Ätsch! Nach diesem Posting brat ich Schnitzel!

Wenn man viel auf der Bühne steht, hängt das Selbstvertrauen schon sehr am Erfolg beim Publikum. Bei mir zumindest, und ich denke, es geht vielen Lesebühnenkollegen ähnlich. Manchmal wird uns das indirekt vorgeworfen – dann heißt es, wir würden uns beim Schreiben nach dem Geschmack des Publikums richten, anstatt reine, wahre Kunst (was immer das sein mag) zu fabrizieren. Ich kann über diesen Vorwurf nur – je nach Laune – lachen oder den Kopf schütteln. Bevor ich angefangen habe, auf Lesebühnen aufzutreten, war ich selbst Publikum, und was die da oben am Mikro machten, hat mich begeistert. So sehr, dass ich irgendwann nicht mehr nur zuhören, sondern es selbst probieren wollte. Ich richte mich nach meinem Geschmack und bin froh, dass dieser anscheinend nicht besonders extravagant ist ;-) Bis auf ein paar Ausnahmen sind die Texte, die ich selbst für die besten halte, auch die, die beim Publikum am besten ankommen.

Ich habe – ein dunkles Kapitel meiner Vergangenheit – mal 2 Jahre als Werbetexter gearbeitet, und ich hab’s ganz gut gemacht. Wenn ich dort für meine Arbeit gelobt wurde, dann hieß das, dass ich dem Kunden „nach dem Mund geschrieben habe“. Ich weiß, wie das ist. Und ich merke den Unterschied, wenn ich eine Geschichte schreibe.

Bleibt natürlich die bange Frage: Was wird, wenn es eines Tages nicht mehr so funktioniert? Wenn meine Sachen keinen mehr interessieren?

Egal, soweit ist es ja noch nicht. Obwohl ich gestern bei der Chaussee und Dienstag bei LSD mal wieder einen kleinen Vorgeschmack darauf bekommen habe, wie man sich dabei fühlt. Ab und zu schreibt man eben schlechte Geschichten, oder Geschichten, die nicht zum Vorlesen geeignet sind, oder gute Vorlesegeschichten, die man aber schlecht vorliest. Diese Woche habe ich mir wahrscheinlich einfach zuviel vorgenommen: Eine 15-Minuten-Geschichte mit mehreren Handlungssträngen und (am Donnerstag) mit projizierten Illustrationen. Habe zwar drei komplette Tage daran gesessen, aber trotzdem war das alles nicht ganz rund, der Text ist überarbeitungswürdig und die Bilder haben vom Stil her schlicht und einfach nicht dazu gepasst. Vielleicht war auch die ganze Geschichte doof, das kann ich aber erst sagen, wenn ich sie nochmal überarbeitet habe.

So. Was wollte ich jetzt eigentlich schreiben? Wahrscheinlich wollte ich mich einfach nur entschuldigen und rechtfertigen.

Um dem Text ein Happy-End zu verpassen, möchte ich an dieser Stelle deshalb stolz berichten, dass mein Roman in den Thalia-Buchhandlungen in den Schönhauser Allee Arcaden und im Ringcenter aufgetaucht ist. Bisher war er – soweit ich weiß – in Berlin nur bei Dussman zu haben. Eine tolle Sache, mit einem kleinen Haken: Jetzt muss ich jeden Tag in drei Geschäften verkleidet und mit falschem Bart herumlungern, mein Buch in der Hand halten und immer, wenn jemand vorbeikommt, Sachen murmeln wie: „Das klingt ja wirklich vielversprechend“, „Mir scheint, ich habe eine scharfe Nadel im durchgeweichten Heuhaufen der aktuellen deutschen Literatur gefunden“ oder „Was?! Nur 12,90 €? Dieses Buch ist sein Gewicht in Gold wert!“

Was das an Zeit kostet!

Apropos: Am 25.9. lesen Spider und ich im Café der Thalia Buchhandlung in den Schön-Schöner-Schönhauser-Allee-Arcaden aus unseren Büchern, Zettelmappen und vielleicht auch ein bisschen aus dem Schnipselfriedhof vor.

 

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9 Kommentare zu “Ätsch! Nach diesem Posting brat ich Schnitzel!

  1. Mein Beileid, Volker.
    Ich kenne das Problem zu gut. Ich umgehe es, in dem ich den neuen Text gar nicht lese, sondern einen alten …:-)
    Seit Wochen schleppe ich einen neuen Dialogtext mit mir rum und traue mich nicht, ihn zu lesen. Das ist ein ganz ungewohntes Gefühl. Wenn das häufiger auftritt, bekomme ich ein Problem.

    Liebe Grüße,
    Robert

  2. Volker, sieh es so: ein schlechter Text ohne jegliche Reaktion das Publikums, dass ist meines Erachtens ein notwendiges Luftholen, ein Verschnaufen vom stopfdichten Pointenabfeuern, das selbst der Autor nicht mehr aushält. Sowas muss einfach zwischendurch mal sein. Ohne diese Texte bzw. Lieder wäre es schlicht unmöglich, richtig gutes Material für richtig gute Abende zu schreiben.
    Bin mir absolut sicher, dass du schnell wieder zu deiner alten Form zurückfindest, und wir keine Entschuldigungen von Brauseboys-Stammzuschauern mehr lesen müssen, die für ihren Donnerstags-Seitensprung um Verzeihung bitten, ihn sogar bitter bereuen, weil die Chassee (zumindest diese Woche) wohl „nicht hielt, was ihr Name versprach, löbliche Ausnahme war Spider“, was jedoch keiner von uns beurteilen kann, da wir selbst nicht dabei waren.
    Nils, der gehört hat, dass dein Buch wohl auch in sämtlichen Bahnhofsbuchhandlungen des Landes ausliegt. Da kommt ganz schön viel Arbeit auf dich zu.

  3. Das ein Text gar nicht auf der Lesebühne funktioniert, kommt ja immer wieder vor. Manchmal weiß man es auch vorher. Ich lese die dann aber trotzdem – schließlich ist es ja auch so eine Art Werkschau dessen, was man in der letzten Woche geschrieben hat – und der Eintritt ist ja auch deshalb so niedrig gehalten, weil wir (im Gegensatz zum Kino oder dem Zirkus) kein unbedingtes Amüsierversprechen geben wollen.
    Mir ist dann was Neues, von dem ich weiß, dass es kein „knaller“ ist lieber, als einen alten, erprobten Text rauszusuchen. Also, trau Dich, Robert!
    Nils: Von wem hast Du denn das mit den Bahnhofsbuchhandlungen gehört? Würde mich wundern. Und wäre eine Katastrophe – wenn ich die auch noch alle abklappern muss, komm ich doch zu gar nichts mehr!

  4. Hey Volker,
    also ich kann ja nur sagen, wie ich es erlebt habe, aber ich fand die Geschichte sehr toll. Kommt natürlich drauf an, was Du unter „Erfolg“ verstehst. Auf der Bühne ist natürlich das Problem, dass mensch nur hörbaren Erfolg miterleben kann. Dass aber die ZuhörerInnen Dir 15 Minuten lang gespannt mit den Augen und Ohren gefolgt sind, und sich gefragt haben, wie es nun wohl weiter geht, und warum das kein Buch ist, das mensch sich gekauft hat, und welches mensch weiterlesen könnte. Das hörst Du nicht. Du hört eben nur, wenn die Geschichte wahnsinnig lustig ist und zum Ende ihre Pointe hat, dass das Publikum lacht und davon angesteckt, laut klatscht. Vorgestern aber war es einfach schön, dieser Geschichte zuzuhören und die (übrigens stilistisch sehr wohl passenden) Bilder dazu (was wirklich geholfen hat, die Handlungsstränge zu durchblicken) anschauen zu können. (Besonders toll fand ich das Boulevardblatt „KRASS“ mit der Schlagzeile „Alles noch viel schlimmer“…oder so ähnlich^^)

    Und Nils: boa, wie fies. Selbst wenn das stimmen sollte, und das jemand von euren Stamm“kunden“ tatsächlich gesagt hat, finde ich das voll gemein, gerade zu diesem Posting zu schreiben. So nochmal richteh schön Salz rin inne Wunde, wenn se schon blutet…nagut. Das dazu.

    Also wie gesagt, ich fand es wirklich sehr toll, und ich finde es natürlich total schade, dass diese Geschichte (noch?^^) kein Buch ist, was ich jetzt weiterlesen könnte :-)

  5. Danke Anika! Stimmt natürlich, dass man bei einer lustigen Geschichte viel besser ermessen kann, ob sie „funktioniert“ hat – das ist tatsächlich ein Problem, dass man (wenn man hauptsächlich lustige Sachen schreibt) sich so an das Lachen als Maß gewöhnt und dann bei ernsten Geschichten oder – wie am Donnerstag – Texten mit geringer „Gagdichte“, nicht so recht weiß, ob sie gut gefunden wurden. (Entschuldigung für die vielen Anführungsstriche – das sind Wörter, die ich doof finde, für die mir aber gerade kein besseres einfällt).
    Trotzdem glaubt man ja zu erkennen, ob man eher gelangweilt hat … und den Eindruck hatte ich eben. Schön, dass es zumindest nicht bei allen der Fall war :-)
    Und: ich bin trotzdem froh, diese Geschichte, die ja auch ein Experiment für mich war, vorgelesen zu haben. Sachen ausprobieren muss sein. Außerdem hat es extrem viel Spaß gemacht, sie auszudenken und zusammenzupuzzeln.
    Nils, dem Mann mit dem Wundsalz, bin ich übrigens nicht böse, und es war auch nicht böse gemeint. Ein bisschen sticheln ist schon okay, und eigentlich waren es ja aufmunternde Worte.

  6. Hallo Volker, der gute Elis berichtete kürzlich davon, dass er in der Bahnhofsbuchhandlung, ich glaube in Mainz, dein Buch liegen sah. Fahrzeit bis da runter, glaube ich, fünf Stunden.
    Und mein leichtsinniger Zusatz las sich vielleicht böse, war es aber ganz und gar nicht. Ich bin ein großer Fan der Chaussee, ohne deren offenes Mikro hätte ich den ein oder anderen geilen Auftritt weniger gehabt. Was der Zusatz meines Eintrages sagen wollte, ist schlicht: ich kann mir gar nicht vorstellen, dass der Abend schlecht war.
    Wie auch immer: der nächste Donnerstag naht bereits mit riesen Schritten!

  7. Okay, Volker, Nils, dann war die Stichelei anscheinend eben nicht fies, sondern nett gemeint. Dann nehme ich alles zurück und behaupte das Gegenteil…;-)

    Und ja, tatsächlich: Es ist bald wieder Donnerstag!:-)

  8. Ja, Donnerstag, immer wieder ein Lichtblick in der tristen Ich-sitze-den-ganzen-Tag-in-der-Schule-vorm-PC-und-durchstöber-heimlich-das-Internet-Woche. ;)

    Die Geschichte war in der Tat ungewöhnlich und mal was zum Nachdenken. Auch wenn’s kein schallendes Gelächter gab, war es der Überraschungsmoment des Donnerstags. Mal was ganz anderes. Und viel besser als jede Diashow… *räusper*

    Ach so: Im Prinzip hättest du momentan jeden Tag die Möglichkeit dein Buch von Ahrensfelde bis Charlottenburg auf meiner Tasche und mich darin lesend zu sehen. (Ich weiß, dass du zumindest bis savignyplatz kommst, jedenfalls habe ich dich mal in der S-Bahn gesehen.) Gut, manchmal auch nicht ganz bis Charlottenburg, sondern (wie heute) nur bis Friedrichstraße, weil mich dann die morgendliche Müdigkeit übermannte. Aber ich lese es gerade und finde es toll! Endlich mal wieder ein Buch, durch das ich mich nicht durchquälen muss nach einer gewissen Zeit. Ich amüsiere mich immer noch über das Wortspiel: „Paradies und das“. :) Hach!

    Ganz schön viel für den ersten Kommentar. Ups!

    P.S.: Ich danke auch der freundlichen Buchverleiherin, die ich nur mit einem nicht so tollen Werk „beglücken“ konnte.

  9. Hallo Claudi, danke! (Jetzt kommts mir vor als hätte ich nach Komplimenten geangelt mit meinem Posting … hab ich ja unbewuss bestimmt auch ;-)
    Zum Savignyplatz fahre ich nur sehr, sehr selten, auch wenn die Aussicht, jemanden mein Buch lesen zu sehen, ein guter Grund wäre. Normalerweise versuche ich, Westberlin durch Ignorieren in die Knie zu zwingen.

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