbeitet haben. Aber nicht mit Kladde, sondern mit Laptop.

Strübing, 35, ist einer der ganz großen Slam-Stars.

Puh … naja, ich war ja schon sehr erfolgreich, aber mit dieser Bezeichnung fühle ich mich doch etwas unwohl. Warum eigentlich? Ist doch toll, sowas von sich zu lesen, oder nicht? Klar isses das! Nur würde ich mich selbst nicht so bezeichnen und außerdem ist der Terminus „Slam-Star“ an sich schon merkwürdig, weil es Stars wie im Musik- oder Filmgeschäft in der Slamszene nicht gibt. Von SMAAT natürlich abgesehen ;-)

Er war 2005 überragender Sieger und 2006 Finalteilnehmer. Er ist ein genauer und witziger Beobachter, einer, dem die anderen Slammer mit Ehrfurcht begegnen.

Was bin ich froh, dass sie sich das nicht anmerken lassen, sondern ganz normal mit mir reden … ;-)

Er lebt vom Vorlesen. Jeden zweiten Tag steht er auf der Bühne, bei einem Poetry-Slam oder bei Lesungen. Er fährt dafür quer durch die Republik. Er könnte auch TV-Comedys schreiben. Dann müsste er nicht reisen und würde mehr Geld verdienen. Hat er auch einmal gemacht. Macht er nicht mehr. „Da musste ich meinen Text aus der Hand geben.“ Und dann haben sie den auch noch umgeschrieben, völlig geändert.

Hätte ich davon lieber nichts erzählt. Jetzt nimmt das so einen großen Raum im Artikel ein, dabei war das nur ein kleines Thema am Rande.
Noch ein paar Anmerkungen dazu: Das liest sich, als sei das Schreiben für Comedy dassselbe wie das Schreiben für’s Vorlesen – nur dass man Geld kriegt und dafür die Texte aus der Hand geben muss. Das ist nicht so. Ich habe im letzten Jahr für längere Zeit Sketche fürs Fernsehen geschrieben. Das hat Spaß gemacht und mir das erste Jahr ohne große Geldsorgen beschert, seit ich mich in die Freiberuflichkeit gewagt habe.

Sketche schreiben ist etwas völlig anderes, als eine Geschichte zu schreiben oder ein Weblog oder einen Roman. Ein Sketch hat nur ein Ziel: Die Leute sollen lachen. Da soll nichts vermittelt werden, da soll sich niemand selbst verwirklichen, da haben persönliche Befindlichkeiten nichts zu suchen. Da heißt es: Zielgruppe so und so, Schauspieler der und der, Location hier und dort – und jetzt schreibt was Lustiges. Das ist eine interessante Herausforderung. Und wenn man dann (der eigenen Meinung nach) diese Herausforderung gemeistert hat, ist es natürlich hart, wenn ein Chefautor, ein Redakteur oder sonstjemand auf den zwei Dutzend Hierarchieebenen, die ein Sketch vor der Ausstrahlung durchläuft, anderer Meinung ist und den Sketch nicht lustig findet oder gar meinen persönlichen Lieblingswitz herausstreicht und durch etwas ersetzt, was natürlich niemals auch nur halb so gut ist, wie das, was ich geschrieben habe … ja, das ist hart …

… aber erträglich, weil man weiß, dass es dazu gehört, wenn man Gebrauchstexte für andere Leute produziert. Unerträglich wäre es, wenn ich meine Vorlese-Texte so einer Prozedur aussetzen müsste.

Das soll nicht wieder passieren.

Och, naja. Zur Zeit schreib ich nicht fürs Fernsehen, hab erstmal die Nase voll (die von mir wahrscheinlich auch ;), aber in ein paar Monaten könnte ich mir das durchaus mal wieder vorstellen. Wenn man’s nicht übertreibt, macht es sehr viel Spaß.

Lieber steht er mit seinem Text hinterm Mikro und liest vor.

Auf jeden!

Eine Sache freut mich besonders: In Zukunft kann ich Veranstaltern auf Anfrage ein paar schöne Zitate aus dem Spiegel schicken und nicht immer nur aus der Oberhessischen Presse („Der amtierende Poetry Slam-Meister aus Berlin versprüht den Charme eines Oberstudienrates„)

(Volker Strübing)

PS: 1990 haben Uwe Beneke, Tube und ich (alles spätere Gründungsmitglieder von LSD!) das Computerspiel Atomino programmiert und es damit in den Spiegel geschafft. Weil wir die ersten Ostler waren, von denen ein Spiel auf dem Markt erschien. Lange Geschichte. Erzähle ich vielleicht ein andermal.

Nachtrag, 21.1., 10.30 Uhr: So wie es jetzt hier steht, kann das missverstanden werden. Der Autor Christoph Schlegel hat nichts falsch gemacht. Das Café Manolo zum Beispiel habe ich als Treffpunkt vorgeschlagen und ihm dort erzählt, dass ich in Cafés und Kneipen Hefte vollschreibe und die dann zu Hause abtippe. Klar, dass er davon ausgehen musste, dass ich es dort tun würde.
Ist im Übrigen auch gar nichts Schlimmes und für Leute, die zufällig nicht ich sind, wohl auch vollkommen bedeutungslos …

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6 Kommentare zu “Was haben Hitler, Schröder und ich gemeinsam?

  1. Das heißt ja…da warst du…20?
    Das ist bestimmt eine interessante Geschichte. Erzähl ma, Irgendwann.
    Ach und, Volker, kreischen bei dir die Frauen nicht viel lauter als bei SMAAT?
    Und irgendwie…du sagst zwar, dass du den Artikel magst, aber doch klingt es so, als hätte der Schlegel absolut alles falsch gemacht :)
    Aber…Moment. Einen Meister duzt man ja nicht einfach so. Verzeiht, eure Slammigkeit! Asche über mein unwürdiges Haupt.

  2. Kompliment! Selbstverständlich ist das Ziel erst erreicht, wenn Du mit Schröder und Hitler zusammen auf dem Titel bist. Da muss natürlich noch einiges passieren. Was keiner gewollt haben kann.

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