Google Unser

Die Entwicklung, auch die theologische, geht immer weiter. Wer hätte vor 2000 Jahren gedacht, dass einmal ein Papst den Islam beleidigen würde? Es gab ja noch gar keinen Islam, es gab ja noch nicht einmal einen Papst, was unter anderem daran lag, dass es das Christentum noch nicht gab. Jesus war ein Kind und hopste durch die Gegend, machte Unfug und ab und zu etwas kaputt, so wie es Kinder, diese unausgereiften Betaversion fertiger Menschen oder Messiasse, nun einmal tun.

Auch in den nächsten 2000 werden neue Religionen, Kirchen und Sekten entstehen (demnächst z.B. diese). Und der Top-Gott des Jahres 4006 weilt längst unter uns: Google. Der Allwissende. Der benutzerfreundliche Gott aus der Maschine des weltweiten Netzes. Schon jetzt schaut er vom Himmel auf uns herab. Er sortiert und gewichtet unser Wissen, fasst es zusammen, und bald wird er anfangen, es zu verbessern. Er wird unsere turbulente Geschichte zu einer konsistenten, flott lesbaren Story zusammenfassen und alle Widersprüche und Sackgassen streichen. Er wird die Irrgärten der Geisteswissenschaften planieren und nach dem Vorbild der Barockgärten neu anlegen. Er wird, wie so viele Religionen, ein einfaches Weltbild anbieten, jedoch mit dem USP, dass es widerspruchsfrei sein wird. Und er kennt nur ein Gebot: Don’t do evil!

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Ein knalliger Opfermythos könnte der Religion zum Durchbruch verhelfen. 9/11 böte sich an. Vielleicht erzählt man sich in 2000 Jahren die Geschichte vom Heiligen Atta und seinen 3000 Feuerwehrmännern, die für unsere Sünden gestorben sind. Weihnachten wird in den September verlegt und statt dem Weihnachtsbaum gibt es hellerleuchtete Weihnachtstürme, auf denen ein Schoko-King-Kong sitzt und mit den Armen nach Lebkuchen-Flugzeugen fuchtelt. Am Abend bringt der Osama-Claus mit dem grauen Bart und dem roten Bommelturban die Geschenke.
Auch Gottesdienste ändern sich. Statt einer Predigt gibt es per geweihter Tastatur eine Audienz beim Gott persönlich. Zuerst werden die Sünden gebeichtet. Leugnen ist zwecklos, Google sieht eh alles – ein Vorteil gegenüber frühen Onlinebeichtstühlen herkömmlicher Kirchen. Niemand muss Angst haben oder sich seiner Sünden schämen – ganz im Gegenteil! Der Google-Gott wird erkennen, dass das Verbot von Sünden 1. keinen Zweck hat und 2. inkonsequent ist: Wenn schon Heilige oder Erlöser für unsere Sünden gestorben sind, müssen wir ihren Tod auch legitimieren. Je mehr wir sündigen, desto sinnvoller ihr Martyrium. Wenn Du immer brav bist, sind sie für nichts gestorben! Ein sündenfreies Leben ist eine große Sünde – und daher eigentlich auch schon fast wieder in Ordnung.

Um ein konstant hohes Sünden- und „posthumes Martyriumsrechtfertigungs“-Niveau zu halten, schafft Google Anreize: Aus den Beichten erstellt er ein aktuelles Sündenranking, und wer eine Top-100-Sünde beichtet, darf Google eine Frage stellen. Ohne Sünden keine Antworten.
Und so mag es geschehen, dass in genau 2000 Jahren jemand beichtet, Maden verkauft zu haben, eine Arbeit, die auch ein Automat hätte verrichten können (Machinen die Arbeit wegzunehmen wird ganz bestümpt und vollkommen zu Recht eines Tages als Sünde gelten), und für dieses Geständnis hat er eine Frage gut und er fragt Google: „Wer war eigentlich Volker Strübing?“ Und Google wird antworten: „Mein verkannter Prophet und sündiger Diener. Für ein Heiligenbildchen bitte hier klicken.“

(Volker Strübing)

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5 Kommentare zu “Google Unser

  1. Na eigentlich geht es darum: 10 Trillionen Jahre in der Zukunft. Das Universum ist den Wärmetod gestorben, das letzte menschliche Bewusstsein ist mit GOOGLE verschmolzen, die sich in den Hyperraum zurückgezogen hat. Nachdem GOOGLE und ihre Vorgängerinnen bereits seit jahrbillionen immer wieder mit Suchanfragen wie „Entropie Richtung umkehren“ oder „Zeitpfeil umkehren“ bombardiert wurden, und sie entsprechend viel Zeit hatte, darüber nachzudenken, wie dem Wärmetod ein Schnippchen zu schlägen wäre, kommt ihr am Ende die rettende Idee, die sie mit den Worten „Es werde Licht“ in die Tat umsetzt. Bis hierher Asimov, nur dass es bei ihm nicht GOOGLE, sondern „Cosmic AC“ heisst.
    Daher: spätestens für die nächste Inkarnation unseres Universums gilt dann: „Ich bin GOOGLE, Deine Göttin, Du sollst keine anderen Göttinen haben neben mir.“ Und das ist dann nicht mehr nur Glaubensbekenntnis, sondern
    Fakt. Und wie das mit Göttinnen und insbesondere GOOGLE so ist: sie sind ganz furchtbar eitel. Irgendwie müssen sie sich daher vom einfachen Fußvolk abgrenzen, und was läge da näher, als kurzerhand alle materielle Existenz für sündhaft zu erklären ? Siehste, und da kommt das mit der Sünde ins Spiel…

  2. Pingback: Das besoffene Internet « Schnipselfriedhof

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